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Pendler

Unter P.n werden erwerbstätige Personen verstanden, deren Arbeitsort ausserhalb ihrer Wohngemeinde liegt. Diese Definition birgt das statist. Problem, dass das Pendleraufkommen u.a. von der Flächengrösse der Gem. abhängt. Denn je flächenmässig kleiner eine Gem. ist, desto eher können auch kurze Arbeitswege zum Verlassen der Wohngemeinde führen. Eine erste gesamtschweiz. Zählung der P. fand anlässlich der Volkszählung von 1910 statt. Damals wurden bereits über 150'000 Personen in der Schweiz erfasst, die ihre Wohngemeinde zum Arbeiten täglich verliessen. Das entsprach 9% aller Erwerbstätigen. Zu den Zentren der berufl. Mobilität gehörten grosse Städte wie Genf, Zürich und Basel. Aber auch Standorte grosser Industrieunternehmen - z.B. Schönenwerd mit Bally oder Baden mit Brown Boveri & Cie. - zogen viele P. an. Ein moderner Arbeitsverkehr entwickelte sich ab den 1890er Jahren, als v.a. die schnell wachsenden Städte damit begannen, ihr Umland mit Hilfe von Nahverkehrsnetzen (Trams) zu erschliessen. Die Zahl der Eisenbahnpassagiere stieg in der Schweiz 1880-1910 von 25 Mio. auf 240 Mio., 123 Mio. entfielen auf Trams. Gleichzeitig fand eine räuml. Entmischung der Städte statt, indem sich in den Stadtkernen Dienstleistungsbetriebe ansiedelten, während sich neue Fabrikindustrien, Gewerbe und Wohnraum in die rasch wachsenden Agglomerationen verlagerten (Urbanisierung). Die berufl. Tagwanderungen waren 1910 räumlich noch eng auf urbane oder industrielle Zentren begrenzt. Aufgrund der hohen Bahnfahrpreise bewältigten jedoch nach wie vor viele P. ihren Arbeitsweg zu Fuss. Da in der bäuerl. Wirtschaft Arbeits- und Wohnort in der Regel zusammenfallen, wurden in agrar. und alpinen Gebieten kaum P. registriert.

Pendleraufkommen 1910-2000
Pendleraufkommen 1910-2000 […]

Die jeweils im Rahmen der Volkszählungen erhobenen Pendlerstatistiken zeigen, dass die berufl. Mobilität bis 1950 kontinuierlich, aber langsam anstieg. 1950 waren 17% der Schweizer Erwerbstätigen P. Diese Zunahme gründete u.a. auf der anhaltenden Konzentration von industriellen und tertiären Arbeitsplätzen in städt. Gebieten sowie auf der Verdichtung der Bahn- und Buserschliessung (Öffentlicher Verkehr). Dank real deutlich sinkenden Fahrpreisen bei gleichzeitig steigenden Einkommen konnten sich zudem immer mehr Erwerbstätige öffentl. Transportmittel leisten und somit längere Arbeitswege zurücklegen. Der grosse Umbruch im Berufsverkehr erfolgte erst nach 1960 mit dem Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs (Motorisierung). 1960 verliessen 23% der Schweizer Erwerbstätigen täglich ihre Wohngemeinde, um anderenorts zu arbeiten; 1970 waren es schon 31%, 1980 40%, 1990 52% und 2000 58%. Zum weitaus wichtigsten Transportmittel entwickelte sich das Privatauto, das 1980 bereits 45%, 2000 49% der P. bevorzugten. Der Nutzungsanteil des öffentl. Verkehrs sank bis 2000 im schweiz. Mittel auf 23%. Die restl. P. legten ihren Arbeitsweg mit Zweirädern oder 8% als Fussgänger zurück. Allerdings bestehen in der Verkehrsmittelwahl grosse regionale Unterschiede. Der Anteil der Autopendler in der Westschweiz und v.a. im Tessin fiel stets höher aus, während öffentl. Transportmittel in zentrumsnahen Gebieten nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.

Indikatoren des Pendler- und Arbeitsverkehrs in der Schweiz
Indikatoren des Pendler- und Arbeitsverkehrs in der Schweiz […]

Die Massenmotorisierung nach 1960 führte zu einer Dezentralisierung der Wohnbevölkerung, was sich in einem starken und anhaltenden Einwohnerschwund der Kernstädte ausdrückte, während sich die Agglomerationen immer weiter in die Landschaft ausdehnten (Siedlung). Als Folge davon intensivierten sich in den urbanen Räumen durch das ständig wachsende motorisierte Verkehrsaufkommen die Verkehrsprobleme (u.a. Lärm, Abgase, Stau). Seit Anfang der 1980er Jahre begannen die Städte deshalb, den öffentl. Verkehr gezielt zu fördern, etwa durch Angebotserweiterungen (S-Bahnen), Tarifverbünde, Sonderabos oder Busspuren.

Quellen und Literatur

  • H.-R. Galliker, Tramstadt, 1997
  • B. Fritzsche et al., Hist. Strukturatlas der Schweiz, 2001