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Bergell

Passtal im Süden des Kantons Graubünden, Region Maloja, verläuft vom Malojapass in südwestlicher Richtung bis Chiavenna. In Castasegna bildet der Loverobach die Landesgrenze zu Italien. Zentrum des Tals ist seit alters Vicosoprano. 46 n.Chr. Bergale, 840 Bregallia. Italienisch Valle Bregaglia, französisch Val Bregaglia, romanisch Val Bergiaglia.

Turm der Burgruine Castelmur. Fotografie von Rudolf Zinggeler, 1927 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
Turm der Burgruine Castelmur. Fotografie von Rudolf Zinggeler, 1927 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). […]

Klima und Vegetation im Gebiet zwischen Castelmur und Maloja (Obporta, Sopraporta) sind hochalpin, unterhalb von Castelmur (Unterporta, Sottoporta) mediterran. Ins Bergell führen die Routen über den Septimerpass und den Julierpass, dem wohl ältesten und bis ins 19. Jahrhundert wichtigsten Übergang über die Zentralalpen. Nebenpässe führen ins Avers (Duana-, Bergalgapass) und über den Murettopass durch das Val Malenco ins Veltlin. Von der Mera (romanisch Maira) durchflossen, öffnet sich das Bergell geografisch und kulturell nach Süden, ist aber seit jeher auch nach Norden ausgerichtet. Das Bergell gehört zum italienischsprachigen Teil (1990 76% italienisch) Graubündens und ist als einziges Gebiet dieses Teils reformiert (1990 71% reformiert).

Eine ur- und frühgeschichtliche Höhensiedlung und ein spätrömischer Wachtturm befanden sich auf dem Crepp da Caslacc oberhalb von Vicosoprano. Weitere Zeugen aus römischer Zeit sind die Merkur-Altärchen vom Crepp da Caslacc und von der römischen Siedlung Murus im Areal von Castelmur, Münzen, Strassenfragmente und eine Strassenrampe (Malögin) am Weg über den Septimerpass sowie kleinere Streufunde. Das Bergell, das schon im 2./1. Jahrhundert v.Chr. unter römische Herrschaft geriet, war zunächst der Präfektur Como, nach 350 der Provinz Raetia Prima eingegliedert. Im 4. Jahrhundert erfolgte die Christianisierung durch den heiligen Gaudentius, der im Bergell Schutz vor den Arianern (Arianismus) fand. Ihm wurde die Kirche San Gaudenzio in Casaccia geweiht. 488 kam das Bergell unter die Herrschaft der Ostgoten, 568 unter jene der Langobarden, 803 zur Grafschaft Como. Zur Zeit der karolingischen Reichsteilung gehörte das Bergell um 840 als Ministerium Bregallia zu Churrätien, dessen Südgrenze der Loverobach bildete. 960 schenkte Kaiser Otto I. das Bergell dem Bischof von Chur, der dadurch die Kontrolle über die Septimer- und Julierroute gewann. Das Bergell bildete im Hochmittelalter eine Talgemeinde mit weitgehenden Freiheitsrechten. Der Landesausbau war um 1100 bereits sehr fortgeschritten. Von erheblicher ökonomischer Bedeutung waren traditionell das Transportgewerbe und die Kastanienkultur. Die Eröffnung des Gotthardpasses traf das Transportgewerbe schwer und brachte im Spätmittelalter eine Verlagerung auf die Landwirtschaft, damit verbunden die Erschliessung der Hochebene um Maloja, der Alpweiden im Avers und im Val Madris. Im Spätmittelalter zählten die Ministerialenfamilien Salis, von Planta, Prevost, von Castelmur und Stampa sowie der Bischof von Chur zu den grössten Grundbesitzern. Die Feste Castelmur war gegen Como errichtet worden, das um 1219 die Unterporta besetzt hatte. 1367 schloss sich das Bergell als Hochgericht dem Gotteshausbund an. Der Bischof von Chur behielt den Zoll und die Heersteuer und wählte den Podestà aus einem Dreiervorschlag. 1387 liess er eine gepflästerte Strasse von Tinizong über den Septimer nach Plurs errichten. 1474 erhielt Unterporta ein eigenes Bussengericht, 1489 ein beschränktes Zivilgericht. In Obporta bildeten sich im Spätmittelalter die vier Squadren San Cassiano, Piazza/Vicosoprano, Coltura und Borgonovo sowie die halbautonome sogenannte settima Casaccia, in Unterporta die terzieri Castasegna, Soglio und Bondo. Von 1496 an wurde der Podestà von je acht Wahlmännern und einem Amtsnotar aus Unter- und Obporta gewählt. Nach dem Zusammenschluss der Drei Bünde zum Freistaat Graubünden (1524) und der Befreiung des Bergells von allen bischöflichen Feudalrechten (1526) regelte 1535 eine Ordnung das Gerichtswesen neu: Das Kriminalgericht für das ganze Tal tagte in Vicosoprano, das Zivilgericht für Unterporta in Soglio. Der Bischof von Chur verlor durch die Reformation um die Mitte des 16. Jahrhunderts auch seine kirchlichen Rechte. Gegenreformatorische Versuche durch Dominikaner und Jesuiten unter dem Schutz der Salis blieben erfolglos, ebenso solche der Kapuziner 1622 unter dem Schutz päpstlicher Truppen. Die Erhebung des Italienischen zur Amtssprache 1546 förderte die politische Selbstständigkeit. Notzeiten erlebte die Talbevölkerung zur Zeit der Bündner Wirren, unter anderem 1621 durch Verwüstungen spanischer Truppen. Mit dem Verlust des Veltlins 1797/1798 wurde das Bergell für Graubünden zur geografischen und ökonomischen Randregion, das Italienische zur Sprache einer kleinen Minderheit. Nach dem Bau der Strasse über den Malojapass 1827-1828 und 1834-1840 wurde der Septimer aufgegeben. Nicht realisiert wurden das Strassenprojekt 1771-1774 von Chiavenna nach Nauders und die um 1910 geplante Bahnlinie von St. Moritz nach Chiavenna.

