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Burgunderkriege

Der Begriff Burgunderkriege umfasst die Auseinandersetzungen der achtörtigen Eidgenossenschaft mit dem burgundischen Herzog Karl dem Kühnen zwischen 1474 und 1477. Die Bezeichnung kriegen von Burgunnen wurde schon von den Zeitgenossen verwendet.

Verlauf

Verschiedene Ereignisstränge, die sich unerwartet verknüpften, führten dazu, dass die Eidgenossenschaft unvermittelt in die europäische Politik einbezogen wurde. Der österreichische Herzog Sigismund von Habsburg suchte ab 1468 einen mächtigen Schutzherrn, um sich der Eidgenossen besser erwehren zu können. Da der französische König Ludwig XI. ablehnte, wandte sich Sigismund an dessen Konkurrenten, den burgundischen Herzog Karl den Kühnen. Dieser versprach Hilfe gegen die Eidgenossen und erhielt als Gegenleistung die vorderösterreichischen Besitzungen (Vorderösterreich) im Elsass als Pfand (Vertrag von Saint-Omer, 9. Mai 1469). Damit wurde das Herzogtum Burgund (Herzogtum) zum direkten Nachbarn der Eidgenossenschaft, mit der es bisher lose, aber freundschaftliche Verbindungen gepflegt hatte.

Die Wirtschaftspolitik des burgundischen Landvogts Peter von Hagenbach, der in den verpfändeten Gebieten den Getreidehandel mit den oberrheinischen Reichsstädten verbot, forderte allerdings die umliegenden Mächte zu Gegenmassnahmen heraus. Basel und Strassburg suchten Hilfe bei Bern, das seinerseits mit dem von Hagenbach bedrängten Mülhausen verbündet war. Zugleich fürchtete Bern, dass der neue Nachbar Burgund die Handelsstrassen durch das schweizerische Mittelland zu den Genfer Messen sperren könnte.

Herzog Sigismund war indessen mit seinem neuen burgundischen Schutzherrn nicht zufrieden, denn Karl der Kühne wollte weiterhin mit den Eidgenossen in Frieden leben und keinen Krieg gegen sie im Auftrag Österreichs führen. Am 30. März 1474 einigte sich Sigismund deshalb mit eidgenössischen Boten in Konstanz auf einen Vertragsentwurf, der die langjährigen Feindseligkeiten zwischen Habsburg und den Eidgenossen beendigen sollte. Der mit Burgund verfeindete Ludwig XI. wurde von beiden Seiten als Schiedsobmann bei der Klärung strittiger Fragen vorgesehen; dieser später als Ewige Richtung bezeichnete Vertrag wurde am 2. Januar 1475 ratifiziert. Ebenfalls in Konstanz schlossen am 31. März 1474 die acht eidgenössischen Orte sowie Solothurn mit den vier oberrheinischen Reichsstädten Strassburg, Basel, Colmar und Schlettstadt samt dem Bischof von Strassburg und Basel ein zehnjähriges Bündnis. Schliesslich bildeten Sigismund und die erwähnten Reichsstädte samt ihren Bischöfen am 4. April 1474 in Konstanz die Niedere Vereinigung. Anschliessend löste Sigismund die an Burgund verpfändeten Gebiete mit Hilfe der elsässischen Reichsstädte ein.

Praktisch gleichzeitig, aber ohne dass ein Zusammenhang mit den Konstanzer Gesprächen nachgewiesen werden kann, wurde Peter von Hagenbach nach einer Revolte seiner Söldner am 11. April 1474 in Breisach am Rhein gefangen gesetzt; die ihm feindlich gesinnten elsässischen Reichsstädte setzten seine Hinrichtung am 9. Mai 1474 durch. Der Bruder des Getöteten verwüstete aus Rache im August 1474 das Oberelsass, wobei ihn burgundische und lombardische Söldner unterstützten. Die antiburgundische Liga – in den zeitgenössischen Quellen als magna liga Alamaniae oder als teütscher pund bezeichnet – antwortete mit einem Feldzug in die von Bern begehrte Freigrafschaft Burgund, der seinen Abschluss am 13. November 1474 mit einem Sieg über die Burgunder in der Schlacht von Héricourt fand.

