de fr it

Kelten

Das keltische Europa
Das keltische Europa […]

Der grösste Teil des Territoriums der heutigen Schweiz war während der Eisenzeit von Kelten besiedelt. Am Ende dieser Epoche sind die Namen der Bewohner dieses Gebiets bekannt; Helvetier, Allobroger, Rauriker, Lepontier, Uberer, Seduner, Veragrer und Nantuaten gehörten alle zu den in den gemässigten Breiten Europas lebenden keltischen Völkern und waren durch Sprache, Geschichte und Kultur miteinander verwandt. Eine Ausnahme stellten diesbezüglich die Räter dar, die in bestimmten Tälern Graubündens siedelten.

Geschichte und Sprache

Die Kelten, die in der Form Keltoì schon im 5. Jahrhundert v.Chr. von griechischen Autoren wie Hekataios von Milet erwähnt werden, sind das erste namentlich bekannte Volk im prähistorischen Europa nördlich der Alpen. Herodot überliefert, dass der Istros (die Donau) im Land der Kelten bei der Stadt Pyrene entspringe und mitten durch Europa fliesse. Griechische Quellen des 3. Jahrhunderts v.Chr. bezeugen keltische Verbände der Galater, die 279 v.Chr. das Apolloheiligtum von Delphi bedrohten und sich danach in Kleinasien niederliessen. Im Lateinischen bezeichnet der Begriff Galli die Bewohner eines genau begrenzten Gebiets, nämlich die der Gallia Cisalpina und der Gallia Transalpina, während der ebenfalls belegte Volksname Celtae breiter gefasst ist. Im 2. und 1. Jahrhundert v.Chr. nehmen griechische Autoren wie die Geschichtsschreiber Polybius, Poseidonios von Apameia oder Diodorus von Sizilien mehrfach auf Kelten und vor allem auf keltische Söldner Bezug. Aber erst die lateinischen Autoren vom ersten vor- bis zum ersten nachchristlichen Jahrhundert – in erster Linie Caesar mit seinem Kommentar zum Gallischen Krieg (58-51 v. Chr.), aber auch Titus Livius, Tacitus oder Claudius Ptolemäus – vermitteln grundlegende Informationen über die Kelten bzw. die Gallier, die allerdings wegen vieler Entstellungen und Auslassungen einer sorgfältigen Quellenkritik zu unterziehen sind. Auch die mittelalterliche und die moderne Literatur der Inselkelten, vor allem Texte in Altirisch, die vom 7. Jahrhundert an verfasst wurden und in Handschriften aus dem späten 11. oder dem frühen 12. Jahrhundert erhalten sind, steuern trotz der grossen zeitlichen Distanz nützliche Nachrichten über die keltische Gesellschaft im Allgemeinen bei.

Die keltischen Sprachen sind Teil der indogermanischen Sprachfamilie, in der sie einen westlichen Zweig bilden. Während diese Sprachen in der Inselwelt (Britische Inseln und Bretagne) noch heute fortleben, sind die kontinentalen Dialekte, das eigentliche Gallische von Frankreich, Belgien, der Schweiz und der Poebene, das Keltiberische auf der kastilischen Hochebene in Spanien und das Lepontische in der Seenregion Norditaliens und des Tessins (in etruskischer Schrift) im Lauf der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung allmählich verschwunden. Die wenigen tradierten Inschriften – häufig handelt es sich dabei um nachträgliche Transkriptionen des Keltischen ins Griechische, Lateinische oder in eine germanische Sprache – liefern im Wesentlichen Namen von Personen oder Völkern; gleiches gilt für die Inschriften von Münzen aus den letzten beiden vorchristlichen Jahrhunderten. Auch Toponyme erlauben Aufschlüsse, obwohl die Datierung und die genaue geografische Lokalisierung der genannten Orte oft heikel ist. Mitunter bringt die Kombination von Ortsnamen und archäologischem Befund weitere Klärung; so verweisen zum Beispiel die Endungen -dunum, -dunon oder -durum auf befestigte Siedlungen (z.B. Eburodunum Yverdon-les-Bains, Salodurum Solothurn, Vitudurum Winterthur). Die älteste Erwähnung eines Helvetiers geht auf das Ende des 4. Jahrhunderts v.Chr. zurück. Eluveitie («Ich gehöre dem Helvetier») lautet ein Graffito auf einem in Mantua entdeckten Gefäss, das in etruskischen Zeichen geschrieben war. Berühmt ist auch das in Port gefundene Schwert von ca. 100 v.Chr., das mit einer Schlagmarke mit dem Namen Korisios versehen wurde; unklar ist, ob der Schriftzug in griechischen Buchstaben den Namen des Schmieds oder denjenigen des Besitzers nennt. Dass die Helvetier die griechische Schrift verwendeten, bezeugt Caesar; gemäss seinem Bericht wurden nach der helvetischen Niederlage in der Schlacht bei Bibracte im Frühling 58 v.Chr. in deren Lager Verzeichnisse in griechischer Sprache gefunden, in denen Zehntausende von Teilnehmern an der missglückten Auswanderung namentlich aufgeführt waren. Natürlich haben sich so aussergewöhnliche Dokumente auf Trägern aus vergänglichem Material nicht erhalten.

