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Vallemaggia

Bezirk des Kantons Tessin, der im Nordwesten an die Leventina, im Südosten an den Bezirk Locarno und im Westen an Italien grenzt sowie die Kreise Maggia, Rovana und Lavizzara umfasst (acht Gemeinden). Obwohl das Vallemaggia ca. 20% der Fläche des Kantons ausmacht, lebten 2000 hier nur ungefähr 2% der Kantonsbewohner. Morphologisch ist der Bezirk, der aus den Tälern der Maggia und deren Zuflüssen Bavona und Rovana besteht, in zwei Zonen geteilt: Der eher breiten unteren Talhälfte ohne grosse Höhenunterschiede, die von Avegno bis Cavergno reicht, stehen die engen oberen Bergtäler Val Rovana, Valle Bavona und Val Lavizzara gegenüber, die bei Cevio und Bignasco abzweigen und von einer imposanten Bergkette umgeben sind. 1591 ca. 9000 Einwohner; 1801 6070; 1850 7482; 1900 5195; 1941 4047; 1950 4581; 1970 4426; 2000 5593.

Einzelfunde aus der Kupferzeit belegen eine frühgeschichtliche Besiedlung des Tals. Während der Romanisierung (späte Latène- und augusteische Zeit) ist eine auf das ganze Vallemaggia verteilte, spärliche Bevölkerung dokumentiert, die sich auf den Vicus Muralto hin orientiert haben dürfte. In römischer Zeit dürfte auch die Ausbildung der heutigen Kulturlandschaft (Terrassierungen, Anpflanzung von Kastanien und Nussbäumen) ihren Anfang genommen haben. Im Mittelalter teilte das Vallemaggia zunächst die Geschicke der Pieve Locarno; es unterstand der Kirche San Vittore in Locarno bis um 1000, als Maggia, Sornico und Cevio selbstständige Pfarreien wurden. Nach und nach organisierten sich die einzelnen Nachbarschaften in grösseren Einheiten. Im 14. Jahrhundert bildeten Bignasco, Cavergno, Brontallo und Menzonio eine administrative Einheit, ebenso die Dörfer im Val Lavizzara und im Val Rovana (Cevio, Cavergno, Campo, Cerentino und Bosco bildeten die Roana Superior). 1398 verweigerten das Vallemaggia, das Verzascatal und Mergoscia die Leistung von Abgaben an den Locarneser Adel, der in diesen Regionen Lehen besass; 1403 trennten sie sich formell von der Landschaft Locarno und gründeten einen unabhängigen Gerichtsbezirk mit einem 42-köpfigen Generalrat und eigenem Landrecht (statuti) mit dem Zentrum in Cevio. Das Zusammenleben der lokalen Talschaften war von verschiedenen Konflikten geprägt. Der Streit, den die Gemeinden des unteren Tals und Cevio zu Beginn des 15. Jahrhunderts ausfochten, endete 1403/1404 mit einem Vertragsschluss. 1411-1412 versuchte das Vallemaggia, sich dem Herzogtum Mailand zu entziehen, und schloss sich den Savoyern an. Es wurde aber 1416 von den Eidgenossen besetzt und gelangte 1422 wieder an Mailand und 1439 schliesslich an das Geschlecht Rusca. Um 1430 erreichte das Lavizzaratal beim Herzogtum Mailand die rechtliche Abtrennung vom Vallemaggia.

1513-1798 war das Vallemaggia eine der ennetbirgischen Vogteien der zwölf Kantone – von den 13 Orten zählte Appenzell nicht dazu –; sein deutscher Name lautete Meiental oder Mainthal (andere Schreibweisen kamen ebenfalls vor). Es war in die zwei Talschaften Vallemaggia und Lavizzara aufgeteilt, die je über eigene statuti, Versammlungen und Beamten verfügten. Dagegen amtierten aber nur ein Fiskal und ein Vogt; Letzterer wählte seinen Wohnort (Cevio oder Sornico) selbst, musste sich aber regelmässig im anderen Hauptort aufhalten, um dort die Rechtsstreite zu beurteilen, in schwierigen Fällen mit Hilfe von lokalen Mitrichtern. Das Lavizzaratal verteidigte die Selbstständigkeit gegenüber dem Vallemaggia und sabotierte die Versuche einiger Vögte und der Jahresrechnungstagsatzung, das Gericht zentral in Cevio anzusiedeln bzw. die Mitrichter aufzuheben. In der Helvetik bildete das Vallemaggia einen Teil des Kantons Lugano; 1803 wurde es zu einem Bezirk des Kantons Tessin mit dem Hauptort Cevio.

