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Offiziere

Offiziere nach dem Zweiten Villmergerkrieg bei den Verhandlungen über die Kapitulation mit den katholischen Truppen am 22. Mai 1712. Öl auf Leinwand eines unbekannten Künstlers, zeitgenössische Darstellung (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Offiziere nach dem Zweiten Villmergerkrieg bei den Verhandlungen über die Kapitulation mit den katholischen Truppen am 22. Mai 1712. Öl auf Leinwand eines unbekannten Künstlers, zeitgenössische Darstellung (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts bestand noch keine militärische Rangordnung im heutigen Sinne. Der Hauptmann führte als Haupt und somit als Befehlshaber verschiedenste Verbände an. Die Ausdifferenzierung fest umrissener militärischer Offiziersfunktionen setzte mit der Entstehung von klar definierten Formen der Kampforganisation (Linienformationen und Treffenaufstellung) und der Bildung stehender Soldarmeen im 17. Jahrhundert ein. Die Kampfweise und der Unterhalt von Streitkräften wurde nun reglementiert und erforderte für die Ausbildung (Drill) und den Einsatz im Kampf (Taktik und Strategie) hierarchisch und funktional differenziertes Ausbildungs- und Führungspersonal, dessen Mitglieder, einschliesslich der Hauptleute (Kompanieinhaber) und obersten Hauptleute (Regimentsinhaber, Oberst), allmählich in ganz Europa nach französischem Vorbild Offiziere genannt wurden. Offiziere erhalten ihre Ernennungsurkunde als Auftrag (Kommission) aus der Hand des Souveräns (commissioned officers), Unteroffiziere aus der Hand des vorgesetzten Truppenkommandanten (non commissioned officers).

Offiziersfunktionen entstanden zeitgleich sowohl in den Solddienstregimentern (Fremde Dienste), als auch in den Orten der Alten Eidgenossenschaft. Letztere modernisierten ihre Aufgebote nach dem Vorbild der Heeresreform in den Niederlanden und schufen Offiziersfunktionen im Rahmen der Landesdefensions- bzw. Milizorganisation (Militärwesen). An der Spitze dieser Entwicklung standen die reichen Stadtorte wie Freiburg (1611 und 1613), Zürich (1624), Bern (1628), Luzern (1643) und Solothurn (1647), während die meisten Länderorte erst im 18. Jahrhundert standardisierte Truppenformationen und damit ein Milizoffizierskorps einführten. Wie bei den Soldregimentern blieben auch bei den kantonalen Milizverbänden die Offiziersstellen mit Ausnahme weniger subalterner Positionen den regierenden Patrizierfamilien der Städte und Hauptorte vorbehalten.

In der Mediationszeit wurden neben den Offizieren der kantonalen Kontingente erstmals Offiziere eines permanenten eidgenössischen Stabs (Generalstab) ernannt. Diesem Stab teilte man potenzielle Divisions- und Brigadekommandanten (eidgenössische Oberste), Adjutanten (Generalstabsoffiziere) sowie Genie- und Artillerieoffiziere zu. Als eidgenössischer Generalstab existierte er in dieser Form bis 1874. In den 1840er Jahren kamen als nicht kombattante Abteilungen der Kommissariats-, der Sanitäts- und der Justizstab sowie das Stabssekretariat hinzu. Ab 1819 wurde für die Ausbildung der Generalstabs-, Genie- und Artillerieoffiziere im Sommer auf der Thuner Allmend eine Eidgenössische Central-Militärschule abgehalten, während die Infanterieoffiziersausbildung bis 1860 in den Händen der einzelnen Kantone verblieb (Militärische Ausbildung, Militärische Schulen). Die Revision der Bundesverfassung von 1874 mündete in regulierte Offiziersschulen der Waffengattungen und in die Bildung eines eigenständigen Generalsstabskorps sowie in gesonderte Generalstabskurse (Armee). Die kantonalen Offizierskorps umfassten nur noch die Offiziere der kantonalen Infanteriebataillone und beschränkten sich auf die Grade Leutnant bis Major. Mit der Aufhebung der kantonalen Truppen 2004 (Armee XXI) entfiel auch der Status des kantonalen Offiziers, sodass es nur noch eidgenössische Offiziere gibt. 1874 vereinheitlichte man ferner die bis anhin in den Kantonen variierenden Offiziersgrade, insbesondere löste der Grad des Majors für den Bataillonskommandanten jenen des Kommandanten ab. Entsprechend dem republikanischen Selbstverständnis kennt die Schweiz die Dienstgradgruppe Generäle nicht. Erst 1907 wurden die Grade Oberstdivisionär (Zweisterngeneral) und Oberstkorpskommandant (Dreisterngeneral) eingeführt und nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Grad Oberstbrigadier (Einsterngeneral) zur Dienstgradgruppe Höhere Stabsoffiziere zusammengefasst. Seit 1975 wird der Zusatz "Oberst" bei den Höheren Stabsoffizieren nicht mehr verwendet. Der Grad General bleibt dem im Mobilmachungsfall zu ernennenden Oberbefehlshaber (Viersterngeneral) vorbehalten (Oberbefehl).