Die Archäologie der Kelten

Die oben angesprochenen linguistischen Merkmale der keltischen Sprache (oder zumindest das Studium ihrer Überreste) und die genannten historischen Quellen erlauben zwar eine Annäherung an eine Definition der Kelten, hingegen erlauben die Kriterien der physikalischen Anthropologie hierüber keinen Aufschluss. Die zentrale Rolle bei der Erforschung der keltischen Bevölkerung im prähistorischen Europa spielt die Archäologie; nur über die Zeugen der materiellen Kultur kann versucht werden, den Begriff der «Keltizität» in seiner ganzen Komplexität anzugehen, ohne Gefahr zu laufen, reduktionistischen Konzepten zu erliegen.

Die Kelten der Eisenzeit

Auf einer Exkursion während des 5. Kongresses für Anthropologie und prähistorische Archäologie in Bologna identifizierte der Franzose Gabriel de Mortillet 1871 in Marzabotto (Emilia-Romagna) «Gallier», indem er Waffen und Schmuck aus dem dortigen Gräberfeld (Schwerter, eiserne Lanzenspitzen und Bronzefibeln) mit Funden aus der Champagne verglich, und begründete damit die keltische Archäologie als Wissenschaftszweig. Bei ihm befanden sich der Neuenburger Edouard Desor, der einige Jahre zuvor eine Reihe von Aufzeichnungen über den Fundort La Tène veröffentlicht hatte, sowie der Schwede Hans Hildebrand, der 1874 die Terminologie für die Eisenzeit in Europa vorschlug, die noch heute gebräuchlich ist, obwohl sie vor allem in chronologischer Hinsicht noch zahlreiche Präzisierungen erfahren hat. Die ältere Eisenzeit wird demnach – darin ist sich die Forschung einig – als Hallstattzeit (ca. 800-480 v. Chr.), die jüngere Eisenzeit als Latènezeit (480-30 v. Chr.) bezeichnet.

Während bis vor kurzem die Kelten noch unterschiedslos mit den Trägern der Latènekultur gleichgesetzt wurden, geht heute die Tendenz dahin, kulturelle Aspekte stärker von den Interpretationen ethnischer Art zu trennen. In der Literatur stösst man auch auf den Begriff der «historischen Kelten», der zwar verkürzt, aber dennoch nützlich ist, um jene Kelten zu bezeichnen, deren Herkunft und kulturelle Verbreitung (Latènekultur) in Europa vom 5. Jahrhundert v.Chr. an verfolgt werden kann.

Die Frage nach der Herkunft

Diese Frage hat oft zu ebenso leidenschaftlichen wie willkürlichen, auf ideologischer Ebene sogar gefährlichen Debatten geführt (es sei hier nur an die missbräuchlichen Konzepte von Volk und Nation oder gar Rasse erinnert). Simplifizierende Ausbreitungs- und Migrationsmodelle propagierten, die aus dem Osten gekommenen Kelten – woher genau wurde nicht genannt – hätten Westeuropa zur Eisenzeit erobert. Die Realität ist komplexer und vielschichtiger. Wenn die Latènekultur mit Sicherheit keltisch war, mussten es die Bewohner Europas der Hallstattzeit ebenfalls sein. Die Ausbreitung der keltischen Sprache und das Bewusstsein, zu ein und derselben kulturellen Einheit nördlich der Alpen zu gehören, gehen wohl in die späte Bronzezeit zurück, in der sich vom 12. Jahrhundert v.Chr. an eine archäologische Gruppe Rhin-Suisse-France orientale in den hier interessierenden Teilen West- und Mitteleuropas entwickelte. Nach Ansicht einiger Forscher sind diese Entwicklungen noch früher anzusetzen, in der mittleren oder frühen Bronzezeit (2. Jahrtausend v.Chr.) oder gar gegen Ende der Jungsteinzeit. In der Tat ist um die Mitte des 3. Jahrtausends v.Chr. ein grösserer Bruch im kulturellen Kontinuum festzustellen; er manifestiert sich in der europaweiten Verbreitung der Glockenbecherkultur über einem stark ausgeprägten mitteleuropäischen Substrat, die mit der Ausbreitung der keltischen Sprachen zusammengehen könnte. Die Wissenschaft sieht sich gezwungen, auf der Grundlage solcher Mutmassungen zu arbeiten.

