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Mesolithikum

Der Begriff Mesolithikum ist seit den 1960er Jahren immer wieder neu definiert worden. Manche Autoren wollten ihn ganz aufgeben und den gesamten Zeitraum zwischen dem Magdalénien (Magdalénienkultur) und dem Neolithikum als Spätpaläolithikum bezeichnen. Andere definierten das Spätpaläolithikum und das Mesolithikum durch ökonomische Merkmale. In beiden Perioden waren die Menschen Jäger und Sammler, doch im Mesolithikum lässt sich bereits eine Entwicklung in Richtung Ackerbau und Viehzucht feststellen. Die hier verwendete Definition stützt sich auf Kriterien der materiellen Kultur, die archäologisch besser belegt sind: Das Mesolithikum charakterisiert sich durch das Auftreten und die Verbreitung von sehr kleinen steinernen Einsätzen in Geräten und Waffen, den sogenannten Mikrolithen.

Für die Schweiz kann der Beginn des Mesolithikums nicht genau datiert werden – zu wenige Funde stehen zur Verfügung. Der Übergang von der Späteiszeit zum Holozän um 9700 v.Chr. kann strenggenommen nicht als Anfang des Mesolithikums gelten, da noch einige typisch spätpaläolithische Funde auf den Beginn des Präboreal, d.h. zwischen 9700 und 9500 v.Chr. datiert werden. Das Mesolithikum, das vom Präboreal über das Boreal bis ins Frühatlantikum reicht, kann global gesehen in zwei Phasen unterteilt werden, in das Früh- und Mittelmesolithikum von 9500 bis 7000 v.Chr. und das Spät- oder Endmesolithikum von 7000 bis 5500 v.Chr.

Forschungsgeschichte und Quellen

Das Mesolithikum gilt als Periode des kulturellen Niedergangs zwischen den berühmten Kulturen des ausgehenden Paläolithikums, insbesondere des Magdalénien, und dem Neolithikum mit der sesshaften Lebensweise und dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht. Deshalb widmete die archäologische  Forschung dem Mesolithikum in Westeuropa und auch in der Schweiz lange wenig Aufmerksamkeit. Obschon 1926-1928 am Col-des-Roches (Gemeinde Le Locle) eine damals dem Azilo-Tardenoisien zugeordnete Schicht freigelegt worden war, wurden die Grundlagen für eine Gesamtschau über das Mesolithikum in der Schweiz erst in den 1950er und 1960er Jahren gelegt. René Wyss publizierte über seine Grabungen in Liesbergmühle (Gemeinde Liesberg), Robenhausen (Gemeinde Wetzikon ZH) und in der Region Wauwil, Hans-Georg Bandi veröffentlichte 1964 eine Arbeit über die Ausgrabungen in Birsmatten (Gemeinde Nenzlingen). In der Westschweiz markieren die Ausgrabungen von Michel Egloff in Ogens und später in Baulmes zwischen 1964 und 1975 die ersten Schritte der Erforschung des Mesolithikums in dieser Region. Es folgten die Arbeiten von Gervaise Pignat und Pierre Crotti in Collombey-Muraz und am Col du Mollendruz (Gemeinde Mont-la-Ville) zwischen 1980 und 1991. Anfang des 21. Jahrhunderts stösst das Mesolithikum in der Schweiz wie in den meisten Ländern Europas auf neues Interesse, und der Grad der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Komplexität dieser nacheiszeitlichen Jäger- und Sammlergesellschaften wird neu eingeschätzt. Die Rolle, die sie beim Übergang zum Neolithikum spielten, wird zunehmend stärker gewichtet.

Chronologie und regionale Unterschiede

Chronologische Gliederung des Mesolithikums in der Schweiz
Chronologische Gliederung des Mesolithikums in der Schweiz […]

