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ZweiterWeltkrieg

Der Zweite Weltkrieg war mit über 50 Mio. Toten, die Hälfte davon Zivilpersonen, der blutigste Konflikt der Geschichte. Er lässt sich auf die Friedensverträge von 1919 (Vertrag von Versailles), den aus Italiens Frustration erwachsenen mussolinischen Imperialismus sowie die wirtschaftliche und soziale Lage infolge der Weltwirtschaftskrise zurückführen. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 begann Deutschland sogleich mit den Vorbereitungen für den Krieg, der ihm die Vorherrschaft in Europa sichern, "Lebensraum im Osten" verschaffen und der "arischen Rasse" zum Triumph verhelfen sollte. Der Völkerbund und die Demokratien, die gegenüber den totalitären Staaten (Faschismus, Nationalsozialismus) Schwäche zeigten, konnten 1938 weder den Anschluss Österreichs an Deutschland noch die Sudetenkrise (Konferenz von München) verhindern. Auch gegenüber dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei im März 1939 und dem Überfall auf Polen am 1. September 1939, mit dem der Krieg begann, zeigten sie sich machtlos.

Nach dem Kriegseintritt Italiens am 10. Juni 1940, der Niederlage Frankreichs im Juni und der deutschen Besetzung Nordfrankreichs war die Schweiz weitgehend und nach der Besetzung Südfrankreichs im Herbst 1942 vollständig von den Achsenmächten umschlossen. Sie blieb militärisch verschont und gehörte zu den wenigen noch funktionierenden demokratischen Rechtsstaaten auf dem Kontinent. Doch stand sie während der Kriegsjahre unter dem Vollmachtenregime. Die Armee wurde mobilisiert (Mobilmachung), was in der Mentalität der Bevölkerung dauerhafte Spuren hinterliess. Davon zeugt auch die Selbstbezeichnung der Betroffenen als Aktivdienstgeneration. Die feierlich bekräftigte Neutralität erfuhr im wirtschaftlichen Bereich einige Abstriche.

Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg […]

Von Mai 1940 bis zum Frühjahr 1942 waren die totalitären Mächte (Achse Rom-Berlin und Japan) überlegen, ohne jedoch die Entscheidung herbeiführen zu können. Denn die Luftschlacht um England im Sommer 1940 und der im Juni 1941 begonnene Russlandfeldzug brachten Deutschland nicht den erwarteten raschen Sieg. Zudem traten im Dezember 1941 die USA nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour in den Krieg ein. Ab Sommer 1942 gewannen die Alliierten (England und Commonwealth, Sowjetunion, USA, das freie Frankreich und China) an allen Fronten (Russland, Pazifik, Nordafrika) die Oberhand. Nach der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 näherte sich der Krieg erneut der Schweiz, deren Umklammerung durch die Achsenmächte sich im August 1944 mit der Ankunft der amerikanischen Truppen an der Westfront löste. Die deutsche Kapitulation am 8. Mai 1945, die häufig fälschlicherweise als Waffenstillstand bezeichnet wird, bedeutete das Ende des Kriegs in Europa. In der Schweiz normalisierte sich die Lage jedoch erst mit der völligen Aufhebung der Rationierung 1948 und der vollständigen Rückkehr zur direkten Demokratie 1949.

Militärische Lage

Erste Generalmobilmachung

Einrückende Soldaten vor dem Genfer Bahnhof, 1939 © KEYSTONE/Photopress.
Einrückende Soldaten vor dem Genfer Bahnhof, 1939 © KEYSTONE/Photopress. […]

Im August 1939, besonders nach Bekanntwerden des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vom 23. August, erschien der Krieg unabwendbar. Noch bevor am 1. September die deutsche Wehrmacht Polen überfiel, waren am 29. August die Grenzbrigaden sowie Teile der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen aufgeboten worden. Am 30. August wählte die Bundesversammlung Henri Guisan zum Oberbefehlshaber und Jakob Labhart zum Chef des Generalstabs (Oberbefehl). Der Bundesrat erteilte den Befehl zur allgemeinen Kriegsmobilmachung (Aktivdienst). Am 3. September erklärten die Westmächte Deutschland den Krieg. Da sechs bis sieben französische Divisionen an der schweizerischen Westgrenze lagen, konnte der Generalstab eine alliierte Entlastungsoffensive durch die Schweiz in den beinahe truppenleeren Süden Deutschlands nicht ganz ausschliessen. Um die Grenzräume zu sichern, stellte die Schweizer Armee Deckungsdivisionen auf, die am Abend des 4. September bereitstanden. Nach der Niederlage Polens Anfang Oktober verlagerte die Wehrmacht ihre Verbände an die Westfront, wo Ende Oktober eine deutsche Offensive gegen Frankreich erwartet wurde. Während des Winters 1939-1940 kam es jedoch zu keinen grösseren Aktionen, was der Periode den Namen Drôle de Guerre eintrug.