Sechs Jahrhunderte Geschichte der Kelten

Das Gebiet der heutigen Schweiz und ihrer Nachbarn zählte in der ausgehenden Hallstattzeit zum Westhallstattkreis, dessen berühmtester Fundort Heuneburg in Baden-Württemberg ist. Der Westhallstattkreis deckte sich übrigens weitgehend mit dem Einflussbereich der oben genannten Gruppe, die etwa vom 12. bis ins 9. vorchristliche Jahrhundert vom Rhein über das schweizerische Mittelland bis nach Ostfrankreich hinein fassbar ist. In diesem Raum sind – zumindest ein Teil der Forschung geht von diesem Gesellschaftsmodell aus – sogenannte Fürstensitze (Châtillon-sur-Glâne, Uetliberg) und Fürstengräber nachgewiesen: Attische Keramik, Weinamphoren aus der Provence, Bronzegeschirr und aussergewöhnliche Gefässe wie die berühmte «Vase» aus Vix in Burgund oder die Hydria aus Grächwil belegen Beziehungen zu der mediterranen griechischen oder etruskischen Welt. Diese importierten Prunkgegenstände kamen überwiegend in befestigten Siedlungen entlang der natürlichen Verbindungswege sowie in Hügelgräbern ans Tageslicht (neben den schon angeführten Orten zum Beispiel Payerne sowie Hochdorf in Baden-Württemberg); viele der reich ausgestatteten Gräber dürften allerdings schon im Altertum von Grabräubern aufgebrochen worden sein. Die Hallstattgesellschaft erscheint demnach stark hierarchisiert; sie ist das Ergebnis eines Prozesses, der sich vom Ende der Bronzezeit an beschleunigte und eine privilegierte Schicht entstehen liess. Diese «Fürsten», die durch Tauschhandel Kontakte mit dem Süden unterhielten, übten ihre Macht in einem vermutlich genau abgegrenzten Territorium aus. Die Handwerker beherrschten die Verarbeitungstechniken der Bronze perfekt, vor allem die Produktion von Metallgefässen, entwickelten die Eisenverarbeitung, besonders auf dem Gebiet der Waffen und der Werkzeuge, und führten bei der Keramikherstellung die revolutionäre Errungenschaft der Töpferscheibe ein. Über die normalen Siedlungen der ländlichen Bevölkerung und über deren Grabstätten ist noch sehr wenig bekannt.

Ursprung und Verbreitung der Latènekultur vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v.Chr.

Bronzekamm aus dem 5. Jahrhundert v.Chr., gefunden bei Aigle (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Bronzekamm aus dem 5. Jahrhundert v.Chr., gefunden bei Aigle (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Im Zusammenhang mit diesem Austausch von Gütern, Techniken und Ideen entstanden allmählich die ersten Zeugnisse der Latènekultur. Der Gradmesser für diese Weiterentwicklung ist die keltische Kunst an vorwiegend kleinen kunsthandwerklichen Gegenständen, besonders am Schmuck (aber es gibt auch recht grosse Statuen aus Stein in Süddeutschland und Burgund); sie spielt in fast allen Untersuchungen über die späte Eisenzeit eine grosse Rolle. Die Entwicklung dieser Kunst, die nach eigenen Regeln mediterrane sowie orientalische Einflüsse einbezieht und weiterverarbeitet, ist der stärkste Beleg für eine eigenständige keltische Kultur. Das ornamentale Repertoire, das sich wiederholende geometrische Motive, figürliche Darstellungen von Pflanzen, Menschen, Tieren und abstrakte Elemente vereinigt, zeugt von vielgestaltigen Ausdrucksformen und verweist zweifellos auf eine im Bereich des Religiösen verankerte Thematik. Die angesprochenen Inhalte entziehen sich allerdings grösstenteils unserem Verständnis; die ersten keltischen Darstellungen von Gottheiten mit ihren typischen Attributen bleiben namenlos, die Deutung der Figurenwelt selbst für den berühmten Fall der Goldringe von Erstfeld problematisch. Jenseits einer scheinbaren Einheit lassen sich verschiedene geografische Gruppen ausmachen.

