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Berner Jura

Bis zur Schaffung des neuen Kantons Jura 1978 umfasste der sogenannte Berner Jura das 1815 mit dem Kanton Bern vereinigte Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Basel mit Ausnahme der Stadt Biel. Seither bezeichnet der Gebietsname die drei französischsprachigen, beim Kanton Bern verbliebenen südjurassischen Bezirke La Neuveville, Moutier und Courtelary, während das Laufental, das seit 1994 zum Kanton Basel-Landschaft gehört, schon immer als besondere Einheit betrachtet wurde.

2010 trat die bernische Verwaltungsreform in Kraft. Sie teilt das Kantonsgebiet in fünf Verwaltungsregionen und zehn Verwaltungskreise ein. Seitdem bilden die Bezirke Courtelary, La Neuveville und Moutier die Verwaltungsregion Berner Jura sowie den gleichnamigen Verwaltungskreis. Dieser umfasst 40 Gemeinden; Sitz des Regierungsstatthalters ist Courtelary.

"Der Canton Bern, Nördlicher Theil", gezeichnet und gestochen von Johann Jakob Scheuermann. Karte Nr. 4 des Atlas de la Suisse, der 1822 bei Orell Füssli in Zürich erschienen ist (ETH-Bibliothek Zürich, Rar K 410:4, e-rara, DOI: 10.3931/e-rara-21553).
"Der Canton Bern, Nördlicher Theil", gezeichnet und gestochen von Johann Jakob Scheuermann. Karte Nr. 4 des Atlas de la Suisse, der 1822 bei Orell Füssli in Zürich erschienen ist (ETH-Bibliothek Zürich, Rar K 410:4, e-rara, DOI: 10.3931/e-rara-21553). […]

Von der Vereinigungsurkunde bis zur Kantonsgründung (1815-1978)

Bevölkerung

Der Berner Jura zählte 1818 ca. 57'700 Einwohner, 1910 etwa 116'000 und 1970 rund 140'000 Einwohner. Sein demografisches Gewicht im Kanton Bern erreichte 1888 das Maximum von 19% und fiel bis 1970 auf 14% zurück. Die Bevölkerungsentwicklung ist geprägt von einer starken Abwanderung von Jurassiern, die im 19. Jahrhundert durch Zuwanderung aus bernischen und anderen schweizerischen Gebieten, im 20. Jahrhundert durch Einwanderer aus dem Ausland teilweise kompensiert wurde (1950 3% Ausländer, 1970 14%). Die Umwälzung war im Nordjura (1970 66% Jurassier) weniger stark als im Südjura (1970 38% Jurassier). Der Anteil der Deutschsprachigen in den sechs französischsprachigen Amtsbezirken des Berner Juras (d.h. ohne Laufen), der Ende des 19. Jahrhunderts mehr als 20% betragen hatte, fiel bis 1960 auf 16% zurück. In konfessioneller Hinsicht verstärkte sich die reformierte Minderheit im 19. Jahrhundert; die konfessionelle Grenze zwischen dem katholischen Nordjura und dem reformierten Südjura verwischte sich jedoch kaum, trotz des Wachstums der jeweiligen Diasporagemeinden. Der Urbanisierungsgrad blieb bescheiden: 1850 hatten nur elf Gemeinden mehr als 1000 Einwohner; 1910 waren es 35 und 1970 39 von 145 Gemeinden, wobei nur deren fünf 5000-12'000 Einwohner zählten.

Entwicklung der Wohnbevölkerung in den Bezirken des Berner Juras 1818-2010a

Bezirke (aktuelle Kantonszugehörigkeit)18181831185018701888191019301950197019902010
Courtelary (BE)10 41411 70616 40622 70227 00326 74524 38123 43526 44222 31622 448
Moutier (BE)8 0888 51210 98813 77215 93323 01724 05026 70131 90923 24422 954
La Neuveville (BE)2 6593 1403 8374 4124 4734 2374 5034 5365 7565 4986 266
            
Delsberg (JU)9 44110 02112 32013 01813 93517 92518 59220 79627 54933 18535 921
Freiberge (JU)7 1527 3328 97410 78910 75010 6148 7538 4968  3039 1449 966
Pruntrut (JU)15 78516 85620 56523 98825 41925 61123 67925 21226 13523 90424 145
            
Laufen (BL)4 0565 0775 2035 6775 9858 3839 13710 58514 03314 99618 901

a Die Werte bis 1970  stehen für die damaligen Berner Amtsbezirke. Die Angaben für 1990 und 2010 entsprechen den aktuellen Bezirkseinteilungen der Kantone Jura und Basel-Landschaft bzw. für den Kanton Bern denjenigen der drei Amtsbezirke, die seit 2010 den Verwaltungskreis Berner Jura bilden.

Entwicklung der Wohnbevölkerung in den Bezirken des Berner Juras 1818-2010 -  Statistisches Handbuch des Kantons Bern 1964, 1965, S. 26-27; Annuaire des statistiques jurassiennes, 1984, S. 65-69; Bundesamt für Statistik

Verfassung

Vereinigungsurkunde des ehemaligen Bistums Basel mit dem Kanton Bern. Erste Seite des zweisprachigen, handschriftlichen Dokuments (Staatsarchiv Bern, F. Bistum Basel 1815.11.14).
Vereinigungsurkunde des ehemaligen Bistums Basel mit dem Kanton Bern. Erste Seite des zweisprachigen, handschriftlichen Dokuments (Staatsarchiv Bern, F. Bistum Basel 1815.11.14).