General Guisan liess die gegen Deutschland gerichtete Limmatstellung zum Bezug vorbereiten und ausbauen. Grössere Truppenentlassungen erfolgten erst Ende November. Nach einem Konflikt zwischen Labhart und Guisan um die Aufstellung der Armee berief Guisan am 26. März 1940 Jakob Huber zum neuen Generalstabschef. Guisan liess mit Wissen des Vorstehers des Militärdepartements, Bundesrat Rudolf Minger, eine allfällige Zusammenarbeit mit der französischen Armee im Falle eines deutschen Einmarsches vorbereiten. Das geschah unter rigoroser Geheimhaltung über Verbindungsoffiziere beider Länder. Nach der Besetzung Frankreichs durch Deutschland fanden die Deutschen die Akten der neutralitätspolitisch heiklen Absprachen in Dijon (nicht in La Charité-sur-Loire wie gemeinhin behauptet).

Zweite Generalmobilmachung

Als Hitler am 10. Mai 1940 die Westoffensive gegen Frankreich und die Beneluxländer auslöste, traten alle entlassenen Wehrmänner am folgenden Tag wieder unter die Waffen. Die schweizerische Armeeleitung befürchtete, die Wehrmacht würde die französische Maginotlinie südlich durch die Schweiz umfassen. Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass der Nachrichtendienst auf ein deutsches Täuschungsmanöver hereingefallen war.

Als sich das Kampfgeschehen im Juni der Westgrenze näherte, verschob Guisan Truppen aus der Limmatstellung in den Jura zwischen Basel und Genf. Fortan schützte die Armee in einer lockeren Aufstellung das Land ringsum vor Gebietsverletzungen. Einem starken Angriff hätte sie indes kaum lange Widerstand leisten können. Mitte Juni griffen die den Oberrhein überquerende 7. deutsche Armee und die vom Plateau de Langres vorstossende Panzergruppe Guderian die französischen Verteidiger von Belfort an. Das 45. französische Korps mit 43'000 Soldaten konnte sich in die Schweiz absetzen und wurde interniert (Internierungen).

Plakat des Eidgenössischen Militärdepartements, 1940 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat des Eidgenössischen Militärdepartements, 1940 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]

Nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland am 22. Juni 1940 sah sich die Schweiz mit Ausnahme eines kleinen Abschnitts am Genfersee auf allen Seiten von Streitkräften der Achsenmächte umschlossen. Gereizt vom Abschuss von elf deutschen Flugzeugen auf Schweizer Gebiet durch die Schweizer Armee, liess Hitler ab dem 23. Juni einen Angriffsplan gegen die Schweiz ausarbeiten (ab Oktober 1940 unter dem Decknamen Operation Tannenbaum) und die 12. Armee List an der Westgrenze aufmarschieren. Gemäss dem Plan sollte sie das Gros der schweizerischen Armee im Mittelland zerschlagen, während italienische Kräfte den Alpenraum eroberten. Meinungsverschiedenheiten zwischen Hitler und Mussolini über eine Aufteilung der Schweiz erhöhten die Hemmschwelle. Absorbiert durch den Kampf gegen Grossbritannien und seine Pläne zur Gewinnung von Lebensraum in Osteuropa, schob Hitler die Erteilung des Angriffsbefehls hinaus.

