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Reuss

Die Reuss ist mit 164,4 km Länge der viertlängste Fluss der Schweiz. Sie entspringt bei Hospental zwischen Furka und Oberalp, fliesst bei Flüelen in den Vierwaldstättersee, verlässt den See bei Luzern und mündet bei Windisch in die Aare. Ihr Einzugsgebiet umfasst 2425 km2 im zentralen Alpenraum, in den Voralpen und im Mittelland. Ursprünglich hiess die Reuss Silenen, 1296 Rusa, vom 16.-19. Jahrhundert bisweilen Ursa.

Reusslauf zwischen Oberlunkhofen und Hermetswil. Südwestorientierte Karte von Hans Conrad Gyger, 1648 (Staatsarchiv Aargau, Aarau, P.01/0163).
Reusslauf zwischen Oberlunkhofen und Hermetswil. Südwestorientierte Karte von Hans Conrad Gyger, 1648 (Staatsarchiv Aargau, Aarau, P.01/0163). […]

Der Oberlauf der Reuss bildet den Hauptfluss des Kantons Uri. Bis ins Hochmittelalter war die Reussschlucht in der Schöllenen unbegehbar und trennte Uri von Ursern. Die Reuss wirkte bei der Entwicklung von Gemeinden und Pfarreien grenzbildend. Die Reussebene wurde zum Hauptsiedlungsgebiet des Kantons. Wegen häufiger Überschwemmungen entstanden private Wuhrgenossenschaften sowie zur Kontrolle des Wasserbaus das 1493 erstmals erwähnte Gericht zu Reuss und Schächen. Das Alte Land Uri und im 19. Jahrhundert dann der Bezirk Uri leisteten Beiträge an den Gewässerunterhalt. 1891 ging die Reuss in den Besitz des Kantons über, der 1980 die Aufgaben der Wuhrgenossenschaften übernahm. 1850-1863 wurde die Reuss von der Attinghauserbrücke bis zur Reussebene kanalisiert, die Verlängerung des Kanals im Mündungsbereich erfolgte 1900-1912. Durch die Kanalisierung der Reuss vergrösserte sich die landwirtschaftliche Kulturfläche. Die links- und rechtsufrige Reussebene wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts melioriert. Seit der Umgestaltung des Mündungsgebiets 1985 besteht wieder ein natürliches Delta. Nachdem das Hochwasser von 1987 die Dämme durchbrochen hatte, wurde 1995-1999 zwischen Flüelen und Attinghausen ein Hochwasserschutzprojekt verwirklicht. 1875 entstand in der Schöllenen ein kleines Kraftwerk für den Bau des Gotthardtunnels. Die grossen Elektrizitätswerke sind das SBB-Kraftwerk Amsteg (1922), das Kraftwerk Wassen (1949) und das Kraftwerk Göschenen (1962). Die Geschiebefracht der Reuss von jährlich rund 100'000 m3 wird im Urnerseebecken seit 1891 industriell ausgebeutet.

Am Unterlauf von Luzern bis zur Einmündung in die Aare bei Windisch folgen sich drei beckenähnliche Talabschnitte (ehemalige Glazialseen), nämlich Dietwil-Oberrüti, Sins-Hermetschwil und Eggenwil-Stetten (AG). Alte Flussübergänge liegen auf Endmoränen, die Taldörfer auf Seitenmoränen über einst moorigem Talgrund. Ab 1291 gehörte das Reusstal mit allen Regalien am Fluss zur österreichischen Herrschaft. Erst unter den Eidgenossen entwickelte sich die Flussmitte ab 1415 allmählich zur Staatsgrenze, 1429 zwischen Luzern (Merenschwand) und Zürich (Maschwanden), später zwischen den eidgenössischen Landvogteien (Freie Ämter, Grafschaft Baden) und zwischen Zug und Zürich; Bern (Königsfelden) hielt dagegen an der ursprünglichen Hoheit über beide Ufer fest. Seit 1803 liegt der untere Teil der Reuss im Kanton Aargau; oberhalb wurden die alten Landes- zu Kantonsgrenzen. Die Reusstaldörfer dagegen kannten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein keine Flussgrenze: Gemeinde- und Privatland liegt noch heute an beiden Ufern.

