de fr it

Befestigungen

Befestigungen sind bautechnische Massnahmen aller Art (z.B. Hindernisse, Waffenstellungen, Schutzbauten, vorbereitete Zerstörungen) mit dem Zweck, die militärische Behauptung eines Raumes zu verbessern oder zu verlängern. Nach ihrer Bauart unterscheidet man permanente Befestigungen (anspruchsvolle Bauweise in Mauer- bzw. Betonwerk) und Feldbefestigungen (leichte Bauweise, meist in Erde und Holz). Bis ins 19. Jahrhundert befestigten einzelne Herrschaften oder eidgenössische Orte eng begrenzte Orte (z.B. Städte, Durchgangsrouten). Seither sind die Befestigungen Sache der Eidgenossenschaft, wobei unterschieden wird zwischen Landes- und Grenzbefestigungen.

Befestigungsformen von der Prähistorie bis zum Ende des Mittelalters

Befestigte Siedlungsplätze lassen sich bis in die Steinzeit zurückverfolgen. Sie wiesen in der Eisenzeit oft den Typus des Oppidum auf. Die Römer errichteten Befestigungen vor allem für ihre Legionslager (Vindonissa) und entlang der Reichsgrenzen (Limes), aber auch zum Schutz von Städten (Stadtbefestigungen) und Strassen. Gegen die eindringenden Alemannen entstanden in der Spätantike zahlreiche geschützte Siedlungsplätze (Kastell, Fluchtburg). Typische mittelalterliche Befestigungen waren die Burg als Herrschaftszentrum oder militärische Verstärkung einer Gegend (Burgen und Schlösser), die Stadtbefestigung und die Letzi.

Befestigungen in der frühen Neuzeit

Das befestigte Rheinfelden während des Dreissigjährigen Krieges. Ausschnitt aus einem Stich eines anonymen Künstlers, 1638 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Das befestigte Rheinfelden während des Dreissigjährigen Krieges. Ausschnitt aus einem Stich eines anonymen Künstlers, 1638 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).

In der frühen Neuzeit erstellten die einzelnen eidgenössischen Orte ihre eigenen Befestigungen. Nur wenige, in gemeinen Herrschaften liegende Festungen, zum Beispiel Bellinzona und Baden, unterstanden mehrörtiger Verwaltung. Die Artillerie veränderte die Befestigung grundlegend. Die Städte begannen vom 16. Jahrhundert an zuerst ihre Tore und Mauerecken mit massiven Bollwerken zu versehen. Bahnbrechende Neuerungen wurden vor allem in den Niederlanden und Frankreich (Vauban, 1633-1707) entwickelt. Der moderne Festungsbau setzte in der Schweiz erst während des Dreissigjährigen Krieges ein, als die Städte ihre Ringmauern durch neuzeitliche Schanzen (Befestigungen als Ingenieurleistungen nach dem Bastionärsystem) zu ersetzen begannen. Die mächtigste Stadtbefestigung entstand in Genf, eindrückliche Partien aus der Barockzeit sind in Solothurn sichtbar. 1622-1631 bauten die Drei Bünde, Österreich und Frankreich auf St. Luzisteig, bei Fläsch, Mastrils und Landquart Befestigungen zur Sperrung der Zugänge in die Bündner Herrschaft und nach Chur. St. Luzisteig wurde Anfang des 18. Jahrhunderts weiter ausgebaut, während des Zweiten Koalitionskriegs 1799 von Franzosen wie Österreichern angegriffen und 1800 weitgehend zerstört. Zur Sicherung der Verbindung mit dem Aargau baute Bern nach dem Ersten Villmergerkrieg (1656) Aarburg zu einer modernen Festung aus (Beginn der Arbeiten 1654, Fertigstellung 1673), und die acht Orte brachten 1658-1670 auf der Feste Stein bei Baden ein Bollwerk an. 1710 errichtete Uri am Sustenpass die Meienschanze zum Schutz gegen Bern. Während des Zweiten Villmergerkriegs (1712) befestigte Zürich die Grenzen zu Schwyz und Zug. In der Helvetik erstellten die Franzosen 1798 zwischen Bellinzona und dem Misox zwei Artillerielinien. Feldbefestigungen wurden 1799 von den um Zürich liegenden Armeen angelegt.