Obschon die Forschung zum Mesolithikum deutlich zugenommen hat, sind die Kenntnisse noch sehr lückenhaft, sowohl im Hinblick auf die Chronologie wie auch auf die Charakterisierung der kulturellen und regionalen Fundgruppen, die sich zu einem grossen Teil auf die typologische Analyse von Mikrolithen stützt. Die neuen Forschungsresultate entsprechen jedoch ganz dem Bild der räumlich hoch mobilen Jäger- und Sammlergruppen (Sammelwirtschaft). Es scheint immer deutlicher zu werden, dass die Grenzen zwischen den kulturellen Gruppen durchlässig waren und in Raum und Zeit variierten. Dies zeigen neue Untersuchungen im französischen Jura, unweit von Lons-le-Saunier: Auf derselben Freilandstation kam es innerhalb relativ kurzer Zeit zu zwei Belegungen, deren Fundgruppen sich typologisch voneinander unterscheiden: Die erste gleicht nördlichen Kulturen (Beuronien), die zweite ist südlichen Ursprungs (Sauveterrien). Dieses besonders anschauliche Beispiel ist keine Ausnahme und mahnt sowohl bei der archäologischen Bestimmung von kulturellen Gruppen zu Vorsicht als auch bei der Festlegung der Grenzen für deren Ausbreitung, die meist nur aufgrund einiger Aspekte der materiellen Kultur gezogen werden.

Früh- und Mittelmesolithikum

Die erste Phase des Mesolithikums zeichnet sich durch eine breite Palette von geometrischen Mikrolithen (Segmente, Dreiecke) mit verschiedenen Mikrospitzen aus. Das Schweizer Mittelland bildet, ähnlich wie der Sâone-Rhonekorridor, einen Raum der Begegnung für kulturelle Strömungen unterschiedlichen Ursprungs: Den Achsen des Rheins und der Rhone folgend treffen sich, grob gesprochen, das Beuronien und das Sauveterrien, die sich beide mit lokalen Traditionen aus dem Spätpaläolithikum verbinden. Die Alpensüdseite, über die sehr wenig bekannt ist, scheint Teil der kulturellen Sphäre des norditalienischen Sauveterrien zu sein.

Die Entwicklung der mesolithischen Gruppen im Nordjura und in der Zentral- und Ostschweiz steht im Frühmesolithikum (9500-8000 v.Chr.) in einer nördlichen Tradition, die durch ein Mikrolithspektrum zum Ausdruck kommt, in dem retuschierte Spitzen dominieren. In der Westschweiz entwickelte sich eine mesolithische Fazies, die von Einflüssen aus dem Süden und dem Sauveterrien geprägt zu sein scheint. Wie allerdings die Studie über die Belegungsschichten des Abris am Mollendruz illustriert, treten auch in dieser Region kulturelle Elemente des Beuronien auf.

Schmuckelemente aus dem mittleren Mesolithikum: Perforierte Mittelmeermuscheln (columbella rustica), Länge 13 mm. Herkunft: Collombey-Muraz, Châble-Croix (VS) (Geschichtsmuseum Wallis, Sitten, IC-MA067_p167_1) © Geschichtsmuseum Wallis, Sitten; Fotografie Bernard Dubuis.
Schmuckelemente aus dem mittleren Mesolithikum: Perforierte Mittelmeermuscheln (columbella rustica), Länge 13 mm. Herkunft: Collombey-Muraz, Châble-Croix (VS) (Geschichtsmuseum Wallis, Sitten, IC-MA067_p167_1) © Geschichtsmuseum Wallis, Sitten; Fotografie Bernard Dubuis.

Für das mittlere Mesolithikum (8000-7000 v.Chr.) sind die Zeugnisse zahlreicher und die kulturellen Einheiten besser definiert. Die Nordschweiz ist wie die Franche-Comté und Süddeutschland klar vom Beuronien geprägt. Die mikrolithischen Funde sind durch das Überwiegen ungleichschenkliger Dreiecke sowie von Spitzen mit retuschierter Basis charakterisiert, so etwa am Fundort Les Gripons (Gemeinde Clos du Doubs) oder Ritzigrund (Gemeinde Roggenburg). Die Westschweiz wird wie Savoyen und der Südjura dem Sauveterrienkreis zugerechnet. Ungleichschenklige Dreiecke herrschen klar vor, zusammen mit Spitzen, die zwei retuschierte Kanten, aber keine Basisretusche aufweisen. Die kulturelle Grenze zwischen diesen Gruppen ist durchlässig: So weisen die paar Spitzen mit Basisretusche im Rhonegebiet sowie einige sogenannte Sauveterrespitzen im Nordjura auf gegenseitige Einflüsse hin. Die regionalen Fazies unterscheiden sich auch hinsichtlich der Grösse der Mikrolithen, die in den Fundgruppen der Westschweiz recht klein sind.

Mikrolithen, Pfeilspitzen aus Silex und Bergkristall (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Musées cantonaux du Valais; Office de la culture, Pruntrut; Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Mikrolithen, Pfeilspitzen aus Silex und Bergkristall (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Musées cantonaux du Valais; Office de la culture, Pruntrut; Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Spät- und Endmesolithikum

Harpune aus Hirschgeweih aus dem späten Mesolithikum, Liesbergmühle VI, Liesberg (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Harpune aus Hirschgeweih aus dem späten Mesolithikum, Liesbergmühle VI, Liesberg (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).

