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Zoologie

Unter der Z. als Teilgebiet der Biologie wird die Wissenschaft von den tier. Lebewesen verstanden. Zur klass. Z. gehören die Paläozoologie, Zoogeografie, Anatomie, Funktionsmorphologie, Physiologie, Embryologie, Ethologie, Stammesgeschichte und Spezielle Z., die sich mit der Entstehung der Artenvielfalt, deren ökolog. Einfügung und der Systematik befasst. Bis in die 1970er Jahre hinein bestanden an allen Universitäten und an der ETH Zürich Zoolog. Institute. Nach 1970 setzte eine Umgruppierung von Teildisziplinen wie der Genetik, Molekularbiologie, Proteonics und Systembiologie ein, die sich mit fächerübergreifenden Themen beschäftigen, sowie deren Integration in instituts- oder gar hochschulübergreifende Kompetenzzentren. Ältestes und bekanntestes dieser Zentren ist das 1971 gegr. Biozentrum der Univ. Basel.

Die Gemse. Eine der Ansichten aus dem Werk Das Thierleben der Alpenwelt von Friedrich von Tschudi, 1853 erschienen in Leipzig (Schweizerische Nationalbibliothek).
Die Gemse. Eine der Ansichten aus dem Werk Das Thierleben der Alpenwelt von Friedrich von Tschudi, 1853 erschienen in Leipzig (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Als Begründer der Z. in der Schweiz korrespondierte der Zürcher Universalgelehrte Konrad Gessner mit den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, v.a. mit Guillaume Rondelet in Montpellier, Pierre Belon in Paris und William Turner in London, die ihn mit Informationen und Belegmaterial von Tieren aus den neu entdeckten Kontinenten und aus Afrika versorgten. Gessner schuf mit der vierbändigen "Historia animalium" (1551-58) das bis ins späte 17. Jh. hinein tierkundl. Referenzwerk. Seine Angaben über Verbreitung, lokales Auftreten und Lebensraum europ. Tierarten erweisen sich als zuverlässige Eichdaten für faunist. und umweltrelevante Veränderungen in den letzten 500 Jahren. Im 18. Jh. waren v.a. Albrecht von Hallers physiolog. Arbeiten sowie Charles Bonnets Entdeckung der Parthenogenese bei Blattläusen und seine Studien zur Regenerationsfähigkeit der Würmer bedeutsam. Ebenso profilierte sich Abraham Trembley als Pionier der experimentellen Entwicklungszoologie. Er führte am Süsswasserpolypen Transplantationsexperimente durch. Louis Agassiz wandte sich im Verlauf seiner Forschertätigkeit der Rezentzoologie zu und führte 1848 die Z. als Fachgebiet an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) ein. Das von ihm dort gegr. Museum of Comparative Zoology wurde unter dem Namen Agassiz-Museum weltbekannt. Einer seiner Mitarbeiter war Carl Vogt, ab 1852 Prof. an der Akademie bzw. Univ. Genf. Vogt förderte die Ichthyologie (Fischkunde) und wurde mit seinen Schriften und Vorträgen ein Wegbereiter der Evolutionslehre. Für die europaweite Verbreitung zoolog. Kenntnisse sorgten u.a. Heinrich Rudolf Schinz mit seiner illustrierten "Naturgeschichte und Abbildungen der Menschen und der Säugethiere [...]" (1827, 2. Auflage 1840) und Friedrich von Tschudi mit seinem populären "Thierleben der Alpenwelt" (1853). Wichtige Beiträge zur Embryologie und vergleichenden Anatomie leistete in der 1. Hälfte des 19. Jh. Lorenz Oken. Mit ihren anatom., histolog. und embryolog. Forschungen traten im 19. Jh. Albert Kölliker und Wilhelm His hervor. Einer der produktivsten Forscher war der ab 1875 am Eidg. Polytechnikum Zürich wirkende Conrad Keller. Er erforschte Evolutionsphänomene wie die Mimikry und widmete sich der Meeresbiologie. Den grössten Erfolg hatte er mit seinen Arbeiten zur Haustierentstehung aus Wildtieren (Domestikation). Pionierleistungen auf dem Gebiet der experimentellen Vererbungslehre erbrachten gegen Ende des 19. Jh. Arnold Lang und Max Standfuss, auf demjenigen der Entwicklungsbiologie, v.a. von Amphibien, im 20. Jh. Fritz Baltzer und sein Schüler Ernst Hadorn. Nachdem Hadorn an das Zoolog. Institut der Univ. Zürich berufen worden war, machte er dieses zu einem der bedeutendsten Zentren der Drosophilidenforschung. Adolf Portmann schuf sich einen Namen mit Studien zur vergleichenden Ontogenese bei Vögeln und Säugetieren sowie durch seinen integralen Ansatz bei der Deutung biolog. Phänomene.

