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Grosser St. BernhardPass

Der zur Gemeinde Bourg-Saint-Pierre gehörende Passübergang (2469 m) zwischen dem Wallis und dem Aostatal wird zum ersten Mal bei Julius Caesar erwähnt, wenn auch nicht benannt (De bello gallico III, 1). Titus Livius (Ab Urbe condita V, 35, 2) nennt ihn Summus Poeninus nach dem Namen des auf dem Pass verehrten einheimischen Gottes, der am Ende des 1. Jahrhunderts mit Jupiter Optimus Maximus gleichgesetzt wurde. Die an die letztgenannte römische Gottheit erinnernde Bezeichnung Mont-Joux (Mons Iovis) ist seit dem Mittelalter gebräuchlich. Vom 13. Jahrhundert an ist auch der Name Mont-Saint-Bernard belegt; er zeugt von der Verehrung, die der 1081 gestorbene und 1123 für seine zahlreichen Wundertaten heiliggesprochene Bernhard von Menthon, Erzdiakon von Aosta und der Legende nach Gründer des Hospizes vom Grossen St. Bernhard, genoss.

Urgeschichte und Altertum

Der Grosse St. Bernhard, die Passverbindung zwischen Italien und Nordwesteuropa, wird seit mindestens fünf Jahrtausenden begangen. Die Rolle, die er bei der Vermittlung und Ausbreitung der jungsteinzeitlichen Kultur im Wallis spielte, wird belegt durch Fundstücke entlang der Passroute und durch identische Begräbnispraktiken auf beiden Seiten des Passes. Europaweite Bedeutung erlangte der Pass mit der Entwicklung des Kupferhandels in der Bronzezeit. Zahlreiche archäologische Funde deuten darauf hin, dass er von der Eisenzeit an immer reger benützt wurde.

In den Felsen geschlagene Trittstufen auf dem historischen Passweg unterhalb der Combe des Morts (Fotografie Lucia Degonda).
In den Felsen geschlagene Trittstufen auf dem historischen Passweg unterhalb der Combe des Morts (Fotografie Lucia Degonda). […]

Laut Strabon (IV, 6, 7) führte zur Zeit des Augustus ein beschwerlicher Saumpfad über den Pass, der 15 v.Ch. unter römische Herrschaft gekommen sein muss. Da der Pass ein Teilstück der kürzesten Verbindung zwischen Oberitalien und den Legionslagern längs der Rheingrenze bildete, hatte er auch eine grosse strategische Bedeutung. Deutlich trat diese zutage, als sich Kaiser Claudius in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. anschickte, Grossbritannien zu erobern, und am Nordausgang des Passes Forum Claudii Vallensium (Martigny) gründete. Einige Historiker sind der Meinung, der mit Meilensteinen aus dem Jahr 47 n.Chr. versehene Weg sei bei dieser Gelegenheit für Karren befahrbar gemacht worden. Diese Deutung ist umstritten, denn die topografischen Dokumente aus der Römerzeit (Tabula Peutingeriana, Itinerarium Antonini) und die archäologischen Funde bezeugen zwar die Existenz des Wegs, erlauben aber keine Identifizierung der Überreste im Gelände. Die von Bourg-Saint-Pierre aus sichtbaren Streckenabschnitte sind überkommene Reste mittelalterlicher oder im 19. Jahrhundert gebauter Strassen, die fälschlicherweise noch heute als römisch betrachtet werden. Auch die stellenweise in den Fels gehauenen Stufen, die auf dem letzten Kilometer des Aufstiegs an drei Punkten zu sehen sind und welche die Begehung des Passes erleichtern sollten, genügen nicht zur Bestätigung der Hypothese einer römischen Fahrstrasse.