Gemäss der Vereinigungsurkunde von 1815 stand der Berner Jura im gleichen Abhängigkeitsverhältnis zum patrizischen Stadtstaat Bern wie die übrige Berner Landschaft. Er behielt aber das Steuersystem aus der Zeit der französischen Herrschaft bei, in welchem die Grundsteuer an die Stelle der Feudalabgaben getreten war. Während der Restauration war der Berner Jura (deutsch Leberberg) in fünf Oberämter oder Amtsbezirke (leberbergische Ämter) unterteilt (ab 1831 war nur mehr der Begriff Amtsbezirke gebräuchlich): Pruntrut, Delsberg (mit Laufen), Freiberge, Moutier und Courtelary; La Neuveville und der Tessenberg waren in das Oberamt Erlach integriert. Die liberale Verfassung von 1831, welche das Französische als Amtssprache anerkannte, und die radikale Verfassung von 1846, welche die besondere Rechtsstellung des Berner Juras beibehielt (Grundsteuer, teilweise französische Gesetzgebung, öffentliche Fürsorge), wurden von den Jurassiern deutlich gutgeheissen. Umso klarer verwarfen sie die Kantonsverfassung von 1893 sowie das Armen- und Niederlassungsgesetz von 1897, die dem rechtlichen, steuerlichen und sozialpolitischen Sonderstatus des Berner Juras ein Ende setzten. 1848-1890 bildete der Berner Jura gesamthaft einen eidgenössischen Wahlkreis, danach bis 1918 die zwei Wahlkreise Südjura (Amtsbezirke Courtelary, Freiberge, Moutier, La Neuveville) und Nordjura (Delsberg, Laufen, Pruntrut). Mit der Einführung des Proporzes auf eidgenössischer Ebene (1919) wurde der Kanton Bern zu einem einzigen Wahlkreis; die Parteien präsentierten aber ihre Kandidaten für den alten Kantonsteil und für den Berner Jura in der Regel auf getrennten Listen und mit separaten Listenverbindungen.

1846 wurde der Berner Jura in sieben Amtsbezirke unterteilt (Courtelary, Delsberg, Freiberge, Laufen, Moutier, La Neuveville, Pruntrut), die zusammen 147 Gemeinden umfassten (1882 146, 1952 145). Die Vereinigungsurkunde von 1815 hatte die französische Gemeindeorganisation abgeschafft und die Bürgergemeinde wieder eingeführt, die zwischen Gemeindebürgern und Einwohnern unterschied. Die Verfassung von 1831 und das Gemeindegesetz von 1833 schufen die politische Gemeinde, beliessen aber die Bürgergemeinde in ihren angestammten Besitzrechten. In den 1860er Jahren fand die Ausscheidung der Gemeindegüter statt. In den ländlichen Gebieten wurde die Commune mixte (Gemischte Gemeinde) geschaffen, in der eine einzige Behörde, der Gemeinderat, der politischen Gemeinde vorstand und zugleich das Bürgergut verwaltete. 1869 zählte man 79 Communes mixtes und 68 politische Gemeinden, überdies 75 Bürgergemeinden oder bürgerliche Abteilungen in den Gemeinden. Abgesehen von einigen lokalen Verschiebungen hat sich diese Struktur bis in die Gegenwart erhalten.

Politik

Im 19. Jahrhundert orientierten sich die Bürger bei der politischen Meinungsbildung weniger an Parteien als an einzelnen Männern und Presseorganen: Xavier Stockmar und L'Helvétie verkörperten den Liberalismus der 1830er Jahre, Joseph Trouillat mit Le Réveil du Jura (1860) und Ernest Daucourt mit Le Pays (1873) in herausragender Weise den katholischen Konservatismus. Le Jura bernois (1867) von Saint-Imier und Le Démocrate (1877) von Delsberg waren die Wortführer der Association populaire jurassienne, der Vorgängerin der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat standen im Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen den liberal-radikalen "Roten" und den konservativen "Schwarzen". 1877 wurde die Katholisch-konservative Partei gegründet, die 1971 zur jurassischen Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) wurde. Die zur Zeit der I. Internationale ins Leben gerufene Fédération jurassienne und später der Aufschwung der Gewerkschaftsbewegung in der Uhrenindustrie begünstigten im frühen 20. Jahrhundert die Entstehung der Sozialdemokratischen Partei (SP). Die 1919 gegründete bernische Bauern-, Gewerbe-, und Bürgerpartei (BGB, seit 1971 Schweizerische Volkspartei SVP) gewann Anhänger aus den ländlichen Gebieten des Berner Juras. Mit der Einführung des Proporzes stabilisierten sich die politischen Kräfteverhältnisse: Die Liberalradikalen, die sich recht gleichmässig auf alle Gegenden verteilten, und die Konservativen, die im katholischen Teil des Berner Juras dominierten, vereinigten je einen Drittel der Wählerschaft auf sich. Die Sozialdemokraten kamen, ausser in den 1930er Jahren, auf knapp einen Viertel der Stimmen, während die BGB bei 10% verharrte. Diese vier Parteien widerstanden mit Erfolg neuen politischen Kräften: 1957 den unabhängigen Christlichsozialen (PCSI), 1967 dem kommunistischen Parti ouvrier populaire (POP). Die Sozialisten und Freisinnigen waren in der Jurafrage allerdings tief gespalten. Die Stabilität des Parteiengefüges kontrastierte überdies stark mit der progressiven Haltung der Jurassier bei Volksabstimmungen.

Wirtschaft

Die Eisenschmitte in La Reuchenette. Radierung von Johann Joseph Hartmann, um 1800 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Die Eisenschmitte in La Reuchenette. Radierung von Johann Joseph Hartmann, um 1800 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Um 1815 war der Berner Jura eine vorwiegend ländliche Region. In der Berglandschaft des Juras wandten sich die Bauern hauptsächlich der Viehzucht und Milchwirtschaft zu. Der Tête-de-moine, eine Käsespezialität, und das Freiberger Pferd wurden zu deren sinnbildlichen Produkten. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an entwickelte sich auch die landwirtschaftliche Genossenschaftsbewegung. Die bäuerliche Berufsbildung wurde gefördert durch die 1897 in Pruntrut eröffnete Kantonale Landwirtschaftsschule, die 1927 nach Courtemelon (Courtételle) verlegt wurde.

Uhrmacheratelier der Longines in Saint-Imier. Fotografie, um 1935 (Bild Archiv HR. Bramaz, Oberwil-Lieli).
Uhrmacheratelier der Longines in Saint-Imier. Fotografie, um 1935 (Bild Archiv HR. Bramaz, Oberwil-Lieli).