Trotzdem wollte Herzog Karl, der von August 1474 bis Juni 1475 das niederrheinische Städtchen Neuss belagerte, eigentlich weiterhin mit den Eidgenossen in Frieden leben. Nachdem aber in Bern die Kriegspartei unter Niklaus von Diesbach die Oberhand über die Gemässigten unter Adrian I. von Bubenberg gewonnen und diesen aus den Räten verstossen hatte, liessen Bern und Freiburg, unterstützt von Luzern, im Frühling und im Herbst 1475 Kriegsbanden gegen das Waadtland ziehen, das zum grössten Teil dem mit Burgund verbündeten Savoyen gehörte. Die Freischaren eroberten in kurzer Zeit 16 Städte und 43 Burgen, deren Einwohner der neuen Herrschaft einen Untertaneneid schwören mussten. Die übrigen eidgenössischen Orte billigten dieses Vorgehen keineswegs und schlossen im Sommer 1475 sogar kurzfristig einen Sonderbund gegen Bern, das rücksichtslos nach Westen expandierte. Bis zum Ende der Burgunderkriege hielten sie daran fest, dass sie nicht als houptsecher (Hauptbeteiligte), sondern bloss aufgrund ihrer Hilfsverpflichtungen in den Krieg mit Burgund getreten seien.

Gleichzeitig mit dem Herbstfeldzug in die Waadt eroberten die Oberwalliser, gestützt auf ihr ewiges Burgrecht mit Bern (7. September 1475) und mit Hilfe von Knechten aus dem Saanenland, dem Simmental, Freiburg und Solothurn, das savoyische Unterwallis bis zum Engnis von Saint-Maurice, nachdem sie die savoyischen Truppen am 13. November 1475 bei Conthey in der Schlacht auf der Planta besiegt hatten. Das Unterwallis stand fortan unter der Herrschaft des Bischofs von Sitten und der sieben Oberwalliser Zenden.

Die Hinrichtung der Besatzung von Grandson. Kopie von Christoph Silberysen aus dem Jahr 1572, nach einer Illustration aus Werner Schodelers Eidgenössischen Chronik von 1510 (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsWettF 16: 2, Fol. 168v; e-codices).
Die Hinrichtung der Besatzung von Grandson. Kopie von Christoph Silberysen aus dem Jahr 1572, nach einer Illustration aus Werner Schodelers Eidgenössischen Chronik von 1510 (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsWettF 16: 2, Fol. 168v; e-codices). […]

Als der burgundische Herzog seinerseits als Vergeltung für die Waadtzüge Anfang 1476 gegen Freiburg und Bern ins Feld zog, eilten im letzten Moment die eidgenössischen und elsässischen Verbündeten zu Hilfe. Karl der Kühne wurde zuerst nach der Belagerung von Grandson in der Schlacht bei Grandson (2. März 1476) in die Flucht geschlagen und verlor seine gesamte kostbare Habe. Auch die Revanche durch die Belagerung von Murten misslang ihm; sein Söldnerheer wurde in der Schlacht bei Murten (22. Juni 1476) aufgerieben. Den dritten Versuch bezahlte Karl der Kühne mit dem Leben; Unbekannte erschlugen ihn nach der Schlacht bei Nancy (5. Januar 1477), in welcher die Eidgenossen dem verbündeten Herzog von Lothringen zu Hilfe geeilt waren.

Deutung

Die Ereignisse der Jahre 1474-1477 bildeten einen Wendepunkt sowohl der europäischen als auch der eidgenössischen Geschichte: Sie bedeuteten den Wegfall des burgundischen Zwischenreichs und förderten die habsburgische Vormachtstellung in Europa; zudem festigten sie die Stellung der französischen Monarchie. Kurzfristig begründeten sie überdies den Aufstieg der Eidgenossenschaft zur europäischen Militärmacht.

