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Sozialgeschichte

Unter Sozialgeschichte versteht man eine theoriegeleitete Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, ebenso wie die Wirtschaftsgeschichte oder die Technikgeschichte. Die Sozialgeschichte untersucht die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, Prozesse und Handlungen in ihrem zeitlichen Zusammenhang und stellt sie in ihren Beziehungen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen dar. Daneben betrachtet die Sozialgeschichte als eine besondere Methode der Geschichtsschreibung die gesamte geschichtliche Wirklichkeit unter einem sozioökonomischen und strukturhistorischen Blickwinkel; demnach handelt es sich bei ihr um eine Dimension, die in jeder Art von Geschichte präsent sein sollte. Die Sozialgeschichte war lange randständig, bevor sie in den 1960er Jahren zum dominierenden Paradigma der westlichen Geschichtswissenschaft aufstieg. Seit den 1980er Jahren hat die Leitkategorie Kultur (Kulturgeschichte) jene der Gesellschaft abgelöst.

In der Schweiz hatte die Sozialgeschichte lange einen schweren Stand. Mit der Geschichte sozialer Konflikte und Prozesse befassten sich eher Sozialwissenschaftler als Historiker. So gingen etliche Artikel im «Handwörterbuch der Schweizerischen Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung» (1903-1911) von einem sozialgeschichtlichen Ansatz aus. Wegweisende Arbeiten, wie sie die Historiker William Emmanuel Rappard und Eduard Fueter vorlegten, wurden nicht weiter verfolgt, die vom sozialdemokratischen Politiker Robert Grimm verfasste «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen» (1920) totgeschwiegen. In den 1930er, 1940er und 1950er Jahren fristete die Sozialgeschichte ein kümmerliches Dasein im Schatten einer liberalkonservativen Historiografie, die sich vor allem der Schilderung politischer Ereignisse widmete (Politische Geschichte). Der Aufstieg der Sozialgeschichte erfolgte in den 1960er Jahren, wobei die Anstösse zum Teil aus anderen Disziplinen (Volkskunde, Politologie, Ökonomie) kamen. Methodisch orientierte sich die Sozialgeschichte an sozialwissenschaftlichen Vorbildern aus dem angelsächsischen und französischen Raum; thematisch ging es ihr um die Arbeiterbewegung (Erich Gruner, André Lasserre) sowie um die «kleinen Leute» in Industrie und Landwirtschaft (Rudolf Braun, Markus Mattmüller), später auch um das Bürgertum und die Angestellten. Eine erste Synthese sozialgeschichtlicher Forschung, die sich dem Postulat einer histoire totale und der französischen Annales-Schule verpflichtet fühlte, erschien 1983 mit der «Geschichte der Schweiz und der Schweizer».

Die Sozialgeschichte erntete manchmal politisches Misstrauen, da ihre Vertreter im Gefolge des Umbruchs von 1968 oft gesellschaftskritische Positionen vertraten. Ihre Etablierung an den Universitäten lief weniger über institutionelle Veränderungen – immerhin entstand 1971 in Zürich eine Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte – als vielmehr über den Generationenwechsel: Jüngere Lehrstuhlinhaber verhalfen dem Paradigma einer integrierten Geschichtsbetrachtung zum Durchbruch. Dem wissenschaftlichen Austausch diente die 1974 gegründete Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, ferner der 1985 in Zürich entstandene Chronos-Verlag und die von ihm seit 1994 herausgegebene Zeitschrift «Traverse».

In den 1980er Jahren erwuchs der Sozialgeschichte Kritik aus den eigenen Reihen, so dass sie sich nach und nach zu methodischen und thematischen Erweiterungen (z.B. in Richtung Geschlechtergeschichte) gezwungen sah. Die Alltagsgeschichte warf der Sozialgeschichte vor, in ihrer strukturalistischen Perspektive den einzelnen Menschen und seinen «Eigensinn» aus den Augen verloren zu haben. Eine breite Popularisierung sozialgeschichtlicher Erkenntnisse mag auch dadurch behindert worden sein, dass sich diese oft eines für Aussenstehende unverständlichen sozialwissenschaftlichen Jargons bediente.

Quellen und Literatur

  • M. König, «Neuere Forschungen zur Sozialgeschichte der Schweiz», in Archiv für Sozialgeschichte 36, 1996, 395-433
  • Histoire sociale et mouvement ouvrier, hg. von B. Studer, F. Vallotton, 1997
  • Traverse, 2011, H. 1
Weblinks
Kurzinformationen
Kontext Mentalitätsgeschichte, Strukturgeschichte

Zitiervorschlag

Christoph Maria Merki: "Sozialgeschichte", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.01.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008431/2012-01-05/, konsultiert am 28.09.2022.