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Altertumswissenschaften

Die Altertumswissenschaften befassen sich mit den antiken Kulturen im und um den Mittelmeerraum. Einbezogen ist insbesondere die Geschichte des Alten Orients und Ägyptens. Untersucht wird der Zeitraum vom Beginn des 3. Jahrtausends v.Chr. bis zum 7. Jahrhundert n.Chr., was Byzanz betrifft auch weiter bis ans Ende des Mittelalters, hinsichtlich der Rezeption und Wirkung der Antike sogar bis hinein in die Gegenwart. Als Kerndisziplinen gelten Anfang des 21. Jahrhunderts: griechische Sprache und Literatur, lateineinische Sprache und Literatur (Latein, Philologie), alte Geschichte, Archäologie, Byzantinistik, antike Religionsgeschichte und antike Philosophie. Mit den genannten Gebieten überschneiden sich die Orientalistik, die Ägyptologie, Mittel- und Neulatein, Indogermanistik und vergleichende Sprachwissenschaft, Kirchengeschichte, Ur- und Frühgeschichte sowie römisches Recht.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es an den Universitäten Genf (Département des sciences de l'Antiquité), Lausanne (Institut d'archéologie et des sciences de l'Antiquité ), Basel (Departement Altertumswissenschaften) und Freiburg (Institut für Altertumswissenschaften und Byzantinistik) Facheinheiten für Altertumswissenschaften. Daneben finden sich weitere Studiengänge in Zürich, Bern und Neuenburg. Die einzelnen Universitäten bieten unterschiedliche Schwerpunkte an. 2002 wurde die Ecole doctorale en science de l'Antiquité gegründet, welche seit 2007 die vier Westschweizer Universitäten vereint. Die Erforschung der antiken Hinterlassenschaft auf schweizerischem Gebiet wird wesentlich durch die kantonalen archäologischen Ämter getragen. Gegenwärtig laufen drei archäologische Projekte im Mittelmeerraum bereits über mehrere Jahrzehnte: Eretria (Euböa, Schweizerische Archäologische Schule Griechenland), Paphos (Zypern, Universität Zürich und Deutsches archäologisches Institut) und Monte Iato (Sizilien, Universität Zürich). Seit 1986 wirkt eine Schweizerisch-Liechtensteinische Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland. Internationale Ausstrahlung haben die regelmässigen Tagungen der Fondation Hardt (Vandœuvres, bedeutende Bibliothek), gegründet 1969, und seit 1987 auch die Colloquia Raurica. Bemerkenswert sind eine Reihe von Sammlungen für Handschriften, Papyri und frühe Drucke (Martin-Bodmer-Stiftung in Cologny, Öffentliche Bibliothek Basel, Burgerbibliothek Bern, Stiftsbibliotheken St. Gallen, Einsiedeln und Engelberg), für Archäologisches (Römermuseum Augst, Musée Romain d'Avenches, Antikenmuseum und Sammlung Ludwig Basel, Landesmuseum Zürich), für Numismatik (Münzkabinett Winterthur) und für Textilien (Abegg-Stiftung Riggisberg). Eine besondere Stellung unter den altertumswissenschaftlichen Organisationen nimmt die in den 1930er Jahren entstandene Schweizerische Vereinigung für Altertumswissenschaft (Mitgliedgesellschaft der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften) ein, die promovierten Altertumswissenschaftlern und seit 2011 auch Doktoranden offen steht. Sie gibt das seit 1944 erscheinende "Museum Helveticum: Schweizerische Zeitschrift für klassische Altertumswissenschaft" heraus, welches ein breites fachliches Spektrum zwischen Philologe und Althistorie abdeckt.

Basel war das frühe und europäisch bedeutende Zentrum der Beschäftigung mit dem Altertum, was zuerst weniger auf seine Universität (gegründet 1460) als vielmehr auf seinen Kreis hervorragender Humanisten und Buchdrucker zurückzuführen ist. Zahlreiche wichtige Editionen antiker Texte wurden in Basel besorgt und gedruckt. Neben dem herausragenden Erasmus von Rotterdam leisteten vielseitige Gelehrte wie Johannes Reuchlin, Beatus Rhenanus, der Hebraist Johannes Buxtorf oder die Juristen Bonifacius und Basilius Amerbach Pionierarbeit. Die Auswertung von Inschriften (so bei Aegidius Tschudi) oder archäologische Forschungen (z.B. in Augst) haben in dieser Zeit ansatzweise ihre Ursprünge.