Bundesrat und General waren der Auffassung, Hitler brauche nach der Niederlage Frankreichs die eingeschlossene Schweiz nicht mehr anzugreifen, da er sie politisch und wirtschaftlich erpressen könne. Am 6. Juli wurden deshalb die Wehrmänner mit älteren Jahrgängen entlassen. Mitte Juli zog Guisan erste Konsequenzen aus der neuen Lage, indem er die Armee ein neues Dispositiv beziehen liess, das drei Elemente beinhaltete: die Grenzverteidigung, den Kampf um Zeitgewinn in Jura und Mittelland sowie die Verteidigung des Zentralraums (Réduit). Damit verbunden war die Drohung, bei einem Angriff die Alpentransversalen zu zerstören. Am 25. Juli 1940 eröffnete er beim Rütli-Rapport den auf der Rütliwiese versammelten Kommandanten seine Entschlüsse. Anfang August führte er einen Ablösungsturnus ein mit dem Ziel, dauernd ca. 120'000 Mann unter den Waffen zu behalten.

Ausharren

Nachdem im Mai 1941 genügend Vorräte für Truppe und Bevölkerung im alpinen Zentralraum gelagert waren, zog Guisan auch die zweite Hälfte der Feldarmee ins Réduit zurück. Da die Armeeleitung die Alpentransversalen als oberstes Faustpfand in der Dissuasionsstrategie gegen die beiden Achsenmächte betrachtete, wurde der Zerstörungsvorbereitung, unter anderem auch der Verminung der Eisenbahntunnels, besonderes Gewicht zugemessen (Ende 1941 2043 Sprengobjekte).

Das deutsche Engagement in Nordafrika und der im Juni 1941 beginnende Ostfeldzug entspannten die strategische Lage der Schweiz, hätte es doch fortan der Wehrmacht Mühe bereitet, die für die Eroberung der Schweiz notwendigen Truppen herauszulösen. Nach den deutschen Niederlagen in Nordafrika (November 1942) und Stalingrad (Februar 1943) und dem alliierten Angriff auf Italien plante die deutsche SS die Verteidigung einer Festung Europa, in der die Schweiz einen Pfeiler hätte darstellen können. Diese Bedrohung führte zum sogenannten Märzalarm 1943, als der Nachrichtendienst fälschlicherweise meldete, ein Angriff auf die Schweiz stehe unmittelbar bevor.

Als sich nach den Landungen der Alliierten in der Normandie und in der Provence das Kampfgeschehen im Herbst 1944 erneut der Schweiz näherte und die 7. US-Armee der Westgrenze entlang nach Belfort vorstiess, wo sich die Deutschen verschanzten, galt es Grenzverletzungen an der Westgrenze vorzubeugen. Die Überquerung des Rheins unterhalb Basels durch die französische Armee de Lattre de Tassigny und deren Vorstoss nach Süddeutschland im Frühjahr 1945 verlangten den Schutz der Nordgrenze.

Auch im Süden näherten sich die im Sommer 1943 in Sizilien gelandeten Alliierten der Schweizer Grenze. Der Sturz Mussolinis, die Flucht Tausender von Italienern in die nahe Schweiz, die Partisanenkämpfe unmittelbar an der Schweizer Grenze (u.a. die Partisanenrepublik Ossola von September bis Oktober 1944) verlangten eine starke militärische Präsenz. Im März und April 1945 fanden in der Schweiz unter Vermittlung von Major Max Waibel Verhandlungen zur Teilkapitulation der deutschen Truppen in Italien statt, die am 2. Mai erfolgte (Operation Sunrise). Am 8. Mai ging mit der Kapitulation Deutschlands der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Der Aktivdienst dauerte wegen Räumungsarbeiten noch bis zum 20. August 1945.

Rüstung und Truppen

An der Spitze einiger Offiziere inspiziert General Guisan die Befestigungsarbeiten in der Stadt Zürich während des Winters 1939-1940. Fotografie von Hans Staub aus der Zürcher Illustrierten, 1940, Nr. 9 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
An der Spitze einiger Offiziere inspiziert General Guisan die Befestigungsarbeiten in der Stadt Zürich während des Winters 1939-1940. Fotografie von Hans Staub aus der Zürcher Illustrierten, 1940, Nr. 9 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz. […]