Die Einrichtung von Zollstationen in Acaunum (Saint-Maurice) und vielleicht auch in Aosta zeigt, dass der Verkehr, der sich im Altertum über den Pass abwickelte, nicht unerheblich war. Der Fernhandel lag zweifellos in den Händen mächtiger Händlerkorporationen, doch profitierte die einheimische Bevölkerung vermutlich vom Personen- und Warentransit, indem sie Begleitschutz, Träger und Tragtiere, Beherbergung und Verpflegung anbot und auch zum Unterhalt des Wegs beitrug. Die Ruinen eines Gebäudes auf der Passhöhe, dem sogenannten Plan de Joux, in unmittelbarer Nähe eines einheimischen Heiligtums wurden als Überreste eines der Rasthäuser (mansio) interpretiert, die den Weg säumten. Den gleichen Zweck könnte ein kleines Gebäude auf dem Plan de Barasson, ungefähr 1,3 km vom Gipfel entfernt, erfüllt haben. Rund fünfzig auf dem Pass entdeckte, dem Gott Poeninus geweihte Votivtafeln geben Auskunft über die Herkunft eines Teils der Reisenden: Es handelte sich vorwiegend um Soldaten, die an der Rheingrenze (Limes) stationiert waren, um einige Privatpersonen – freie Männer, Sklaven oder Freigelassene – und um Händler.

Vom Mittelalter bis heute

Kurz nach der Krönung zum Kaiser überquerte Karl der Grosse 801 den Grossen St. Bernhard auf dem Weg von Rom nach Aachen. Mit der Wiederbelebung des europäischen Handelsverkehrs im 12. Jahrhundert rückte der Grosse St. Bernhard als Teilstück der Via Francigena in die Reihe der grossen mittelalterlichen Reisewege auf, die den Norden Europas mit dem Mittelmeergebiet verbanden. Zum bereits bestehenden regionalen Güterverkehr zwischen dem Wallis und dem Aostatal sowie dem wichtigen Reiseverkehr von Pilgern, die auf dem Pass den heiligen Bernhard verehrten oder, besonders in den Jubeljahren, nach Rom weiterzogen, kam nun noch der überregionale Transithandel hinzu. Zur Unterstützung all dieser Reisenden wurde das Hospiz errichtet. Bereits im 13. Jahrhundert bildeten sich zahlreiche an den Passverkehr gebundene Aktivitäten heraus wie die der Fuhrleute, der Zoll- und Gebühreneinnehmer oder der Herbergsbesitzer, die zur Entwicklung und zum Wohlstand der Etappenorte beitrugen. Auch Führergesellschaften entstanden, die wie die bereits seit dem 10. Jahrhundert erwähnten marroniers oder marrons unter anderem die Aufgabe hatten, den Weg bis zum Pass bei jeder Witterung offenzuhalten.

Reiseberichte vom Ende des 18. Jahrhunderts nennen Sembrancher, Bourg-Saint-Pierre oder La Cantine de Proz als jene Orte, wo die Last umgeladen und die Reise auf dem Maultierrücken fortgesetzt wurde. Diese Organisation erfuhr bis ins 19. Jahrhundert keine grösseren Veränderungen: Die Transitware wurde von den Einheimischen in Empfang genommen, die sie mit Karren, Tragtieren oder auf dem menschlichen Rücken über den Pass transportierten. Entlang der Strecke standen mehrere Susten, an denen bis zum Ende des Ancien Régime Gebühren erhoben wurden. Erst 1808 kam der freie Personen- und Güterverkehr, ohne dass dies jedoch den Verkehr über den Grossen St. Bernhard, der seit 1803 durch den Übergang am Mont-Cenis konkurrenziert wurde, neu belebt hätte. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an machten Gelehrte und Spaziergänger die Region des Grossen St. Bernhards zu ihrem Beobachtungs- und Experimentiergelände. Der Chorherr Laurent Joseph Murith stellte hier den Guide du botaniste qui voyage dans le Valais (1810) zusammen, und Horace Bénédict de Saussure betrieb auf dem Grossen St. Bernhard unter anderem geologische und meteorologische Studien, zu denen er auch die Chorherren des Hospizes beizog.

