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RheinwaldTal

Talschaft des Kantons Graubünden, Region Viamala. Die oberste Talstufe im Einzugsgebiet des Hinterrheins, in den westlichen Bündner Alpen, erstreckt sich vom Talabschluss der Rheinwaldhornkette (3402 m) im Westen über 25 km bis zur Rofla im Osten. Im Norden wird das Tal begrenzt durch die Splügner Kalkberge, das Bären- und Chilchalphorn, im Süden durch die Tambo-Curciusa-Gruppe sowie die Surettahornkette. Nach Norden führen der Safier- und der Valserberg, nach Süden der Splügenpass (früher Urschler) und der San Bernardino (früher Vogelberg). Im Talgrund auf der linken Seite des Flusses liegen die fünf Haufendörfer Sufers, Splügen, Medels im Rheinwald, Nufenen und Hinterrhein. Mit Ausnahme von Sufers fusionierten sie 2019 zur Gemeinde Rheinwald. Als orografische Schranke ermöglichte die Roflaschlucht die Entwicklung einer Landschaft von besonderer Geschlossenheit und Eigenart. Das Rheinwald bildete bis 1851 eine Gerichtsgemeinde, anschliessend bis 2015 einen Kreis im Bezirk Hinterrhein. 1273 valle Reni, 1338 Rinwald. Gerichtsgemeinde: 1781 1143 Einwohner. Kreis: 1850 1274 Einwohner; 1900 899; 1950 822; 2000 758; 2010 763.

Bronze- und eisenzeitliche Funde wurden entlang der alten Saumpfade über den Splügenpass und den San Bernardino entdeckt. Romanen besiedelten Sufers und Splügen bereits im Hochmittelalter vom Schamsertal aus, während die innere Talhälfte nur als Alp- und Weidegebiet genutzt wurde. Um 1265 wanderten Walser Kolonisten aus dem Formazzatal, von Simplon und Brig sowie aus dem Valle Maggia über den San Bernardino ein. Die Ansiedlung von deutschsprachigen Einwanderern erfolgte auf Betreiben der Freiherren von Sax-Misox, welche die Grundrechte im inneren Rheinwald besassen. Das äussere Tal war im Besitz der Freiherren von Vaz, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts die ganze Talschaft in ihren Schirm und Schutz nahmen. 1337, nach dem Tod des letzten Vazers, ging das Rheinwald als Heiratsgut an die Grafen von Werdenberg-Sargans. Diese verkauften es 1493 an die Mailänder Grafenfamilie Trivulzio. Bereits 1400 gehörte das Rheinwald, das schon 1362 als Comunis vallis Reni siegelt, dem Oberen oder Grauen Bund an. Erst 1616 wurde das Schirmverhältnis mit den Trivulzio gelöst, und nach Auskauf der Grundzinse und der Zölle bildete das Tal von 1636 an eine autonome Gerichtsgemeinde als Teil des Hochgerichts Schams und Rheinwald im Grauen Bund.

Kirchlich gehörte das innere Tal mit der Pfarrei St. Peter (Hinterrhein, Nufenen, Medels) ursprünglich zum Stift San Vittore im Misox, das äussere Tal (Splügen, Sufers) jedoch zur Grosspfarrei St. Martin im Schams. Die endgültige Ablösung und Verselbstständigung der fünf Gemeinden datiert kurz nach den Ilanzer Religionsgesprächen von 1526. Die Reformation dürfte Leonhard Seiler etwa um 1530 eingeführt haben. Mit Ausnahme der Kirche von Hinterrhein wurden alle heutigen Kirchen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut. Vom 15. Jahrhundert an stellte der durch die Port (Rod, Säumergenossenschaft) Rheinwald betriebene Warentransit über den Splügen und San Bernardino neben einer bescheidenen Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle für die Bevölkerung dar. Die Port, die 1605 in eine innere und eine äussere Port aufgeteilt wurde, bestand bis 1861. Die Blütezeit des Transits begann im Anschluss an die Bündner Wirren gegen 1650 und dauerte bis zum Bau der Alpenbahnen im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts; 1856 wurden 27'100 Tonnen Waren über den Splügen geführt, 1883 nur mehr ca. 1000 Tonnen. 1799-1800 besetzten und plünderten österreichische und vor allem französische Truppen das Tal. 1818-1823 wurden die Saumpfade über Splügen und San Bernardino zu befahrbaren Kommerzialstrassen ausgebaut, wodurch der Reiseverkehr einen Aufschwung erlebte. Zwischen 1940 und 1944 kämpften die Rheinwalder erfolgreich gegen einen von den Kraftwerken Hinterrhein geplanten Gross-Stausee, der das Tal weitgehend überflutet hätte. Die 1967 erfolgte Eröffnung einer Teilstrecke der A13 und des Strassentunnels durch den San Bernardino, den in den ersten 25 Jahren beinahe 40 Mio. Fahrzeuge durchquerten, hatte vor allem im regionalen Zentrum Splügen einen Aufschwung des (Winter-)Tourismus zur Folge. 2000 waren über 93% der Bevölkerung des Rheinwalds deutsch- und weniger als 2% romanischsprachig.

Quellen und Literatur

  • W. Oswald, Wirtschaft und Siedlung im Rheinwald, 1931
  • P. Issler, Geschichte der Walserkolonie Rheinwald, 1935
  • P. Liver, Rechtsgeschichte der Landschaft Rheinwald, 1936
  • E. Poeschel, Die Täler am Vorderrhein, II. Teil: Schams, Rheinwald, Avers, Münstertal, Bergell, 1943, 251-275 (Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Bd. 5)
  • K. Wanner, Region Rheinwald, Avers, 1990
Weblinks
Weitere Links
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Kurzinformationen
Ersterwähnung(en)
1273: valle Reni
1338: Rinwald

Zitiervorschlag

Wanner, Kurt: "Rheinwald (Tal)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.01.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008081/2020-01-07/, konsultiert am 27.10.2020.