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Onsernonetal

Tal im Kt. Tessin, Bezirk Locarno. Parallel zum Centovalli und zum italienischen Valle Vigezzo erstreckt sich das von Isorno und Ribo durchflossene O. rund 20 km in west-östlicher Richtung. Es umfasst die zur Gemeinde Onsernone fusionierten ehemaligen Gemeinden. 1231 Osornono. 2000 852 Einw.

Das Dorf Spruga von Osten. Fotografie von Rudolf Zinggeler, um 1930 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
Das Dorf Spruga von Osten. Fotografie von Rudolf Zinggeler, um 1930 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). […]

Die Existenz einer ma. Talgemeinde, der sog. Comun grande, ist ab 1228 belegt. Sie entstand aus ersten Siedlungen, die von der Kirche S. Remigio in Loco abhingen, und umfasste schliesslich alle Dörfer des Tals. Die Ausnahme bildete Auressio, das zu den Terre di Pedemonte gehörte. Die Comun grande war in sog. Squadre unterteilt, die etwa den Dörfern entsprachen. Diese wiederum gliederten sich in Fraktionen, sog. Terre. Jede Squadra entsandte ihre Vertreter an die Versammlungen des Generalkongresses und an die allgemeine Nachbarschaftsversammlung. Die Comun grande erliess die Statuten, erteilte das Bürgerrecht, verkaufte oder verpachtete Boden, regelte Grenzfragen und den Holzschlag, teilte den einzelnen Squadren die Alprechte zu, unterhielt die Wege und zog Steuern ein. Auch wenn das O. nicht Teil der Landschaft Locarno war, unterstand es dennoch in Gerichtsbelangen weitgehend dem dortigen eidg. Landvogt (auch capitano oder commissario genannt).

Von der 1228 erwähnten und im 16. Jh. teilweise erneuerten Mutterkirche in Loco lösten sich Mosogno 1685, Berzona 1777 und Auressio 1792. Crana, Comologno und Vergeletto blieben bis Ende des 18. Jh. von der Pfarrkirche S. Maria Assunta (1365 erwähnt, 1995-2002 restauriert) in Russo abhängig.

Die während Helvetik und Mediation verfügte Bildung von neun neuen Gemeinden, die territorial den alten Squadren entsprachen und auf dem Wohnsitz- statt dem Herkunftsprinzip beruhten, sollte zur Abschaffung der Privilegien der Talgenossen (Vicini) führen. Allerdings widersetzten sich die Vicini vehement der Aufhebung der alten Comun grande, die noch bis 1855 weiterexistierte und danach in eine Bürgergemeinde umgewandelt wurde. Letztere ist nach wie vor Besitzerin des Schiefersteinbruchs im Valle Vergeletto, des Grossteils der Wälder und Alpweiden im O. sowie des Centro sociale onsernonese mit Alters- und Pflegeheimen in Russo und Loco.

Die karge Natur liess Weidewirtschaft nur in beschränktem Umfang zu; daneben wurde Waldwirtschaft sowie vom 16. bis Anfang des 20. Jh. Strohflechterei betrieben. Deren in Manufaktur hergestellten Produkte (Hüte, Taschen usw.) aus Roggenstroh wurden ursprünglich für einheimische Abnehmer hergestellt, fanden aber zunehmend auch Käufer in der Lombardei und im Piemont. Saumweg und Fahrstrasse erstellten die Talbewohner im letzten Viertel des 18. Jh. bzw. in der 2. Hälfte des 19. Jh. aus eigenen Mitteln.

Durch das Tal verläuft die schweiz.-ital. Landesgrenze. Das Quellgebiet des Flusses Isorno im hintersten Talabschnitt gehört zu Italien und weist zahlreiche Alpweiden auf, während sich die dauernd bewohnten dörfl. Siedlungen im unteren, schweiz. Teil des Tals befinden. Ein 1806 geschlossenes Abkommen zwischen dem napoleon. Königreich Italien, dem Kt. Tessin und der Eidgenossenschaft löste die Frage der staatl. Zugehörigkeit zum Vorteil Italiens. Im Grenzland O. war der Schmuggel recht verbreitet. Während des 2. Weltkriegs spürte das Tal die Auswirkungen des Partisanenkriegs, der besonders intensiv im benachbarten Val d'Ossola geführt wurde. Im Gedächtnis der Talbewohner haften blieb der 18.10.1944, als ca. 450 ital. Partisanen und Zivilisten bei den Bagni di Craveggia von gewaltsamen Vergeltungsmassnahmen der Truppen der faschist. Republik von Salò, die auch vor der Schweizer Grenze nicht Halt machten, betroffen waren.

Frauen beim Strohflechten in Loco. Fotografie von Rudolf Zinggeler, 1933 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
Frauen beim Strohflechten in Loco. Fotografie von Rudolf Zinggeler, 1933 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). […]

Die Bevölkerungszahl des Tals folgte teilweise dem Gang der Strohflechterei. Sie wuchs bis Ende des 19. Jh. (1597 1'620 Einw.; 1795 2'419; 1850 2'723; 1870 3'470) und sank dann kontinuierlich auch infolge von Abwanderung und gleichzeitig zunehmender Überalterung (1920 2'220 Einw.; 1970 994; 2000 852). Traditionelle Auswanderungsziele waren Frankreich und Flandern, im 19. Jh. die USA. 1978 wurde das O. Opfer einer Überschwemmung, die sämtliche, auch ma. Brücken über den Isorno wegriss, die Weiden im Talgrund zerstörte und zu zahlreichen Erdrutschen führte. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jh. konnte der Bevölkerungsschwund, u.a. dank der Eröffnung des Centro sociale onsernonese in Russo (1989) und den damit verbundenen neuen Arbeitsplätzen, etwas gestoppt werden. In Loco befindet sich das 1966 eröffnete Museo Onsernonese. 2002 wurde aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem Kt. Tessin und der Gemeinde Onsernone sowie in Zusammenarbeit mit Pro Natura das Waldreservat Onsernone gegründet. Es ist nach dem Nationalpark das grösste Naturschutzgebiet der Schweiz, in dem Weisstannen vorherrschen. Die intakte Natur und die vielen Initiativen zur Pflege von lokaler Kultur und Brauchtum (ab 1966 Associazione Amici di Comologno, seit 2005 Associazione Pagliarte) haben dazu beigetragen, dass der Tourismus in den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. zugenommen hat. 2005 bot der 1. Sektor, obwohl im Niedergang begriffen, nach wie vor über ein Viertel der Arbeitsplätze im Tal.

Quellen und Literatur

  • L. Regolatti, Il Comune di O., 21964
  • La voce onsernonese, 1972-
  • L. Chiesa, M. Strufaldi, L'industria della paglia in Valle O., 1979
  • V. Gamboni, «Per una storia degli alpi d'O.», in Alpigiani, pascoli e mandrie, hg. von B. Donati, A. Gaggioni, 1983, 97-119 (21984)
  • Il patriziato generale d'O., hg. von R. Carazzetti et al., 1990
  • V. Gamboni, «La valle O.», in Le Alpi, luogo di cura e riposo, hg. von J. Nössing, 1994, 481-490
Systematik
Umwelt / Tal