Ab dem 11. Jahrhundert entfalteten die Humbertiner, die späteren Grafen von Savoyen, ihren Einfluss in der Maurienne und im Aostatal, ab dem 12. Jahrhundert kontrollierten sie auch die Gebiete am nördlichen Ausgang des Grossen St. Bernhards, weshalb in der Forschung im Zusammenhang mit ihrem Territorium auch vom «savoyischen Passstaat» die Rede ist. Vom Ende des 15. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts bildete der Grosse St. Bernhard die Grenze zwischen Savoyen und dem Wallis. In dieser Zeit gewann der Pass an politischer Bedeutung; häufig stand er im Zentrum des diplomatischen Ringens zwischen den Grossmächten. Für die Walliser war er eine Quelle politischen und wirtschaftlichen Profits. Mehrfach zogen Truppen über den Pass, und in den Kriegen am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde ein permanenter Militärposten eingerichtet. Im Mai 1800 zog die mehr als 30'000 Mann starke Reservearmee Bonapartes in einem Gewaltmarsch über den Grossen St. Bernhard nach Italien und griff dort die österreichischen Truppen von hinten an. Die Armee verursachte beim Durchmarsch zahllose Schäden, beschlagnahmte Lasttiere und Lebensmittel und kostete das Wallis und die Gemeinden des Entremont mehr als 240'000 damalige Franken. Während der Pestepidemien im 16. und 17. Jahrhundert und zur Zeit der Typhus- und Cholerazüge im 19. Jahrhundert wurden auf dem Pass gesundheitspolizeiliche Sperren errichtet, welche die angesteckten Reisenden am Grenzübertritt hinderten. Die Einwanderung über den Grossen St. Bernhard, besonders jene von Lombarden und Aostatalern, scheint im Ancien Régime erheblich gewesen zu sein, ebenso der Schmuggel von Käse, Vieh, Wein, Zucker, Kaffee und Tabak. Erst 1906 wurde der Grenzverlauf zwischen der Schweiz und Italien, der immer wieder Konflikte zwischen den Behörden auf beiden Seiten des Passes hervorgerufen hatte, definitiv festgelegt.

Der Entwicklung der internationalen Politik entsprechend wurde der Grosse St. Bernhard im 19. Jahrhundert wirtschaftlich immer wichtiger, während er seine strategische Bedeutung verlor. Doch obwohl die Strasse trotz der topografischen Schwierigkeiten ausgebaut wurde, war sie nur während drei bis vier Monaten im Jahr benutzbar. In der übrigen Zeit mussten die schneebedeckten Wege mit Markierungen versehen werden. Mittelalterliche und neuzeitliche Dokumente erwähnen häufig die zahllosen Schwierigkeiten und die ungünstigen klimatischen Bedingungen, unter denen jeweils nur behelfsmässige Wege geschaffen wurden. 1806 musste eine für Wagen passierbare Strasse gebaut werden, um das Denkmal des Generals Louis-Charles-Antoine Desaix auf den Pass zu bringen. Sie wurde in der Folge von den Chorherren des Hospizes unterhalten und weiter verbessert, unter anderem auch 1815. Anders als die moderne Strasse verlief sie ohne Serpentinen als Talsohlen- und Hangweg direkt auf die Passhöhe zu. Noch heute prägt sie, dank der gut erhaltenen Stützmauern und des Belags mehrerer Teilstücke, die Landschaft.

