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Prättigau

Talschaft des Kantons Graubünden mit fünfzehn politischen Gemeinden in sechs Kreisen (Klosters, Küblis, Luzein, Jenaz, Schiers, Seewis). Das Prättigau bestand aus den Bezirken Oberlandquart (inneres und mittleres Prättigau) und Unterlandquart (äusseres Prättigau mit Herrschaft Maienfeld und Fünf Dörfern), die 2001 teilweise im Bezirk Prättigau/Davos zusammengefasst wurden. Es liegt im Einzugsgebiet der Landquart und ist im Norden vom Rätikon, im Osten vom Silvrettamassiv, im Süden von den Bergkämmen des Hochwang und im Westen von der Klus begrenzt. 1116 Portines, 1222 Pretenkove. 1850 8989 Einwohner; 1900 8851; 1950 12'328; 2000 14'713.

"Wahrhaffte Verzeichnüs des Prättigöws, der Herschafft Meyenfeldt gelegenheit umb Chur, und angröntzenden Landschafften sampt den Treffe so die Pündtner mit ihren Feinden gethan". Ausschnitt aus der Karte von Hans Conrad Gyger, geschaffen für das von Matthaeus Merian in Frankfurt am Main publizierte Werk Theatrum Europaeum, 1635 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).
"Wahrhaffte Verzeichnüs des Prättigöws, der Herschafft Meyenfeldt gelegenheit umb Chur, und angröntzenden Landschafften sampt den Treffe so die Pündtner mit ihren Feinden gethan". Ausschnitt aus der Karte von Hans Conrad Gyger, geschaffen für das von Matthaeus Merian in Frankfurt am Main publizierte Werk Theatrum Europaeum, 1635 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner). […]

Hinweise auf frühe Begehung und Besiedlung des Prättigaus geben bronzezeitliche, eisenzeitliche und römische Einzelfunde und insbesondere die 1985-1986 ausgegrabene eisenzeitliche Siedlung Chrea in Schiers. Deren Kontinuität lässt sich über die Römerzeit bis ins Frühmittelalter feststellen. Intensiver Landausbau erfolgte im Hochmittelalter vom Prämonstratenserkloster St. Jakob (Klosters) aus und im Spätmittelalter durch die deutschsprachigen Walser, welche vor allem die Höhenlagen kolonisierten (Schlappin, St. Antönien, Furna, Hintervalzeina, Stürfis). Die gegen Ende des 16. Jahrhunderts abgeschlossene Germanisierung des Prättigaus geht, neben Einflüssen vom Rheintal her, auf die Walser zurück. Im Hoch- und Spätmittelalter lag bedeutender Grundbesitz in den Händen des Bistums Chur, des Domkapitels Chur (Schiers), des Klosters St. Jakob und der auf den zahlreichen Burgen residierenden Feudalherren. Herrschaftszentren der Inhaber gräflicher Gewalt waren Solavers und Castels. Urkundlich belegt sind die Grafen von Kirchberg (12. Jh.), die Edlen von Aspermont (1200-1338), die Freiherren von Vaz (1250-1337/1338), die Vögte von Matsch (1300-1496), die Grafen von Toggenburg (1338-1436), die Grafen von Montfort (1437-1470) und die Herzöge von Österreich (1477-1649). An der Gründung des Zehngerichtenbunds 1436 nahmen die Gerichte Klosters, Castels, Schiers-Seewis und das Kapitelgericht Schiers teil. Die vermutlich älteste Kirche des Prättigaus stand in Schiers (4./5. Jh.). Als Mutterkirchen im 13. Jahrhundert sind St. Johann in Schiers, St. Maria in Solavers, St. Peter in Jenaz, St. Lorenz in Saas und St. Jakob in Klosters nachgewiesen. Bis zur Reformation, die zwischen 1524 (St. Antönien) und 1593 (Schuders) erfolgte, gehörte das Prättigau kirchlich zum Dekanat Chur. Während der Bündner Wirren kam es 1622 zu schweren Brandschatzungen durch kaiserliche Truppen. 1649 kauften sich die Gerichte von Österreich los. Aus den nunmehr unabhängigen Gerichten und Halbgerichten entstanden 1851 die heutigen Kreise.

Grundlage der bäuerlichen Existenz waren Viehwirtschaft (ca. 60 Alpen für 5000 Stück Vieh) und Ackerbau (bis Mitte 19. Jh.). Seit den Hungerjahren 1770-1771 werden im Prättigau Kartoffeln angebaut. Der Waldreichtum erlaubte Holzverkäufe sowie die Holznutzung für den Bergbau in Klosters, St. Antönien und Schuders im 16. Jahrhundert. Dank der Initiative von Pfarrer Peter Flury entstand 1837 in Schiers eine sogenannte Schullehreranstalt (heute Evangelische Mittelschule) und 1881 das Krankenhaus. Viel besuchte Bäder gab es ab dem 15. Jahrhundert in Fideris und Serneus, später auch in Ganey und Jenaz. Mit dem Bau der Talstrasse (1843-1864), der Kommunalstrassen (ab 1853) und der Eisenbahnlinie (1889) setzte die Entwicklung von Gewerbe und Fremdenverkehr ein; Seewis und Klosters entwickelten sich zu Luftkurorten. Durch den um 1900 aufgekommenen Skisport wurde Klosters zum ganzjährig besuchten Fremdenort (Parsenn). 1920-1927 wurden Wasserkraftwerke in Küblis, Klosters und Schlappin gebaut. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg brachten einen Strukturwandel in der Landwirtschaft, eine grosse touristische Expansion, so in Klosters 1949 bzw. 1969 mit der Gotschna- und Madrisabahn, in Pany, St. Antönien, Küblis und Grüsch-Danusa, und – mit dem Tourismus eng verbunden – einen Aufschwung des Bau- und Transportgewerbes. Das innere Prättigau war zu Beginn des 21. Jahrhunderts stark vom Tourismus geprägt, das mittlere und äussere von Gewerbe und Industrie. Die Präsenz der Landwirtschaft im ganzen Tal ist unverkennbar. In neuerer Zeit fanden zahlreiche Talbewohner Arbeitsplätze in grösseren Industriebetrieben, so in Fideris-Au (bis 2002), Schiers, Grüsch und Seewis-Pardisla.

Quellen und Literatur

  • Kdm GR 2, 1937 (19752)
  • M. Thöny, Prättigauer Gesch., 21991
  • C. Hansemann-Bergamin et al., Das Prättigau, 1999
  • S. Niggli, Ein Tal im Wandel, 2005
Weblinks
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Zitiervorschlag

Otto Clavuot: "Prättigau", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.12.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008077/2013-12-10/, konsultiert am 22.05.2024.