Unser Wissen über die ersten Jahrhunderte der Latènezeit stammt hauptsächlich aus der Erforschung der Gräber und Gräberfelder. Nach den Fürstengräbern der Champagne oder des Mittelrheins vom 5. Jahrhundert v.Chr. (Latène A), die bezüglich der Fülle der Beigaben an die Hügelgräber der Hallstattzeit anknüpfen, liefern Flachgräberfelder unterschiedlicher Grösse in ganz Europa das archäologische Material für die zweite Hälfte der älteren und den Beginn der mittleren Latènezeit (Latène B und C1), d.h. für das 4. und 3. Jahrhundert v.Chr. Die Schweiz nimmt dank der Gräberfelder von Münsingen-Rain, Saint-Sulpice (VD), Vevey und Andelfingen, die alle im späten 19. oder im frühen 20. Jahrhundert ausgegraben wurden, in der Forschung einen erstrangigen Platz ein. Diese Gräber geben Informationen über die Organisation der keltischen Gesellschaft in den verschiedenen Gegenden preis, die weit über die Untersuchung von Schmuck, Waffen oder Beigaben unter typo- und chronologischen Aspekten hinausgehen (die ländlichen Siedlungen selbst sind in der Schweiz noch kaum erforscht). Die Kunst der Handwerker stand auf ihrem Höhepunkt: Die Schmuckgegenstände aus Bronze, vor allem die Fibeln, sind mit höchster Feinheit ziseliert und verziert, ebenso bestimmte Waffen und die Helme mit reichen Einlassungen aus Gold und Korallen. Der Krieger spielte in der Gesellschaft eine herausragende Rolle; in einigen Regionen bekamen die Heerführer einen zweirädrigen Kampfwagen mit ins Grab. Doch der grösste Teil der in den Gräberfeldern vertretenen Bevölkerung ergibt kein Abbild einer hierarchischen gesellschaftlichen Organisation, wie dies im 6. und 5. Jahrhundert v.Chr. der Fall war, auch wenn sich freie Männer durch das beigegebene Schwert auszeichnen und bezüglich der bestatteten Frauen Reichtumsunterschiede anhand der nach genauen Regeln abgestuften Schmuckbeigaben auszumachen sind.

Eisenhelm aus einer keltischen Werkstatt nördlich der Alpen, 400-250 v.Chr. Fund aus dem Grab 263 in Giubiasco (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-15325).
Eisenhelm aus einer keltischen Werkstatt nördlich der Alpen, 400-250 v.Chr. Fund aus dem Grab 263 in Giubiasco (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-15325).

Während dieser Expansionsphase besetzten die Kelten weite Teile Europas zwischen der Iberischen Halbinsel und den Britischen Inseln am Atlantik im Westen, den Karpaten im Osten, den deutschen und polnischen Tiefebenen im Norden, Norditalien und dem Donaubecken bis zum Eisernen Tor im Süden und Südosten. Trotzdem haben die Kelten nie eine eigentliche politische Einheit gebildet. In allen Regionen, in denen sich Kelten niederliessen, und vor allem in den Randgebieten, vermischten sie sich mit der nichtkeltischen, nicht Keltisch sprechenden Bevölkerung, was sich zu einem gewissen Grad in der materiellen Kultur widerspiegelt; diese gegenseitigen Assimilationsprozesse sind allerdings schwierig abzuschätzen und über mehrere Generationen zu verfolgen. Die keltischen Stämme im schweizerischen Raum, in dem sich Einflüsse aus dem Westen, aus Mitteleuropa und vom Süden der Alpen kreuzten, müssen in all diese Ereignisse und Völkervermischungen aktiv involviert gewesen sein. Dank technischen und stilistischen Besonderheiten gewisser Schmuckgegenstände lässt sich die Spur von Kelten aus dem schweizerischen Mittelland in Norditalien auffinden. Beziehungen zwischen dem westlichen Teil des Mittellands und Böhmen oder der Slowakei verweisen auf Wanderbewegungen von Personen oder Personengruppen am Ende des 4. Jahrhunderts v.Chr.; die mit Edelsteinen besetzten Scheibenhalsringe aus dem Norden der Schweiz und dem Oberrheingebiet könnten Ortswechsel, zumindest von Frauen, in den ungarischen Raum um 300 v.Chr. aufzeigen. Gemäss Plinius dem Älteren (drittes Viertel des 1. Jahrhunderts v.Chr.) soll der Helvetier Helico Feigen, getrocknete Trauben, Öl und Wein von einem Aufenthalt in Italien zurückgebracht und damit zum Entschluss der Seinen beigetragen haben, die Alpen zu überqueren und die italienische Halbinsel einzunehmen; dieser legendenhafte Vorfall ist allerdings schwierig zu datieren. Das oben erwähnte Graffito Eluveitie belegt jedenfalls die Anwesenheit eines Helvetiers in Mantua um 300 v.Chr.