Die Eisenindustrie, die in der Nachfolge der fürstbischöflichen Schmiedewerkstätten entstanden war, erlebte 1850-1860 eine Blütezeit (sechs Hochöfen), der ein rascher Niedergang folgte. Um 1880 kaufte die Von Roll die in den Ruin geratenen Unternehmen auf. Sie konzentrierte in der Folge ihre Produktion in zwei Giessereien – Choindez und Les Rondez – und gab 1926 den Erzabbau auf. Im 19. Jahrhundert beherrschte die Uhrenindustrie die Wirtschaft des Berner Juras: Nach einem allmählichen Wachstum im Rahmen des Verlagssystems im Tal von Saint-Imier, in den Freibergen und in der Ajoie entstanden im Zuge der industriellen Revolution in den Tälern mit Bahnanschluss Uhrenfabriken, welche Arbeitskräfte anzogen: Dem Heimarbeiter folgte der Fabrikarbeiter. Die Longines in Saint-Imier (1866) und die Tavannes Watch Co. (1891) erreichten eine ausserordentliche Grösse  in einer Industrielandschaft, in welcher ansonsten kleine und mittlere Betriebe vorherrschten, die Uhren, Zifferblätter, Halbedelsteine oder Uhrenschalen herstellten. In Moutier liessen sich im Gefolge der Uhrenindustrie um 1880 Unternehmen nieder, die Präzisionsmaschinen fabrizieren und im 20. Jahrhundert, trotz einiger Krisen, im Grossen und Ganzen florierten: Tornos, Bechler (Tornos-Bechler) und Pétermann. In der Ajoie fanden die Tabakfabrik Burrus in Boncourt, später die Wirk- und Strickwaren- sowie die Schuhindustrie in Pruntrut und Umgebung einen Platz neben der dominierenden Uhrenindustrie. Die Messerfabrik Wenger in Delsberg und die Fahrradfabrik Condor in Courfaivre wurden 1893 gegründet. Das Laufental wandte sich der Papier-, Zement- und Keramikindustrie zu. 1970 waren 9% der im Berner Jura Erwerbstätigen im 1. Sektor, 66% im 2. und 25% im 3. Sektor beschäftigt.

"Die Schweizer Präzisionsmaschine, Petermann, Moutier". Plakat aus dem Jahr 1943, gestaltet von René Bleuer (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
"Die Schweizer Präzisionsmaschine, Petermann, Moutier". Plakat aus dem Jahr 1943, gestaltet von René Bleuer (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Die Topografie des Berner Juras erschwerte sowohl den Verkehr innerhalb der Region wie auch den Transit. Um 1815 hoben sich im Strassennetz zwei Hauptachsen ab: Basel-Biel, durch das Tal der Birs und die Pierre Pertuis, sowie Tavannes-Pruntrut über Les Rangiers. Im Zeitalter des Eisenbahnbaus blieb der Berner Jura abseits der neuen Linien. Nach der Annexion des Elsasses und Lothringens durch Deutschland, welche die Verbindung Basel-Paris unterbrach, wurden dank des Einsatzes jurassischer Notablen und lokaler Behörden 1872-1877 die Linien Delle-Pruntrut-Delsberg, Biel-Basel (durch das Vallée de Tavannes) und Sonceboz-Les Convers erstellt. Die Blüte der Uhrenindustrie förderte den Bau regionaler, privater Bahnlinien (1884-1913), die sich 1945 zur Compagnie des chemins de fer du Jura (CJ) zusammenschlossen. 1908 wurden Moutier und Solothurn durch die Bahn verbunden. Der 1916 eröffnete Tunnel zwischen Moutier und Grenchen lag auf der Achse Paris-Mailand durch den Lötschberg- und den Simplontunnel (Jura-Simplon-Bahn). Er verlor indes seine Bedeutung, nachdem das Elsass wieder zu Frankreich gekommen war. Mit dem Aufkommen des Automobilverkehrs rückten die Strassenverbindungen vermehrt in den Vordergund. Von den 1960er Jahren an forderten die Jurassier den Bau einer Autobahn von Boncourt nach Oensingen (Transjurane), welche das schweizerische und das französische Autobahnnetz verbinden sollte.

Lithografie zur Erinnerung an die Einfahrt des ersten Zuges in Saint-Imier im Jahr 1874 (Staatsarchiv Bern, T 218).
Lithografie zur Erinnerung an die Einfahrt des ersten Zuges in Saint-Imier im Jahr 1874 (Staatsarchiv Bern, T 218). […]

Im Zuge der verkehrsmässigen Entwicklung bildeten sich auch zwei Vereinigungen, die sich die Wahrung regionaler Interessen zum Ziel setzten: Die 1903 ins Leben gerufene Société jurassienne de développement (seit 1938 Pro Jura) machte es sich zur Aufgabe, Touristen aus der übrigen Schweiz und aus dem Ausland anzulocken. Die 1925 gegründete Association de défense des intérêts du Jura (ADIJ) beschäftigte sich vor allem mit Verkehrsfragen sowie wirtschaftlichen und sozialen Problemen.

Gesellschaft und Vereinsleben

Die literarische Gesellschaft von Tavannes. Fotografie vom 26. März 1922 (Collections Mémoires d'Ici, Saint-Imier).
Die literarische Gesellschaft von Tavannes. Fotografie vom 26. März 1922 (Collections Mémoires d'Ici, Saint-Imier). […]

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist die bäuerliche Bevölkerung allmählich einer Gesellschaft gewichen, in welcher die Arbeitnehmerschaft einer stark dezentralisierten Industrie überwiegt. Die verstreut lebende Arbeiterschaft vermochte indes die örtliche und regionale Vorherrschaft des Kleinbürgertums nie in Frage zu stellen. Diesen Sachverhalt widerspiegelte die jurassische Delegation im bernischen Grossen Rat, die sich 1922-1974 zu drei Vierteln aus Selbstständigen und nur zu einem Viertel aus Angestellten zusammensetzte. Die Uhren- und die Metallarbeiter organisierten sich 1886 bzw. um 1900 in Gewerkschaften, die sich 1915 zum Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (Smuv) zusammenschlossen. Dieser bildete die grosse Mehrheit im jurassischen Gewerkschaftskartell, das seit 1930 die regionalen Sektionen des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) vereint. Die Mitgliederzahl stieg von 6700 um 1917 auf über 15'000 im Jahr 1963. Die christliche Gewerkschaftsbewegung blieb selbst in den katholischen Bezirken sehr bescheiden.

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an entwickelte sich das Vereinsleben in zwei Richtungen: In den Dörfern beschränkte es sich auf Musik-, Gesangs- und Schützenvereine, in den städtischen Zentren gesellten sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Fürsorge-, Berufs-, Sport- und philanthropische Vereine hinzu. Daneben wurden auch einige grosse Gesellschaften gegründet wie 1847 die Société jurassienne d'émulation und im frühen 20. Jahrhundert die Société jurassienne de développement und die ADIJ.