Schweizerische Landesbefestigung 1815-1921

In der Grenzbesetzung von 1815 wurde die West-Ost-Achse gegen Napoleon abgeriegelt. Feldbefestigungen entstanden vor allem im bernischen Seeland mit der Brückenschanze von Bargen-Aarberg. Befestigt wurde auch die Stadt Basel. Nach 1815 entwickelte sich ein gesamteidgenössisches Befestigungswesen. Oberstquartiermeister Hans Conrad Finsler plante 1815-1829 systematisch die operativen Einsätze der eidgenössischen Armee mit den nötigen Befestigungen. Praktische Bauausführungen erfolgten jedoch erst unter Guillaume-Henri Dufour, der ab 1831 Generalstabschef war. Nach der Julirevolution in Frankreich wurde 1831 ein erstes, gesamteidgenössisches Befestigungsprogramm verwirklicht: der Ausbau des Engnisses von Saint-Maurice zu einer Festung, ergänzt mit einer Befestigung der Simplonstrasse bei Gondo, der Wiederaufbau von St. Luzisteig, die Verstärkung von Aarberg und der Gegend der Zihl sowie die Verstärkung von Basel. Im Aktivdienst während des Krieges in Oberitalien 1848 wurden Saint-Maurice und St. Luzisteig weiter ausgebaut, zusätzliche Befestigungen südlich von Bellinzona entlang der Sementina und der Morobbia errichtet. 1853-1854, während der Spannungen in der damals österreichischen Lombardei, wurden die Arbeiten in Bellinzona und St. Luzisteig fortgesetzt. Der Neuenburgerhandel löste 1856 Befestigungsarbeiten an der Rhein- und Bodenseegrenze aus. Der italienische Einigungskrieg rückte 1859 die Simplonachse in den Vordergrund, deren Befestigungen in Gondo und Saint-Maurice ausgebaut wurden. Alle diese Anlagen, die grossenteils von Dufour geplant worden waren, dienten der Grenzbefestigung an besonders gefährdeten Punkten. Ein in sich geschlossenes Befestigungssystem existierte noch nicht.

Karikatur aus dem Nebelspalter, 1887, Nr. 47 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, e-periodica).
Karikatur aus dem Nebelspalter, 1887, Nr. 47 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, e-periodica). […]

Vermehrte internationale Konflikte und die Entwicklung der Waffentechnik, zum Beispiel die gezogenen Läufe bei der Artillerie, führten nach 1860 zu einer Phase des Überdenkens der Landesverteidigung, wobei sich die Verfechter eines Grenzkordons mit den Befürwortern einer Zentralfestung stritten. 1872 wurde eine Landesbefestigungskommission eingesetzt. Die Eröffnung der Gotthardbahn (1882), der italienische Irredentismus und der deutsch-österreichische-italienische Dreibund (1882) verhalfen der Zentralfestungsidee zum Durchbruch. 1886 begann der Bau der Gotthardbefestigung nach den Ideen von Generalstabschef Max Alphons Pfyffer von Altishofen: In verschiedenen Ausbauphasen wurden bis 1920 die Süd-, Nord-, Ost- und Westfront in den Räumen Airolo, Andermatt, Oberalppass und Furka-/Grimselpass befestigt. Die Befestigungen wurden überall ergänzt durch verbesserte Unterkünfte und Wege sowie vorbereitete Infanteriestellungen. 1892-1920 entstand die moderne Befestigung in Saint-Maurice mit den Artillerieforts Savatan und Dailly, dem Werk in Evionnaz sowie einem umfangreichen Netz von Infanteriestellungen, Wegen und vorbereiteten Zerstörungen. Nach 1900 begann eine öffentliche Auseinandersetzung über Tauglichkeit und Sinn der grossen Befestigungen. Nachdem Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg die Befestigungen am Gotthard nicht als Zentralstellung (Réduit), sondern als Brückenkopf über das strategische Hindernis der Alpen bewertet hatte, wurde es möglich, ab 1912 und besonders während des Ersten Weltkriegs im Tessin die Linie Verzasca-Magadino-Monte-Ceneri-Cima-di-Medeglia-Camoghè-Gesero-Lumino zu befestigen. Im Norden wurden 1914-1918, wenn auch vorwiegend feldbefestigungsmässig, die Linie vom Zihlkanal über Vully, Murten und Salvenach bis an die Saane, ein Brückenkopf links der Aare bei Olten und der Untere Hauenstein ausgebaut.

