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JuraRegion

Von der Raumfähre Endeavour aufgenommene Ansicht, Oktober 1994 (NASA, STS068-168-133).
Von der Raumfähre Endeavour aufgenommene Ansicht, Oktober 1994 (NASA, STS068-168-133). […]

Der Jura ist ein Mittelgebirgszug beidseits der französisch-schweizerischen Grenze mit maximalen Erhebungen von rund 1700 m und einer Gesamtfläche von 14'000 km2, wovon fast ein Drittel zur Schweiz gehört. Er bildet einen der drei Naturräume der Schweiz und erstreckt sich geografisch auf die Kantone Waadt, Neuenburg, Bern, Jura, Solothurn, Basel, Aargau, Zürich und Schaffhausen. Als Jura wird auch der Jurabogen, eine grenzübergreifende Region zwischen Genf und Basel, bezeichnet, dessen Bewohner aufgrund ähnlicher historischer und wirtschaftlicher Voraussetzungen ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Ein Teil des Juras wurde 1979 zum eigenständigen Kanton gleichen Namens (Jura). Das Juragebirge ist eine Abfolge von Sätteln und Mulden, die durch die Ablagerung von Kalk und Mergel im Mesozoikum und die Faltung dieser Sedimentschichten im ausgehenden Tertiär entstanden sind. Der Ausdruck Jura bezeichnet auch einen Abschnitt des Erdmittelalters zwischen Trias und Kreide. Das Relief des Gebirgsmassivs ist asymmetrisch: Auf Schweizer Seite fällt im westlichen Teil der von Südwesten nach Nordosten verlaufende Faltenjura steil zum Molassebecken des Mittellands hin ab; der Tafeljura prägt die Topografie im östlichen Teil und auf französischer Seite. Das raue Winterklima und die Gebirgsbarriere, die ebenso trennend wirkt wie die Alpen, haben zur Isolierung der Region und zur Erhaltung eines traditionellen Landschaftsbilds beigetragen. Die lokale Entwicklung der einzelnen Gebiete und Talschaften des Juras wurde wesentlich von den historischen Abläufen in den Kantonen und den am Südfuss gelegenen Städten geprägt, zu deren Herrschafts- oder Einzugsgebiet sie jeweils gehörten.

Von der Urzeit bis ins Frühmittelalter

Die Besiedlung des Juras folgte weitgehend den topografischen Gegebenheiten. Die niedrig gelegenen östlichen und zentralen Juratäler wurden wesentlich früher besiedelt als die Hochebenen und Hochtäler des westlichen Juras. Der Überlieferungsstand hängt von der Gletscherausdehnung während der letzten Eiszeit ab: Alpen- und Juragletscher zerstörten einen Grossteil der Siedlungsreste in höheren Lagen und an der Südflanke, während Fundplätze am Nordfuss wie Alle, Romain-La-Roche (Departement Doubs) und Gigny (Departement Jura) verschont blieben. Nur in einigen Höhlen sind Spuren aus dem Moustérien (Cotencher, Saint-Brais) erhalten, die von der sporadischen Anwesenheit von Neandertalern vor und während der Würmeiszeit zeugen. Nach dem Rückzug der Gletscher streiften Menschen während des Magdaléniens und Mesolithikums durch den Jura und liessen sich vorübergehend in Höhlen und Abris nieder (Col du Mollendruz, Baulmes, Col des Roches, Saint-Brais, Birstal (Birs), Thayngen). Anhand der Gewinnungsstellen von Silex sind bevorzugte Wanderrouten zu erkennen, die dem Verlauf der Bergketten und Gewässer folgten.