Kirche und religiöses Leben

"Der neue Don Quixote". Ganzseitige Karikatur, erschienen im Nebelspalter, Nr. 33 vom 12. August 1876 (ETH-Bibliothek Zürich, e-periodica).
"Der neue Don Quixote". Ganzseitige Karikatur, erschienen im Nebelspalter, Nr. 33 vom 12. August 1876 (ETH-Bibliothek Zürich, e-periodica). […]

Die Vereinigungsurkunde von 1815 erlaubte der katholischen und der protestantischen Konfession die Religionsausübung in den Gemeinden, die sich zur jeweiligen Konfession bekannten; die Wiedertäufer wurden toleriert. Die evangelisch-reformierten Pfarreien, die in napoleonischer Zeit von den vier Konsistorialkirchen abhängig gewesen waren, wurden in die bernische Landeskirche integriert, wobei die Pfarrer des Berner Juras ein besonderes Kapitel bildeten. Der katholische Teil, der unter französischer Herrschaft der Diözese Strassburg angegliedert worden war, wurde wieder dem 1828 reorganisierten Bistum Basel angeschlossen. Die Kantonsverfassung von 1831 gewährte die Glaubensfreiheit; die Verfassung von 1846 garantierte die freie Religionsausübung und anerkannte die evangelisch-reformierte und die katholische Kirche als Landeskirchen. Im Februar 1836 verabschiedete der bernische Grosse Rat die Badener Artikel, welche das Verhältnis von Kirche und Staat regeln sollten. Dies erhitzte die Gemüter im katholischen Teil des Berner Juras, und unter französischem Druck musste der Grosse Rat seinen Beschluss wieder zurücknehmen. Der Gegensatz zwischen den katholischen Gebieten des Berner Juras und der Berner Regierung kulminierte im Kulturkampf. Die Absetzung des aus dem Jura stammenden Basler Bischofs Eugène Lachat, die Unterdrückungsmassnahmen gegen den mit Lachat solidarischen Klerus sowie das kantonale Kirchengesetz von 1874, das die Bildung christkatholischer Gemeinden vorsah, riefen den Widerstand der katholischen Jurassier hervor, die sich direkt an den Bund wandten. Die Lage beruhigte sich 1878, doch bedurfte es eines halben Jahrhunderts, bis alle Nachwehen des Kulturkampfes verebbt waren. Das bernische Kirchengesetz von 1945 wurde dank der massiven Zustimmung der Jurassier knapp angenommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg näherten sich im Rahmen der ökumenischen Bewegung die Evangelisch-reformierte Synode des Juras und die katholische Kirche an; beide waren in Hilfswerken, in kulturellen und geistlichen Belangen aktiv (reformiertes Centre de Sornetan, katholisches Centre Saint-François in Delsberg).

Schulen und kulturelle Einrichtungen

Die Vereinigungsurkunde von 1815 unterstellte die nur von November bis April geöffneten Dorfschulen sowie die zwei Sekundarschulen in Pruntrut und Delsberg (1812 gegründet) wiederum den kirchlichen Behörden. Gemäss der liberalen Verfassung von 1831 wurde das Schulwesen Sache des Staats, der es namentlich mit dem Primarschulgesetz von 1835, dem Unterrichts- und Sekundarschulgesetz von 1856 sowie dem Primarschulgesetz von 1894 regelte. In der Gesetzgebung prallten Verfechter des Laienunterrichts und konfessioneller Schulen aufeinander, so in der Frage nach der Stellung der Lehrerseminare in Pruntrut (1837) und Delsberg (1846), der Kantonsschule in Pruntrut (1858) sowie in der Frage der Lehrschwestern (1849, 1867/1868). Im 19. Jahrhundert standen den Kindern der deutschschweizerischen Zuzüger rund 70 öffentliche und private deutschsprachige Schulen offen, 1968, infolge der Anwendung des Territorialitätsprinzips auf die Sprachen, noch deren sechs. Der im 20. Jahrhundert eingekehrte Schulfrieden erlaubte eine selbstständige Organisation der französischsprachigen Schulen. Seit 1847 findet sich die literarische, wissenschaftliche und künstlerische Elite des Juras in der Société jurassienne d'émulation zusammen. Das 1950 gegründete Institut jurassien des sciences, des lettres et des arts vereint Schriftsteller, Künstler sowie Universitätsprofessoren, und die 1957 eröffnete Volkshochschule bietet an verschiedenen Orten zahlreiche Kurse im Sinne einer ständigen Weiterbildung an.

Die Jurafrage seit 1947

Die Anfänge

Fasnachtsumzug in Cornol am 8. Februar 1948. Fotografie von Albert Perronne (Musée de l'Hôtel-Dieu, Pruntrut).
Fasnachtsumzug in Cornol am 8. Februar 1948. Fotografie von Albert Perronne (Musée de l'Hôtel-Dieu, Pruntrut). […]

Seit dem 19. Jahrhundert versteht man unter der "Jurafrage" das Minoritätenproblem, das sich aus der "Vereinigung" des ehemaligen Fürstbistums Basel mit dem Kanton Bern und aus der daraus erwachsenen politischen Abhängigkeit des jurassischen Volkes ergeben hat. Diese in einer föderalistischen Schweiz paradoxe Situation hätte nur Bestand haben können, wenn sich die jurassische Minderheit nicht drangsaliert oder gar in ihrer Existenz bedroht gefühlt hätte. Vorerst wurde der Anschluss an Bern wohl oder übel akzeptiert. Das Begehren nach einer Loslösung tauchte im 19. Jahrhundert erst da und dort auf. Neuen Auftrieb erhielt es infolge der Germanisierungsversuche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Jurafrage von einer Handvoll Intellektueller aufgeworfen, welche die Schaffung eines Kantons Jura befürworteten. Dies hatte eine starke antiseparatistische Reaktion zur Folge, und dem separatistischen Komitee von 1917 ging bald der Atem aus. In der Zwischenkriegszeit mit ihrer demografischen und wirtschaftlichen Krise verstärkte sich der Eindruck, dass die Berner Regierung die jurassischen Interessen nicht angemessen wahrnehme. Dichter, Historiker und Literaten verspürten zudem das Bedürfnis, ihre auf der Sprache und Geschichte beruhende Identität zu festigen. Die Exponenten des liberalen Bürgertums – Professoren, Magistraten, Beamte, Unternehmer und Politiker – fanden sich in der Société jurassienne d'émulation, der Pro Jura und der ADIJ zusammen, die wesentlich zur Ausformung der jurassischen Identität beitrugen. Diese drei grossen Vereinigungen haben denn auch im Juni 1943 die jurassischen Forderungen, das "jurassische Malaise", bei der Berner Regierung vorgebracht und 1947 das Komitee von Moutier präsidiert, ehe sie vom Mouvement séparatiste jurassien, der Organisation einer neuen Generation, verdrängt wurden.

