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Pharmazie

Die P. befasst sich mit der Herstellung von Arzneimitteln, mit deren Eigenschaften, Analyse, Prüfung und Vertrieb. Im Früh- und HochMA wurde die Arzneimittelherstellung in Europa von Ärzten oder anderen Heilpersonen als Teilgebiet der Heilkunde betrieben. Ab dem 11. Jh. fanden Rezepturen aus dem arabischen Raum Eingang in die Arzneimittelkunde (Heilkräuter). Die Entstehung der P. geht auf die 1231 von Ks. Friedrich II. erlassene Konstitution von Melfi bzw. die um 1241 von ihm erlassene Medizinalordnung zurück. Diese schrieb die obrigkeitl. Kontrolle über die Apotheker vor, die Verwendung eines Arzneibuches und einer Gebührenordnung sowie die Trennung der ärztl. und pharmazeut. Tätigkeiten.

Im Gebiet der Schweiz sind erste Apotheker um 1270 in Basel und Genf bezeugt. Als erstes pharmazeut. Reglement gilt der Basler Apotheker-Eid, der in der Zeit von Bürgermeister Thüring Marschalk (1271-1322) erlassen wurde und auch in dessen Amtszeit, vermutlich zwischen 1309 und 1321, abgefasst wurde. Innert kurzer Zeit wurden in den grössten Schweizer Städten Ordnungen erlassen, welche die Tätigkeiten der Apotheker festlegten. Sie enthielten Weisungen über die Ausbildung und forderten die Trennung der Berufe der Apotheker und Ärzte, das Benützen offizieller pharmazeut. Formelsammlungen, z.B. der salernitanischen "Antidotarium Nicolai", die Inspektionen der Offizinen und das Einhalten fester Medikamentenpreise. Anders als die Apotheker in Basel und Bern waren jene in Zürich und Genf nicht nur Angehörige der Heilberufe, sondern nahmen auch einen wichtigen Platz im Grosshandel ein und spielten eine zentrale Rolle im wirtschaftl. und polit. Leben. Bis gegen Ende des 15. Jh. organisierten sie sich mit anderen Berufsleuten in Zünften (in Basel und Zürich in der Safranzunft). Die Ausbildung verlief im Rahmen des handwerkl. Zunftwesens, wobei die Obrigkeit die Zulassung zur Berufsausübung erteilte. In der Renaissance und in den folgenden Jahrhunderten wurde der Arzneischatz gründlich umgewälzt, was auch die Institution der Apotheke festigte. Mit den erstmals in Europa eingeführten amerikan. Pflanzen, wie z.B. Guajak, entstanden durch die Erneuerung der Botanik verschiedene Herbarien, u.a. von Otto Brunfels, Leonard Fuchs und Hieronymus Bock. Zudem wurden - angeregt durch die Theorien von Paracelsus und seinen Anhängern - neue, spagyrische Medikamente eingesetzt. In der Aufklärung entledigte sich die Therapie der polypharmazeut. Praxis sowie der zahlreichen obsoleten Produkte, was in der Schweiz in zwei Arzneibüchern Ausdruck fand, der Basler "Pharmacopoea Helvetica" von 1771 mit einem Vorwort von Albrecht von Haller und der um 1780 erschienenen "Pharmacopoea Genevensis".