Die Hinrichtung der Besatzung von Grandson. Illustration aus der Chronik Zirkel der Eidgenossenschaft von Andreas Ryff, 1597 (Musée historique de Mulhouse; Fotografie Christian Kempf, Colmar).
Die Hinrichtung der Besatzung von Grandson. Illustration aus der Chronik Zirkel der Eidgenossenschaft von Andreas Ryff, 1597 (Musée historique de Mulhouse; Fotografie Christian Kempf, Colmar). […]

Die Burgunderkriege haben in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Deutung erfahren. Die ältere Forschung dämonisierte – im Einklang mit den zeitgenössischen Chroniken – den Eroberer Karl den Kühnen, dem einzig die Eidgenossen tapfer entgegengetreten seien. Zugleich hätten sie damit unwissentlich die Pläne Ludwigs XI. erfüllt, der sich in raffinierter Weise mit Hilfe Dritter seines burgundischen Rivalen entledigte. Diese Interpretation der Ereignisse geht letzten Endes auf die Memoiren des Philippe de Commynes zurück, welcher aus der Rückschau verschiedene Ereignisse in einen kausalen Zusammenhang brachte und das politische Genie seines Dienstherrn Ludwigs XI. verherrlichte. Auch der Berner Valerius Anshelm schilderte 1530 die Eidgenossen als naive Toren im Dienst des französischen Königs und der Habsburger.

Erst Karl Bittmann widerlegte in seinem gross angelegten, leider unvollendeten Werk 1964 die Darstellung von Commynes. Aufgrund von Akten und Urkunden aus der Zeit der Burgunderkriege konnte er nachweisen, dass Bern unter der Führung des Niklaus von Diesbach sowie die oberrheinischen Städte Strassburg und Basel zum Krieg gegen Karl den Kühnen trieben. Adolf Gasser korrigierte zudem die Datierung einer Urkunde, die den französischen König als treibende Kraft hatte erscheinen lassen. Neuerdings ist zudem gezeigt worden, dass die Städte in ihrer Kriegspropaganda den burgundischen Herzog als boessen Túrken von Burgund darstellten, als westliches Gegenstück zum türkischen Sultan Mehmed II. Damit rechtfertigten sie ihr Unternehmen gegen Karl den Kühnen als weltlichen Kreuzzug im Namen der teutschen nation und stellten, wenigstens vordergründig, den Kaiser zufrieden, der eine Beteiligung am Kampf gegen die Osmanen wünschte. Entsprechend trugen die Krieger der antiburgundischen Liga weisse Kreuze. Eidgenössische und oberrheinische Städte lösten mit dieser Umfunktionierung das Problem der Türkensteuer in gleicher Weise wie die übrigen Reichsstädte, die vor Neuss zogen, um ebenfalls den Türken im Occident zu bekämpfen.

Diese neuen Forschungsperspektiven sind bis jetzt noch nicht ausgeschöpft. So bedürfte das Verhältnis der acht Orte zur Westschweiz einer kritischen Überprüfung. Bisher wurden die Burgunderkriege in längerfristiger nationalgeschichtlicher Perspektive vor allem als «Öffnung» der Eidgenossenschaft zur Westschweiz hin interpretiert. Dabei wurden aber die unmittelbaren Folgen der furchtbaren Kriegführung der eidgenössischen Freischaren verdrängt. Wie weit der Bevölkerungsrückgang in der Westschweiz und die Verödung ganzer Landstriche in der Waadt allein auf diese kriegerischen Ereignisse bzw. auch auf die bereits schwelende wirtschaftliche Krise zurückzuführen ist, harrt noch der Klärung. Westschweizer Historiker konnten seit Frédéric de Gingins und Charles Gilliard ansatzweise die Sicht der Verlierer in die nationale Geschichtsschreibung einbringen.

Die Charakterisierung der Burgunderkriege als «Städtekrieg» durch Richard Vaughan zeigt, wie stark die Städteorte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Politik der Eidgenossenschaft bestimmten. Doch bedurften sie immer noch der kaiserlichen Privilegien, um ihre rechtliche Stellung zu behaupten. Damit erhalten die von Karl Mommsen aufgeworfenen Fragen zum Verhältnis von Eidgenossenschaft und Reich eine neue Aktualität, vor allem in Bezug auf die Türkenkreuzzüge. Die stärkere Berücksichtigung des urbanen Beziehungsnetzes wertet schliesslich den Anteil der oberrheinischen Städte (Nachrichtendienst, militärische Hilfe v.a. bei Murten) am Sieg über Karl den Kühnen beträchtlich auf.