Infolge der Moeckli-Affäre im September 1947 gewann der Jurakonflikt erheblich an Dynamik: Der bernische Grosse Rat verweigerte dem aus dem Jura stammenden Regierungsrat Georges Moeckli das Baudepartement unter dem Vorwand, er sei frankofon. Tatsächlich konstituierte sich das Komitee von Moutier infolge dieses Zwischenfalls und der heftigen Proteste, die er im Jura auslöste. Ziel des Komitees war es zuerst, in Form eines föderalistischen und auf zwei Kammern aufgebauten Systems eine weitgehende Autonomie innerhalb des Kantons Bern zu erhalten. Da die bernische Kantonsregierung jede Infragestellung der kantonalen Einheit ablehnte, gab das Komitee seine Autonomieforderung vorderhand auf und begnügte sich mit einem Kompromiss. Dieser sah eine verfassungsmässige Anerkennung des jurassischen Volkes vor und wurde in der Volksabstimmung vom 29. Oktober 1950 angenommen.

"Jurassischer Separatismus". Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 784 vom 6. September 1957 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#784-1#2*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern.
"Jurassischer Separatismus". Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 784 vom 6. September 1957 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#784-1#2*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern. […]

Diese Massnahme wurde von den militanten Separatisten als ungenügend erachtet. Sie machten sich die alte Doktrin des Komitees von Moutier zu eigen und formierten sich zum Mouvement séparatiste jurassien. 1951 wandelte sich dieses, angetrieben von den zwei Führerfiguren Roland Béguelin und Roger Schaffter, in das Rassemblement jurassien (RJ) um. Kurz nach der Auflösung des Komitees von Moutier (13.11.1952) gründeten die antiseparatistischen Kräfte die Union des patriotes jurassiens (UPJ). Im Konflikt mit den Antiseparatisten führte das RJ in den 1950er Jahren vor allem historische Argumente an, indem es die mehrere Jahrhunderte dauernde Unabhängigkeit betonte, die der Jura seiner Ansicht nach erst 1792 verloren habe. Für ihre Rivalin, die UPJ, stellte dagegen die Wirtschaft das Haupthindernis einer Verselbstständigung des Juras dar. Im September 1957 lancierte das RJ eine kantonale Initiative, die zum Ziel hatte, die Einstellung der Jurassier zur Gründung eines Kantons Jura zu erfahren. Die Initiative gelangte am 5. Juli 1959 zur Abstimmung; im alten Kantonsteil wurde sie massiv verworfen, und im Berner Jura ergab sich eine knappe Mehrheit von 52% der Stimmenden für die Beibehaltung des Status quo. Für das RJ bedeutete dieses Ergebnis einen Misserfolg, vor allem weil es die These von der "Einheit des jurassischen Volkes" widerlegte. Tatsächlich hatten nämlich die drei französischsprachigen und katholischen Amtsbezirke des Nordjuras die Initiative sehr deutlich angenommen, während sich in den drei französischsprachigen und reformierten Amtsbezirken des Südjuras ebenso wie im deutschsprachigen und katholischen Laufental klare loyalistische Mehrheiten ergeben hatten. Diese Abstimmung bewog das RJ zu einer schrittweisen Reorientierung seiner Politik. Diese stützte sich in der Folge auf ein "ethnisches" Konzept, das mehr Gewicht auf die sprachliche Argumentation als auf die historische legte. Dies erlaubte dem RJ, das Ergebnis der Abstimmung als Folge der Zuwanderung deutschschweizerischer Bevölkerungsgruppen zu interpretieren und anzufechten. Ausserdem wurde der Anspruch auf den deutschsprachigen Amtsbezirk Laufen aufgegeben.

Von den Juraplebisziten zur Assemblée interjurassienne

"Bélier-Prozess". Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 1448 vom 26. Februar 1971 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1448-1#1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern.
"Bélier-Prozess". Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 1448 vom 26. Februar 1971 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1448-1#1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern. […]

In den 1960er Jahren verschärfte sich die Tonart. Das RJ reorganisierte sich und verstärkte seine Präsenz. Die im Dezember 1963 gegründete Jugendorganisation Bélier wurde zur Speerspitze in der Auseinandersetzung. Der Front de libération jurassien (FLJ) übernahm die Verantwortung für verschiedene Anschläge, und 1964 wurde Bundesrat Paul Chaudet in Les Rangiers von mehreren tausend Separatisten niedergeschrien. Trotz Kompromissversuchen blieben die Fronten klar abgegrenzt, umso mehr, als die Berner Regierung am Prinzip der kantonalen Einheit festhielt. 1967 wich sie jedoch von diesem Grundsatz ab und schlug einen Massnahmenplan vor, der letztlich zur kantonalen Abstimmung vom 1. März 1970 führte. In dieser wurde einem Verfassungszusatz zugestimmt, der ein Verfahren für das Selbstbestimmungsrecht im Berner Jura festlegte. Das von einer eidgenössischen "Kommission der Guten Dienste" (den vier bzw. später fünf "Weisen") angeregte Verfahren sah eine Folge von drei Abstimmungen über eine Trennung vor: zuerst im gesamten Berner Jura, dann in den Amtsbezirken, in denen die Trennung abgelehnt worden war und schliesslich in den Gemeinden, die an den Grenzen zwischen den ablehnenden und den befürwortenden Amtsbezirken lagen. Die UPJ, die auf die antiseparatistische Mehrheit bei der Abstimmung von 1959 verwies, übertrug dem RJ im Voraus die Verantwortung für ein Auseinanderfallen des Berner Juras. Das RJ befürwortete zwar grundsätzlich einen Volksentscheid über die Selbstbestimmung des Berner Juras, focht aber die Verfahrensweise an. Im Sommer 1969 bildeten auf den Ausgleich bedachte Kräfte das Mouvement pour l'unité du Jura (MUJ). Diese "dritte Kraft" suchte ein Auseinanderbrechen des Berner Juras infolge der drei Abstimmungen zu verhindern und setzte sich für ein Autonomiestatut ein. Diese Hoffnung erfüllte sich indes nicht; das vom Berner Kantonsparlament 1973 verabschiedete Jurastatut entsprach nicht einmal annähernd den Vorstellungen des MUJ über eine Selbstverwaltung.