Im Zuge der Diversifizierung der Wissenschaften im 19. Jh. gehörten zahlreiche Apotheker - z.B. der Genfer Henri-Albert Gosse - zu den Gründern von Gelehrten Gesellschaften naturwissenschaftl. Ausrichtung. Die ersten kant. Berufsverbände und der von Ernst Friedrich Theodor Hübschmann 1843 gegründete Schweiz. Apothekerverein ersetzten die Zünfte. Im 19. Jh. erfuhr das Berufsbild des Apothekers durch die Einbindung der P. in die Universitäten eine Veränderung. Bis 1877 ergänzten einige Vorlesungen in Arzneikunde, Botanik und Chemie die handwerkl. Ausbildung. Dann schrieb das Bundesgesetz betreffend die Freizügigkeit des Medizinalpersonals für die Apotheker eine akadem. Ausbildung vor. Wichtige Hochschullehrer wie Friedrich August Flückiger und Alexander Tschirch in Bern, Carl Hartwich in Zürich und Robert Chodat in Genf erlangten einen internat. Ruf durch ihre pharmakognost. und botan. Arbeiten. Ebenfalls im 19. Jh. wanderten viele dt. Apotheker in die Schweiz ein, übten wichtige Funktionen an den Hochschulen aus und prägten die Berufspolitik. Die "Pharmacopoea Helvetica" von 1865 traten an die Stelle der oft benützten dt. und franz. Arzneibücher und der kant. Formularien. Seit 1964 nimmt die Schweiz an der Bearbeitung der "Pharmacopoea Europea" teil. 1989 untermauerte ein eidg. Pharmakopöegesetz den offiziellen Charakter des Schweiz. Arzneibuches. Ab 2003 gelten die 4. Ausgabe der "Europ. Pharmakopöe" und die 9. Ausgabe der "Schweiz. Pharmakopöe".

Mit den ersten synthet. Medikamenten und dem damit verbundenen Aufstieg der pharmazeut. Industrie (Chemische Industrie) ersetzten die Fertigarzneimittel ab Ende des 19. Jh. allmählich die in der Offizin hergestellten Medikamente. Der Apotheker wandelte sich vom Hersteller zum spezialisierten, wissenschaftlich ausgebildeten Berater. Pharmazeut. Institute wurden kurz vor und nach 1900 an den Univ. Zürich, Basel, Bern, Lausanne und Genf gegründet. Das Pharmazeut. Institut der Univ. Bern wurde 1996 geschlossen. Zu Beginn des 20. Jh. studierten die ersten Frauen P. Ihr Anteil stieg rasch an und erreichte um 1940 rund 50%. 2001 wurden insgesamt 145 Studienabschlüsse in P. verzeichnet.

Die Grundsätze der Verfassung von 1848 erlaubten eine Liberalisierung des Gesundheitswesens und führten dazu, dass die Abgabe von Arzneimitteln durch Ärzte in einigen Kantonen weniger restriktiv gehandhabt wurde, was im Vergleich zu anderen europ. Ländern eine schweiz. Eigenheit darstellt. Dies löste in der Deutschschweiz zwischen Ärzten und Apothekern einen Streit um die Selbstdispensation (Abgabe von Medikamenten in der Arztpraxis) aus, der noch nicht abgeschlossen ist. Die Zulassung neuer Medikamente unterstand der 1900 gegründeten Interkant. Kontrollstelle für Heilmittel. Diese nahm auch die Einteilung der Medikamente in rezeptpflichtige und rezeptfreie Heilmittel vor und war somit mitverantwortlich für die Abgabekontrolle. Versch. Medikamente unterstehen dem 1924 in Kraft getretenen ersten eidg. Betäubungsmittelgesetz. Seit 2002 ist das neue Heilmittelgesetz, welches das Pharmakopöegesetz ablöste, in Kraft. Dessen Vollzug überwachen die Kantone und das Schweiz. Heilmittelinstitut Swissmedic, das zu diesem Zweck aus der früheren Kontrollstelle und der Facheinheit Heilmittel des Bundesamts für Gesundheit gebildet worden ist.

Quellen und Literatur

  • J.A. Häfliger, Gesch. der ersten 100 Jahre des Schweiz. Apotheker-Vereins, 1946
  • R. Ebnöther, H. Keller, Bibl. zur Schweizer Pharmaziegesch., 1992
  • Fs. zum 150jährigen Bestehen des Schweiz. Apothekervereins, hg. von F. Ledermann, 1993
  • R. Schmitz, Gesch. der P. 1, 1998
  • A. Dolivo, La pharmacie vaudoise au temps de la prépondérance radicale 1845-1945, 2000
  • M. Kessler et al., Strömung, Kraft und Nebenwirkung, 2002