Folgen

In territorialer Hinsicht brachten die Burgunderkriege der achtörtigen Eidgenossenschaft nur bescheidenen Gewinn. Bereits am Friedenskongress von Freiburg (16. August 1476) gaben die Orte die Waadt um 50'000 Gulden an Savoyen zurück; die Ansprüche auf die Freigrafschaft Burgund wurden 1479 für 150'000 Gulden an Ludwig XI. verkauft. Diese Zurückhaltung erklärt sich vor allem aus dem immer noch bestehenden Misstrauen der sieben Orte gegenüber der Machtpolitik Berns in der Westschweiz. Bern und Freiburg behielten einzig Murten, Echallens, Grandson und Orbe (ehemalige Lehen der von Chalon) als gemeine Herrschaften; Erlach und Aigle blieben im alleinigen Besitz Berns. Da der Bischof von Sitten und die Landleute im Wallis ihre Eroberungen im Unterwallis nicht zurückerstatteten, geriet auch die Strasse über den Grossen St. Bernhard unter die Kontrolle der Oberwalliser und ihrer Bundesgenossen, der Berner.

Die eidgenössischen Truppen plündern das von Karl dem Kühnen verlassene Lager vor Grandson. Nach einer Miniatur von Diebold Schilling in der Amtlichen Berner Chronik von 1483 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.3, S. 654).
Die eidgenössischen Truppen plündern das von Karl dem Kühnen verlassene Lager vor Grandson. Nach einer Miniatur von Diebold Schilling in der Amtlichen Berner Chronik von 1483 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.3, S. 654). […]

Schwerwiegend waren die Auswirkungen der Burgunderkriege auf das eidgenössische Sozialgefüge. Die Siege von Grandson und Murten veranlassten die Fürsten Europas, die erfolgreichen Eidgenossen als Söldner für sich zu gewinnen (Fremde Dienste). Werber und Pensionenherren gehörten in der Folge zum eidgenössischen politischen Alltag. Die «Chronik der Stadt Zürich» hält lapidar fest: «Und kam vil geltz in das lant». Viele Knechte liefen ihren Herren davon und suchten als Reisläufer ihr Glück. Bereits der Berner Diebold Schilling der Ältere verfluchte das «boess und verfluechte roupguot» der Burgunderbeute, welches die bestehende Ordnung verändert habe. Zugleich verteidigte er jedoch die offiziellen französischen Jahrgelder, da sie für die öffentliche Wohlfahrt eingesetzt werden könnten (Pensionen). Die Erfolge der Krieg führenden Städte veränderten auch das Kräftegleichgewicht zwischen Städte- und Länderorten. Freiburg, auf das Savoyen 1477 endgültig verzichtete, und Solothurn hatten sich an den Burgunderkriegen beteiligt und wünschten eine Aufnahme in die Eidgenossenschaft. Gegen das Überwiegen der Städte wehrten sich aber die innern Orte. Gleichzeitig machte sich die Unzufriedenheit mit der Politik der Städte in Aufständen Luft (Saubannerzug 1477, Amstaldenhandel 1478). Die Krise verschärfte sich durch das ewige Burgrecht der eidgenössischen Städte samt Solothurn und Freiburg am 23. Mai 1477. Sie konnte erst durch das Stanser Verkommnis gelöst werden.

Quellen und Literatur

  • K. Mommsen, Eidgenossen, Ks. und Reich, 1958
  • K. Bittmann, Ludwig XI. und Karl der Kühne, [1964]
  • Encycl.VD 4, 91-109
  • R. Vaughan, Charles the Bold, 1973
  • HbSG, 312-328, 385-387
  • A. Gasser, Ausgewählte hist. Schr., 1933-1983, 1983, 269-320
  • C. Sieber-Lehmann, Spätma. Nationalismus, 1995
  • V. Groebner, Gefährl. Geschenke, 2000
Weblinks

Zitiervorschlag

Sieber-Lehmann, Claudius: "Burgunderkriege", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 17.03.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008881/2011-03-17/, konsultiert am 23.09.2021.