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Anthropologie

Das Kunstwort Anthropologie ("Lehre vom Menschen") ist die Bezeichnung für drei sehr heterogene Denkrichtungen: 1. für naturwissenschaftliche Disziplinen, die sich mit Entstehung, Entwicklung und Typendifferenzierung der Menschenart befassen und diese morphologisch und physiologisch mit anderen Tierarten vergleichen (nach deutschem Sprachgebrauch auch biologische Anthropologie, physische Anthropologie oder Humanbiologie (Biologie), mit den Zweigen Humangenetik, Konstitutionsforschung, Abstammungslehre, Rassenkunde); 2. für geisteswissenschaftliche Disziplinen, die andere Völker untersuchen, deren Lebensformen und Kulturschemata typologisieren und untereinander sowie mit der eigenen Kultur vergleichen, unter Einbezug aller Bereiche von Kultur und Gesellschaft (u.a. Soziologie, Sozialpsychologie, Völkerkunde, Geschichte, Vorgeschichte, Sprachwissenschaft, Archäologie, Ethnologie); 3. für die philosophische Anthropologie, welche die Forschungsergebnisse der verschiedenen Einzeldisziplinen aufgreift und reflektiert (Philosophie).

Das Manuskript von Alexandre César Chavannes aus dem Jahr 1788 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).
Das Manuskript von Alexandre César Chavannes aus dem Jahr 1788 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).

Eine wissenschaftliche Anthropologie entstand ab dem 16. Jahrhundert, zuerst innerhalb der deutschen Schulphilosophie, dann im 17. und 18. Jahrhundert vorangetrieben von Medizinern, die mit Physik, Anatomie und Physiologie die Tätigkeiten aller "Teile" des Menschen erklären wollten, zum Beispiel Hermann Friedrich Teichmeyer, Schwiegervater von Albrecht von Haller, 1719 in "Elementa anthropologiae". Während sich so in Deutschland die Physische Anthropologie entwickelte, wurde in Frankreich zunächst ein anderer Zweig der Anthropologie kultiviert, nämlich die praktische Menschenkunde (Moralistik), das Weltwissen im Gegensatz zum Schulwissen (z.B. Michel Eyquem de Montaigne, François La Rochefoucauld, Jean de La Bruyère). Richtungweisend für die schweizerische Anthropologie der Aufklärung wurde die natürliche Theologie mit ihren Annahmen über den Offenbarungscharakter der menschlichen Natur. Von herausragender Bedeutung sind Alexandre César Chavannes ("Anthropologie ou Science générale de l'homme" 1788) und Johann Samuel Ith ("Versuch einer Anthropologie, oder Philosophie des Menschen nach seinen körperlichen Anlagen" 1794).

Gegen den Primat der Physiologie in der Anthropologie wandte sich Immanuel Kant. Er unterschied die Anthropologie in "physiologischer" und "pragmatischer" Hinsicht und legte in seinen 1798 publizierten Anthropologie-Vorlesungen das Gewicht auf Menschen- und Weltkenntnis, auf Erfahrungswissen durch Beobachtung, Reisen und Lektüre. Obwohl bei Kant die Anthropologie gegenüber der Ethik peripher blieb, erlebte die Anthropologie – gerade durch den Primat der Physiologie – ab 1800 einen grossen Aufschwung. Häufig von Ärzten entworfen, wurde sie, verstärkt durch die romantische Naturphilosophie, zur Fundamentalphilosophie und Universalwissenschaft schlechthin. Nach den Schriften von Kant und Johann Gottfried Herder, von Chavannes und Ith erschien eine Unzahl einschlägiger Titel und Zeitschriften. 1859 wurde die Société d'Anthropologie de Paris, 1869 die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte gegründet. Von Frankreich aus beeinflusste eine, bereits 1775 von Pierre Roussel in "Système physique et moral de la femme" begründete anthropologische Differenztheorie der Geschlechter die nachfolgenden Anthropologien aller Schattierungen. Nach dem allmählichen Zerfall der Anthropologie als allgemeiner Universalwissenschaft blieb eine biologistische weibliche Sonder-Anthropologie in der Gynäkologie erhalten.

Von Kant über Karl Marx' Feuerbachkritik bis zu Georg Lukács gibt es eine Tradition geschichtsphilosophischer Anthropologie-Kritik. Neubegründungen der Anthropologie erfolgten deshalb im Zeichen einer Absage an die Geschichtsphilosophie, so im deutschen Sprachraum in den 1920er Jahren durch Max Scheler und Helmuth Plessner. Im französischen Sprachraum waren es zunächst Versuche von Jean-Paul Sartre und anderen, dem historischen Materialismus eine anthropologische Basis zu verleihen. In Verbindung mit der Ethnologie entstand die strukturale Anthropologie von Claude Lévi-Strauss mit der Präferenz für synchrone Strukturforschung. Mittlerweile gibt es Anthropologien in Verbindung mit diversen Einzelwissenschaften, unter anderem pädagogische Anthropologie, theologische Anthropologie oder historische Anthropologie. Letztere hat als interdisziplinäre Verknüpfung von Anthropologie und Geschichtswissenschaft zu neuen Fragestellungen, Ansätzen und Erkenntnissen geführt, vor allem in verschiedenen Gebieten der Sozialgeschichte (Lebensformen, Wahrnehmungsmuster, Handlungsweisen usw.). Die heutige Anthropologie umfasst vermehrt auch das Studium der menschlichen Kultur (Kultur-Anthropologie), wobei das Verhältnis zwischen diachronischen Verläufen und der "immergleichen Menschennatur" sowie den daraus abgeleiteten Zwängen zu kompensatorischen Kulturleistungen nach wie vor ungeklärt erscheint.

