de fr it

Jenische

Beim Begriff Jenische handelt es sich um eine Selbstbezeichnung der Fahrenden und deren heute grösstenteils sesshaften Nachkommen in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Der Begriff taucht 1714 erstmals auf. Die Herkunft der Jenischen ist unklar. Einerseits betrachtet man sie als Nachfahren verarmter einheimischer Volksschichten (Heimatlose, Bettelwesen) und Randgruppen. Andererseits erklärt ein gewisser Anteil an Sinti- und Roma-Vorfahren in vielen jenischen Familien, weshalb manche Jenische für sich dieselbe aussereuropäische Herkunft wie diejenige der Roma vermuten und sich als eigenen Stamm innerhalb der Roma verstehen. Volkstümlich werden die Jenischen Zigeuner, aber auch Kessler und Spengler (nach ihren Berufen), Vazer (nach Vaz/Obervaz, dem Ort ihrer gehäuften Einbürgerung im 19. Jahrhundert) oder eher abschätzig Fecker (Fecker-Chilbi von Gersau: 1722-1817 und in den 1980er Jahren alljährlicher Treffpunkt der Jenischen) genannt.

Fotografien von Walter Studer für eine Reportage über Fahrende, aufgenommen 1954 in der Umgebung von Oensingen © Peter Studer, Bern.
Fotografien von Walter Studer für eine Reportage über Fahrende, aufgenommen 1954 in der Umgebung von Oensingen © Peter Studer, Bern. […]

Vor der verkehrstechnischen Erschliessung im 19. und 20. Jahrhundert waren viele abgelegene Regionen auf Besuche jenischer Wanderhändler und -handwerker angewiesen (Wanderarbeit, Hausierer). Für die staatlichen Obrigkeiten hingegen galten Nichtsesshaftigkeit und fahrende Lebensweise als unzivilisiert und die Jenischen zunehmend als nationales Problem. Nach anfänglich gewaltsamen Wegweisungen und Verfolgungen wurden die Jenischen 1850 mit den sogenannten Heimatlosen im jeweiligen Aufenthaltskanton, oft gegen den Widerstand der Bevölkerung, eingebürgert. 1926 begannen das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse der Stiftung Pro Juventute mit Unterstützung des Bundes sowie andere Fürsorgeinstitutionen, den Jenischen systematisch die Kinder (ca. 800) wegzunehmen und sie in Pflegefamilien, psychiatrischen Anstalten und sogar Gefängnissen unterzubringen, um sie zur Sesshaftigkeit umzuerziehen. Erst 1973 erwirkten die Betroffenen mit Unterstützung der Medien das Ende dieser Massnahmen. 1975 wurden die Jenischen im Kanton Bern als eigenständige Volksgruppe anerkannt. Seit den 1980er Jahren bemühen sich Selbsthilfeorganisationen der Jenischen, vor allem die 1975 gegründete Radgenossenschaft der Landstrasse, um Wiedergutmachung und Rehabilitation der in pseudowissenschaftlichen Gutachten verleumdeten Opfer. Auch die Bundesstiftung Zukunft für Schweizer Fahrende setzt sich seit 1997 für eine Verbesserung der Lebensumstände der Jenischen ein.

Heute leben, einer Schätzung zufolge, rund 35'000 Personen jenischer Herkunft in der Schweiz (in Westeuropa ca. 100'000 Personen), von denen noch etwa 10% eine fahrende Lebensweise vor allem als Messerschleifer, Altwaren-, Korb- und Kurzwarenhändler führen. Während viele der inzwischen sesshaften Jenischen immer noch Ressentiments befürchten und daher ihre Herkunft oft nicht thematisieren, haben andere ein engagiertes Selbstbewusstsein entwickelt. Sie bemühen sich unter anderem um die Abschaffung kantonaler Regelungen, welche die fahrende Lebensweise immer noch erschweren, und um die Erstellung sanitarisch ausgestatteter Stand- und Durchgangsplätze für den gewerbsmässigen Aufenthalt.

Zur jenischen Kultur gehört auch die mündlich tradierte gruppenspezifische Sondersprache: das Jenische. Sein Wortschatz (rund 600 Grundwörter) ist sprachhistorisch eng mit dem spätmittelalterlichen Rotwelsch verwandt und wird in der Regel nach dem regional vorherrschenden Dialekt als Zweitsprache erlernt. Nach den Umerziehungsmassnahmen, welche die Sprechtradition unterbrochen haben, muss das Jenische oft auch von der nun älteren Generation wieder neu erlernt werden. Vergleichbare Soziolekte entstanden auch in anderen europäischen Wandergruppen.

Quellen und Literatur

  • F. Kluge, Rotwelsch, 1901
  • T. Huonker, Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt, 1987
  • C. Meyer, "Unkraut der Landstrasse", 1988
  • M.-L. Zürcher-Berther, Fahrende unter Sesshaften, 1988
  • W. Leimgruber et al., Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse, 1998
  • T.D. Meier, R. Wolfensberger, "Eine Heimat und doch keine", 1998
  • Veröff. UEK 23
  • H. Roth, Jen. Wb., 2001
  • J., Sinti und Roma in der Schweiz, hg. von H. Kanyar Becker, 2003
  • S. Galle, T. Meier, «Stigmatisieren, Diskriminieren, Kriminalisieren. Zur Assimilation der jen. Minderheit in der modernen Schweiz», in Kriminalisieren – Normalisieren, hg. von C. Opitz et al., 2006
Weblinks

Zitiervorschlag

Hansjörg Roth: "Jenische", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 08.03.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008247/2010-03-08/, konsultiert am 16.05.2022.