Bei Kriegsbeginn war die Schweiz nur mangelhaft gerüstet. In der Artillerie fehlte es an schweren Waffen, im September 1939 zählte die Armee nur 24 Leichtpanzer. Die Luftwaffe verfügte abgesehen von 38 Messerschmitt-Maschinen und 2 Morane nur über veraltete Apparate. Die ungenügende Rüstung sollte mit dem Ausbau von Stellungen im Gelände kompensiert werden (Befestigungen). Schlecht ausgerüstet war die Armee in Bezug auf die Vorräte von Roh- und Hilfsstoffen, die während des Zweiten Weltkriegs zu hohen Preisen beschafft werden mussten. Bis zum Kriegseintritt Italiens im Juni 1940 konnten über die italienischen Häfen Rohstoffe eingeführt werden, die in der Schweiz zu Rüstungsgütern verarbeitet wurden. Während des Zweiten Weltkriegs rüstete die Schweiz auf: 1939-1945 steigerte die Armee die Anzahl der Panzerabwehrwaffen von 898 auf 5974, die leichte Fliegerabwehr von 36 auf 3365 Einheiten, die schwere Fliegerabwehr von 8 auf 274 und die Kriegsflugzeuge von 216 auf 530. Wegen fehlender Produktionsstätten und Metalle war die Rüstungslage trotz Verbesserungen bis Kriegsende von Mängeln geprägt.

Im August 1939 wurden 430'000 Dienstpflichtige mobilisiert, dann wurde bis April 1940 der Bestand auf 220'000 Dienstpflichtige reduziert, im Mai jedoch wieder auf 450'000 Mann aufgestockt. Nach dieser Spitze lag der durchschnittliche Bestand bei ca. 120'000 Mann. Zur Unterstützung der Männer wurde für den rückwärtigen Bereich im April 1940 der freiwillige Frauenhilfsdienst geschaffen, der Ende 1940 15'000 Frauen zählte (Militärischer Frauendienst). Die Ortswehren, die aus älteren und sehr jungen Männern bestanden, zählten im Januar 1941 127'000 Mitglieder.

Während die Moral der Truppen in den ersten Monaten der Grenzbesetzung gut war, traten mit der längeren Dauer des Kriegs bei den Soldaten Ermüdungserscheinungen ein, obschon der Dienst - anders als im Ersten Weltkrieg - nicht mehr nur aus Drill bestand. Die Verteidigungsbereitschaft nahm in dem Masse ab, in dem ein Krieg gegen die Schweiz unwahrscheinlicher wurde. Der Rückzug ins Réduit ab dem Sommer 1940, gegen aussen und innen als Akt des Widerstands kommuniziert, bedeutete für die Armee eine Entlastung, da die Sicherung der Alpenfestung weniger Truppen benötigte als die vormalige Grenzbesetzung. Das daraufhin eingeführte Urlaubssystem, bei dem die Stammtruppe am Standort blieb, aber ein bestimmter Prozentsatz der Wehrmänner entlassen wurde, liess der Landwirtschaft und der Industrie wieder genügend Arbeitskräfte zukommen.

Die militärisch betroffene Schweiz

Ein durch Bomben zerstörtes Haus an der Limmattalstrasse in Zürich-Höngg, 22. Dezember 1940. Fotografie von Hermann Schmidli (Ringier Bildarchiv, RBA1-10-16) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
Ein durch Bomben zerstörtes Haus an der Limmattalstrasse in Zürich-Höngg, 22. Dezember 1940. Fotografie von Hermann Schmidli (Ringier Bildarchiv, RBA1-10-16) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. […]

Obwohl sich nach dem Fall Frankreichs im Juni 1940 das Kriegsgeschehen für über vier Jahre von der Schweiz entfernte, blieb diese nicht ganz unberührt. Der intensiv geführte Luftkrieg der Engländer und der Amerikaner ab August 1940 gegen Deutschland und Italien führte zu einer häufigen Verletzung des schweizerischen Luftraums (6501 Vorfälle) mit 16 Abschüssen von Flugzeugen durch die schweizerische Luftwaffe und neun durch die Flugzeugabwehr, 191 Notlandungen und 56 Abstürzen. Im November 1940 wurde in der Schweiz die Verdunkelung eingeführt. Schweizer Territorium wurde 77-mal bombardiert (84 Tote). Der gravierendste Zwischenfall war die Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944 mit 40 Toten, über 100 Verletzten und dem Verlust von Kulturgütern. Die Alliierten vergüteten die von ihren Bombern verursachten Schäden.

