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TessinFluss

Physische und geografische Karte des Kantons Tessin. Zeichnung von Heinrich Keller nach Angaben des Benediktinerpaters Paolo Ghiringhelli, Stich von Samuel Johann Jakob Scheuermann für den Helvetischen Almanach für das Jahr 1812 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Physische und geografische Karte des Kantons Tessin. Zeichnung von Heinrich Keller nach Angaben des Benediktinerpaters Paolo Ghiringhelli, Stich von Samuel Johann Jakob Scheuermann für den Helvetischen Almanach für das Jahr 1812 (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Der von 1258 an erwähnte Tessin ist der wichtigste Wasserlauf des Kantons Tessin, der sich 1803 auf einen Vorschlag Napoleon Bonapartes nach ihm benannte (wobei diese Namensgebung schon im Schweizer Teilungsplan des Generals Guillaume Brune vorgesehen war). Französisch und romanisch Tessin, italienisch Ticino. Vom insgesamt ca. 250 km langen Flusslauf liegen 91 km auf dem Gebiet des Kantons Tessin; die Hauptquelle entspringt auf über 2000 m auf dem Nufenenpass, eine Nebenquelle auf derselben Höhe am Gotthardpass. Die beiden Zweige vereinen sich in Airolo, dann durchquert der Fluss die Leventina, die Riviera, den Bezirk Bellinzona und die Magadinoebene, bevor er in den Langensee mündet, dessen grösster Zu- und Abfluss er darstellt. Ab Sesto Calende fliesst er auf italienischem Gebiet weiter bis zur Mündung in den Po bei Linarolo südlich von Pavia. Das Becken des Tessins sammelt die meisten kantonalen Gewässer; Hauptzuflüsse sind der Brenno, die Moesa und die Morobbia.

Im Mittelalter mieden die Handelswege die Schluchten des Tessins in der Leventina, nämlich den Monte Piottino, der 1351 in den sogenannten Hilfskreis des Zürcher Bundes einbezogen wurde (gegenseitige Hilfe und gemeinsame Verteidigung der Eidgenossenschaft), und die Biaschina-Schlucht. Verschiedene Wege wurden angelegt, um sie zu überwinden. Nach der Annexion der Leventina 1441 öffneten die Urner ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die letzte dieser Routen durch den Piottino, an dessen Ende sie den Dazio Grande errichteten (heute Gemeinde Rodi), und später auch durch die Biaschina-Schlucht. Wegen seiner reissenden Strömung war der Fluss auf Tessiner Gebiet nie schiffbar. Die häufigen Überschwemmungen und Überflutungen durch den Tessin und seine Zuflüsse forderten viele Opfer und verursachten grosse Schäden (z.B. 1515 Buzza di Biasca). Sie behinderten zusammen mit den Verlagerungen des Flussbetts die ackerbauliche und viehwirtschaftliche Nutzung der Uferzonen und schufen Sumpfgebiete, vor allem in der Magadinoebene, wo sich die vom 15. Jahrhundert an bezeugte Malaria ausbreitete. In der Zeit der Schneeschmelze wurde der Tessin hingegen von Giornico an flussabwärts bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Flösserei von Holz genutzt, ein wichtiger Rohstoff der Tessiner Wirtschaft. Abnehmerin des Holzes war primär die Lombardei. Bürgermeinden und Körperschaften hatten jeweils die Fischereirechte inne.

Blick auf den Fluss bei Giubiasco und auf die Magadinoebene. Fotografie aus den 1880er Jahren (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Blick auf den Fluss bei Giubiasco und auf die Magadinoebene. Fotografie aus den 1880er Jahren (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Die Vorschläge zur Korrektur des Flusslaufs gehen bis auf das frühe 19. Jahrhundert zurück. Die verheerende Überschwemmung von 1868 mit 41 Toten und Schäden von über 6 Mio. Franken sowie die Eröffnung der Bahnlinie Locarno-Bellinzona 1874 gaben den Anstoss zur Aufnahme der Planungen. Das Volk lehnte zunächst zwei vom Staatsrat vorgelegte und vom Grossen Rat knapp angenommene Projekte zur Korrektur und Eindämmung bzw. zur Bildung eines Konsortiums für die Flusskorrektur ab; dabei zeigte sich eine Spaltung zwischen der zustimmenden Bevölkerung des Sopra- und der ablehnenden des Sottoceneri. Trotzdem setzte der Staatsrat 1886 das Konsortium ein; die Arbeiten zogen sich von 1888 bis 1939 hin und umfassten Investitionen von mehr als 11 Mio. Franken. Die Kanalisierung des Flusses und die im Ersten Weltkrieg begonnene Urbarmachung der Magadinoebene ermöglichten deren Nutzung durch eine moderne Landwirtschaft, die vielen ein Auskommen bot. Diese Nutzung stand allerdings in Konkurrenz zu anderen, ebenfalls viel Raum beanspruchenden Nutzungen (Wohnhäuser, Verkehrswege, Geschäftszentren usw.) der gewonnenen Landfläche.

Das Wasser des Tessins und einiger seiner Zuflüsse dient auch der Produktion elektrischer Energie. Das erste, 1889 erbaute Kraftwerk war jenes an der Piumogna, eines Zuflusses, der in Faido in den Tessin einmündet. Mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit folgten weitere Anlagen; 2010 erzeugten 14 Werke (im ganzen Kanton gibt es 27) ca. 750 Megawatt, etwas mehr als die Hälfte der kantonalen Gesamtproduktion.

Quellen und Literatur

  • Flussbau in der Schweiz, hg. von H.-E. Minor, W.H. Hager, 2004, 74-91
  • Lo scorrere del fiume, l'opera dell'uomo, hg. von P. Piffaretti, C. Luchessa, 2011
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Ruggero Crivelli: "Tessin (Fluss)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.08.2012, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008774/2012-08-27/, konsultiert am 05.12.2022.