Resultate des Plebiszits vom 23. Juni 1974 in den sieben jurassischen Bezirken betreffend die Schaffung eines neuen Kantons Jura
Resultate des Plebiszits vom 23. Juni 1974 in den sieben jurassischen Bezirken betreffend die Schaffung eines neuen Kantons Jura […]

Der Berner Regierungsrat setzte das erste Juraplebiszit auf den 23. Juni 1974 fest. Trotz seiner Drohungen, dem Urnengang fernzubleiben, stürzte sich das RJ in den Abstimmungskampf. Entgegen allen Erwartungen brachte die erste Abstimmung eine knappe Mehrheit für die Loslösung; sie bestätigte aber auch im Wesentlichen die 1959 festgestellte innerjurassische Gespaltenheit (36'802 Ja, 34'057 Nein, 1726 leer). Die antiseparatistische Bewegung wurde durch Tausende von Frauen im Groupement féminin de Force démocratique und durch die Jugendgruppe Sanglier verstärkt. In der zweiten Abstimmung vom 16. März 1975 bekräftigten die drei südjurassischen Amtsbezirke ihre Zugehörigkeit zum Kanton Bern. Am 7. und 14. September 1975 brachte schliesslich die dritte Abstimmung Klarheit über den Verlauf der zukünftigen Kantonsgrenze. Dabei blieben die Antiseparatisten in der Gemeinde Moutier knapp erfolgreich. Der Amtsbezirk Laufen stimmte am 14. September 1975 für einen Verbleib beim Kanton Bern, hielt sich aber die Option offen, sich einem anderen Kanton anzuschliessen.

Demonstration der antiseparatistischen, probernischen Sangliers in Malleray und Bévilard am Abend des 25. April 1975. Fotografie Actualité suisse Lausanne (Staatsarchiv Bern, PBA BZ D 1795).
Demonstration der antiseparatistischen, probernischen Sangliers in Malleray und Bévilard am Abend des 25. April 1975. Fotografie Actualité suisse Lausanne (Staatsarchiv Bern, PBA BZ D 1795).

Die Zeit der Plebiszite war von sehr starken Spannungen zwischen den beiden Lagern gekennzeichnet. Der Misserfolg der "dritten Kraft", die sich für eine Stimmenthaltung am 23. Juni 1974 eingesetzt hatte, ging einher mit einer Radikalisierung im antiseparatistischen Lager. Dieses schritt zu einer zuvor nicht gesehenen Mobilisierung seiner Anhänger und zur Schaffung einer eigentlichen Kampforganisation (Force Démocratique). Das RJ wiederum strich seinen Sieg in der ersten Abstimmung heraus und focht die beiden folgenden Urnengänge an. Zweifellos stellte diese Phase eine Zäsur in der Jurafrage dar: Die historische Einheit zerfiel in drei Teile. Im Nordjura wurde ein Verfassungsrat gewählt, der sich daran machte, dem neuen Kanton Jura eine institutionelle Basis zu geben. Am 24. September 1978 wurde der Geburt des neuen Kantons Jura in einer eidgenössischen Volksabstimmung zugestimmt. In der Folge büsste das RJ seine Vormachtstellung allmählich zugunsten der traditionellen Parteien ein. Es hielt jedoch hinsichtlich einer Politik der Wiedervereinigung den Druck auf die Behörden des Kantons Jura aufrecht. Im Südjura blieben die Spannungen bis in die frühen 1980er Jahre bestehen, danach normalisierte sich die politische Lage. Der Konflikt zwischen den Separatisten und Antiseparatisten verlagerte sich auf die kommunale Ebene, wo zum Beispiel 1982 in Moutier die Antiseparatisten ihre Mehrheit einbüssten.

Am 24. September 1978 teilt François Lachat auf der Aussentreppe des Delsberger Rathauses den versammelten Jurassiern und Jurassierinnen mit, dass das Schweizer Stimmvolk der Gründung eines neuen Kantons zugestimmt hat (Fotografie Jacques Bélat).
Am 24. September 1978 teilt François Lachat auf der Aussentreppe des Delsberger Rathauses den versammelten Jurassiern und Jurassierinnen mit, dass das Schweizer Stimmvolk der Gründung eines neuen Kantons zugestimmt hat (Fotografie Jacques Bélat).

Der Amtsbezirk Laufen lehnte 1983 in einer Volksabstimmung den Anschluss an den benachbarten Kanton Basel-Landschaft ab. Die Berner Behörden wurden in der Folge jedoch angeklagt, den antiseparatistischen Abstimmungskampf finanziell unterstützt zu haben. Das Bundesgericht bestätigte die Rechtmässigkeit der Urnengänge im Südjura, erklärte aber die Abstimmung im Amtsbezirk Laufen für ungültig. Am 12. November 1989 entschieden sich die Laufentaler schliesslich für den Anschluss an den Kanton Basel-Landschaft. Durch diese Ereignisse gewann die Jurafrage wieder an Brisanz und der Bundesrat setzte unter dem Vorsitz von Sigmund Widmer eine Konsultativkommission (Kommission Widmer) unter Beteiligung der Kantone Bern und Jura ein. In ihrem Bericht vom 31. März 1993 plädierte diese für eine Fortsetzung des Dialogs und skizzierte in groben Zügen das Verfahren für eine allfällige Wiedervereinigung. Er wurde im Kanton Jura begrüsst, stiess jedoch in bernischen und antiseparatistischen Kreisen auf heftige Ablehnung. Des von neuen Gewaltakten geprägten Klimas überdrüssig, unterzeichneten die Behörden der Kantone Bern und Jura sowie der Bundesrat am 25. März 1994 eine durch die Vermittlung des Bundesrats zustande gekommene Übereinkunft. Gemäss dieser sollte eine politische Lösung des Jurakonflikts angestrebt und der Dialog in einer interjurassischen Versammlung (Assemblée interjurassienne, AIJ) wieder aufgenommen werden. Dieses Gremium – 1994-1997 von alt Bundesrat René Felber, 1997-2003 vom liberalen Waadtländer alt Staatsrat Jean-François Leuba, 2003-2010 vom radikalen Walliser alt Staatsrat Serge Sierro und 2011-2117 vom liberal-radikalen Tessiner alt Ständerat Dick Marty präsidiert – schuf die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit zwischen den bei Bern verbliebenen südjurassischen Amtsbezirken und dem Kanton Jura. Der Berner Regierungsrat räumte damit erstmals gemeinsame Interessen zwischen dem Kanton Jura und dem bernischen Südjura ein. Die Regierung des Kantons Jura akzeptierte ihrerseits den Verbleib der südjurassischen Amtsbezirke beim Kanton Bern (entsprechend den diesbezüglichen Bestimmungen in der Berner Verfassung). Separatistische Kreise kritisierten das Abkommen scharf. Sie stuften es als Rückschritt gegenüber dem Widmer-Bericht ein und verurteilten den Kanton Jura für seinen Verzicht auf eine Wiedervereinigungspolitik und der damit verbundenen Anerkennung der drei Juraplebiszite der 1970er Jahre. In der Jurafrage begann damit eine neue Phase, in welcher die beiden Parteien über die politischen Folgen der Spaltung des ehemaligen Berner Juras verhandelten.

