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Vierwaldstättersee

Der Vierwaldstättersee umfasst mit einer Uferlinie von 115 km Länge eine Fläche von 114 km2. Das mehrarmige, bis zu 214 m tiefe Gewässer verzweigt sich in den Urnersee, der Richtung Westen um das Gersauer Becken verlängert wird, daran anschliessend öffnet sich die Vitznauer Bucht gegen den sogenannten Chrütztrichter, von dem der Küssnachter- sowie der Luzernersee abgehen und der über die Horwer Bucht und den Stanser Trichter mit dem Alpnachersee verbunden ist. Hauptzuflüsse des Vierwaldstättersees sind die Engelberger Aa bei Buochs, die Sarner Aa bei Alpnachstad, die Muota bei Brunnen sowie die Reuss bei Flüelen, die zugleich auch Hauptabfluss in Luzern ist. Im Mittelalter als Luzerner See bezeichnet, setzte sich im 16. Jahrhundert in Anlehnung an die drei bzw. seit dem 15. Jahrhundert sogenannten vier Waldstätte der Name Vierwaldstättersee – französisch Lac des Quatre-Cantons, italienisch Lago dei Quattro Cantoni, romanisch Lai dals quatter Chantuns – durch. Der ursprüngliche Name lebt im ebenfalls verwendeten italienischen Lago di Lucerna oder im englischen Lake Lucerne weiter.

Aussicht vom Gipfel des Fronalpstocks gegen Westen. Gouache von Franz Schmid, 1848 (Staatsarchiv Schwyz, Graph. Slg. 560).
Aussicht vom Gipfel des Fronalpstocks gegen Westen. Gouache von Franz Schmid, 1848 (Staatsarchiv Schwyz, Graph. Slg. 560). […]

Zu den spärlichen ur- und frühgeschichtlichen Zeugnissen gehört die erste Fundstelle neolithischer Seeufersiedlungen (5.-4. Jt. v.Chr.) am Alpennordrand bei Stansstad-Kehrsiten. In Alpnach wurde eine römische Villa ausgegraben. Zahlreiche Ortsnamen weisen auf eine keltische und gallorömische Besiedlung hin. Spätestens im 7. Jahrhundert liessen sich Alemannen nieder. Am Ausfluss der Reuss entstand im 12. und 13. Jahrhundert die Stadt Luzern, rund um den See bildeten sich die Orte Uri, Schwyz sowie Unterwalden. Die Gemeinwesen erlangten die Gebietshoheit über den See von ihrem Uferbereich aus bis hin zur Seemitte. Eine Ausnahme bildet die Seefläche in der Verlängerung des Bürgenbergs bis vor Hertenstein, diese gelangte 1378 zusammen mit dessen Nordflanke an Luzern. Bis ins 20. Jahrhundert hinein kam es im Zusammenhang mit Fischereirechten regelmässig zu Grenzstreitigkeiten. Die letzten wurden 1967 zwischen Nidwalden und Luzern bereinigt. Trotzdem wirkte der See mehr vereinend als trennend, nicht zuletzt, weil seine Topografie die Anlage von Strassen entlang der Ufer bis ins 19. Jahrhundert beinahe verunmöglichte. Ein erster politischer Bezug sind in den Urschweizer Bünden von 1291 bzw. 1315 (Urschweiz) und dem Luzerner Bund von 1332 erkennbar. In der spätmittelalterlichen Befreiungstradition manifestierte sich dann ein eigentliches politisches Selbstverständnis der Waldstätte. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich über Konkordate und Behördenkonferenzen eine weitere Form der Zusammenarbeit. Kirchlich bildete der Raum ab dem Hochmittelalter bis 1821 das Dekanat Luzern bzw. das Vierwaldstätterkapitel im Bistum Konstanz. Danach wurde der Raum auf die Bistümer Chur und Basel aufgeteilt.