Ansicht des Abri Freymond, des Felsunterstands beim Col du Mollendruz oberhalb von Mont-la-Ville (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne).
Ansicht des Abri Freymond, des Felsunterstands beim Col du Mollendruz oberhalb von Mont-la-Ville (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne). […]

Mit der beginnenden Sesshaftigkeit im 5. Jahrtausend v.Chr. bildeten sich Siedlungen am Fuss und an den Hängen des Juras. Ein Warenverkehr über die Jurakette (Silex, Gesteine aus Alpen und Vogesen zur Herstellung geschliffener Äxte, Keramik) entwickelte sich, örtliche Gesteinsvorkommen wie Silex wurden in Pleigne oder Lampenberg über oder unter Tage abgebaut. Siedlungen blieben jedoch noch selten. Mit dem Aufkommen der Metalle intensivierte sich der Handel. Die Gesellschaft begann sich zu organisieren und Höhensiedlungen entstanden, von denen aus die strategisch wichtigen Übergänge kontrolliert wurden (Montricher, Cornol, Courroux, Trimbach und Wittnau).

Ab der mittleren Bronzezeit wurden Täler unterhalb von 700 m (Delsberger Tal, Val de Ruz) gerodet. Die Siedlungstätigkeit, die am Ende der Bronzezeit stark zugenommen hatte, liess in der Eisenzeit wieder etwas nach. Die sich an den topografischen Gegebenheiten orientierenden Verläufe der Gebietsgrenzen zwischen den Sequanern und Raurikern im Norden sowie den Helvetiern im Süden weisen darauf hin, dass das Juragebirge nach wie vor ein Hindernis für den Verkehr darstellte. Dieses wurde ab der Mitte des 1. Jahrhunderts n.Chr. durch den Bau der römischen Strassen und der damit verbundenen Villen teilweise überwunden. Die Routen Vallorbe-Pontarlier und Pierre Pertuis-La Caquerelle-Mandeure sowie der Obere und Untere Hauenstein und wohl auch der Bözberg zwischen Augst (Augusta Raurica) und Windisch (Vindonissa) ermöglichten den Durchzug der Legionen zum Rhein- und später zum Donaulimes sowie die Entwicklung des europäischen Nord-Süd-Handels. Jurassisches Eisenerz wurde abgebaut.

Erst im 6. und 7. Jahrhundert wurden auch die inneren Juratäler wie diejenigen von Moutier und Tavannes besiedelt. An den Transitwegen und in den Gebieten der Eisengewinnung entstanden Klöster wie Romainmôtier und Moutier-Grandval. Höher gelegene Bereiche waren weiterhin nur spärlich besiedelt, wurden aber teilweise bewirtschaftet.

Hoch- und Spätmittelalter

Politik und Religion

Geleisestrasse in einem Felseinschnitt am Oberen Hauenstein bei Langenbruck (Fotografie ViaStoria, Stiftung für Verkehrsgeschichte).
Geleisestrasse in einem Felseinschnitt am Oberen Hauenstein bei Langenbruck (Fotografie ViaStoria, Stiftung für Verkehrsgeschichte). […]

Der Jurabogen, in dem sich infolge von Zuwanderungen ab dem 5. Jahrhundert zwei Sprachräume bildeten, blieb unter dem Zweiten Königreich Burgund (888-1032) politisch geeint. Kirchlich war er aufgeteilt zwischen den Diözesen Besançon, Lausanne und Basel, die alle dem Erzbischof von Besançon unterstanden. Der Jura verlieh dem Hochburgund eine geografische Identität und verdankte seine Bedeutung den Pässen (v.a. Jougne, Pierre Pertuis, Oberer und Unterer Hauenstein). Ab dem 2. Viertel des 10. Jahrhunderts bemühten sich die deutschen Könige und die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, dieses für den Nord-Süd-Verkehr wichtige Gebiet unter ihren Einfluss zu bringen.

