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Schanfigg

Talschaft und Kreis des Kantons Graubünden, Bezirk Plessur. Das erdrutschgefährdete Tal umfasst das Einzugsgebiet der Plessur von Sassal an der Churer Stadtgrenze bis zu den Quellen und wird von den Bergkämmen des Hochwangs, der Weissfluh und des Rothorns begrenzt. Alle Dörfer ausser Molinis liegen auf Terrassen oberhalb des Talgrunds. Während sich im äusseren und mittleren Schanfigg Haufendörfer finden, weist das innere Tal Hofsiedlungen auf. Politisch gehören Praden und Tschiertschen am steilen linken Hang seit 1851 zum Kreis Churwalden, Arosa im hintersten Teil des Tals (bis 1851 bei Davos) und die rechtsseitigen Langwies, Peist, Molinis, St. Peter, Pagig, Castiel, Lüen, Calfreisen und Maladers zum Kreis Schanfigg 765 in Scanavico (Kopie, Tello-Testament), romanisch Scanvetg. Einwohner des heutigen Kreises Schanfigg 1803 1129; 1850 1477; 1900 2382; 1950 4217; 2000 4415.

Urgeschichtliche Siedlungen, die vielleicht in einem Zusammenhang mit einem frühen Weg von Chur über den Strelapass ins Landwassertal stehen, sind bei Maladers und Castiel nachgewiesen; ein spätrömisches Grab wurde bei Calfreisen entdeckt. Dass der Landesausbau im mittleren Schanfigg bereits im Hochmittelalter abgeschlossen war, belegt die Lüener Stiftungsurkunde von 1084, in der die freien romanischen Nachbarn ihre Kirche mit Gütern ausstatteten und sie dem Churer Bischof schenkten. Das Dokument lässt auf eine intensive Besiedlung mit vielfältigem Ackerbau (Hanf), Obstbau und Schafwirtschaft schliessen. Der hintere Talabschnitt wurde ab 1273 auf Initiative des Domkapitels und des Klosters St. Luzi vorerst von Peist aus besiedelt. Um 1300 wanderten deutschsprachige Walser ein, die sich in Sapün, Fondei, Arosa und Langwies niederliessen und von dort aus auch Praden besiedelten. Tschiertschen war stärker auf das zweisprachige Churwalden ausgerichtet und unterstand den dortigen Gerichts- und Grundherren. In Maladers hatte bis ins Spätmittelalter das Churer Vogteigericht die hohe Gerichtsbarkeit inne. Die Vazer waren bis 1338 als bischöfliche Lehensnehmer die eigentlichen Landesherren, dann die Werdenberger, ab 1363 die Toggenburger, ab 1437 die Montforter, nach 1471 die Matscher und ab 1479 Österreich. Wichtigste Grundherren waren die Klöster Pfäfers, Churwalden, St. Luzi und St. Nikolai, Letztere beide in Chur, sowie das Bistum und das Domkapitel. Dazu kamen die Herren der vielen Türme und Burgen, die vor allem auf der rechten Talseite lagen. Die alte Talkirche in St. Peter wird bereits 831 erwähnt; später entstanden die drei Pfarreien St. Peter, Castiel und Langwies. Die Reformation im Tal begann um 1530, setzte sich in Tschiertschen aber erst nach 1550 und in Maladers gar erst nach 1635 durch. Die Gerichtsgemeinde St. Peter (auch Ausserschanfigg) war ein Zusammenschluss der unter der gleichen Hochgerichtsbarkeit stehenden Nachbarschaften. Sie gehörte 1436 zu den Mitbegründern des Zehngerichtenbunds, ebenso wie die Gerichtsgemeinde Langwies, die sich gegen 1400 als Zusammenschluss der deutschsprachigen Siedler im inneren Schanfigg konstituiert hatte (ohne Arosa, aber mit Praden). Diese beiden Gerichtsgemeinden bildeten zusammen das Hochgericht Schanfigg. Im Gegensatz zum damals rätoromanischen Ausserschanfigg kannte Langwies ein eigenes niederes Gericht mit freier Ammannwahl. Der Auskauf der Herrschaftsrechte erfolgte 1652, derjenige der bischöflichen Lehensrechte 1657. Während der Bündner Wirren wurden 1622 alle Dörfer von Maladers bis Peist niedergebrannt. Wichtigste Erwerbsquellen des Tals waren Viehwirtschaft und Ackerbau. In Arosa (1850 56 Einwohner; 1930 3466) nahm der Tourismus vor allem dank dem Bau der Talstrasse von Chur und Langwies (1875-1891) und der Bahnlinie (1914) einen ungeheuren Aufschwung. Auch Tschiertschen, Langwies und St. Peter richteten sich auf den Fremdenverkehr aus; in den anderen Gemeinden rangierte der tertiäre Sektor 2000 immer noch hinter dem primären. Maladers war zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Churer Agglomerationsgemeinde.

Quellen und Literatur

  • Kdm GR 2, 1937 (19752)
  • F. Pieth, «Aus der Gesch. des Tales Schanfigg», in JHGG 81, 1951, 97-125
  • Terra Grischuna, 2011, Nr. 1
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Zitiervorschlag

Jürg Simonett: "Schanfigg", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 13.07.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008083/2011-07-13/, konsultiert am 01.10.2022.