Die neutrale Schweiz war ausserdem eine ideale Drehscheibe des Nachrichtenaustauschs aller Krieg führenden Länder (Nachrichtendienste). So sammelte der Geheimdienst der USA unter der Leitung von Allan W. Dulles in Bern die Nachrichten aus Deutschland, Frankreich und Italien. Daneben betrieben auch die Engländer, Franzosen, Italiener, ja selbst die Chinesen und Japaner einen Nachrichtendienst in der Schweiz.

Aussenpolitik

Die Wirtschaft war für die schweizerischen Aussenbeziehungen während des Kriegs von zentraler Bedeutung. Sie bildete eine Grauzone, welche die Verpflichtungen aufgrund der vom Bundesrat am 31. August 1939 bekräftigten Neutralitätspolitik nur unscharf begrenzten. Der Freisinnige Marcel Pilet-Golaz, der im März 1940 die Nachfolge von Giuseppe Motta als Vorsteher des Eidgenössischen Politischen Departements (EPD) antrat, spielte in diesem Bereich nur eine Nebenrolle. In einigen wichtigen Momenten griff er jedoch entscheidend ein, zum Beispiel im Juni 1940, als er sich mit realpolitischen Argumenten für finanzielle Eingeständnisse an das Dritte Reich aussprach. Federführend war die ständige Delegation für Wirtschaftsverhandlungen mit dem Ausland, der neben Heinrich Homberger vom Vorort und Jean Hotz von der Handelsabteilung auch der Finanzspezialist des EPD, Robert Kohli, angehörte. Letzterer übernahm im November 1941 die Leitung einer wichtigen Sektion des EPD, die für den Schutz schweizerischer Interessen im Ausland zuständig war und mit der Zeit eine regelrechte Finanzdiplomatie entwickelte.

In der schweren Krise vom Sommer 1940 setzte Pilet-Golaz aus realpolitischen Erwägungen auf eine Taktik der Zurückhaltung. Mit seiner Radiorede vom 25. Juni, die er als Bundespräsident hielt, stiftete er jedoch wegen einiger, in der deutschen Fassung besonders zweideutig formulierter Passagen etliche Verwirrung. Pilet-Golaz ging allerdings nicht so weit, wie der Schweizer Gesandte in Berlin, Hans Frölicher, gewünscht hatte. Dieser hatte ihm am 10. Juni geschrieben, die schweizerische Neutralitätspolitik müsse sich künftig auf die Freundschaft mit Deutschland und Italien stützen, und vorgeschlagen, als Erstes rasch jegliche Beziehung zum Völkerbund abzubrechen, was im Herbst auch die berühmte Eingabe der Zweihundert verlangte. Der Bundesrat entschied sich gegen eine solch radikale Massnahme, beschloss jedoch, ab 1941 die Zahlung des Jahresbeitrags an den Völkerbund einzustellen und die Beziehungen mit dessen Sekretariat in Genf auf ein Minimum zu beschränken. Frölicher schlug nach Beginn der Operation Barbarossa (Juni 1941) die Entsendung schweizerischer Ärztemissionen an die deutsche Ostfront vor. Im August 1940 ergriff General Guisan, dem Frölichers Tätigkeit missfiel, die Initiative und beantragte beim Bundesrat, Carl Jakob Burckhardt als "neuen Mann" in Sondermission nach Berlin zu entsenden. Damit überschritt der Oberbefehlshaber der Armee seine Kompetenzen. Im November 1940 wiederholte er seinen Vorschlag vergeblich.

Ab September 1939 hielt sich die Schweiz unter Berufung auf ihre Neutralität an die Regel, im Krieg entstandene neue Staaten und Regime nicht anzuerkennen und die Beziehungen zu den vor Kriegsausbruch bestehenden Staaten aufrechtzuerhalten. So unterhielt das EPD weiterhin Beziehungen zur polnischen Gesandtschaft in Bern, obwohl der polnische Staat seit September 1939 nicht mehr existierte, was Berlin als unfreundlichen Akt auffasste. Ebenso wurde es mit Belgien und Jugoslawien gehandhabt.