Mit der Eingliederung Burgunds in das Reich wurde der Jura vom 11. Jahrhundert an in mehrere kirchliche und weltliche Herrschaften zerstückelt. Die Macht übten de facto Feudalgeschlechter aus. Sie bestimmten auch über die zahlreichen geistlichen Institutionen zwischen Romainmôtier und Beinwil (SO), die sich zu kirchlichen Herrschaften entwickelten. Ab Anfang des 12. Jahrhunderts drängten neue Mächte aus den umliegenden Gebieten in den Jura und kontrollierten die Pässe, denen der Fernhandel zwischen Italien und der Champagne zu grossem Aufschwung verhalf. Zu nennen sind die Häuser Savoyen und Chalon, die sich um den Zoll am Jougne-Pass stritten, die Grafen von Neuenburg, die jenseits des Doubs Güter besassen und sich im Neuenburger Jura niederliessen, die Grafen von Thierstein im unteren Birstal, die Montfaucon, deren Machtbereich bis Orbe reichte, die Habsburger, die das Fricktal innehatten, und der Bischof von Basel. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts verloren die westlichen Jurapässe infolge der Verschiebung der Handelsrouten an Bedeutung. Im 14. Jahrhundert verschaffte sich die Stadt Basel ein Hinterland zwischen Rhein und Hauenstein. Auch die Stadt Solothurn rückte ins Juragebirge vor und dehnte ihren Herrschaftsbereich bis ins Birstal aus. Bern gelangte durch die Eroberung des Aargaus 1415 in den Besitz des Gebiets rund um den wichtigen Übergang Bözberg und schuf 1460 die Vogtei Schenkenberg.

Mit den Beitritten Solothurns (1481), Basels und Schaffhausens (beide 1501) zur Eidgenossenschaft gelangte der östlichste Teil des Juras in deren Einflussbereich. 1512-1529 war die Grafschaft Neuenburg von Bern besetzt, danach von den dreizehn eidgenössischen Orten. Der Westhang des Juras, der zur Freigrafschaft Burgund gehörte, blieb reichstreu und wurde 1493 habsburgisch, während die Eidgenossen nach den Niederlagen Karls des Kühnen jeglichen Einfluss Burgunds diesseits des Juras nach und nach unterbanden.

Wirtschaft

Der gemischte Anbau von Nahrungspflanzen, der im Jura wie andernorts die Grundlage der mittelalterlichen Wirtschaft bildete, wurde durch die vom Wechsel zwischen Gebirgsketten und engen Tälern geprägte Topografie beeinträchtigt. Ertragsarme Böden und das raue Klima erschwerten ihn zusätzlich. Erst Anfang des 15. Jahrhunderts begannen sich die jurassischen Bauern auf Viehwirtschaft zu spezialisieren (z.B. Käse von Bellelay). Die spärliche Besiedlung und eine gemächliche Bewirtschaftung kennzeichneten lange Zeit den gesamten Jurabogen. Oberhalb von 800 m blieb das Berggebiet noch bis ins 13. Jahrhundert nahezu menschenleer; die Rodungen, die hier Anfang des 15. Jahrhunderts einsetzten, dauerten bis Mitte des 16. Jahrhunderts. In den von einer weitgehend autarken Subsistenzwirtschaft geprägten, stark parzellierten Tälern lebte der Grossteil der Bevölkerung, deren Dichte im 15. Jahrhundert nur ausnahmsweise über acht Einwohner pro km2 stieg.

Kohlenmeiler in der Gegend des Soliat im Neuenburger Jura, um 1900. Fotografie von Victor Attinger (Schweizerisches Institut zur Erhaltung der Fotografie, Neuenburg).
Kohlenmeiler in der Gegend des Soliat im Neuenburger Jura, um 1900. Fotografie von Victor Attinger (Schweizerisches Institut zur Erhaltung der Fotografie, Neuenburg). […]

Das Netz der Städte, das erst Ende des 13. Jahrhunderts Gestalt annahm, war locker und schwach ausgeprägt. Die Kleinstädte, oft Hauptorte einer Herrschaft, zählten meist nur ein paar hundert Einwohner. Über sie und ihr Hinterland übten Städte wie zum Beispiel Genf, Lausanne, Neuenburg, Solothurn oder Basel, die teils am Jurafuss, teils ausserhalb des Juras lagen, ihre wirtschaftliche Macht aus und kontrollierten weitgehend unangefochten Investitionstätigkeit, Geldflüsse und Warenmärkte.