Gewisse historische Ereignisse sind gerade wegen ihrer Aussergewöhnlichkeit für die antike Vorstellungswelt überliefert. Das Musterbeispiel für die Phase der Expansion und der kriegerischen Expeditionen ist die keltische Invasion in Norditalien zu Beginn des 4. Jahrhunderts, die mit der Einnahme Roms um 390/386 v.Chr. endete (Episode der kapitolinischen Gänse). Die für dieses Unternehmen verantwortlichen Senonen liessen sich in der Folge an der adriatischen Küste nieder. (Die Identität dieses Volks mit den Senonen, die während des Gallischen Kriegs in der Region von Sens sesshaft waren, ist nicht belegbar; ähnliche Probleme stellen sich bei der Identifikation der andern in der Gallia Cisalpina erwähnten Völker wie den Lingonen, Boiern, Cenomanen und Insubrern). Weitere Vorstösse der Kelten richteten sich gegen Osten, wo sie in den Balkan einfielen. Nach Titus Livius, der die Ankunft der Kelten in Italien schon um 600 v.Chr. datiert, fand letztere Wanderungsbewegung im 5. Jahrhundert statt; die archäologischen Funde in den Gräberfeldern der Slowakei oder Ungarns scheinen dies zu bestätigen. Doch der entscheidende Vorstoss entlang der Donauachse erfolgte sicher im Verlauf des 4. Jahrhunderts: Kelten trafen auf die Armeen Alexanders; nachdem sie zurückgeworfen worden waren, liessen sie sich in Transylvanien (Rumänien) nieder. Eine von Brennos angeführte Armee fiel 281/280 v.Chr. in Mazedonien ein und bedrohte 279 Delphi; nach einer militärischen Niederlage 278 v.Chr. wurde ein Teil der Truppen im ehemaligen Galatien in Kleinasien (heute Türkei) angesiedelt. Die Skordisker liessen sich zwischen der Save und der Donau im ehemaligen Jugoslawien nieder; andere Kelten wurden nach Thrakien zurückgedrängt (im heutigen Bulgarien), wo sie das kurzlebige Königreich Tylis gründeten, das Ende des 3. Jahrhunderts v.Chr. wieder verschwand. Parallel dazu war der Vorstoss Roms Richtung Norden im Gang; nach der katastrophalen Niederlage in der Schlacht von Telamon in Etrurien 225 v.Chr. wurden die Kelten der Gallia Cisalpina nach und nach alle unterworfen. Ein Teil der Boier, die 191 v.Chr. besiegt wurden, entschied sich zur erneuten Überquerung der Alpen. Damit kam die Ausdehnung der Kelten sowohl im Süden wie im Osten definitiv zum Stillstand.

Die Oppidazivilisation im 2. und 1. Jahrhundert v.Chr.

