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Pädagogik

Erziehungswissenschaften

Pädagogik bezeichnet die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Theorie und Praxis der Erziehung befasst. Pädagogisches Denken, das bereits in der griechischen Philosophie und der römischen Stoa eine Rolle spielte, erlebte aufgrund der Vorstellung von der Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen vor allem in der Aufklärung einen grossen Aufschwung. Entscheidende Anregungen gingen dabei von Jean-Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi aus, deren Werke die pädagogische Diskussion weltweit beeinflussten.

Umschlagbild der von Mina Audemars und Louise Lafendel publizierten Begleitbroschüre zum Spiel Nouveau jeu de surfaces, 1919 (Privatsammlung; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Umschlagbild der von Mina Audemars und Louise Lafendel publizierten Begleitbroschüre zum Spiel Nouveau jeu de surfaces, 1919 (Privatsammlung; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Vor der Schaffung spezifischer Professuren unterrichteten die für Pädagogik zuständigen Hochschullehrer vorwiegend Philosophie. Pädogogik wurde, in der Regel für angehende Gymnasiallehrer, lediglich nebenamtlich unterrichtet (Lehrer). Ab 1870 richteten die philosophischen Fakultäten der Universitäten Basel, Bern, Zürich und Genf die ersten Lehrstühle ein, welche die Pädagogik explizit in ihrem Curriculum führten. Damit begann die Verankerung der Pädagogik als eigenständige Disziplin mit wissenschaftlichem Anspruch. Die ersten Lehrstuhlinhaber lehrten indessen oft noch eine stark philosophisch geprägte Pädagogik. Allmählich gewann die Disziplin ein von der Pädagogik der Lehrerseminare unterscheidbares Profil, obwohl sich unter den Lehrstuhlinhabern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch ehemalige Seminardirektoren befanden. Die Etablierung der universitären Pädagogik zwischen 1870 und 1970 erfolgte über unterschiedliche Lehrstuhlkombinationen: Extraordinariate anderer Fächer, die Pädagogik beinhalteten, Extraordinariate in Pädagogik, Ordinariate anderer Fächer, die Pädagogik enthielten, Lehrstühle für Pädagogik. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg löste sich die Pädagogik von der Philosophie. In den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts orientierten sich die Lehrstühle der Pädagogik in Bern, Freiburg und Zürich an der pädagogischen Psychologie, in St. Gallen an der Wirtschaftspädagogik. In der französischen Schweiz war die Spezialisierung der Disziplin weiter fortgeschritten, führte man doch in Genf autonome pädagogische Lehrstühle bereits 1890 ein, ergänzt um einen Lehrstuhl für Experimentelle Pädagogik dreissig Jahre danach. Aus unterschiedlichen institutionellen, wissenschaftlichen und schulpolitischen Kontexten entwickelte sich vor allem in Genf im Gefolge der Forschungen Jean Piagets eine entwicklungspsychologische Schule, während sich die aus der geisteswissenschaftlichen Tradition stammende systematisch-historische Pädagogik der deutschen Schweiz – nicht zuletzt aufgrund der Einflüsse der Geschichtswissenschaft und der historischen Sozialwissenschaft – auch real-, mentalitäts- und institutionengeschichtlich ausrichtete.

Ab den 1990er Jahren fand die akademische Lehrerbildung weitgehend an den neu eingerichteten Pädagogischen Hochschulen statt (Fachhochschulen), während die Pädagogik an den Universitäten Basel (ab 2009), Bern, Freiburg, Genf sowie Zürich als Hauptfach und an der Universität Neuenburg als Nebenfach gelehrt wurde. Freiburg bot einen Hauptfach-Studiengang Heilpädagogik an (in Genf éducation spéciale innerhalb des Hauptfachs). In Zürich war Sonderpädagogik als Nebenfach vertreten, während die Universität Basel ein Diplom in Spezieller Pädagogik vergab und Neuenburg eine Ausbildung zur Therapie von Sprach- und Artikulationsstörungen anbot. Nachdiplomstudiengänge in Pädagogik fanden sich an den Hochschulen der französischen Schweiz. Im Wintersemester 1992-1993 studierten an den Universitäten 2264 Personen Pädagogik, betreut von rund 30 Professoren der Pädagogik und sechs Professoren der Sonderpädagogik. 2002-2003 studierten 2077, 2007-2008 2745 Personen universitäre Pädagogik, bei durchschnittlich 90 Abschlüssen pro Jahr seit 1991. Der Frauenanteil stieg zwischen 1991 und 2007 von 64 auf 70%. 2007 waren im Fach Sonderpädagogik 843 Studenten eingeschrieben, davon 766 Frauen.

Quellen und Literatur

  • Hofstetter, Rita; Schneuwly, Bernard (Hg.): Erziehungswissenschaft(en) 19.-20. Jahrhundert. Zwischen Profession und Disziplin, 2002, S. 79-97, 425-453.
  • Hofstetter, Rita; Schneuwly, Bernard (Hg.): Emergence des sciences de l'éducation en Suisse à la croisée de traditions académiques contrastées. Fin du 19e-première moitié du 20e siècle, 2007.

Zitiervorschlag

Grunder, Hans-Ulrich: "Pädagogik", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.09.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008281/2020-09-16/, konsultiert am 02.12.2020.