1899 wurde an der Universität Zürich ein Lehrstuhl für physische Anthropologie geschaffen. In seiner Antrittsvorlesung definierte Rudolf Martin die Anthropologie als gesamten Formenkreis der menschlichen Varietäten in räumlicher (Rassenkunde, Genetik) und zeitlicher (Abstammungsgeschichte, Primatologie) Ausdehnung; er siedelte das Fach damit in der Biologie an. Unter ihm wurden standardisierte Methoden und Messinstrumente zur Anthropometrie entwickelt, sein "Lehrbuch der Anthropologie" (1914) wirkte schulebildend. In den Veröffentlichungen seines Nachfolgers Otto Schlaginhaufen über die von ihm geleiteten Rekrutenvermessungen wurde der Bezug dieser Anthropologie zur Rassenbiologie und Rassenhygiene explizit und unmissverständlich. Schlaginhaufen war massgeblich an der Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für Anthropologie und Ethnologie (1920) sowie der Julius-Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozial-Anthropologie und Rassenhygiene (1921) beteiligt. Sein Nachfolger Adolf Hans Schultz gilt als Mitbegründer der Primatologie. Er baute dieses Fach an der philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich auf und erweiterte es um andere Forschungsgebiete wie Stammesgeschichte, Bevölkerungsbiologie sowie Wachstum und Genetik des Menschen. An den Universitäten Basel und Bern hat die Anthropologie nie eine Institutionalisierung erfahren.

In der französischsprachigen Schweiz war die biologische Anthropologie schon früh eng mit der Prähistorie und Ethnographie verbunden gewesen. Eugène Pittard gründete 1901 in Genf das Musée d'Ethnographie. 1916 erhielt er eine Professur. 1939 wurde in dem Museum ein Laboratoire d'Anthropologie eingerichtet, aus dem das heutige Département d'Anthropologie hervorging. Pittard's Nachfolger, Marc-Rodolphe Sauter, legte noch zusätzliches Gewicht auf die Forschungsgebiete Populationsbiologie und Prähistorie und regte auch weiterführende populationsgenetische Forschungen an.

Anthropologisch-geisteswissenschaftliche Konzepte werden seit den 1980er Jahren in ethnologischen, historischen und anderen Instituten der schweizerischen Universitäten rezipiert. An der Universität Lausanne wird eine soziologienahe Anthropologie sociale als eigenständiges Fach gelehrt.

Die philosophische Anthropologie in der Schweiz war verschiedenen Ansätzen verpflichtet. Die Vertreter der von Edmund Husserl begründeten und von Martin Heidegger weiterentwickelten Phänomenologie waren vor allem psychologisch und psychoanalytisch geschulte Philosophen wie Ludwig Binswanger, der Begründer der Daseinsanalyse, Medard Boss, Hans Kunz, Günther Bally und Wilhelm Keller. Eine ontologisch-apriorische Philosophie vertrat Paul Häberlin, während eine theologisch, vor allem neuthomistisch geprägte Anthropologie an der Universität Freiburg, unter anderen von Norbert Luyten, gepflegt wurde.

Die schweizerischen Anthropologinnen und Anthropologen sind in der Schweizerischen Gesellschaft für Anthropologie organisiert, die den "Anthropologischen Anzeiger" herausgibt. Seit 1984 besteht die Arbeitsgemeinschaft Historische Anthropologie in der Schweiz (AGHAS), welche das bei archäologischen Grabungen geborgene Material wissenschaftlich auswertet.

Quellen und Literatur

  • W.E. Mühlmann, Gesch. der Anthropologie, 1948
  • O. Marquard, «Zur Gesch. des philosoph. Begriffs Anthropologie seit dem Ende des 18. Jh.», in Collegium philosophicum, 1965
  • F. Hartmann, Ärztl. Anthropologie, 1973
  • W. Lepenies, Soziolog. Anthropologie, 1977
  • H.-K. Schmutz, «Die Gründung des Zürcher Lehrstuhls für Anthropologie», in Gesnerus 40, 1983, 167-173
  • J. Schulte-Tenckhoff, La vue portée au loin, 1985
  • R. Bay, «Hist. Entwicklung der Anthropologie in Basel», in Anthropolog. Anz. 44, 1986, 299-303
  • P.-A. Gloor, «Anthropologie en Suisse Romande», in Anthropolog. Anz. 44, 1986, 305-313
  • C. Honegger, Die Ordnung der Geschlechter, 1991 (31996)
  • A. Schnyder-Burghartz, Alltag und Lebensformen auf der Basler Landschaft um 1700, 1992, v.a. 15-24
Weblinks

Zitiervorschlag

Claudia Honegger: "Anthropologie", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 22.08.2002. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008252/2002-08-22/, konsultiert am 09.12.2022.