Auf dem offenen See durfte zuerst frei gefischt werden. Der Uferstreifen jedoch gehörte zur Gemeinmarch der Siedlungsgenossen und war ihren Fischern vorbehalten. Es entwickelten sich auch herrschaftliche Sonderrechte wie die Fischämter von St. Leodegar in Luzern, woraus zum Teil private Fischereirechte entstanden (z.B. 1465 Luzerner Rohrgesellen, 1607 St.-Niklausen-Bruderschaft von Stansstad). Die Fischenzen deckten sich oft nicht mit den Hoheitsrechten und waren umstrittener als diese. 1655 beispielsweise kam es zwischen Luzern und Nidwalden zum Streit um Fischereirechte im Stanser Trichter. Vorschriften für den Fischmarkt sind ausser für Uri in allen Anrainerständen überliefert. Für Luzern sind solche bereits im ältesten Ratsbüchlein (um 1318) festgehalten. Zahlreich sind die einzelörtischen, ab 1480 zum Teil auch überörtischen Vorschriften zu Schongebieten, Schonzeiten und Fanggeräten. Nach der Helvetik wurde die Fischerei in allen Orten zu einem kantonalen Hoheitsrecht. 1890 schlossen sich die Kantone zum Fischereikonkordat Vierwaldstättersee zusammen. Ende des 20. Jahrhunderts lebten 27 Betriebe mit rund 40 hauptberuflichen Arbeitskräften von der Fischerei.

Zwei Hauptverkehrsachsen in Nord-Süd-Richtung durchziehen das Gebiet des Vierwaldstättersees. Die eine führt von Luzern nach Flüelen, die andere von Luzern über den Alpnachersee Richtung Brünig. Nebenachsen stossen bei Küssnacht (Zürich-Zug-Immensee) und Brunnen (Ostschweiz-Sattel-Schwyz) an den See. Der regionale Markt mit Luzern als Mittelpunkt und der Gotthardverkehr bewirkten ab dem Spätmittelalter in Luzern und Flüelen den Aufbau eines Transportwesens: In Flüelen wird 1313 ein Reichszoll erwähnt, Anfang 14. Jahrhundert sind für Luzern Lagerhäuser bezeugt und auch in Alpnach, Küssnacht und Brunnen entstand eine entsprechende Infrastruktur. In Uri und Luzern wurden bis ins 16. Jahrhundert mehrere Schifffahrtsgesellschaften gegründet. Im 17. Jahrhundert gab es in Alpnach fünf Fahrrechte, in Brunnen arbeiteten 60 organisierte Schiffsleute. Zahlreiche Spannungen zwischen den Orten und den verschiedenen Gesellschaften führten 1687 zum Abschluss eines Schifffahrtsvertrags, der bis ins 19. Jahrhundert gültig blieb. Die 1837 einsetzende Dampfschifffahrt, seit 1870 in der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee organisiert, verdrängte die lokalen Schifffahrtsgenossenschaften. Nach dem Anschluss Luzerns ans Netz der Schweizerischen Centralbahn 1859 entstand im Einzugsgebiet des Vierwaldstättersees ein dichtes Eisenbahn-, Bergbahn- und Strassennetz. Dank einer leistungsfähigen Hotellerie am Wasser und auf Aussichtspunkten wie der Rigi, dem Bürgenstock oder dem Seelisberg entwickelte sich die Region zu einer beliebten europäischen Reisedestination. Im späten 19. Jahrhundert wurde die Sand- und Kiesgewinnung zu einem bedeutenden Industriezweig.

