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Orientalistik

Orientalistik ist eine Sammelbezeichnung für die Erforschung der Sprachen und Kulturen des Orients, d.h. Asiens und der angrenzenden Gebiete (v.a. Afrika). Sie gliedert sich in zahlreiche Einzeldisziplinen wie Ägyptologie, Arabistik, Indologie, Iranistik, Islamwissenschaft, Semitistik und Turkologie. Orientalistik wurde seit jeher fast ausschliesslich an Universitäten vermittelt, in der Schweiz ab dem 19. Jahrhundert als selbstständiges Fach der philosophisch-historischen Fakultät. Zuvor waren Studien der orientalischen Sprachen und Literaturen (v.a. Hebräisch und Arabisch) meist im Rahmen der Theologie betrieben worden. Gelehrte wie Theodor Bibliander, Wolfgang Musculus, verschiedene Mitglieder der Familie Buxtorf und Johann Heinrich Hottinger sind auch für die europäische Geschichte der Orientalistik von Bedeutung.

Erste Seite einer arabischen Handschrift mit den vorangestellten Anmerkungen des Orientalisten Jean Humbert (Bibliothèque de Genève, Ms. o. 18, Fol. 1-2).
Erste Seite einer arabischen Handschrift mit den vorangestellten Anmerkungen des Orientalisten Jean Humbert (Bibliothèque de Genève, Ms. o. 18, Fol. 1-2). […]

Die früheste Berufung eines Honorarprofessors für Arabisch erfolgte 1820 an der Akademie von Genf mit der Ernennung von Jean Humbert. Seither liegt das Hauptgewicht an der Genfer Hochschule auf den arabischen Studien. Bedeutende Westschweizer Orientalisten des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren Edouard Montet, Etienne Combe und Max van Berchem, der Begründer der arabischen Epigrafik. Die neuere Generation wird von Simon Jargy und Charles Genequand vertreten. In Lausanne wurde 1949 von Constantin Regamey eine indologische Abteilung begründet.

In Basel war Albert Socin 1871-1873 der Erste, der orientalische Sprachen an der philosophisch-historischen Fakultät lehrte. Eigentlicher Begründer der Basler Orientalistik wurde Adam Mez. Unter Friedrich Schulthess kam es 1919 zur Gründung des orientalischen Seminars. Auf Schulthess folgten Rudolf Tschudi, Fritz Meier und Gregor Schoeler. Die Semitistik wurde unter anderen von Walter Baumgartner und Ernst Jenni im Rahmen der theologischen Fakultät betrieben. Eine kurze Blütezeit erlebte die Indologie unter Alfred Bloch.

1858 wurde in Bern Aloys Sprenger zum Honorarprofessor für Orientalistik ernannt. Ab 1897 vertrat Eduard Müller-Hess sowohl die orientalischen Sprachen als auch die englische Philologie. Ein semitisches Seminar wurde 1907 für Karl Marti eingerichtet (bis 1925). Johann Jakob Stamm von der evangelisch-theologischen Fakultät versah ab 1960 einen Lehrauftrag für semitische Sprachen. 1961 wurde das Seminar für Semitistik in orientalisches Seminar umbenannt und 1970 in eine islamwissenschaftliche und eine altorientalische Abteilung aufgeteilt (ab 1983 zwei eigene Seminarien bzw. Institute). Seit 1998 existiert selbstständig nur noch das Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie. Johann Christoph Bürgel war 1970-1995 der Vertreter der Islamwissenschaft; sein Nachfolger war Reinhard Schulze.

In Zürich wurde Johann Jakob Hess 1918 auf ein Extraordinariat für «lebende orientalische Sprachen und islamitische Kulturen» berufen. Neben ihm wirkte bis 1922 Rudolf Tschudi. 1944-1973 unterrichtete Ludwig Forrer Türkisch und osmanische Geschichte. Heinrich Suter war Spezialist für arabische Mathematik und Astronomie. Ab 1945 bildete die arabische Kultur in Spanien einen Schwerpunkt der Zürcher Orientalistik. 1957 erfolgte die Berufung von Cesar E. Dubler, der 1959 die Gründung einer orientalistischen Bibliothek anregte, aus der das orientalische Seminar hervorging. Dort wirkte ab 1969 Benedikt Reinert, 1999 gefolgt von Ulrich Rudolph. Ausserdem gab es in Zürich ab 1856 eine Professur für Sanskrit und vergleichende Sprachforschung. Heinrich Schweizer lehrte Sanskrit als Teilbereich der Indogermanistik, betrieb aber auch indische Studien. Später waren die Indologen Emil Abegg und Paul Horsch in Zürich tätig, ab 1989 Peter Schreiner. Orientalistische Studien wurden und werden auch an den religionswissenschaftlichen Instituten der Universität Bern, Freiburg, Lausanne und Zürich betrieben.

Die Schweizerische Asiengesellschaft ist 1991 aus der 1939 gegründeten Schweizerischen Gesellschaft der Freunde ostasiatischer Kultur hervorgegangen. Diese wurde 1947 in Schweizerische Gesellschaft für Asienkunde umbenannt und gab im selben Jahr erstmals eine wissenschaftliche Zeitschrift («Asiatische Studien») heraus. Spezifischer islamwissenschaftlich ausgerichtet ist die 1990 gegründete Schweizerische Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen, die ebenfalls eine eigene Publikationsreihe herausgibt. Von Bedeutung sind auch Museen und Sammlungen, etwa das Museum Rietberg in Zürich (1952 eröffnet, mit eigenem Verlag) mit seiner wichtigen Sammlung aussereuropäischer Kunst, die Fondation Max van Berchem in Genf (1973 gegründet) und die Abegg-Stiftung in Riggisberg (1961 gegründet) mit dem Sammlungsschwerpunkt Textilien. Der umfangreichste Bestand orientalischer Handschriften befindet sich in der Öffentlichen Bibliothek der Universität Basel. Die Donation Pierre Centlivres et Micheline Centlivres-Demont in der Bibliothèque cantonale et universitaire in Lausanne umfasst unter anderem eine reiche Sammlung populärer orientalischer Bildkunst.

Quellen und Literatur

  • J. Fück, Die arab. Stud. in Europa bis in den Anfang des 20. Jh., 1955
  • A. Louca, «Arabisants de Genève», in Les Musées de Genève, 1969, Nr. 91, 4-9
  • Die Sprachwissenschaft in Basel 1874-1999, hg. von R. Wachter, 2002
  • A. Louca, E. von der Schmitt, Catalogue des manuscrits orientaux de la Bibliothèque publique et universitaire, Genève, 2005
Weblinks

Zitiervorschlag

Renate Würsch: "Orientalistik", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.05.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008279/2010-05-06/, konsultiert am 11.08.2022.