Einzig durch die Eisenverhüttung unterschied sich der Jurabogen in gewerblicher Hinsicht von den umliegenden Gebieten (Eisen). Die leicht zugänglichen Eisenerzvorkommen und der für die Köhlerei nutzbare Waldbestand erklären den Gebrauch von Schmelzöfen bereits im Frühmittelalter. Metallverarbeitung wurde jedoch kaum betrieben, und der wichtigste Exportartikel, der im 15. Jahrhundert aus dem bischöflichen Jura nach Basel gelangte, war das auf der Birs geflösste Holz. Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts förderten die Fürstbischöfe den Betrieb eines ersten Eisenwerks im Bistum Basel. Saint-Sulpice (NE) erhielt die erste Bewilligung für einen Hochofen. Die Solothurner Schmieden wurden an Wasserläufen (Lützeltal, Dünnerntal) und neben Glashütten errichtet. Um 1650 waren in Vallorbe drei Hochöfen und drei Raffinerien in Betrieb.

Neuzeit

Vom 16. bis Anfang des 21. Jahrhunderts

Mit der Reformation zerbrach die konfessionelle Einheit des Juras. Basel und Biel wurden zu Zentren der Reformation. Bern und Guillaume Farel verdankte der neue Glaube seine Verbreitung; Neuenburg entwickelte sich zur ersten Basis für die Reformation im französischen Sprachraum. Die Eroberung der Waadt 1536 zog die Konvertierung der neuen Berner Vogteien Romainmôtier und Yverdon nach sich. Die Anwendung des Prinzips cuius regio, eius religio auf Ebene der eidgenössischen Orte (Basel reformiert, Solothurn katholisch) beschränkte das Aktionsfeld der Gegenreformation auf das Fürstbistum Basel und hatte Auswirkungen auf dessen Deutschschweizer Vogteien. Im Westfälischen Frieden erreichte die Eidgenossenschaft mit Unterstützung des französischen Gesandten und Grafen von Neuenburg, Henri II. d'Orléans-Longueville, die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit. Von da an bildeten die Gebiete am Ostabhang des Juras eine Pufferzone zwischen der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft und Frankreich, das die Habsburger Besitzungen im Oberelsass erhalten hatte und später die spanische Freigrafschaft Burgund annektierte.

In der Revolutionszeit war der Jura der unruhigen politischen und militärischen Entwicklung in Europa unterworfen, wobei sich die Verbündeten der Eidgenossen diesen Herausforderungen innerhalb der Grande Nation, deren Untertanen aber im Gefüge der Helvetischen Republik zu stellen hatten. Im Fürstbistum Basel entstand die erste Schwesterrepublik, die Raurachische Republik. Danach bildete das ehemalige Fürstbistum zusammen mit der Grafschaft Montbéliard das Departement Mont-Terrible, bis es schliesslich dem Departement Haut-Rhin angegliedert wurde. Neuenburg, in ein Lehen des ersten Kaiserreichs umgewandelt, behielt seine Institutionen. Das Waadtland und den um das bis anhin österreichische Fricktal erweiterten Aargau machte die Mediationsakte zu Kantonen. Die allmähliche Entstehung des Bundesstaates nach der Restauration wirkte sich auch auf den Jura aus. Der aus dem früheren Fürstbistum Basel hervorgegangene Berner Jura trug die Regeneration des Kantons Bern mit. Die Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft konstituierten sich im Verlauf einer – auch mit militärischen Mitteln ausgetragenen – Auseinandersetzung, in der die Stadt den Begehren ihrer Landbürger entgegengetreten war. In Neuenburg führte die Ausrufung der Republik am 1. März 1848 zur Loslösung vom preussischen König. Der Berner Jura verlor durch die Vereinheitlichung des Berner Steuersystems und des schweizerischen Rechts die Garantien, die ihm die Kantonsverfassung von 1846 gewährt hatte. Im 20. Jahrhundert spitzte sich die Jurafrage zu und führte schliesslich 1979 zur Entstehung des 23. Kantons der Schweiz.