Bis zur Einführung des Wehrreglements 1867 führten Schwankungen des Seespiegels zu Überschwemmungen der Uferzonen. Als Folge lag das am Reussabfluss gelegene Luzern häufig im Streit mit den Urkantonen. 1859-1860 wurde mit dem Bau des Luzerner Nadelwehrs die Basis für ein Wasserstandsregime gelegt. Ab Ende des 19., vor allem aber ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Landschaft und Wasser durch anthropogene Faktoren stark belastet (u.a. Kiesabbau, Uferverbauung, Gewässerverschmutzung, Wassersport). Um Abhilfe zu schaffen, wurde 1916 in Kastanienbaum (Gemeinde Horw) das Hydrobiologische Laboratorium gegründet, das 1960 in die ETH Zürich integriert wurde. Es forscht und lehrt im Bereich des integralen Gewässerschutzes und berät die Kantone. 1953 wurde der Gewässerschutz in der Bundesverfassung verankert, aber erst das revidierte Gewässerschutzgesetz von 1971 vermochte griffige kantonale Massnahmen durchzusetzen, sodass die Anrainer die abwassertechnische Sanierung des Vierwaldstättersees 1987 beenden konnten. Ab 1980 versorgten Tiefwasserwerke die Stadt Luzern, den Bürgenstock sowie die Gemeinden Küssnacht, Horw und Weggis mit Trinkwasser aus dem Vierwaldstättersee. Seit 1973 ist der von den Uferkantonen erlassene Landschaftsschutzplan in Kraft, für dessen Umsetzung sich der 1984 gegründete Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee einsetzt.

Wegen seiner Lage an der Gotthardachse war der Raum rund um den Vierwaldstättersee offen für unterschiedliche politische, religiöse und kulturelle Strömungen. Um den See entwickelte sich eine Kulturlandschaft einheitlicher Prägung: Bemerkenswert sind der Kommunalismus, die eigenständige Rezeption der italienischen Renaissance und des Barock oder der einheitliche Einfluss der katholischen Reform. Die landschaftliche Zerklüftung und politische Kleinräumigkeit führten aber auch zu einem reichen lokalen Brauchtum und zu mannigfachen Mundarten. Das in der Aufklärung aufblühende Interesse an Alpen, Hirtentum und Urschweizer Befreiungstradition führte zur literarischen Auseinandersetzung mit dem Vierwaldstättersee, etwa durch Johann Wolfgang von Goethe ("Schweizerreise vom Jahr 1797", 1832), Friedrich Schiller ("Wilhelm Tell", 1804) oder ebenso Carl Spitteler. Der Raum fand Eingang ins bildnerische Schaffen, so in das Werk Gabriel (Fils) Lorys, Alexandre Calames oder Charles Girons. Mit der Bundesstaatsgründung entstand ein Integrations- und Identifikationsbedürfnis, durch das die Tellskapelle und vor allem das Rütli zu nationalen Symbolen erhoben wurden. Letzteres sah seine mythische Dimension 1940 im Rütli-Rapport gestärkt.

Quellen und Literatur

  • L. Birchler, Vielfalt der Urschweiz, 1969 (Neuausg. 2000, mit Beitr. von H. Stadler-Planzer)
  • Seegesellschaften, 1983 (21994)
  • J. Gwerder et al., Die Gesch. der Schiffahrt auf dem Vierwaldstättersee, 1987
  • M. Primas et al., Archäologie zwischen Vierwaldstättersee und Gotthard: Siedlungen und Funde der ur- und frühgeschichtl. Epochen, 1992
  • H. Baumann, S. Fryberg, Der Urnersee, 1993
  • P. Felder, Die Kunstlandschaft Innerschweiz, 1993
  • J. Bloesch, Gewässerschutz im Einzugsgebiet des Vierwaldstättersees, 1994
  • Die Urner Fischerei, 2000
  • B. Piatti, «Der Vierwaldstättersee – eine literar. Landschaft von europ. Rang», in HNU NF 59, 2004, 79-92
  • H. Burkhardt, Befestigung "Seesperre Nas" und Schweizer Marine auf dem Vierwaldstättersee, 2005 (22009)
  • U. Hügi, «Stansstad NW-Kehrsiten: Neolith. Seeufersiedlungen am Alpennordrand», in JbSGUF 89, 2006, 7-23
  • Vierwaldstättersee: Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen, hg. von P. Stadelmann, 2007
  • P. Stadler, H. Stadler-Planzer, Susten rund um den Vierwaldstättersee, 2007
Weblinks
Normdateien
GND
Systematik
Umwelt / See

Zitiervorschlag

Hans Stadler: "Vierwaldstättersee", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.02.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008666/2013-02-27/, konsultiert am 19.05.2022.