Die meisten Zoolog. Institute an Schweizer Hochschulen wurden im 19. Jh. gegründet. Zwar waren sie den philosoph. Fakultäten (phil. nat., phil. II) angegliedert, standen bezüglich Lehre und Forschung aber der Medizin näher. Frühe Zoologen wie Gessner, Schinz, Oken oder Georg Büchner waren denn auch Mediziner. Die Zusammenarbeit von nicht-klin. Medizin und Biologie hält bis heute an. Bis gegen Ende des 20. Jh. war Z. propädeut. Pflichtfach für akadem. Medizinalberufe. An der ETH Zürich war die Tierkunde v.a. für die Land- und Forstwirtschaft wichtig, die sich für Schad- und Nutzinsekten interessierten. Die Berufung des Haustierforschers Keller 1898 unterstrich dies genauso wie die Eröffnung des Zoolog. Instituts 1938 (Aufhebung 1977).

In der 2. Hälfte des 20. Jh. erlebten die Zoolog. Institute einen Aufschwung. Fortschritte in den bildgebenden Methoden, der Statistik, Informatik, den Präparationstechniken, der Biochemie und Molekularbiologie einerseits und neue Forschungsgebiete wie Ethologie, Sinnesphysiologie, Kognitionsforschung und DNA-Sequenzierung andererseits machten die Z. für Studierende attraktiv. Dies führte zu einem Ausbau des Fachs. Aufgrund tief greifender Umstrukturierungen verschwanden zu Beginn des 21. Jh. die Zoolog. Institute zunehmend. An ihre Stelle traten Institute bzw. Dep. für Ökologie und Evolution (Bern, Lausanne), Genetik und Evolution (Genf) sowie Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften (Zürich).

Da wissenschaftl. Sammlungen von präparierten oder in Flüssigkeit konservierten Tieren für die Z. von Bedeutung sind, besitzen u.a. die Museen in Basel, Bern, Genf, Lausanne, Neuenburg und Zürich sowie die Entomolog. Sammlung der ETH Zürich mit zwei Mio. Belegen bedeutende Kollektionen. Diese trugen u.a. Fritz Sarasin (Basel), Hans Bluntschli und Theophil Studer (Bern) sowie Albert Mousson (Zürich) zusammen. Auch wenn Lehre und Forschung in der Z. in erster Linie den Hochschulen obliegen, arbeiteten diese seit jeher mit nicht-universitären Museen wie in Basel (Stadt), Bern (Burgergemeinde), Genf (Stadt), Lausanne (Kanton) und Neuenburg (Stadt), mit Zoolog. Gärten und Tierparks oder mit Institutionen wie der 1924 gegr. Vogelwarte Sempach zusammen. Letztere war ursprünglich als Beringungszentrale zur Erforschung des Vogelzugs eingerichtet worden und entwickelte sich zu einem international renommierten Institut zur Erforschung und zum Schutz der einheim. Vogelwelt.

Dachorganisation der wissenschaftl. Z. ist die 1893 ins Leben gerufene Schweiz. Zoologische Gesellschaft mit ihrem Organ "Revue Suisse de Z.". Sitz der Redaktion ist seit Anbeginn das Musée d'histoire naturelle in Genf. Mit ihren rund 1'300 Mitgliedern (2013) dürfte die 1909 gegr. Ala, Schweiz. Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz die grösste Vereinigung sein, die sich mit frei lebenden Tieren beschäftigt. Sie gibt die Zeitschrift "Der ornitholog. Beobachter" heraus.

Quellen und Literatur

  • Die Univ. Zürich 1833-1933 und ihre Vorläufer, 1938, 259-294, 869-871
  • E. Bonjour, Die Univ. Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1460-1960, 1960, 732-734
  • Die Univ. Zürich 1933-1983, 1983, 615-624
  • Hochschulgesch. Berns 1528-1984, 1984, 751-753
  • G. Kreis, Die Univ. Basel, 1960-1985, 1986, 109-113
  • P.-E. Pilet, Naturalistes et biologistes à Lausanne, 1991
  • Sammelsurium der Tiere, hg. von F. Loetz, A. Steinbrecher, 2008