Französische Soldaten der Bourbakiarmee beim Grenzübertritt in Les Verrières, 3. Februar 1871. Aquarell von Gustave Roux (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Französische Soldaten der Bourbakiarmee beim Grenzübertritt in Les Verrières, 3. Februar 1871. Aquarell von Gustave Roux (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Aufgrund seiner Lage war der Jura vom Deutsch-Französischen Krieg sowie von den beiden Weltkriegen besonders betroffen. Im Nordwesten der Schweiz waren Grenztruppen stationiert. Bis heute gilt Gilberte de Courgenay als Inbegriff für die warmherzige Aufnahme der schweizerischen Soldaten durch die einheimische Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs. Die Ankunft des 45. französischen Armeekorps im Juni 1940 weckte Erinnerungen an die Internierung der Bourbakiarmee im Februar 1871. Die Kriegsjahre bleiben von der mangelhaften Solidarität gegenüber den Opfern der Nazis überschattet, denen weniger Mitgefühl entgegengebracht wurde als den französischen Nachbarn. In der unmittelbaren Nachkriegszeit und während des dreissigjährigen Wirtschaftsbooms entwickelten sich die Gebiete dies- und jenseits der Grenze unterschiedlich, was oft darauf zurückgeführt wird, dass sie nicht in gleichem Masse in die Kriegshandlungen involviert gewesen waren. Die Wiederbelebung des Föderalismus und die wirtschaftliche Entwicklung wurden durch die interkantonale und grenzübergreifende Zusammenarbeit vorangetrieben: 1994 gründeten Bern, Jura, Neuenburg und Solothurn mit Freiburg den Espace Mittelland, dem sich später die Waadt und das Wallis anschlossen; die 1985 geschaffene Communauté de Travail du Jura, 2001 umbenannt in Conférence transjurassienne, umfasst die Freigrafschaft Burgund sowie die Kantone Bern, Jura, Neuenburg und Waadt.

Landwirtschaft

Im 16. und 17. Jahrhundert wandelten sich Siedlungsstruktur und Wirtschaft des Gebirges wesentlich. Das Bevölkerungswachstum führte zur Besiedlung der letzten nutzbaren Flächen. Mit der Einführung der Alpwirtschaft stieg der Marktwert der Hochweiden, was vermögende Patrizier im Flachland veranlasste, insbesondere im Waadtländer und Neuenburger Jura Weideplätze zu kaufen. Produziert wurde dort – erstmals ausserhalb seines Ursprungsgebiets – Greyerzer Käse. Diese Umwälzungen widerspiegelten sich in Veränderungen der kirchlichen und politischen Verwaltungseinheiten, wie zum Beispiel in der Herrschaft Valangin, in der neue Pfarreien und Meierämter entstanden.

Die Höfe von Le Cachot-de-Vent im Tal von La Brévine von Nordwesten, 2004 (Office du patrimoine et de l'archéologie du canton de Neuchâtel; Fotografie Daniel Glauser, Sainte-Croix).
Die Höfe von Le Cachot-de-Vent im Tal von La Brévine von Nordwesten, 2004 (Office du patrimoine et de l'archéologie du canton de Neuchâtel; Fotografie Daniel Glauser, Sainte-Croix). […]

Trotz der Verbreitung physiokratischer Schriften und der Einführung der Kartoffel in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts erneuerte sich die individualistischer gewordene Landwirtschaft erst im 19. Jahrhundert wieder grundlegend. Die Brache wurde allmählich aufgehoben und die Viehwirtschaft (Aufzucht von Schlachtvieh und Milchproduktion) gewann gegenüber dem Ackerbau an Gewicht.

