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Soziologie

Soziologie ist die Wissenschaft, welche die Bedingungen und Formen des menschlichen Zusammenlebens untersucht. Auguste Comte prägte den Begriff Soziologie 1824 und verwendete ihn 1839 in seinem Werk «Cours de philosophie positive». Er bezeichnete damit die Wissenschaft von der Gesellschaft, die er zunächst physique sociale nannte. Um 1900 kam es in unterschiedlichen nationalen Kontexten zu ersten Formen der Institutionalisierung und kognitiven Ausarbeitung der Soziologie zu einer eigenständigen Disziplin. Während in den USA mit der Gründung der Universität Chicago 1892 eine frühe akademische Etablierung erfolgte, gelten in Europa Emile Durkheim, Georg Simmel, Max Weber, Ferdinand Tönnies und Vilfredo Pareto als Begründer der Soziologie.

Auch in der Schweiz entstand in dieser Zeit ein grosses Interesse an der Soziologie. 1886 wurde in Genf die philosophische Fakultät in Faculté des lettres et des sciences sociales umbenannt, an der Louis Wuarin ab 1886 lehrte. 1915 kam es zur Schaffung der Faculté des sciences économiques et sociales unter der Leitung von Edgard Milhaud. Nachfolger Wuarins wurde Léonce Duprat, der auch am siebten Internationalen Kongress für Soziologie in Bern beteiligt war. Auf Duprat folgte Jean Piaget, der zeitweise auch die Soziologie in Lausanne betreute, wo zuvor Pareto gelehrt hatte. In Bern setzte der progressive Erziehungsdirektor Albert Gobat gegen den Widerstand der Philosophischen Fakultät 1891 die Berufung des Philosophen Ludwig Stein durch, der in der Folgezeit regelmässig soziologische Vorlesungen hielt. Auch an anderen Universitäten wurde bis 1914 Soziologie gelehrt, dann verschwand sie wieder aus den Lehrplänen, was mit dem Niedergang des progressiven Liberalismus und der «Verschweizerung» von Lehrkörper und Studierenden an den Universitäten erklärt werden kann. Nur in Genf erfuhr die Soziologie einen kontinuierlichen Ausbau, und in Basel überdauerte sie die Zwischenkriegszeit in der Tradition der Staatswissenschaften, zunächst von Robert Michels betreut, ab 1927 vom Wirtschaftsprofessor Edgar Salin und später von Karl Jaspers und Heinrich Popitz.

Auf das Wintersemester 1953-1954 wurde an der Universität Bern für Richard Fritz Behrendt die erste ausserordentliche Professur für Staats- und Wirtschaftssoziologie sowie Internationale Wirtschaftsorganisationen geschaffen. Behrendt war massgeblich an der Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (SGS) beteiligt, die sich 1955 von der Schweizerischen Gesellschaft für Statistik und Volkswirtschaft trennte und 1961 in die Schweizerische Gesellschaft für Geisteswissenschaften (heute SAGW) aufgenommen wurde. Deren erster Präsident wurde Roger Girod, der Schüler und Nachfolger Piagets in Genf. Die SGS, der neben Professoren auch zahlreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik angehörten, organisierte in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Kongresse und lancierte wissenschaftspolitische und publizistische Initiativen, die zu einer Professionalisierung und akademischen Etablierung der Soziologie in der Schweiz beitrugen. 1966 erschien der erste Band der Reihe «Soziologische Arbeiten», in dem die gesamte Schweizer Soziologenzunft versammelt war. Im gleichen Jahr wurde für Peter Heintz, einen Schüler René Königs – dieser hatte Zürich 1949 nach einer Kampagne gegen seine Person verlassen –, ein Ordinariat für Soziologie an der Universität Zürich eingerichtet. Er baute das Soziologische Institut auf und übernahm das Präsidium der SGS. 1968 stellte für die Soziologie eine Zerreissprobe dar. Während die Studierendenzahlen rasch anstiegen, galt die Soziologie nun in weiten Kreisen der Öffentlichkeit als politisierte Wissenschaft und als Drahtzieherin der studentischen Proteste. Nach der Publikation des ersten Bands der Reihe «Soziologie in der Schweiz» über die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft kam es 1974 zu einem erneuten Angriff auf das Fach. Dennoch gelang in den 1970er und 1980er Jahren die weitere Verbreitung soziologischer Erkenntnisse: 1975 wurde die «Schweizerische Zeitschrift für Soziologie» gegründet und die Beiträge des Schweizerischen Nationalfonds an soziologische Forschung wurden erhöht. 1989 entstand mit Seismo ein eigener Fachverlag für Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen und auch im universitären Bereich erfolgte ein kontinuierlicher, wenn auch wenig systematischer Ausbau. In den 1990er Jahren führte eine Diskurskoalition mit anderen Sozialwissenschaften zur Lancierung neuer Forschungsprogramme, zur Gründung von Sidos, dem Schweizerischen Informations- und Dokumentationszentrum in Neuenburg (seit 2009 Teil des Schweizer Kompetenzzentrums Sozialwissenschaften Fors an der Universität Lausanne), sowie zu einem gemeinsamen Kongress 1995 in Bern.

Quellen und Literatur

  • J. Coenen-Huther, «Contemporary Sociology in Switzerland», in International Handbook of Contemporary Developments in Sociology, hg. von R.P. Mohan, A.S. Wilke, 1994, 205-224
  • M. Zürcher, Unterbrochene Tradition, 1995
  • C. Honegger, P. Jurt, «Schweiz. Ges. für Soziologie (1955-2005)», in 50 Jahre Schweiz. Ges. für Soziologie, hg. von T.S. Eberle, 2005, 11-82
  • C. Honegger et al., Konkurrierende Deutungen des Sozialen, 2007
Weblinks

Zitiervorschlag

Claudia Honegger: "Soziologie", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.01.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008291/2012-01-06/, konsultiert am 29.11.2022.