Die Casa Battista, eines der Palais der Familie Salis in Soglio, erbaut Anfang des 18. Jahrhunderts. Fotografie von Rudolf Zinggeler, 1936 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
Die Casa Battista, eines der Palais der Familie Salis in Soglio, erbaut Anfang des 18. Jahrhunderts. Fotografie von Rudolf Zinggeler, 1936 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).

Der Bergeller Dialekt vereinigt rätoromanische und lombardische Sprachelemente. Wichtigste literarische Werke sind La Stria (1875) von Giovanni Andrea Maurizio sowie Übersetzungen von Friedrich Schillers Wilhelm Tell und Conrad Ferdinand Meyers Jürg Jenatsch durch Giacomo Maurizio. Weltruhm erlangte die Künstlerfamilie Giacometti von Stampa.

Das ehemalige Hochgericht Bergell (Gerichtsgemeinde) wurde 1851 zu einem Kreis im Bezirk Maloja (bis 2015). In den letzten 150 Jahren erlitt das Tal eine starke Abwanderung (1803 2170 Einwohner, 1990 1434), und die einst dominierende Landwirtschaft verlor an Bedeutung. Die Nutzung der Wasserkraft (Stauwerke) und der Tourismus brachten neue Arbeitsplätze und Finanzmittel.

Quellen und Literatur

  • Planta, Armon: Die Julierroute vom Bergell bis zur Alp Sur Gonda. Verschiedene alte Wege am Septimer. Alte Wege im Oberhalbstein, 1986 (Verkehrswege im alten RätienBd. 2).
  • Stampa, Renato; Maurizio, Remo et al.: Das Bergell – La Bregaglia, 19944.
  • Bianconi, Sandro: Plurilinguismo in Val Bregaglia, 1998.
Von der Redaktion ergänzt
  • Roth, Prisca: Korporativ denken, genossenschaftlich organisieren, feudal handeln. Gemeinden und ihre Praktiken im Bergell des 14.-16. Jahrhunderts, 2018.
Weblinks
Weitere Links
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Kurzinformationen
Ersterwähnung(en)
46 n.Chr.: Bergale
840: Bregallia
Endonyme/Exonyme
Bergell (deutsch)
Val Bergiaglia (romanisch)
Val Bregaglia (französisch)
Valle Bregaglia (italienisch)
Systematik
Umwelt / Tal

Zitiervorschlag

Adolf Collenberg: "Bergell", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.11.2005. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008064/2005-11-15/, konsultiert am 05.07.2022.