Im Mittelalter und in der Neuzeit beruhte die Wirtschaft hauptsächlich auf Acker- (Getreide, Kartoffeln und Leinen) und Rebbau sowie Weidewirtschaft. Jahrhunderte lang wurde aus dem Vallemaggia viel Käse exportiert. Die Wälder wurden als wichtige Ressource häufig übernutzt, was die Umwelt belastete. Daneben bestanden Handwerksbetriebe (Wollspinnerei, Weberei, Holzverarbeitung), eine Specksteinindustrie sowie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Steinbrüche, in denen Marmor und ein besonderer Gneis (Beola) gewonnen wurden. Ausserdem wanderten erwiesenermassen ab dem Mittelalter Einheimische ins Locarnese und in das Sottoceneri aus. Die Bevölkerungszunahme, die ihre Spitze wahrscheinlich Mitte des 18. Jahrhunderts erreichte, löste eine erste veritable Auswanderungswelle in die verschiedenen Städte Europas aus, wobei die Maurer, Steinmetze, Stallknechte, Händler und Künstler teils für eine Saison, teils für eine gewisse Zeit emigrierten, was den Bevölkerungsdruck milderte und einen relativen Wohlstand ermöglichte. Um 1850 wurde die saisonale oder zeitweise Auswanderung wegen der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen (Zollvereinheitlichung nach der Schaffung des Bundesstaats, Repressalien durch das österreichische Lombardo-Venezianische Königreich, Verschlechterung der klimatischen Bedingungen) durch die endgültige Emigration nach Übersee, vor allem nach Kalifornien und Australien, abgelöst, was zu einer starken Entvölkerung des Tals führte. Die entsprechenden demografischen Ungleichgewichte (Geschlechterverhältnis, Überalterung, tiefe Geburten- und hohe Ledigenrate) hatten langfristige Auswirkungen und lösten einen weiteren Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität aus, der wiederum zu neuen Auswanderungen führte. Am meisten betroffen waren die entlegensten Gemeinden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich allmählich eine Trendwende ab. Die Bevölkerungsentwicklung der unteren Talhälfte, die von ihrer Nähe zum Wirtschaftszentrum Locarno profitierte und in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine Suburbanisierung erlebte, ist jedoch von der wesentlich problematischeren Entwicklung in den oberen Tälern zu unterscheiden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schien das Rovanatal, in dem die Bevölkerung von 1860-1980 um 75% zurückgegangen war, vor allem zum Feriengebiet zu werden, ähnlich wie das Bavonatal. Das Lavizzaratal war etwas weniger stark vom Bevölkerungsrückgang betroffen.

Eröffnung der Eisenbahnlinie von Bignasco nach Locarno am 24. August 1907. Fotografie von Valentino Monotti (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Eröffnung der Eisenbahnlinie von Bignasco nach Locarno am 24. August 1907. Fotografie von Valentino Monotti (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Die erst 1814-1824 angelegte Fahrstrasse bis nach Bignasco befreite das Tal aus seiner Abgeschiedenheit, vor allem auch im Winter. 1907 wurde die Bahnlinie Locarno-Ponte Brolla-Bignasco erbaut, die für die Entwicklung der Steinbrüche bis zu ihrer Stillegung 1965 eine wichtige Rolle spielte. Die um 1950 begonnene Nutzung der Wasserkraft aus der Maggia verursachte zwar Umweltprobleme, erlangte aber grosse wirtschaftliche Bedeutung (2010 neun Kraftwerke mit einer Gesamtproduktion von ca. 611 Megawatt) und bremste dank der Schaffung von Arbeitsplätzen die Landflucht etwas ab. Seit den 1970er Jahren gewinnt der Tourismus in der Wirtschaft des Vallemaggia an Gewicht, was durch die starke Zunahme der Zweitwohnungen unterstrichen wird.

Quellen und Literatur

  • M. Signorelli, Storia della Vallemaggia, 1972
  • H. Billeter, Die Landvogtei Mainthal (Valle Maggia und Lavizzara), 1977
  • B. Donati, Il treno in una valle alpina, 2007
  • Oleum non perdidit, hg. von C. Ebnöther, R. Schatzmann, 2010, 225-251
  • M. Bertogliati, Datazioni dendrocronologiche, 2011
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Daniela Pauli Falconi: "Vallemaggia", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.01.2015, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008548/2015-01-05/, konsultiert am 11.08.2022.