Die Ausbildung der Offiziere wie die gesamte übrige Militärausbildung wurde ab 1874 in die Hände eines ausschliesslich eidgenössischen Instruktionskorps gelegt, das die kantonalen Instruktoren- und Drillmeisterkorps ablöste. Allerdings gelang es bis ins 21. Jahrhundert nie, ein qualitativ und quantitativ genügendes Instruktionsoffizierskorps zu rekrutieren, obwohl die Ausbildung der Instruktoren 1911 an die militärwissenschaftliche Abteilung der ETH Zürich (seit 2002 Militärakademie) verlegt und 2002 ein Bachelorstudium Berufsoffizier eingerichtet wurde. Als Stabsoffiziere werden die nunmehr Berufsoffiziere geheissenen Instruktionsoffiziere zur Weiterbildung an ausländische Stabs- und Führungslehrgänge geschickt. Die Dominanz der Milizoffiziere und die andauernden Unterbestände machen eine Laufbahn als Berufsoffizier beschwerlich.

Ab den 1880er Jahren etablierte sich das System des sogenannten Gradabverdienens der Offiziere in den Rekrutenschulen, das die Offiziere zu Ausbildnern und Erziehern der Truppe werden liess. An der Frage, wie weit die Soldatenausbildung nach preussisch-deutschem Vorbild erfolgen solle, spaltete sich in den 1890er Jahren das Offizierskorps in zwei Richtungen: in die Neue Richtung um Oberst Ulrich Wille, der sich zum Erziehungsdrill als Voraussetzung für das Kriegsgenügen bekannte, und in die Nationale Richtung um Oberst Hugo Hungerbühler, der die Felddienstausbildung und patriotische Erziehung propagierte. Während die Neue Richtung mit einer sozial und militärisch selektiven Rekrutierung die Autorität des Milizoffizierskorps stärken wollte, trat die Nationale Richtung für eine breite soziale Rekrutierung und für den Unteroffiziersdienst der Offiziersaspiranten ein, der die Verbundenheit mit der Truppe stärken sollte. Die Linke übte ab der Jahrhundertwende zwar eine klassentheoretisch inspirierte Offizierskritik, forderte aber gleichzeitig den Zugang aller sozialen Klassen zu den Offiziersgraden der Milizarmee.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg setzte sich die Neue Richtung im Offizierskorps durch. Ihr prägender Einfluss wurde erst am Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Erfahrung der Zuspitzung der preussisch-deutschen Soldatenerziehung zum nationalsozialistisch überhöhten Soldatentum gebrochen, blieb jedoch bis in die 1980er Jahre vor allem im Instruktionsoffizierskorps virulent. Für die Trendwende waren insbesondere die Offiziere des 1940 gebildeten Offiziersbunds verantwortlich, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Reformer gruppierten und sich klar von einer ständisch-soldatischen Offiziersauffassung distanzierten.

Ab der liberalen Wende der 1830er bis in die 1980er Jahre waren die Milizoffiziersstellen äusserst gesucht, erlaubten sie doch zivil erworbene Bildung, Wohlstand und Renommee im Militär zur Geltung zu bringen. Lange und kostspielige Dienstzeiten wurden durch die Ehrenstellung, Führungserfahrung und Vernetzung mit der nationalen Elite honoriert. Hohe militärische und politische Funktionen fielen in einer erfolgreichen bürgerlichen Laufbahn zusammen. So waren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein über 50% der eidgenössischen Parlamentarier Offiziere. Zwischen 1890 und 1990 stammten die Offiziere zu einem grossen Teil aus dem Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum (mit einem hohen Akademikeranteil). Stets blieb das Milizoffizierskorps jedoch auch ein Vehikel des sozialen Aufstiegs. Erst das Ende des Kalten Kriegs 1989-1991 und der Siegeszug der Globalisierung stellten das für die Rekrutierung des Milizoffizierskorps zentrale Modell der patriotischen Ehrenpflicht in den 1990er Jahren in Frage. Trotz einer Verkleinerung des Milizoffizierskorps von 50'000 auf 20'000 Offiziere in der Armee XXI bahnt sich eine Krise der Offiziersrekrutierung an. Durch Verkürzungen der Dienst- und Wehrpflichtzeiten sowie durch eine Instrumentalisierung der Offiziersausbildung als kommerzielle Management- und Führungsausbildung wird seither versucht, den Mangel an Offiziersnachwuchs zu beheben.

Quellen und Literatur

  • Generalstab 3; 8; 9
  • R. Jaun, Preussen vor Augen, 1999
  • Verz. der Quellenbestände zur schweiz. Militärgesch., 1848-2000, Bd. 3, hg. von R. Jaun, S. Zala, 2006, 185
Weblinks

Zitiervorschlag

Rudolf Jaun: "Offiziere", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.03.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008698/2015-03-18/, konsultiert am 30.06.2022.