In der Folge entstand nördlich der Alpen in West- und Mitteleuropa die sogenannte Oppidazivilisation des 2. und 1. Jahrhunderts v.Chr. (Oppidum). Die Kelten waren dem immer stärkeren militärischen und wirtschaftlichen Druck Roms ausgesetzt, aber auch demjenigen der germanischen Stämme, die von Norden gegen Süden drängten. Nach der Niederlage der Boier in Norditalien öffnete die von Rimini nach Piacenza führende Via Aemilia das Tor zu Transpadanien, das im Lauf des 1. Jahrhunderts v.Chr. römisch wurde; Spanien wurde von den Römern besetzt; ab 125 v.Chr. eroberten sie den Süden Galliens, gründeten dort 118 v.Chr. Narbonne und organisierten die transalpine Provinz. Die provincia narbonensis umfasste das Rhonetal bis Genf (Gallia Narbonensis), das Territorium der Allobroger. Um 115 v.Chr. war die Wanderung der Kimbern, eines germanischen Volkes aus dem Norden (Dänemark), und der Ambronen in vollem Gang. Sie sind in Südböhmen, in der Slowakei oder in Bayern belegt, wo sie mit den keltischen Boiern zusammenstiessen, dann in Noricum (in der Steiermark), wo sie die römischen Armeen vernichtend schlugen. Dann zogen sie Richtung Gallien mit anderen germanischen oder keltischen Völkern, die sich ihnen wie die Teutonen und die helvetischen Tiguriner anschlossen. Das Abenteuer endete blutig; die tektosagischen Volker, ein keltischer Stamm aus der Region von Toulouse, die sie unterstützt hatten, wurden 106 geschlagen, die Ambronen und die Teutonen 102 bei Aix-en-Provence von Marius vernichtet, die Kimbern 101 v.Chr. bei Vercellae niedergeworfen.

In der berühmten Episode der Schlacht bei Agen 107 v.Chr. trat Divico als tigurinischer Führer hervor. Mit den Tigurinern – diese zählten zu ihnen – treten hier die Helvetier zum ersten Mal ins Rampenlicht der Geschichte. Die Forschung nimmt an, dass die wohl im schweizerischen Mittelland anzusiedelnden Tiguriner dem fatalen Ende des Zugs nur entgingen, weil sie sich rechtzeitig nach Norden zurückgezogen hatten.

Scheibenfibel mit Verzierungen aus Gold, Bernstein, Koralle und Silber (Durchmesser ca. 41 mm), entdeckt in Saint-Sulpice (VD) im Grab eines jungen Mädchens, Frühlatènezeit, um 450 v.Chr. (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Scheibenfibel mit Verzierungen aus Gold, Bernstein, Koralle und Silber (Durchmesser ca. 41 mm), entdeckt in Saint-Sulpice (VD) im Grab eines jungen Mädchens, Frühlatènezeit, um 450 v.Chr. (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).

Die archäologischen Befunde verändern sich in der Spätlatènezeit, im 2. und 1. Jahrhundert v.Chr. (Latène C2 bis D), im Vergleich zur vorhergehenden Phase der keltischen Expansion radikal: Im Lauf der mittleren Latènezeit wurden die grossen Nekropolen nach und nach aufgegeben; Grabmäler werden selten und sind im Allgemeinen spärlich ausgestattet. Zudem verbreitete sich ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v.Chr. die Einäscherung im schweizerischen Mittelland; das Verhältnis zwischen Erd- und Feuerbestattungen entwickelte sich allerdings in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich. Im Gräberfeld von Basel-Gasfabrik sind nur Körperbestattungen nachgewiesen; im Schweizer Mittelland, das man ohne Angst vor einem allfälligen Anachronismus als einheitlich helvetisches bezeichnen kann, kamen beide Bestattungsarten vor, wie zum Beispiel in Bern-Enge oder Lausanne-Vidy. In den Alpen hielt sich die Körperbestattung bis in die römische Zeit.