Die im Gefolge der Reformation in Zürich, Bern, Lausanne und Genf entstandenen Akademien wandten sich dem Altertum über die alten Sprachen zu. Teilweise beschäftigte man sich mit der Antike auch an Lehrstühlen der Rhetorik und Eloquenz, des Rechts und der Theologie. Genf und seine Akademie waren im 16.-17. Jahrhundert für die bedeutenden Philologen Joseph Justus Scaliger und Isaac Casaubon, den Philologen und Buchdrucker Henri Estienne sowie für den Juristen Jacques Godefroy Station, Lausanne wurde im 18. Jahrhundert wiederholt von Edward Gibbon besucht.

Porträt des Genfer Ägyptologen Edouard Naville. Zeichnung von Oscar Lazar, um 1920 (Privatsammlung; Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Porträt des Genfer Ägyptologen Edouard Naville. Zeichnung von Oscar Lazar, um 1920 (Privatsammlung; Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).

Eine gewaltige Erweiterung der Altertumswissenschaften setzte im 19. Jahrhundert ein. Die Philologie begann sich neu am Konzept einer umfassenden Altertumskunde zu orientieren. Der Siegeszug der Archäologie schlug unterschiedlich schnell in der Einrichtung von Lehrstühlen durch. Verhältnismässig spät erhielt die alte Geschichte ihre institutionelle Verankerung. In Genf geht die Ägyptologie auf Edouard Naville zurück. Trotz des Trends zur Ausdifferenzierung der universitären Disziplinen blieb für zahlreiche Altertumswissenschaftler die Verbindung ihrer Tätigkeit an der Hochschule mit dem Unterricht an Gymnasien bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine Selbstverständlichkeit. Das grosse öffentliche Interesse am Altertum führte zur Gründung zahlreicher Vereine (z.B. 1832 Antiquarische Gesellschaft in Zürich).

Titelseite der Rektoratsrede des Philologen Jacob Wackernagel, gehalten an der Universität Basel 1890 (Universitätsbibliothek Bern).
Titelseite der Rektoratsrede des Philologen Jacob Wackernagel, gehalten an der Universität Basel 1890 (Universitätsbibliothek Bern).

Einige der bekanntesten Gelehrten der Altertumswissenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts wie Hermann Usener, Theodor Mommsen, Friedrich Nietzsche und Werner Jaeger finden wir für kurze Zeit in der Schweiz, bis zu seinem Lebensende Franz Camille Overbeck. Daneben zu verzeichnen sind berühmt gewordene schweizerische Namen wie Johann Jakob Bachofen, Jacob Burckhardt, Karl Meuli, Max Niedermann oder Jacob Wackernagel.

Quellen und Literatur

  • J. Wackernagel, Das Stud. des klass. Altertums in der Schweiz, 1891
  • A. Bielman, Histoire de l'histoire ancienne et de l'archéologie à l'Université de Lausanne (1537-1987), 1987
  • J.P. Borle, Le latin à l'Académie de Lausanne du XVIe au XXe siècle, 1987
  • W. Burkert, «Schweiz: Die klass. Philologie», in La filologia greca e latina nel secolo XX, 1989, 75-127
  • M. Billerbeck, I. Bosoppi Käser, Grundlagenber. für die Altertumswissenschaften, 1996
  • Hist. de l'Univ. de Neuchâtel 3, 2002, 335-358
  • Der neue Pauly 15/2, 2003, 1120-1156
  • Das Seminar für Alte Gesch. in Basel, 1934-2007, hg. von L. Burckhardt, [2010]
Weblinks

Zitiervorschlag

Beat Näf: "Altertumswissenschaften", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 12.11.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008288/2012-11-12/, konsultiert am 19.08.2022.