Autobus der italienischen Eisenbahngesellschaft Ferrovie dello stato auf der Passhöhe vor dem Hospiz. Fotografie, um 1910 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Autobus der italienischen Eisenbahngesellschaft Ferrovie dello stato auf der Passhöhe vor dem Hospiz. Fotografie, um 1910 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Nach mehrjährigen Diskussionen zwischen den Walliser Behörden, die eher die Simplon-Route befürworteten, und jenen des Aostatals, die der Mont-Cenis-Variante zuneigten, beschloss der Walliser Landrat 1839, den Bau einer Fahrstrasse in Angriff zu nehmen. Auf Schweizer Seite wurde sie 1893 fertiggestellt, auf der italienischen Seite 1900-1905 gebaut. Das Projekt für einen Tunnel unter dem Col de Menouve, wo die Bohrungen 1857 wegen technischer Schwierigkeiten abgebrochen werden mussten, hatte den Bau der Strasse aufgehalten. Am 3. Februar 1938 vergab der Kanton Wallis eine Konzession für den Bau eines ganzjährig geöffneten Strassentunnels. Heftige Opposition von Seiten der eidgenössischen Militärbehörden, der Simplon-Anhänger, der Schweizerischen Bundesbahnen sowie der Promotoren des Mont-Blanc-Durchstichs verzögerten die Realisierung des Projekts. Erst 1958 wurde dank der Unterstützung des Kantons Waadt die Gesellschaft Tunnel SA gebildet, welche die Arbeiten in Angriff nahm. Sie konnten am 19. März 1964 mit der Einweihung des ersten alpenquerenden Strassentunnels Europas (5,85 km) abgeschlossen werden. Gleichzeitig wurde die Strasse aus dem 19. Jahrhundert, welche die Zufahrt zum Tunnel sicherstellte, vollständig modernisiert. Vom Zeitpunkt der Eröffnung an erfuhren der Güter- und der Reiseverkehr eine konstante Zunahme bis 1980, als die Zahlen infolge der Einweihung des Gotthard-Autostrassentunnels zu sinken begannen. Die Idee einer Eisenbahn-Alpentransversalen am Grossen St. Bernhard wurde schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts vorgebracht, wegen topografiebedingter Schwierigkeiten aber zugunsten des Simplons aufgegeben. Gleichwohl wurde Ende der 1980er Jahre das Projekt eines Basistunnels ausgearbeitet, der Martigny und Aosta mit Hochgeschwindigkeitszügen hätte verbinden sollen.

Eröffnung des Tunnels am 19. März 1964 (Mediathek Wallis, Martigny; Fotografie Presse-Diffusion).
Eröffnung des Tunnels am 19. März 1964 (Mediathek Wallis, Martigny; Fotografie Presse-Diffusion). […]

Als Symbol der Alpen bündelt der Grosse St. Bernhard gegensätzliche Gefühle: die Angst vor den Gipfeln und ihren Gefahren, aber auch die mit dem Bild des Hospizes, seiner gastfreundlichen Chorherren und seiner Hunde verbundenen Sympathien. Am Ende des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Touristen mit Kutschen, Kremserwagen und Maultieren auf den Pass, über den nun auch ein Postdienst eingerichtet wurde. Als Touristenattraktion erwarteten die Passanten im Entremont unverkennbare Symbole: Napoleon, der noch heute als Werbeträger eingesetzt wird, das Hospiz mit seinen Hunden, die manchem Verunglückten das Leben gerettet haben, sowie der zum Chalet umgebaute raccard (Getreidespeicher) sind seit dem 19. Jahrhundert die am häufigsten verwendeten Embleme, die das Bild des Grossen St. Bernhards über die Schweizer Grenzen hinaus verbreitet haben.

Quellen und Literatur

  • L. Quaglia, La Maison du Grand-Saint-Bernard des origines aux temps actuels, 1955 (21972)
  • P. Dubuis et al., Une région, un passage, 1989
  • F. Wiblé, «Quelques réflexions sur la "romanisation" du Mont-Joux», in Ceux qui passent et ceux qui restent, hg. von P. Dubuis, 1989, 191-204
  • P. Dubuis, Dans les Alpes au Moyen Age, 1997, 211-240
  • A. Geiser, Les monnaies du Grand-Saint-Bernard antérieures au Principat. Etude de circulation monétaire dans le territoire de la Suisse occidentale actuelle, 2004
Weblinks
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Kurzinformationen
Variante(n)
Mont-Joux
Mont-Saint-Bernard

Zitiervorschlag

Nathalie, Pichard, Sardet: "Grosser St. Bernhard (Pass)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.02.2009, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008852/2009-02-23/, konsultiert am 17.09.2020.