de fr it

Emmental

Panoramaansicht des Emmentals von der Lueg (887 m) in der Gemeinde Affoltern aus. Fotografie von Louis Bechstein Sohn, 1931 (Regionalmuseum Chüechlihus, Langnau).
Panoramaansicht des Emmentals von der Lueg (887 m) in der Gemeinde Affoltern aus. Fotografie von Louis Bechstein Sohn, 1931 (Regionalmuseum Chüechlihus, Langnau). […]

Das Emmental, ein historischer Landschaftsverband, bildet heute eine Region im Kanton Bern. Zu ihr zählen das Emmental im engeren Sinne, d.h. das Einzugsgebiet der Emme und Ilfis vom Hohgant bis Burgdorf, das Amt Konolfingen mit ähnlichen geografischen und siedlungsgeschichtlichen Strukturen sowie das Unteremmental von Burgdorf bis zur solothurnischen Kantonsgrenze.

Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte

Markttag auf dem Bärenplatz in Langnau. Holzschnitt von Frédéric Florian nach einer Originalzeichnung von Albert Anker vom 10. August 1898, erschienen in Jeremias Gotthelfs Die Käserei in der Vehfreude, herausgegeben 1899 von Frédéric Zahn in La Chaux-de-Fonds (Fotografie Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Markttag auf dem Bärenplatz in Langnau. Holzschnitt von Frédéric Florian nach einer Originalzeichnung von Albert Anker vom 10. August 1898, erschienen in Jeremias Gotthelfs Die Käserei in der Vehfreude, herausgegeben 1899 von Frédéric Zahn in La Chaux-de-Fonds (Fotografie Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Während das Unteremmental geografisch zum Mittelland gehört und Altsiedelland ist (Siedlungsspuren seit der Hallstattzeit, urkundliche Belege seit dem 9. Jh.), bildet das eigentliche Emmental einen Teil des Napfberglandes und zählt zum Kolonialland der Alemannen. Älteste Siedlungszeugen sind die ca. 60 bekannten Erdwerke, Reste ständig bewohnter Wehranlagen des 10.-12. Jahrhunderts. Die Besiedlung des waldreichen Hügellandes dürfte im 9. und 10. Jahrhundert (Orte im Bigental 894 erwähnt) begonnen und nach 1000 auch die abgelegenen Täler des Oberemmentals (Klosterstiftungen Trub vor 1130, Röthenbach vor 1148, Rüegsau erste Hälfte des 12. Jh.) erreicht haben. Die Siedlungsstruktur des Unteremmentals (Dörfer, Weiler) unterscheidet sich von jener im Tal oberhalb Burgdorfs, die durch Taldörfer, Weiler und die typischen Einzelhöfe auf den Talterrassen und Eggen geprägt ist. Fast alle Kirchen in den Taldörfern werden bis 1275 erwähnt; die Stadtgründungen Burgdorfs und Huttwils erfolgten vor 1175 bzw. 1313. Auch die Einzelhofbesiedlung der höheren Lagen war wohl zu diesem Zeitpunkt weitgehend beendet. Unter dem Bevölkerungsdruck des 16. Jahrhunderts fand ein Ausbau im bisher kaum besiedelten Gebiet statt: Im Schwemmland der Talflüsse entstanden Schachensiedlungen; die Hochwälder des Berglandes wurden gerodet, um dort Alpwirtschaft zu betreiben. Markt- und Gewerbezentren waren Burgdorf und Langnau, wobei die Stadt Burgdorf nach einer Blüte im Spätmittelalter zusehends unter der Krise der Stadtwirtschaft sowie im 17. und 18. Jahrhundert an der Verarmung der Handwerkerschaft litt, welche der aufkommenden (Proto-)Industrie feindlich gesinnt war. Vom 16. Jahrhundert an verlagerte sich das wirtschaftliche Schwergewicht in die Landwirtschaftszone: Die Grosshöfe fanden für ihre Produkte Abnehmer im neu entstandenen ländlichen Handwerk, dessen Stümper auch in der Landwirtschaft im Taglohn arbeiteten. Im 17. und 18. Jahrhundert waren das Emmental und sein Gewerbezentrum Langnau für ihren Wohlstand berühmt, der auf dem Export von Leinwandprodukten (Gespinst, Tuche), Käse, Holz und Pferden beruhte; das Gebiet war damals vermutlich der wirtschaftlich am weitesten entwickelte Landesteil Berns. Erst nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Leinwandgewerbe infolge der Konkurrenz der Fabrikkantone untergegangen und die Alpkäserei wegen der neuen Talkäserei zusammengebrochen war, wurde – nicht zuletzt durch Jeremias Gotthelfs Werk – die Armennot des Emmentals sprichwörtlich. Die Erschliessung durch die in den Talsohlen angelegten Kunststrassen (1832-1860), der Anschluss an die Bahnlinien Olten-Bern, Bern-Luzern, Solothurn-Langnau (1857-1881) und die Erstellung neuer Bahnlinien im Inneren (1881-1915) brachten ab der Jahrhundertwende nach und nach eine wirtschaftliche Erholung. Gewerbe und Industrie siedelten sich nun in den verkehrsgünstig gelegenen Tal- und Schachendörfern wie Zollbrück, Trubschachen und Rüegsauschachen an, die im 20. Jahrhundert die Hofgebiete wirtschaftlich überflügelten. Dies führte seit den 1880er Jahren zu einer demografischen, ökonomischen und finanziellen Gewichtsverlagerung vom Hofgebiet auf die Taldörfer.