Die zeitgeschichtlichen Entwicklungen in der jurassischen Landwirtschaft, in der die Zahl der Beschäftigten weit hinter diejenigen in den anderen Sektoren zurückgefallen ist, werden viel diskutiert. Die erwerbstätige Bevölkerung im 1. Sektor ist deutlich geschrumpft. Der Weinbau am Jurafuss, seit 1965 mechanisiert, erwies sich nach der Halbierung der Nutzfläche zwischen 1900 und 1975 wieder als rentabel. Der Ackerbau nutzt Anbauflächen unterhalb von 900 m (Jurafuss und Mulden); Viehwirtschaft wird in den Berggebieten betrieben. Zwischen 1950 und 1965 wurden sämtliche landwirtschaftlichen Betriebe motorisiert. Die höhenabhängige Spezialisierung nahm zu. Güterzusammenlegungen gingen einher mit dem Trend zur Konzentration; die Betriebsfläche von Höfen in mittlerer Lage wuchs von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1980er Jahre von 6 auf 30 ha. Die Betriebsstruktur hat sich grundlegend verändert: Die Zahl der Einpersonenbetriebe und der Anteil der Bauern, die sich mit Pachtland begnügen, sind deutlich gestiegen. Die Öffnung des Schweizer Agrarmarkts infolge der Gatt- und WTO-Abkommen stellte die automatisierte jurassische Landwirtschaft Ende des 20. Jahrhunderts vor Anpassungsschwierigkeiten.

Protoindustrie, Uhrmacherei und neuere Entwicklungen

Gravurwerkstatt. Öl auf Leinwand von Edouard Kaiser, 1892 (Musée des beaux-arts, La Chaux-de-Fonds; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Gravurwerkstatt. Öl auf Leinwand von Edouard Kaiser, 1892 (Musée des beaux-arts, La Chaux-de-Fonds; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Mit dem Ancien Régime begann im Jura der wirtschaftliche Aufschwung. Anstösse dazu gaben die Städte am Jurafuss, die durch die Hugenottenflüchtlinge Auftrieb erhalten hatten. Das Basler Seidengewerbe (Posamenterei und Bandweberei) führte bei den Bauern im Solothurner Jura und im Fürstbistum Basel ab dem 17. Jahrhundert das Verlagssystem ein. Von Genf aus verbreiteten sich Klöppelei (Spitzen), Zeugdruck und Uhrmacherei (Uhrenindustrie). In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand im Fürstentum Neuenburg-Valangin eine relativ dichte protoindustrielle Struktur, die sich auf die Gegend von Sainte-Croix, das Erguel und die Freiberge ausdehnte. Die moderne Fabrik trat mit der Indienneindustrie und den 700 Arbeitern und Arbeiterinnen der Fabrique-Neuve de Cortaillod in Erscheinung. Drucker in Neuenburg und Yverdon versorgten die aufgeklärten Eliten in Frankreich mit dort verbotenen Büchern. 1816 beschäftigte der 2. Sektor mehr als ein Drittel der erwerbstätigen Neuenburger Bevölkerung.