2005 beauftragten die bernische und die jurassische Regierung die AIJ mit der Ausarbeitung von Vorschlägen für zukünftige Institutionen der interjurrassischen Region. Einer dieser Vorschläge, den die AIJ in ihrem Schlussbericht von 2009 machte, war die Wiedervereinigung des Juras in einem alle sechs Amtsbezirke umfassenden Kanton. Dieser Vorschlag wurde, nachdem die beiden Kantonsregierungen in der sogenannten Declaration d'intention das Abstimmungsprozedere festgelegt hatten, 2013 den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern unterbreitet. Die Vorlage scheiterte deutlich: Die drei Berner Amtsbezirke lehnten sie mit einer Mehrheit von 71,8% der Stimmen ab, während der Kanton Jura sie mit einer Mehrheit von 76,6% der Stimmen guthiess. Im Berner Jura war die Gemeinde Moutier die Ausnahme; sie stimmte der Vorlage mit 55% Ja-Stimmen zu. Wie in der Declaration d'intention vorgesehen, konnten die Gemeinden des Berner Juras, die dies wünschten, jetzt eine neue Abstimmung über ihre zukünftige Kantonszugehörigkeit verlangen. 2017 sprachen sich Belprahon und Sorvilier für den Verbleib beim Kanton Bern aus, während sich Moutier für einen Übertritt zum Kanton Jura entschied. Das vereinbarte Abstimmungsprozedere war damit abgeschlossen; die am 25.  März 1994 geschlossene Übereinkunft wurde gekündigt und die AIJ, die ihre Pflicht erfüllt hatte, 2017 aufgelöst.

Hauptausgabe des Téléjournal der Télévision Suisse Romande vom 18. Juni 2017 (Radio Télévision Suisse, Genf, Play RTS).
Hauptausgabe des Téléjournal der Télévision Suisse Romande vom 18. Juni 2017 (Radio Télévision Suisse, Genf, Play RTS). […]

Infolge einer Beschwerde wurde die Abstimmung von 2017 in Moutier durch die Statthalterin des Verwaltungskreises Berner Jura für ungültig erklärt. Gegen diesen Entscheid rekurierte wiederum die Exekutive von Moutier; das Verfahren war 2019 noch hängig.

Von der Trennung zum Sonderstatut

Mit der Bildung des Kantons Jura wurde der Berner Jura Anfang 1979 auf die Amtsbezirke Courtelary, Moutier und La Neuveville reduziert. Diese zählten 1970 noch 58'601 Einwohner (heutiger Umfang), 1980 51'593, 1990 51'128, 2000 51'408, 2010 51'668 und 2017 53'768 (insgesamt 5,2% der Berner Kantonsbevölkerung). Der gleichfalls bernisch gebliebene Amtsbezirk Laufen wurde ab 1979 wegen seiner Lage als Exklave nicht mehr als Teil des Berner Juras bezeichnet. Die Gebietsreduktion hatte auch die Verringerung der dem Berner Jura zustehenden Regierungsratssitze von zwei auf einen zur Folge. 2000 waren 82,3% der Bevölkerung französisch- und 10,8% deutschsprachig, 2014-2016 dann 85,8% und 12,8%. 2000 gehörten 54% der Bevölkerung der protestantischen und 28,7% der katholischen Konfession an, 2012-2016 beliefen sich die entsprechenden Werte auf 36,1% und 28,1%.

Schon vor der Konstituierung des Kantons Jura waren regionale Strukturen für den neuen Berner Jura gebildet worden: 1977 entstand die Fédération des communes du Jura bernois (FJB). Sie wurde die öffentlich-rechtliche Trägerschaft der Mitwirkungsrechte, die der Berner Jura 1978 in Verfassung und Gesetz des Kantons Bern erhielt, und vertrat alle 50 Gemeinden, die jetzt zum Berner Jura gehörten, sowie für sprachliche und kulturelle Fragen auch die französischsprachige Bevölkerung des Amtsbezirks Biel. Sie besass einerseits in der Rechtsetzung und bei Wahlen, soweit sie die Region besonders betrafen, Anhörungs- und Vorschlagskompetenzen gegenüber den kantonalen Behörden. Andererseits konnte die FJB im Einverständnis mit den Gemeinden Funktionen der regionalen Zusammenarbeit übernehmen. Ihre Organe waren eine Art Regionalparlament (vom Volk gewählte oder von den Gemeinderäten bestimmte Abgeordnete, dazu die Grossräte der zugehörigen Amtsbezirke, aus Biel nur die französischsprachigen) sowie ein von diesem gewählter Vorstand. Die für den Kanton Bern neuartigen regionalen Sonderrechte sollten die Integration des Berner Juras, der durch die neue Kantonsgrenze noch mehr in eine Randlage gedrängt worden war, besser gewährleisten.