Das Spätmesolithikum ist in der Schweiz wie in weiten Teilen Europas durch einen neuen Mikrolithtypus, das Trapez, charakterisiert. Die Schlagtechnik zur Bearbeitung von Feuersteinen ändert sich und Werkzeuge mit Klingen sind nun in der Mehrzahl, vor allem Klingen mit Kerben und unregelmässigen Retuschen, sogenannte Montbaniklingen. Im Nordjura und in der Zentralschweiz bilden die aus Hirschhorn hergestellten Harpunen den originellsten Beitrag zu den Werkzeugen aus Knochen.

Die letzte Phase des Mesolithikums zeichnet sich durch sogenannte weiterentwickelte Mikrolithen, insbesondere asymmetrische Dreieckspitzen (fléchettes) mit konkaver Basis aus. Der kulturelle Kontext dieser Funde ist bislang kaum näher bestimmt, die Chronologie für die Schweiz zudem unsicher. Diese Phase, Endmesolithikum genannt, könnte auf erste Interaktionen mit neolithischen Gesellschaftsgruppen hinweisen.

Siedlungswesen und Bevölkerung

Ein Abri in den Waadtländer Voralpen, Château-d'Œx, les Sciernes-Picats, auf 1180 m (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Pierre Crotti).
Ein Abri in den Waadtländer Voralpen, Château-d'Œx, les Sciernes-Picats, auf 1180 m (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Pierre Crotti). […]

Die Kenntnisse über das Siedlungswesen sind noch sehr beschränkt. Sie betreffen vor allem Siedlungen in sogenannten Abris, geschützten Stellen unter Felsüberhängen, die dank ihrer Stratigrafie zahlreiche Informationen zur Chronologie geben, jedoch hinsichtlich ihrer räumlichen Ausdehnung schwer zu analysieren sind. Bei wiederholt genutzten prähistorischen Stationen ist es nämlich schwierig, homogene, durch nachfolgende Belegungsphasen nicht gestörte Siedlungshorizonte auszumachen. Für das Abri am Mollendruz konnte die räumliche Analyse jedoch mehrere Herdstellen mit häuslicher oder technisch-ökonomischer Funktion aus dem Früh- und Mittelmesolithikum identifizieren, zudem verschiedene Tätigkeitszonen, die der Mikrolithenherstellung, der Feuersteinverarbeitung und der Bearbeitung von Häuten und Knochen vorbehalten waren. Am selben Fundort weisen mehrere, ins Spätmesolithikum datierte Pfostenlöcher, die eine Fläche von 7 m² abdecken, auf ein Zelt oder eine Hütte hin.

Die seltener belegten Freilandstationen wären besser geeignet, Informationen über das Siedlungswesen zu liefern. Naturphänomene wie Erosion oder schlechte Konservierung von manchen Überresten, vor allem von Knochen, schränken jedoch die Möglichkeiten der Analyse und Interpretation stark ein. Mit Ausnahme des Lagerplatzes Schötz 7 im Kanton Luzern – er war auf die Hirschjagd und die Bearbeitung von Geweih und Knochen ausgerichtet, weist jedoch keinen eigentlichen Wohnbereich auf – konnte in der Schweiz bisher keine Freilandfundstelle analysiert werden, die gute taphonomische Bedingungen aufweist und zugleich erst in jüngerer Zeit entdeckt bzw. freigelegt worden wäre.