Die Epoche von 1921-1945

Verteidigungslinie der Promenthouse in der Nähe von Nyon, benannt nach dem gleichnamigen Bach. Fotografie vom April 1942, aufgenommen aus einer Schiessscharte der Villa rose in Richtung der Villa bleue (Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, Inventar der Kampf- und Führungsbauten).
Verteidigungslinie der Promenthouse in der Nähe von Nyon, benannt nach dem gleichnamigen Bach. Fotografie vom April 1942, aufgenommen aus einer Schiessscharte der Villa rose in Richtung der Villa bleue (Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, Inventar der Kampf- und Führungsbauten). […]
Die Villa rose nach ihrer Renovation, November 1999 (Fotografie Maurice Lovisa).
Die Villa rose nach ihrer Renovation, November 1999 (Fotografie Maurice Lovisa). […]

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Feldbefestigungen grossenteils aufgegeben, das Festungspersonal um 40% reduziert, sodass es für den Unterhalt der permanenten Anlagen nicht mehr ausreichte. Erst ab 1930, nachdem Frankreich den Bau der Maginotlinie begonnen hatte und Holland sowie Belgien dem Beispiel gefolgt waren, verstärkte die Schweiz aus Gründen der Dissuasion und der Arbeitsbeschaffung (Wirtschaftskrise) erneut ihre Anstrengungen im Festungsbau. 1934 begann die Grenzbefestigung, zuerst mit einzelnen Werken und Ständen an den potentiellen Haupteinfallsachsen, dann mit dem Bau zusammenhängender Befestigungslinien, welche durch Geländehindernisse ergänzt und im Landesinnern durch ein ausgedehntes Netz vorbereiteter Zerstörungen abgerundet wurden. Zum Schutz der Mobilmachung entstand eine Grenzschutzorganisation, aus welcher 1938 die Grenzbrigaden hervorgingen. Nach der Grenzbefestigung folgte die Landesbefestigung. 1939-1944 entstand die Befestigung Sargans als moderne Fortsetzung der Feste St. Luzisteig, 1939-1940 die Armeestellung entlang der Linie Sargans-Walensee-Linth-Zürichsee-Limmat. 1940 wurde die Réduitstellung bezogen, die sich auf die drei grossen und laufend ausgebauten Festungen Gotthard, Saint-Maurice und Sargans stützte. Die nördlichen Réduitzugänge wurden befestigt, Befestigungslücken im Süden geschlossen. Nach der Kriegswende um 1943-1944 wurde die Limmatstellung erweitert, die Grenzbefestigung im Westen zwischen dem Doubs bei Les Brenets und dem Creux du Van am Mollendruz und an der Aubonne ergänzt.

