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Surselva

Tagungssaal des Bundesgerichts und des Bundstags des Grauen Bundes, genannt Landrichtersaal, eingerichtet 1424 im Klosterhof, der Sommerresidenz des Abts von Disentis in Trun (Fotografie Kunstverlag Peda, Passau).
Tagungssaal des Bundesgerichts und des Bundstags des Grauen Bundes, genannt Landrichtersaal, eingerichtet 1424 im Klosterhof, der Sommerresidenz des Abts von Disentis in Trun (Fotografie Kunstverlag Peda, Passau). […]

Region des Vorderrheins, seit 2001 Bezirk des Kantons Graubünden. Die Region Surselva umfasste ursprünglich das Gebiet westlich des Versamer Tobels bis zum Zavragiabach bei Zignau (Gemeinde Trun) und Val Friberg (romanisch Farbertg) im Schlanser Tobel, wo sie an die Cadi grenzte. Die heutige Surselva ging 806 aus der fränkischen Teilung Churrätiens hervor (Cent Tuverasca, 831 erwähnt als Teil Niederrätiens). 865 Curwala, 1050 supra silvam oder Muntinen (Gebiet einschliesslich der Cadi), deutsch auch Bündner Oberland. 1860 19'322 Einwohner; 1900 18'540; 1920 20'779; 1950 23'490; 2000 25'275 (bis 2000 gehörte der heutige Bezirk Surselva zu vier verschiedenen Bezirken).

Im Hochmittelalter entwickelten sich am Vorderrhein und in dessen Seitentälern Grundherrschaften und erste Gerichtsgemeinden. Nach der Neubeschwörung des Grauen Bunds 1424 entstanden hier acht Hochgerichte, vier von ihnen befanden sich im Gebiet der Surselva: Disentis, Lugnez, Gruob und Waltensburg. Das Gericht Flims kam zum Hochgericht Rhäzüns, während das Gericht Tenna nur durch die gerichtliche Organisation mit der Surselva verbunden war. Das Blutgericht lag bei den Gerichtsgemeinden. Diese entwickelten sich nach 1424 zu eigentlichen Trägern der Staatsgewalt. 1734 erfolgte die Teilung des Gerichts Waltensburg in ein reformiertes Gericht Waltensburg und ein katholisches Gericht Rueun mit Rueun, Andiast, Schlans, Siat und Pigniu. Trun war von Beginn an Zentrum des Grauen Bunds: In der Cuort Ligia Grischa wurde Bundsgericht gehalten und der jährliche Bundstag, der sogenannte St. Jörgentag (23. April), fand hier statt. Ilanz, wo die Republik der Gemeinen Drei Bünde ihren Bundstag abhielt, war im Turnus mit Davos und Chur Vorort der Republik. Die Helvetik hatte keine bleibende Wirkung auf die Strukturen der Surselva. 1851 löste die neue Bezirks- und Kreisgerichtsordnung die alten Hochgerichte ab. Das Gebiet der Surselva umfasste nun den Bezirk Vorderrhein mit dem Kreis Disentis (neu mit Schlans) und den Bezirk Glenner mit den Kreisen Ilanz (neu mit Laax und Sevgein), Lugnez (mit Vals) und Rueun (neu mit Waltensburg) sowie Obersaxen. Flims kam mit Trin als Kreis Trins zum Bezirk Imboden und Tenna bildete mit Safien den Kreis Safien im Bezirk Heinzenberg (ab 2001 Bezirk Surselva). Aus den aufgelösten ehemaligen Nachbarschaften und Gerichtsgemeinden entstanden nach 1851 bzw. 1854 (Kantonsverfassung) die modernen politischen Gemeinden.

1769 scheiterten die Pläne für die Fahrstrasse Walensee-Panix-Lukmanier-Langensee und nach 1850 das Projekt für eine Lukmanier- und eine Tödi-Greina-Bahn. Trotz des Ausbaus der Vorderrheinstrasse nach 1840 und der Anlage der Nebenstrassen nach 1870 entwickelte sich in der landwirtschaftlich geprägten Randregion kaum Gewerbe. Industrie siedelte sich nur in Trun an, die Hotellerie gedieh einzig in Flims. Der Anschluss an die Rhätische Bahn 1912 (bis Disentis) und an die Furka-Oberalp-Bahn 1926 belebte den Fremdenverkehr, änderte jedoch bis zum Zweiten Weltkrieg kaum etwas an den wirtschaftlichen Strukturen. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich im Zug des Ausbaus der Wasserkraftwerke (Patvag, Kraftwerke Frisal, Kraftwerk Vorderrhein) ein Strukturwandel. Die Bedeutung der Landwirtschaft verringerte sich in den 1950er Jahren zugunsten des Bau- und Transportgewerbes, bevor dann die rasante Entwicklung der Surselva zur touristischen Grossregion (v.a. Wintersport) einsetzte. Gleichzeitig fand eine umfassende landwirtschaftliche Strukturbereinigung statt. Es entstanden vermehrt regionale Kooperationen, so 1967 die Pro Surselva und 1977 der Gemeindeverband Surselva. In der Surselva, einst Kerngebiet der rätoromanischen Sprache und Kultur, wurde die Bevölkerung während der wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen ab 1960 zweisprachig. Der katholisch-konservative Machtblock, die sogenannte Schwarze Lawine (rätoromanisch lavina nera), löste sich nach 1980 schrittweise auf.

Quellen und Literatur

  • J.C. Muoth, «Gesch. und Sprache», in Illustriertes Bündner Oberland, 1903, 104-138
  • Terra Grischuna, 1962, Nr. 5, 313-363
  • P. Tomaschett, Surselva, 31987
  • A. Decurtins, «Las valladas renanas e lur nums», in Romanica Raetica 8/9, 1992, 29 f.
  • Calender romontsch, 2005, 156-243
Weblinks
Weitere Links
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Endonyme/Exonyme
Bündner Oberland (Deutsch)
Surselva (Romanisch)

Zitiervorschlag

Adolf Collenberg: "Surselva", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.07.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008084/2012-07-25/, konsultiert am 28.05.2022.