Politische Geschichte

Im Mittelalter unterstand das Emmental der grundherrschaftlich-feudalen Ordnung der einheimischen Freiherren und Ministerialen und einiger grosser Adelshäuser (Zähringer, Kyburger, Habsburger). Es wurde allmählich in den Stadtstaat Bern eingegliedert, im 13. und 14. Jahrhundert erst mittels einer Burgrechts- und Ausburgerpolitik, dann durch den Erwerb von Grund- und Herrschaftsrechten, der 1698 abgeschlossen war. Verwaltet wurde das Gebiet in den Landvogteien Signau, Trachselwald, Brandis, Sumiswald, Thorberg, Landshut und dem Schultheissenamt Burgdorf. Der Landesherrschaft Bern erwuchs seit der Reformation stiller Widerstand in der Täuferbewegung; zu offenen Aufständen führte erst die Vertrauenskrise der Bevölkerung im 17. Jahrhundert (Thuneraufstand 1641, Bauernkrieg 1653). 1798 setzten sich die Emmentaler nicht für die patrizische Regierung, sondern für eine politische Umgestaltung ein. Die Gliederung in die helvetischen Distrikte Burgdorf, Höchstetten, Ober- und Niederemmental wurde 1803 durch die Einteilung in die Amtsbezirke Signau, Trachselwald, Konolfingen, Burgdorf, Fraubrunnen abgelöst, deren Gebiete sich nicht mit denjenigen der früheren Vogteien decken.

Für das Emmental typisch entstanden die heutigen 19 Einwohnergemeinden nicht in den Grenzen der Gerichts- und Verwaltungskreise vor 1798, sondern der alten Kirchgemeinden. Sie sind wegen ihrer Weitläufigkeit – Trub umfasst ca. 62 km2 – in Viertels- oder Drittelsgemeinden, Höfe oder Schulbezirke unterteilt.

Der Landschaftsverband "Landschaft Emmental" ist seit dem 16. Jahrhundert bezeugt. Er vereinte die drei Landvogteien Trachselwald, Brandis und Sumiswald als Nachfolgeorganisation des alten Landgerichts Ranflüh. Er umfasste den regionalen militärischen Verband "Fähnlein Emmental", der bis 1626 einem einheimischen Landeshauptmann unterstellt war, und hatte bis um 1600 politische Funktionen in beschränktem Umfang (Ämterbefragungen in staatspolitischen, militärischen und kirchlichen Sachen). Sein "Landtag" war zuständig für die regionale Regelung der Niederlassung, die zünftige Organisation von Handwerk und Gewerbe, den Betrieb des Armenspitals in Huttwil (seit 1583), die Erhebung der Landessteuer, die auch der Entlöhnung von Landschreiber, Landseckelmeister und Landweibel diente. Die "Landschaft Emmental" besass das Recht, Mass und Gewicht zu kontrollieren, und eine eigene, 1559 und 1659 kodifizierte Landsatzung, die 1823-1831 durch das bernische Zivilgesetzbuch ersetzt wurde. Der Landschaftsverband wurde 1867 abgeschafft und sein Vermögen unter den Gemeinden aufgeteilt.

Die "Region Emmental" ist gesetzlich nicht definiert. Sie bildete aber 1850-1918 einen Nationalratswahlkreis; heute kommt ihr vor allem bezüglich Kultur (Sänger, Liebhabertheater) und Sport (Schützen- und Sportvereine) eine überlokale, Identität stiftende Rolle zu.

Quellen und Literatur

  • SSRQ BE II/8, 31-52 (Einleitung)
  • F. Häusler, Das Emmental im Staate Bern bis 1798, 2 Bde., 1958-68
  • F. Häusler, «Geschichtl. Einleitung», in Kunstführer Emmental, 1982, 8-29
  • A.-M. Dubler, «Adels- und Stadtherrschaft im Emmental des SpätMA», in AHVB 90, 2013, 33-96
  • A.G. Roth, Emmentaler Veduten von Anker, Bachmann u.a. in der Gotthelf-Ausgabe von F. Zahn 1992/99, 2002
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Dubler, Anne-Marie: "Emmental", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.01.2018. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008495/2018-01-18/, konsultiert am 15.01.2022.