Die Nachkriegszeit

Das Befestigungswerk der Kriegszeit wurde nach 1945 sukzessive vollendet. Die bundesrätliche Konzeption der militärischen Landesverteidigung von 1966, welche der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen Rechnung trug, war Ausgangspunkt für weitere Geländeverstärkungen. Die Räume der Kampfbrigaden und im Anschluss daran der Feldarmee wurden durch Kugelbunker, Atomschutzunterstände, Kommandoposten und 12-cm-Festungsminenwerfer verstärkt, zusätzliche Sperrstellen bei Engpässen eingerichtet und die Panzerabwehr durch den Einbau von Geschütztürmen mit 10,5-cm-Kanonen verbessert, die von ausrangierten Panzern stammten. In jüngster Vergangenheit erfuhr die Festungsartillerie durch das 15,5-cm-Geschütz Bison eine Modernisierung. Die permanente Einlagerung des Sprengstoffs im Objekt erhöhte die Zerstörungsbereitschaft. Unterirdische Gebirgsunterkünfte dienten dem Schutz der Truppe.

Mit der Armee 95 wurden rund 13'000 Artillerie- und Infanteriewerke, Waffenstellungen, Unterstände, Sperrstellungen, Panzersperren und Sprengobjekte deklassiert, d.h. sie waren nicht mehr Teil des operativen Dispositivs. Die Befestigungen wurden in ein Netz integriert, welches das ganze Land überspannt, von den Festungstruppen betreut und in den Dienst der Kampfverbände gestellt wird. Die Armee XXI hob die Festungstruppen auf: Das Bedienen der Geschütze in den restlichen Festungen wurde den Artilleristen, der Unterhalt den Festungswächtern übertragen. Aus alten Befestigungen entstanden mancherorts Festungsmuseen (z.B. Heldsberg, Reuenthal, Pré-Giroud bei Vallorbe, Le Scex und Cindey in Saint-Maurice sowie jene auf dem Grossen St. Bernhard, die von privaten Vereinen übernommen wurden), und bei ehemaligen Sperrstellen entwickeln sich ökologische Ausgleichsflächen.

Das Festungswachtkorps

Für die Bewachung und den Unterhalt der Befestigungen wurde 1892 am Gotthard bzw. 1894 in Saint-Maurice die Sicherheits-Wache gegründet. Sie nannte sich ab 1910 Fort-Wache. Die Zunahme der permanenten Anlagen machte 1936 den freiwilligen Grenzschutz notwendig, aus welchem 1942 das Festungswachtkorps (FWK) hervorging (1990 ca. 1700 Angehörige), das bis 1995 dem Bundesamt für Genie und Festungen unterstand. Im Rahmen der Armee 95 wurde das FWK reduziert (1997 ca. 1550 Angehörige) und dem Chef Heer direkt unterstellt. Die damit eingeleitete Tendenz zur Übernahme von Zusatzaufgaben im Sicherheitsbereich (z.B. Assistenzdienst) setzte sich unter den Vorgaben der Armee XXI fort.

Quellen und Literatur

  • K. Werner, Die Anfänge der schweizerischen Landesbefestigung, 1815-1860, 1946
  • J. Rebold, Baugeschichte der Eidgenössischen Befestigungswerke, 1982
  • Unser Alpenkorps, 1983
  • 50 Jahre Festungswachtkorps, 1992
  • Die Geschichte der schweizerischen Landesbefestigung, hg. von M. Mittler, 1992 (mit Bibliografie)
  • W. Rutschmann, Gotthardbefestigung, 1992
  • L. Pfiffner, Die Festung Sargans im Wandel der Zeit, 1994
  • Abschied vom Réduit, 1995
  • L. Dosch, M. Rischgasser, Festung St. Luzisteig, 1995
  • Die Limmatstellung im Zweiten Weltkrieg, hg. von W. Lüem, A. Steigmeier, 1997
  • M. Lovisa, «Von Bunkern, Forts und Toblerone», in Archithese, 1999, Nr. 5, 34-39
  • P. Geiger, M. Lovisa, «Das Artilleriewerk Mühlefluh in Vitznau 1940-1943», in Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins der Fünf Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden ob und nid dem Wald und Zug, 153, 2000, 173-242
  • M. Lovisa, «Bref survol de l'histoire de la construction des fortifications dans le canton de Neuchâtel 1936-1945», in Revue historique neuchâteloise, 2001, 109-135
  • J.-J. Rapin, L'esprit des fortifications, 2003