Bezüglich der Schifffahrt und der Flösserei galt die Reuss als "freie Reichsstrasse". Aufsicht übten die österreichische Verwaltung und ab 1415 die eidgenössischen Landesherren, die 1427 das Gebot des offenen Schifffahrtswegs erliessen. Bis 1798 oblag dessen Inspektion mit Räumung hinderlicher Fischerei- und Stauwehre den sogenannten Reussherren Luzern und Zug. Die Konzession des Schiffstransports von Luzern auf der Reuss an die Zurzacher Messen, nach Basel und weiter wurde den Reussschiffern der Luzerner Niederwässerer übergeben, deren sechs Schifferrechte städtische Lehen waren. Die Schiffe wurden am Ziel verkauft, selten flussaufwärts gestakt. Mit dem Ausbau der Transitstrassen im 18. Jahrhundert schwand die Bedeutung der Schifffahrt.

Von grosser Wichtigkeit war die Querschifffahrt der privilegierten öffentlichen Fähren, die den Personen-, Vieh- und Warentransport besorgten. Unter den mittelalterlichen Fähren – Lunkhofen (erwähnt um 1160), Windisch, Sins, Mühlau, Oberrüti und Dietwil – war die Erstgenannte dank ihrer Lage am Transitweg von Zürich in die Westschweiz bis ins 15. Jahrhundert die wichtigste; sie gehörte wie die frühe Reussbrücke in Luzern dem dortigen Kloster im Hof, später der Stadt Luzern, und war älter als die Brücken von Bremgarten (um 1230), Mellingen (erwähnt 1253) und Gisikon (1432). Als die katholischen Orte die alten Ost-West-Transitwege über Bremgarten bzw. Baden-Mellingen für Reformierte blockierten, baute Bern ab 1528 seine Fähre in Windisch zur sicheren Verbindung zwischen Bern und Zürich aus.

An Fähren und Brücken bezogen die Regalinhaber vom Verkehr Zölle und Geleite. Gegen ihren Widerstand entstanden bei zunehmendem Verkehr neue Fähren, doch es wurde nur eine einzige Brücke gebaut, nämlich 1640 im Auftrag von Zug die militärstrategisch wichtige Brücke Sins. Erst nach 1798 folgten neue Brücken, teils als Ersatz von Fähren (u.a. 1799 Windisch, 1864 Ottenbach und 1940 Mühlau). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es über zwei Dutzend Reussübergänge, darunter Eisenbahn- und Autobahnbrücken, die im Ost-West-Transit am oberen Talende vor Luzern und am unteren bei Windisch, aber nicht an den mittelalterlichen Übergängen bei Bremgarten und Mellingen liegen.

Landeskarte der Schweiz, Massstab 1:50'000, Stand 2007 (Bundesamt für Landestopografie, BA100109).
Landeskarte der Schweiz, Massstab 1:50'000, Stand 2007 (Bundesamt für Landestopografie, BA100109). […]

Das Reusstal ist mit Ausnahme der Zentren Bremgarten (seit 1803 Bezirksverwaltung, Industrie) und Windisch (Industrie, Fachhochschule) mit Gemüse- und Obstbau landwirtschaftlich geprägt, wobei die Talgründe ober- und unterhalb Bremgartens unter Hochwassern und Laufwechseln des mäandrierenden Flusses litten. Die von den Anwohnern ab dem 16. Jahrhundert angebrachten Uferverbauungen halfen wenig. Obrigkeitliche Projekte zur Begradigung der Reuss, zum Beispiel 1648 von Hans Conrad Gyger und 1809 von Johann Gottfried Tulla, blieben unausgeführt und die um 1840 von der aargauischen Regierung veranlassten Korrektionen ohne längerfristigen Nutzen. Erst seit der Reusstalsanierung 1971-1985, einem kantonsübergreifenden Pionierprojekt mit Laufkorrektion, Melioration und Urbarisierung, das unter Einbezug der Elektrizitätswirtschaft sowie von Natur- und Heimatschutz realisiert wurde, lässt sich die Talsohle landwirtschaftlich nutzen. Die zur Stromgewinnung im Kraftwerk Bremgarten-Zufikon (1893, Neubau 1975) zum Flachsee gestaute Reuss ist ein bekanntes Naturschutzreservat.

Quellen und Literatur

  • SSRQ AG II/9; II/10
  • A. Schaller-Donauer, Chronik der Naturereignisse im Urnerland, 1000-1800, 1937
  • P. Tresch, «Wasserkraftnutzung und Elektrizitätswirtschaft», in Uri, Land am Gotthard, 1965, 385-392
  • H. Jäckli et al., Sanierung der Reusstalebene, 1982
  • Die Reussmündungslandschaft am Urnersee, 1984
  • K. Wernli et al., Wasserschloss, 22000
  • A.-M. Dubler, «Reusstal und Reuss als Kommunikations- und Lebensraum», in Wege und Gesch., 2008, Nr. 1, 10-15
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler; Hans Stadler: "Reuss", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.12.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008771/2011-12-23/, konsultiert am 23.06.2022.