Tourismusplakat für die Jurabahnen Chemins de fer du Jura, um 1950 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Tourismusplakat für die Jurabahnen Chemins de fer du Jura, um 1950 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Im 19. Jahrhundert gehörte der Jura zu den dynamischsten Regionen der Eidgenossenschaft. Betriebe aus dem Bereich des Schmiedehandwerks orientierten sich neu und wandten sich der Uhrenherstellung zu, die sich in viele Gegenden des Juras, wie zum Beispiel in das Vallée de Joux, ausbreitete. Die Industrialisierung des katholischen Solothurn entkräftet die These von der Verbindung zwischen Kapitalismus und Protestantismus: Die Gesellschaft der Ludwig von Roll'schen Eisenwerke (Von Roll) übernahm die Eisenindustrie des Berner Juras; Solothurner "Marmor" (Kalkstein) war vor dem Alpengranit und dem Portland-Zement das vorherrschende Baumaterial. Während die Hauptachsen des Westschweizer Eisenbahnnetzes mit französischem Kapital errichtet wurden, ist der Bau der Regionallinien in direktem Zusammenhang mit der Expansion der Uhrmacherei zu sehen, die Bauern in Heimatarbeit beschäftigte. Nach der Weltausstellung in Philadelphia 1876 erfolgte eine Modernisierung, die im Berner Jura und in Biel am schnellsten voranschritt. Sie begünstigte das Aufkommen eines weiteren bedeutenden Sektors, der Metallverarbeitung und der Produktion von Werkzeugmaschinen. Im Solothurner, Basler und Aargauer Jura fand die Fabrikation der einfachen Roskopfuhren Verbreitung. La Chaux-de-Fonds kontrollierte in der Belle Epoque die Vermarktung: Drei Fünftel der Schweizer Uhrenexporte, die 90% der weltweiten Uhrenproduktion ausmachten, wurden dort abgewickelt.

Montageband der Swatch in Biel. Fotografie, um 1993 (Bild Archiv HR. Bramaz, Oberwil-Lieli).
Montageband der Swatch in Biel. Fotografie, um 1993 (Bild Archiv HR. Bramaz, Oberwil-Lieli).

Auf ausländische Märkte ausgerichtet, reagierte die jurassische Wirtschaft empfindlich auf jede Veränderung der internationalen Lage. Die Kriegsjahre boten weiterhin Gelegenheit für hohe Gewinne und die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit beschleunigte die Unternehmenskonzentration. 1937 sicherten eine Vereinbarung in der Uhrenindustrie nach einem Streik und vor allem das sogenannte Friedensabkommen in der Metallindustrie den sozialen Frieden. Nach 1950 steigerten die Fabriken ihre Produktion beträchtlich und rekrutierten Arbeitskräfte aus Italien sowie später auch Grenzgänger aus dem benachbarten Ausland. Die Krise der 1970er Jahre traf die Schweizer Uhrenindustrie hart, die – auf ihre Monopolstellung vertrauend – die japanische Konkurrenz unterschätzt hatte; die Anzahl der Beschäftigten ging von 80'000 Personen in den 1960er und 1970er auf 30'000 in den 1980er Jahren zurück. Die Wirtschaft erfuhr einen tief greifenden Wandel: Entfielen 1970 nahezu zwei Drittel der Arbeitsplätze im Jurabogen auf den 2. Sektor, so lagen ab den 1990er Jahren der 2. und 3. Sektor fast gleichauf, wobei zwischen den Bezirken teilweise erhebliche Unterschiede bestanden. Dank innovativem Design und Marketing erlebte die Uhrenindustrie einen erneuten Aufschwung, ohne jedoch das frühere Niveau zu erreichen (1995 über 35'000 Stellen). Die Anfälligkeit der jurassischen Industrie für Konjunkturschwankungen erklärte sich aus dem Verlust an Entscheidungszentren und dem wachsenden Anteil der Zulieferindustrie. Neben einer Diversifizierung in Richtung Mikrotechnik setzte man auf Tourismusförderung: Das 2000 gestartete Projekt Watch Valley, das Einblicke in das kulturelle Erbe und die Tradition der Uhrmacherei vermittelte, war ein Beispiel für die Zusammenarbeit der Städte des Jurabogens im Fremdenverkehr. Während der Basler Jura mit dem Laufental sowie ein Teil des Solothurner und Aargauer Juras sich zunehmend in die Regio Basiliensis integrierten, wuchs im übrigen, immer mehr zu einer Wirtschaftseinheit werdenden Jurabogen vom Vallée de Joux bis Solothurn das Bewusstsein gemeinsamer Interessen und eines geteilten Schicksals.

