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RivieraVogtei, Bezirk

Im 15. Jahrhundert bezeichnete der Name Riviera das Gebiet zwischen Biasca und der Brücke von Cassero (Claro). Zwischen 1499 bzw. 1500 und 1798 war die Riviera eine Gemeine Herrschaft der Orte Uri, Schwyz und Nidwalden. Seit der Schaffung des Kantons Tessin 1803 handelt es sich um einen Bezirk, der im Norden an die Bezirke Blenio und Leventina, im Westen an Locarno, im Süden an Bellinzona und im Osten an den Bündner Bezirk Moesa grenzt. Er weist eine Fläche von 166,5 km2 auf. 2016 umfasste er die sechs Gemeinden Biasca, Claro, Cresciano, Lodrino, Iragna und Osogna als Bezirkshauptort. Nach den Fusionen von 2017 gehörten noch Biasca und die neue Gemeinde Riviera zum Bezirk. 1850 4449 Einw.; 1900 6024; 1950 5816; 2000 11'434.

Ausschnitt aus einer Karte des Tessins, von Heinrich Keller gezeichnet nach einem Entwurf des Paters Paolo Ghiringhelli, als Stich abgebildet im Helvetischen Almanach für das Jahr 1812 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Ausschnitt aus einer Karte des Tessins, von Heinrich Keller gezeichnet nach einem Entwurf des Paters Paolo Ghiringhelli, als Stich abgebildet im Helvetischen Almanach für das Jahr 1812 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Im Mittelalter gehörte die Riviera zur Leventina (Ambrosianische Täler), deren Schicksal sie bis Anfang des 15. Jahrhunderts teilte. Sie unterstand zunächst dem Domkapitel von Mailand, das Ende des 13. Jahrhunderts die weltliche Gerichtsbarkeit an die Visconti, später an die Sforza verpachtete. Im Mittelalter bildete die Riviera keine politische und administrative Einheit. Die selbstständigen Gemeinden Biasca, Claro, Osogna und Cresciano kamen ab Mitte des 14. Jahrhunderts unter die Rechtssprechung eines Podestà der Visconti, während die auf dem rechten Ufer des Tessin gelegenen Iragna und Lodrino 1441 von der Leventina gelöst und zu einem Vikariat der Mailänder Herzöge zusammengefasst wurden. Kirchlich war die Riviera der Diözese Mailand zugeteilt. 1403 stellte sich die Riviera mit der Leventina unter den Schutz von Uri und Obwalden, fiel aber bereits 1422 nach der Niederlage der Eidgenossen in der Schlacht bei Arbedo wieder an die Visconti zurück. 1441 erlangten die Urner erneut die Kontrolle über die Leventina und drangen 1447-1449, 1467-1468 in die Dörfer der Riviera ein, die 1478 auch von eidgenössischen Truppen eingenommen wurden. 1495 besetzten Uri, Schwyz und Luzern das Bleniotal und die Riviera. Im Vertrag mit Frankreich von 1499 erhielt Uri als Gegenleistung für seinen Verzicht auf Bellinzona die Gemeinden der Riviera, wobei Claro erst 1500 hinzukam. Kurz darauf schuf Uri mit Schwyz und Nidwalden die gemeine Herrschaft Riviera, deren Hauptort Cresciano, ab 1573 Osogna war. Ein Rat der Fünf im 16. Jahrhundert, der Sieben im 18. Jahrhundert unterstützte den Landvogt in der Rechtssprechung. Die Satzungen der Vogtei datieren von 1632. In der Helvetischen Republik 1798-1803 gehörte die Riviera zum Kanton Bellinzona, seit 1803 ist sie einer der acht Bezirke des Kantons Tessin.

Bis ins 19. Jahrhundert zählte die Riviera zu den ärmsten Regionen des Kantons. Immer wieder überschwemmte der Fluss Tessin das Gebiet. Obschon die Gemeinden stets von der Landwirtschaft lebten, verzeichneten sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein bescheidenes Wirtschaftswachstum. Dieses rührte vom Granitabbau her, der dank der Bauarbeiten für die Gotthardbahn aufgekommen war und um 1900 seinen Höhepunkt erreichte. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich vor allem in Biasca ein für die oberen Täler wichtiges Industriegebiet. Die Gotthardbahn, das örtliche Strassennetz und die Autobahn A2 beanspruchen einen Grossteil des Talbodens und veränderten die Landschaft der Riviera nachhaltig. Mit der neuen Alpentransversalen (AlpTransit) wird sich diese noch ausgeprägter in einen Korridor für den Durchgangsverkehr verwandeln.

Quellen und Literatur

  • MDT, Ser. 2
  • A. Gasser, Die territoriale und staatsrechtl. Entwicklung der Eidgenossenschaft, 1932, 59 f., 132 f.
  • G. Wielich, Das Locarnese im Altertum und MA, 1970
  • G. Chiesi, Lodrino, 1991
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Giuseppe Chiesi: "Riviera (Vogtei, Bezirk)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.04.2017, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008547/2017-04-05/, konsultiert am 29.11.2022.