Die geografische Verteilung der Fundstätten zeigt an, dass seit dem Frühmesolithikum das gesamte Gebiet nördlich der Alpen bevölkert war. Im Mittelland lässt sich eine ausgeprägte Konzentration von Freilandstationen an kleinen Seen oder auf Flussterrassen feststellen, im Jura eine häufige Belegung der Abris, selbst in der Höhe wie etwa am Col du Mollendruz auf 1100 m. Im alpinen Sektor, im Herzen des Alpenmassivs und besonders in den Hochtälern der Rhone und des Rheins, bleiben die Lagerplätze auf die äusseren Ränder beschränkt; man weiss allerdings nicht, ob dieser Umstand eine historische Gegebenheit spiegelt oder auf den Forschungsstand oder die Bedingungen der Sedimentierung in diesen Regionen zurückzuführen ist. Auf der Alpennordseite ist die Begehung höherer Lagen bis auf etwa 1500 m nachgewiesen, wie etwa jüngere Funde in den Westschweizer Voralpen zeigen, unter anderem im Greyerzerland (Charmey, Jaun), im Pays d'Enhaut (Chateau-d'Œx, Rougemont) oder in den bernischen Gemeinden Saanen und Boltigen. Über die Gebiete südlich der Alpen ist wenig bekannt. Man vermutet jedoch eine saisonale Belegung der Hochgebirgszonen bis auf 2000 m, wie etwa die Existenz von Fundorten auf der Südseite des Splügens, von Siedlungsplätzen in den Talsohlen und in Tec Nev (Gemeinde Mesocco) nahelegt. 2003 wurden auf dem Simplonpass (Gemeinde Simplon) mehrere Raststätten unter freiem Himmel entdeckt.

Lebensform und Wirtschaft

Zwei eng miteinander verbundene Aspekte sind wichtig, um die wirtschaftliche Organisation und Funktionsweise der Jäger- und Sammlergesellschaften zu verstehen: die Mobilität und das Territorium. Die Gruppen wanderten im Jahresablauf, ihren wirtschaftlichen Bedürfnissen entsprechend. Die archäologische Fundstelle zeigt somit nur einen Teil des saisonal aufgesuchten Territoriums bzw. einen Ausschnitt der prähistorischen Wirklichkeit. Allerdings können die Plätze diverse Aufgaben erfüllt haben und zu verschiedenen Jahreszeiten belegt worden sein.

Die mesolithischen Jäger und Sammler nutzten zahlreiche Rohstoffe aus verschiedenen Bereichen ihrer natürlichen Umgebung. Sie reduzierten auf diese Weise das Risiko von Mangel und Not und vermieden die Übernutzung einer einzelnen Ressource. Die Lage der Fundstellen spiegelt oftmals die Sorge um den Zugang zu vielfältigen Versorgungsquellen. Das Abri von Collombey-Muraz, das zwischen zwei Naturräumen liegt, illustriert diesen Umstand idealtypisch: Einerseits konnte die Fauna aus dem Wasser in der Rhoneebene (Forelle, Ente, Biber, Schildkröte, Mollusken) genutzt, andererseits im bewaldeten Hinterland grosse Säugetiere (Hirsch, Wildschwein, Reh, Bär) oder kleine Pelztiere (Wildkatze, Fuchs, Dachs, Marder) gejagt werden. Das breite Spektrum tierischer Knochen, die sich in den Siedlungsschichten erhalten haben, bezeugt eindrucksvoll die Vielfalt der tierischen Ressourcen.

Die Strategie der Diversifizierung der Versorgungsquellen bedeutet jedoch keineswegs, dass sich die Jäger und Sammler nur oder vorwiegend von Fleisch ernährt hätten. Ethnologische Untersuchungen belegen vielmehr die zentrale Bedeutung pflanzlicher Produkte für die Wirtschaft der Jäger und Sammler, insbesondere für die Ernährung, aber auch für medizinische und handwerkliche Verwendungen (Holz, Fasern, Harze). Auf den prähistorischen Fundorten sind solche Produkte allerdings fast nie erhalten. Die grosse Menge verkohlter Haselnussschalen in allen Schichten des Boreal ist eines der wenigen fassbaren Zeugnisse für die Nutzung von Pflanzen. Doch angesichts der dauerhaften Klimaverbesserungen zu Beginn des Holozäns dürfte die Pflanzenwelt den Menschen des Mesolithikums üppige und vielfältige Reichtümer geboten haben.

Die Herkunftsbestimmung des siliziumhaltigen Steins (meist Feuerstein, aber auch Quarz und Obsidian), aus dem mit einer speziellen Schlagtechnik Werkzeuge und Waffen hergestellt wurden, ermöglicht Einblicke in die Wirtschaftsräume der mesolithischen Gruppen. Der meiste Feuerstein wurde vermutlich bei anderen Aktivitäten zum Lebensunterhalt und auf den dazu notwendigen Wanderungen gesammelt. Aufgrund dieser Faktoren kann man schätzen, dass die Territorien etwa 2000 bis 4000 km2 umfassten. Die wahrscheinlich eher kleinen Gruppen, die sich innerhalb eines klar abgesteckten Territoriums bewegten, lebten allerdings nicht isoliert. Sie unterhielten mit ihren Nachbarn verschiedene Beziehungen, die sich durch vielfältige Formen des Austauschs ausgedrückt haben dürften, allerdings kaum Spuren hinterlassen haben. Eines der wenigen Beispiele ist der Umlauf von Schmuck, der vom Jungpaläolithikum an belegt ist. Im Mesolithikum zeugt die Ausbreitung von Columbellaanhängern (Columbella rustica) von der Mittelmeerküste der Rhoneachse entlang von Formen des Tausches über weite Distanzen hinweg. Der Fund von drei perforierten fossilen Bayanamuscheln in Ritzigrund (Gemeinde Roggenburg), die aus dem Pariser Becken stammen, weist auf ein weiteres Verbreitungsnetz hin.