Jurassische Mythen

Albrecht von Haller ermunterte seine Leser, sich den einfachen und unbeirrbaren homo alpinus zum Vorbild zu nehmen. Jean-Jacques Rousseau fand sein Modell eines "Bergarkadiens" im Neuenburger Jura. Seine im Lettre à d'Alembert (1758) beschriebenen Bergler ("Montagnons") führen ein glückliches Leben. Durch seinen Aufenthalt im neuenburgischen Môtiers und später auf der St. Petersinsel wurden viele Bewunderer angezogen. Diese Erinnerungsstätten trugen dazu bei, dass das Juragebirge ab der Vorromantik in die Grand Tour der gelehrten Schweizbesucher einbezogen wurde. Sie bildeten den Abschluss der klasischen Route von Basel durch das Tal der Birs nach Biel.

Der von der Protoindustrialisierung erfasste Jura inspirierte auch Karl Marx, der jedoch Vorbehalte anmeldete. Im Kapital (1867) ortete er dort das Musterbeispiel einer "heterogenen Manufaktur", beurteilte aber diese Produktionsweise als ungünstig für den industriellen Fortschritt. Bemerkenswert an der jurassischen Uhrmacherei erschienen dem Theoretiker ihre dezentrale Organisation, die ausgeprägte Arbeitsteilung und der Arbeitertyp, der sich vom Fabrikarbeiter wie vom selbstständigen Handwerker unterschied.

Auf den Erwartungen einer Industriegesellschaft gründete paradoxerweise ein Identitätsmythos, der den Bedeutungsgehalt dreier ländlicher Motive in sich vereinigt: Die Dreiheit "Bauernhaus, Tanne, Pferd" wird unweigerlich mit dem Jura assoziiert. Das vereinfachte Bild der Landschaft der Freiberge passt gleichermassen auf die Freigrafschaft Burgund wie auf die verschiedenen Teile des Schweizer Juras. In der Malerei vor dem 20. Jahrhundert ausgeblendet, wurde insbesondere das Bauernhaus mit dem typischen, weit ausladenden Giebeldach zum Symbol des Juras. Sogenannt natürliche Landschaften, in denen menschliche Spuren weitgehend fehlen (nach dem Vorbild von Albert Schnyder, Coghuf oder Lermite), verkörpern in der Malerei die für den Jura typische Form einer auch anderswo fassbaren Boden- und Heimatverbundenheit.

Quellen und Literatur

  • F. Loew, Les Verrières: la vie rurale d'une communauté du Haut-Jura au Moyen Age, 1954
  • F. Chiffelle, Le Bas-Pays neuchâtelois, 1968
  • W. Kreisel, Siedlungsgeographische Untersuchungen zur Genese der Waldhufensiedlungen im Schweizer und Französischen Jura, 2 Bde., 1972
  • D. Aubert, «Evolution du relief jurassien», in Eclogae geologicae helvetiae 68, 1975, 1-64
  • Le Jura: de la montagne à l'homme, hg. von J. Boichard, 1986
  • W. Drack, R. Fellmann, Die Römer in der Schweiz, 1988
  • Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter, 1-5, 1993-2002
  • K. Weissen, An der stuer ist ganz nuett bezalt, 1994
  • Quel développement pour l'Arc jurassien?, hg. von O. Crevoisier, D. Maillat, 1995
  • R. Epple, A. Schnyder, Wandel und Anpassung, 1996
  • C. Salvadé, "La ferme, le sapin et le cheval: l'image identitaire du Jura", in L'Hôtâ 20, 1996, 21-28
  • Les pays romands au Moyen Age, hg. von A. Paravicini Bagliani et al., 1997
  • L'Arc jurassien: histoire d'un espace transfrontalier, hg. von J.-C. Daumas, L. Tissot, 2004
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