Das Fortbestehen einer starken und aktiven separatistischen Minderheit sowie die überwiegend defensive Haltung der Mehrheit behinderten die Integration und die Ausbildung eines auf den Berner Jura bezogenen Regionalbewusstseins. Immerhin unterblieben nach 1980 ernsthafte Zusammenstösse. Die Antiseparatisten, die in der Force démocratique, der SVP, der FDP und der SP organisiert waren, errangen bei den bernischen Grossratswahlen von 1982-2002 jeweils neun Sitze, während die Separatisten, zu denen die Mitglieder der mit dem Rassemblement jurassien vernetzten Bewegung Unité jurassienne, der CVP, des Parti libéral jurassien (PLJ) und des Parti socialiste autonome (PSA) zählten, immer nur 21-29% der Stimmen und drei Sitze erhielten. In der Abgeordnetenversammlung der FJB waren die Separatisten untervertreten; in den Vorstand gelangten sie nie. Im Allgemeinen büssten sie an Stärke leicht ein, nur in einzelnen Gemeinden wie beispielsweise in Moutier gewannen sie die Mehrheit.

Das Unvermögen der FJB, unterschiedliche Interessen (wirksame Regionalpolitik, Integration in den Kanton, Wahrung der Gemeindeautonomie) allseits befriedigend zu verbinden, gab Anlass zu Reformen der gesetzlichen Strukturen. Ein erster Versuch von 1987, der die Gemeinden und damit die konservativen Kräfte stärkte, führte zum Boykott der Regionalorganisation durch die Separatisten. Die Berner Verfassung von 1993 garantierte den Sonderstatus des Berner Juras. 1994 wurde die FJB aufgelöst; der aus den Grossräten und den Regierungsstatthaltern der Region gebildete Regionalrat Berner Jura und Welschbiel (ab 2006 Bernjurassischer Rat) war fortan für die Mitwirkung im Kanton, die Konferenz der Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten des Berner Juras und des Amtsbezirks Biel (ab 2007 Konferenz der Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten des Berner Juras und des zweisprachigen Amtsbezirks Biel) für die regionale Zusammenarbeit zuständig.

Die ersten beiden Seiten der Berner Kantonsverfassung vom 6. Juni 1993 mit Artikel 5 zum Berner Jura (BELEX – Gesetzessammlungen des Kantons Bern).
Die ersten beiden Seiten der Berner Kantonsverfassung vom 6. Juni 1993 mit Artikel 5 zum Berner Jura (BELEX – Gesetzessammlungen des Kantons Bern).

Die Wende von 1993-1994 in der Jurafrage liess die Spannung, die sich 1984-1993 zwischen Separatisten und Antiseparatisten erneut aufgebaut hatte, spürbar abebben. Versöhnlich wirkte auch die Abtretung der seit den Juraplebisziten separatistischen, aus formellen wie auch politischen Gründen vom Kantonswechsel ausgeschlossenen Gemeinde Vellerat, die in der eidgenössischen Abstimmung vom 10. März 1996 überaus deutlich angenommen wurde. Gleichzeitig förderte ein von der bernischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht über die Lage der Französischsprachigen im Kanton Bern, der eine fortschreitende Autonomie des Berner Juras und eine Relativierung der Grenzen vorschlug, bei den Kantonsbehörden das Verständnis für eine konstruktive Minderheitenpolitik. Im Berner Jura trat sodann ab 1997 die aus Separatisten und Antiseparatisten gebildete Gruppe Avenir für eine grössere Autonomie der Region innerhalb des Kantons Bern ein. 2002 veröffentlichte die bernische Regierung Leitlinien für eine Konkretisierung des Sonderstatuts, das 2004 gesetzlich verankert wurde und Anfang 2006, gefolgt von der erstmaligen Wahl des Bernjurassischen Rats im selben Jahr, in Kraft trat. Das Gremium setzt sich aus 24 Mitgliedern zusammen, die alle vier Jahre im Proporzverfahren gewählt werden. Drei Sitze sind dem Amtsbezirk La Neuveville vorbehalten, die anderen verteilen sich je nach Bevölkerungsstärke auf die Amtsbezirke Moutier und Courtelary (2006 11 bzw. 10 Sitze). In erster Linie Ansprechpartner der kantonalen Exekutive und Verwaltung, besitzt der Rat aber auch gewisse Entscheidungsbefugnisse im Bereich der Kulturförderungsbeiträge und der Schulkoordination. Über das Vorschlagsrecht in regionalen Sachfragen ist er in die Mechanismen der politischen Mitwirkung eingebunden.

Eröffnung der Arbeiten am Pierre-Pertuis-Tunnel zwischen Sonceboz und Tavannes. Bericht von Roberto Bernasconi für das Journal Romand vom 8. September 1989 (Radio Télévision Suisse, Genf, Play RTS).
Eröffnung der Arbeiten am Pierre-Pertuis-Tunnel zwischen Sonceboz und Tavannes. Bericht von Roberto Bernasconi für das Journal Romand vom 8. September 1989 (Radio Télévision Suisse, Genf, Play RTS). […]

Nach 1978 förderte die FJB die Gründung regionaler gesellschaftlicher Organisationen (u.a. für Volkswirtschaft, Tourismus, Sozialfürsorge, Lokalradio), wodurch sie ältere gesamtjurassische Verbände aus dem Berner Jura verdrängte. Von der Krise der Uhrenindustrie um die Mitte der 1970er Jahre erholte sich die Wirtschaft nur langsam. Viele lokale Unternehmen gingen an ausländische Konzerne über. Die Transjurane (A16), die 1984 ins Autobahnnetz aufgenommen und 2017 fertiggestellt wurde, verbindet die Kantone Bern und Jura; sie führt von Biel über Moutier nach Boncourt. Der 1997 erfolgte Durchstich des Tunnels Pierre Pertuis von Tavannes nach Sonceboz stellte eine wichtige Etappe ihres Baus dar.

Quellen und Literatur

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  • Prongué, Bernard: Le Jura de l'entre-deux-guerres, 1978.
  • Prongué, Bernard; Python, Francis: Le Jura historique, ou, Le Jura des sept districts. 1815-1978, 1994.
  • Donzé, Pierre-Yves: L'hôpital au pays de l'industrie. Histoire des établissements hospitaliers de Moutier et de Saint-Imier aux 19e et 20e siècles, 2006.
  • Mémoires d'Ici (Hg.): Ils ont voulu changer l'école. Histoire des pédagogies actives dans le Jura, 1950-1970, 2009.
  • Rebetez, Jean-Claude; Bregnard, Damien (Hg.): De la crosse à la croix. L'ancien évêché de Bâle devient suisse (Congrès de Vienne – 1815), 2016.
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Der Berner Südjura nach 1978
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Weblinks
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