Bestattungssitten

Die Bestattung von Birsmatten (Gemeinde Nenzlingen) ist die einzige in der Schweiz bekannte mesolithische Bestattung. Gemäss einer erneuten Prüfung der Ausgrabungsbefunde ist sie vielleicht dem stratigrafischen Ensemble H3 zuzuordnen, das auf 7500 bis 7000 v.Chr. datiert wird. Die anthropologische Analyse identifiziert den Toten als etwa 40-jährige Frau mittlerer Grösse (160 cm). Die Analyse der beim Abri von Collombey-Muraz freigelegten Brandbestattung ergab, dass die Verbrennung nicht vor Ort stattgefunden hatte und die verkohlten Knochen sorgfältig eingesammelt und in einer Grube beigesetzt worden waren, angelegt in einer auf die erste Hälfte des 8. Jahrtausends v.Chr. datierten Schicht. Es handelte sich um einen Erwachsenen, dessen Geschlecht und Alter nicht bestimmt werden konnten.

Allgemein gesprochen weisen die Bestattungssitten des Mesolithikums, auch wenn sie nach wie vor nur spärlich bezeugt sind, eine grosse Vielfalt auf. Andere Beispiele aus dem westeuropäischen Raum deuten darauf hin, dass über die Brandbestattung hinaus neue Formen des Umgangs mit den Toten entstanden: Einerseits treten kollektive Bestattungen auf, andererseits sogenannte sekundäre Bestattungen, bei denen die Knochen beigesetzt wurden, nachdem der Leichnam eine bestimmte Zeit an einem anderen Ort gelegen hatte. Der Leichnam oder die Gebeine wurden also in einem komplexen Bestattungsritual behandelt oder verlegt.

Das Ende des Mesolithikums

Nur wenige chronologische Angaben sind verfügbar, um den Übergang vom Endmesolithikum zum Frühneolithikum in der Schweiz zu datieren. Sie stützen allerdings die gebräuchliche und gewiss provisorische Datierung um die Mitte des 6. Jahrtausends. Die archäologischen Befunde der seit Ende des 20. Jahrhunderts unternommenen Forschungen stellen die Annahme in Frage, die mesolithischen Jäger- und Sammlergesellschaften seien angesichts des unaufhaltsamen Vordringens neuer Populationen von Bauern und Hirten, die nach und nach den europäischen Kontinent besiedelt hätten, plötzlich verschwunden. Es scheint, dass die einheimischen Gesellschaftsgruppen aktiv an den allmählichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen beteiligt waren und dass manche Eigenheiten ihrer kulturellen Identität den Wandel überdauerten.

Quellen und Literatur

  • Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter 1, 1993, 203-254
  • G. Pignat, A. Winiger, Les occupations mésolithiques de l'abri du Mollendruz, 1998
  • P. Della Casa, Mesolcina praehistorica, 2000
  • Die ersten Menschen im Alpenraum von 50'000 bis 5000 v.Chr., Ausstellungskatalog Sitten, 2002
  • L. Braillard et al., "Préalpes et chasseurs-cueilleurs en terres fribourgeoises", in Freiburger Hefte für Archäologie 5, 2003, 42-71
  • R. Huber, "Oberschan-Moos, eine frühmesolithische Fundstelle in der Gemeinde Wartau", in Wartau 2, hg. von M. Primas et al., 2004, 159-195
  • J. Bullinger et al., "Les chasseurs-cueilleurs du Paléolithique et du Mésolithique", in Des Alpes au Léman, hg. von A. Gallay, 2006, 49-97
  • E.H. Nielsen, Paläolithikum und Mesolithikum in der Zentralschweiz. Mensch und Umwelt zwischen 17'000 und 5500 v.Chr., 2009
Kurzinformationen
Kontext Mittlere Steinzeit