Der Hauptteil der archäologischen Funde stammt aus Siedlungen, vor allem aus den oppida: Haushaltsgegenstände überwiegen gegenüber Grabbeigaben. Diese oppida, die ersten prähistorischen Städte (wenn man von der kurzlebigen Heuneburg absieht), entwickelten sich in der gesamten keltischen Welt. Es wäre falsch, ihre Entstehung nur als Reaktion auf den Druck von Rom und den Germanen zu betrachten; sie resultierten vielmehr aus einer tiefgreifenden, schon im 3. Jahrhundert v.Chr. einsetzenden Veränderung in der keltischen Gesellschaft, bei der das mediterrane Stadtleben, das die Kelten vor allem in der Gallia Cisalpina kennengelernt hatten, als Vorbild sicherlich nicht ohne Einfluss war. Eine der bedeutendsten Neuerungen auf wirtschaftlichem Gebiet stellte die Einführung des Geldes dar. Die ersten keltischen Münzen sind Nachbildungen der Goldstatere Philipps II. von Makedonien (359-336 v.Chr.), die ursprünglich wohl von Söldnern mitgebracht und dann übernommen wurden. Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts v.Chr. finden sich ausserdem auf der Alpennordseite vereinzelte Münzen in keltischen Gräbern, vor allem in Frauengräbern. Silbermünzen nach dem Muster von Marseille wurden insbesondere in der Gallia Cisalpina reichlich geprägt. Im Laufe des 2. Jahrhunderts v.Chr. setzte ein eigentlicher Geldumlauf ein, der sich infolge der vielen Prägungen durch die städtischen Siedlungen rasch diversifizierte. Einige oppida hatten als Prägeorte zusätzliches Gewicht. Als drei mächtige Völker Ostgalliens, die Lingonen, die Sequaner und die Haeduer – sowie vielleicht auch die Helvetier – gegen Ende des 2. Jahrhunderts v.Chr. den Wert ihrer Prägungen nach dem römischen Silberdenar ausrichteten, trat in diesem Prozess eine radikale Wende ein, der sich vor allem auf den Handel mit Rom auswirkte. Die oppida, in der Regel Höhensiedlungen entlang der Handelsrouten in unmittelbarer Nähe von Rohstoffvorkommen, erlebten eine starke Entwicklung des Handwerks und vor allem der stark spezialisierten Tätigkeiten; sie fungierten als Märkte und infolge der adeligen Wohnsitze auch als regionale Zentren von Verwaltung, Politik und Religion. Die von Caesar beschriebene keltische Gesellschaft war von einer Oligarchie beherrscht; da sie auf aristokratischen Systemen beruhte, war sie hierarchisch aufgebaut; mächtige Anführer wie der Haeduer Dumnorix oder der Arverner Vercingetorix sind bekannt. Bezeichnend in dieser Hinsicht ist auch die Episode des Helvetiers Orgetorix, der mit 10'000 Mann, all seinen Klienten und Schuldnern, zu seinem Prozess kam. Die Druiden spielten als Wahrer der mündlichen Überlieferung, der Wissenschaft und der Erziehung in religiösen und rechtlichen Belangen eine herausragende Rolle. Sklaverei war üblich.

Die Areale der oppida erreichten mitunter mehrere Hundert Hektare, waren aber nicht überall dicht bebaut. Im schweizerischen Mittelland ist das zentrale oppidum von Bern-Enge am besten bekannt; jenes auf dem Mont Vully wurde vielleicht von den Helvetiern bei ihrem Auswanderungsversuch 58 v.Chr. in Brand gesteckt. Die nach dem Gallischen Krieg gebauten oppida sind in der Regel von geringerer Ausdehnung. Einige wie zum Beispiel Bern, Yverdon-les-Bains, Genf (extremum oppidum allobrogum) oder Basel-Münsterhügel (Rauriker) waren bis in die Römerzeit ununterbrochen bewohnt. Die dörflichen Siedlungen – Caesars aedificia bzw. vici – sind in der Schweiz im Gegensatz zu andern europäischen Ländern trotz der ausgedehnten Grabungen auf den Autobahntrassen der Westschweiz noch nicht von der Forschung erfasst worden.

Statue aus Eichenholz, 70 cm, Spätlatènezeit, um 70 v.Chr., Yverdon-les-Bains (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Statue aus Eichenholz, 70 cm, Spätlatènezeit, um 70 v.Chr., Yverdon-les-Bains (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Die keltischen Heiligtümer und Kultstätten, die etwas Aufschluss über die komplexen Opferrituale geben, sind vor allem im Norden Frankreichs (Gallia Belgica) gut untersucht. Die Viereckschanzen liefern dafür weiteres Anschauungsmaterial. In der Schweiz gelten die Brücken von La Tène (3. und 2. Jahrhundert v.Chr.), das mit seinen Tausenden von Funden der Epoche den Namen gegeben hat, und von Cornaux-les-Sauges (ca. 100 v.Chr.) als bedeutende Heiligtümer; einen grossen Stellenwert dürfte auch das 2006 entdeckte Heiligtum in Eclépens eingenommen haben. Im Hafen von Genf sind die Überreste mehrerer Menschen mit zertrümmerten oder gespaltenen Schädeln gefunden worden. Weitere Kultstätten oder Opferplätze wurden anhand des massenweisen Vorkommens von Votivgaben – Gegenstände, Teile von Gegenständen oder Münzen – nachgewiesen, wobei diese manchmal im Innern der oppida lagen, wie in Bern. Die eichenen Statuen von Genf, Villeneuve (VD) oder Yverdon-les-Bains stellen wohl Gottheiten dar, die allerdings noch nicht identifiziert sind. Dagegen können einige bildhafte Darstellungen bestimmten keltischen Göttern zugeordnet werden, etwa dem Cernunnos, dem Gott mit dem Hirschgeweih (Balzers). Merkur, gemäss Caesar der meistverehrte Gott, wird gelegentlich mit Teutates gleichgesetzt; Belenos soll Apollo sein, Esus (der Krieger) Mars sowie Taranis (der Heilige) Jupiter. Der Identifikation der abgebildeten Gestalten haftet allerdings immer der Makel der Zufälligkeit an.

