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Saint-Gingolph

An der Grenze, 13. Juni 1943. Sicht auf den Pont de la Morge, vom besetzten Frankreich aus aufgenommen © KEYSTONE/Photopress.
An der Grenze, 13. Juni 1943. Sicht auf den Pont de la Morge, vom besetzten Frankreich aus aufgenommen © KEYSTONE/Photopress. […]

Politische Gemeinde des Kantons Wallis, Bezirk Monthey, auf dem Schwemmkegel des Wildbachs La Morge, dem Grenzfluss zu Frankreich, gelegen. Bis 1569 bildete Saint-Gingolph mit dem Weiler Le Freney und dem savoyischen Ortsteil Saint-Gingolph eine einzige Gemeinde. 1153 Sanctus Gengulfus. 1802 321 Einwohner; 1850 627; 1900 660; 1950 801; 2000 773.

Ab 1153 war Saint-Gingolph eine Herrschaft der Abtei Ainay und gelangte wahrscheinlich vor 1204 an die savoyische Abtei Abondance. Diese setzte in Saint-Gingolph einen Mistral und später einen Kastlan ein. Ab 1536 unterstand Saint-Gingolph den sieben Zenden des Wallis; der Abt von Abondance bewahrte seine Rechte, bis er diese 1563 an die Du Nant de Grilly abtrat. 1646 ging die Herrschaft vom Geschlecht der Du Nant an die Riedmatten über, in deren Besitz sie bis 1798 verblieb. Danach gelangte das 1585-1588 in Saint-Gingolph erbaute Schloss durch Kauf an die Familie Rivaz. 1900 wurde es von Saint-Gingolph erworben, das es seither als Gemeindehaus nutzt. Weil der Vertrag von Thonon den Zenden 1569 lediglich das Gebiet rechts der Morge zugestand, wurde das Dorf zweigeteilt. Der rechtsseitige Teil kam 1570 zur Landvogtei Monthey, 1798 zum Bezirk Monthey. Die Gemeinde lag mit Evian und La Tour-de-Peilz in Konflikt wegen der Waldnutzung und mit Novel (Hochsavoyen) wegen der Alpweiden (13.-17. Jh.). Die kleine Freihandelszone von Saint-Gingolph wurde 1829 geschaffen, später in die Grande Zone im Departement Savoie du Nord eingegliedert und 1933 wieder hergestellt. 1794 ersetzten zwei Räte den Conseil mixte, der die zu zwei Dritteln auf Schweizer Boden liegenden Burgergüter verwaltete. Seit 1949 obliegt die Verwaltung einer Burgergemeinde mit einem schweizerischen und einem französischen Rat. Trotz der politischen Trennung sind die Einwohner in gemeinsamen Vereinen aktiv. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Schweiz 689 Flüchtlinge an der Grenze auf, 167 wies sie zurück. Nach einem Angriff der Widerstandskämpfer auf die deutschen Truppen im Juli 1944 floh fast die gesamte französische Bevölkerung von Saint-Gingolph in die Schweiz; danach steckte die SS den französischen Dorfteil in Brand.

Eine erste Kirche befand sich vermutlich in Bret westlich der Morge, einem Ortsteil, der 563 vom Bergsturz von Tauredunum zerstört wurde. Auf derselben Seite der Morge stand die Pfarrkirche, die dem heiligen Gingolf, einem Offizier König Pippins des Jüngeren, geweiht war. Sie unterstand ab dem 12. Jahrhundert der Diözese Genf, seit 1822 derjenigen von Annecy. Als einzige Schweizer Gemeinde gehört Saint-Gingolph damit zu einem ausländischen Bistum. Nicht nachgewiesen ist, ob ursprünglich die Morge oder der Rio d'Ediez in Le Bouveret die Bistumsgrenze zwischen Genf und Sitten bildete. Die Kirchgemeinde blieb ungeteilt. Auf der Walliser Seite stifteten die Du Nant eine Kapelle und 1677 liess Jacques de Riedmatten die Kapelle Sainte-Famille bauen.

Obwohl Saint-Gingolph durch die Strasse, die 1805-1807 als Militärstrasse gebaut wurde, durch die Eisenbahn – seit 1878 mit Anschlüssen nach Le Bouveret und ab 1886 nach Evian (bis 1998) – sowie durch die Seeschifffahrt (Compagnie générale de navigation) erschlossen ist, bleibt es abgelegen. Neben der Viehzucht mit Wald- und Weidewirtschaft auf ausgedehnten Alpen, die bis ins 20. Jahrhundert wichtig blieb, spielten Gewerbe und Industrie vom 15. bis 20. Jahrhundert eine Rolle, so die Kalkbrennerei, die Mühlen und die Papiermanufaktur, die im 19. Jahrhundert durch eine Nagel-, Ketten- sowie Kartonfabrik ersetzt wurde, ein Steinbruch (19.-20. Jh.) und die ab dem 17. Jahrhundert bis 1980 betriebene Schiffswerft. Obwohl die Hotels und Geschäfte heute im französischen Ortsteil liegen, bieten sie einige Stellen im Dienstleistungssektor an. Mit dem Bootshafen und Badestrand sowie Wanderwegen setzte Saint-Gingolph auf den Tourismus, um eine weitere Abwanderung zu verhindern.

Quellen und Literatur

  • A. Chaperon, Monographie de Saint-Gingolph, 1913 (Neudr. 2001)
  • Walliser Wappenbuch, 1946, 225 f.
  • M. Roueche, A. Chabloz, Saint-Gingolph, village frontalier, Liz. Genf, 1976
  • HS I/5, 38-42
  • A. Winiger, «Le refuge à la frontière valaisanne», in Ann. val., 2003, 43-84
Von der Redaktion ergänzt
  • Elsig, Patrick: Le district de Monthey, 2015, S. 39-71 (Les monuments d’art et d’histoire du canton du Valais, 7).

Zitiervorschlag

Patrick Maye: "Saint-Gingolph", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.07.2010, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008414/2010-07-21/, konsultiert am 14.08.2022.