Das Ende der keltischen Unabhängigkeit

Der Druck der Germanen wurde in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr. spürbar stärker. Ab ca. 71 v.Chr. baute der Suebenkönig Ariovist sogar ein Herrschaftsgebiet in Ostfrankreich auf. Diese kriegerische Nachbarschaft war sicher mit ein Grund für den Entscheid der Helvetier und der mit ihnen verbündeten Stämme, im Frühling 58 v.Chr. Richtung Südwestfrankreich aufzubrechen. Die Intervention und die sich an diese anschliessenden Feldzüge des Proconsuls Julius Caesar bedeuteten das Ende der keltischen Unabhängigkeit. Diese Entwicklung war allerdings in gewissem Sinne vorgezeichnet; die keltischen Gesellschaftstrukturen der Oppidakultur waren bereit, das römische Modell anzunehmen, sich ihm zu unterziehen und es teilweise den eigenen Besonderheiten anzupassen.

Ausgrabung des keltischen Gräberfeldes von Münsingen-Rain (Bernisches Historisches Museum).
Ausgrabung des keltischen Gräberfeldes von Münsingen-Rain (Bernisches Historisches Museum). […]

Die Romanisierung der einzelnen keltischen Territorien nach dem Gallischen Krieg erfolgte in verschiedenen Intensitätsgraden und in unterschiedlichen Zeitabschnitten. Die Gebiete der heutigen Westschweiz gerieten – wie auch diejenigen Frankreichs, Luxemburgs oder die Region um Trier – früh in den römischen Kulturkreis. Das gesamte schweizerische Mittelland und der Süden Deutschlands wurden dem römischen Reich nach der Eroberung der Alpen und Rhätiens (16-15 v.Chr.) durch Tiberius und Drusus, den Schwiegersöhnen des Augustus, einverleibt. Die Ostkelten erhielten noch einige Jahrzehnte Aufschub. Die keltische Kultur überlebte die römische Herrschaft vorderhand nicht nur im religiösen, künstlerischen und handwerklichen Bereich, sondern auch in den Personen- und Ortsnamen. Auf dem Land dürfte noch jahrhundertelang Keltisch gesprochen worden sein, bis schliesslich das Latein oder die germanischen Sprachen die Oberhand gewannen.

Quellen und Literatur

  • V. Kruta et al., Les Celtes, 1982
  • Gold der Helvetier, Ausstellungskat. Zürich, Genf, Lugano, 1991
  • Les Celtes, Ausstellungskat. Venedig, Mailand, hg. von S. Moscati et al., 1991
  • Les Celtes dans le Jura, Ausstellungskat. Pontarlier, Yverdon-les-Bains, Lons-le-Saunier, 1991
  • Das kelt. Jahrtausend, Ausstellungskat. München, 1993
  • P.-Y. Lambert, La langue gauloise, 1994 (21995)
  • L'Europe celtique du Ve au IIIe siècle avant J.-C., hg. von J.-J. Charpy, 1995
  • SPM 4
  • V. Kruta, Les Celtes: histoire et dictionnaire, 2000
  • V. Kruta, Aux racines de l'Europe: le monde des Celtes, 2001
  • Das Rätsel der Kelten vom Glauberg, Ausstellungskat. Frankfurt, 2002
  • F. Müller, G. Lüscher, Die Kelten in der Schweiz, 2004
  • La romanisation et la question de l'héritage celtique, hg. von D. Paunier, 2006
Weblinks

Zitiervorschlag

Kaenel, Gilbert: "Kelten", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 30.07.2007, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008016/2007-07-30/, konsultiert am 14.05.2021.