Was die Achsenmächte anbelangt, gerieten die Beziehungen mit Italien im Januar 1942 in eine schwere Krise, als Rom von Pilet-Golaz die Abberufung des Gesandten Paul Ruegger forderte und erwirkte, nachdem dieser sich heftig dagegen gewehrt hatte, Italien einen neuen Kredit zu gewähren. Erst im November 1942 wurde ein neuer Gesandter nach Rom geschickt: der Bankier Peter Vieli, der die Eingabe der Zweihundert mit unterzeichnet hatte und von Wirtschaftskreisen nachdrücklich empfohlen worden war. Vieli wurde nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 in die Schweiz zurückberufen. Die Regierung der Repubblica sociale italiana, der sogenannten Republik von Salò, die Mussolini unter deutschem Schutz im Norden gegründet hatte, wurde von Bern gemäss der oben erwähnten Regel de jure nicht anerkannt, doch wurden Beziehungen mit einem in der Schweiz zugelassenen Handelsbeauftragten geknüpft.

In Frankreich vertrat Walter Stucki, 1938 zum Gesandten in Paris ernannt, bis zum Ende des Pétain-Regimes im August 1944 in Vichy weiterhin die Schweiz. Ab Sommer 1943 pflegte das EPD heimliche Kontakte mit den Vertretern des freien Frankreich in Algier, doch erst am 31. Oktober 1944, unmittelbar nach der analogen Entscheidung der Alliierten, anerkannte Bern die von General Charles de Gaulle gebildete provisorische Regierung. Die neuen französischen Behörden widersetzten sich der Rückkehr Stuckis nach Paris, um einen Bruch mit Vichy-Frankreich zu markieren. Erst im Mai 1945 wurde der Posten mit Burckhardt neu besetzt.

Was die Alliierten betrifft, wurden die Beziehungen der Schweiz mit London unter anderem durch Pilet-Golaz' mangelndes Verständnis für die angelsächsische Welt belastet, wenngleich er sich des freundschaftlichen Verhältnisses zu den englischen Vertretern in Bern rühmte, insbesondere zu David Kelly. Nachdem der Gesandte in London, Walter Thurnheer, im Dezember 1943 in die Schweiz zurückgekehrt war, wartete Pilet-Golaz mehrere Monate, bis er Ruegger zum Nachfolger für diesen strategisch wichtigen Posten in der britischen Hauptstadt ernannte.

Angesichts des wachsenden Misstrauens der Regierung Roosevelt gegenüber der Neutralität der Schweiz und der Rolle ihrer Banken schlug Pilet-Golaz im Juni 1941 vor, den Industriellen Hans Sulzer, der bereits 1917 zu Woodrow Wilson entsandt worden war, als ausserordentlichen Gesandten nach Washington zu schicken. Das Vorhaben wurde jedoch aufgegeben, nachdem Washington beschlossen hatte, die Schweizer Gelder "einzufrieren". Nach dem Kriegseintritt der USA verschlechterten sich die Beziehungen und 1944-1945 war das Verhältnis angespannt.

Im Bereich der Guten Dienste oder der aktiven Neutralität spielte die Schweiz eine wichtige Rolle als Schutzmacht: Ab Kriegsbeginn kümmerte sich das EPD um den Schutz deutscher Interessen im britischen Empire und übernahm nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 sämtliche Schutzmachtmandate, die bis dahin die amerikanische Diplomatie innegehabt hatte. Die Schweiz vertrat die Interessen von über 35 Ländern, auch die der Grossmächte mit Ausnahme der Sowjetunion. Dieser Aspekt der eidgenössischen Aussenpolitik wird häufig unterschätzt, obwohl er sich in der Endphase positiv ausgewirkt haben dürfte, insbesondere auf die Beziehungen mit London und Washington.

1944 endete Pilet-Golaz' Versuch, mit der Sowjetunion Beziehungen zu knüpfen, mit einem völligen Misserfolg. Zu einer ersten Annäherung an Moskau war es im Februar 1941 gekommen, als die Schweiz mit der Sowjetunion ein Handelsabkommen abgeschlossen hatte, doch im Juni 1941 hatte die Schweiz die Beziehungen einseitig abgebrochen. Im Sommer 1944 erhielt Ruegger, der Gesandte in London, von Pilet-Golaz den Auftrag, mit der sowjetischen Botschaft in Grossbritannien in Verbindung zu treten. Das am 13. Oktober verfasste offizielle Gesuch wurde am 1. November von Stalin schroff abgelehnt, wobei er der Schweizer Regierung vorwarf, über lange Jahre eine faschismusfreundliche Politik zu Ungunsten der Sowjetunion betrieben zu haben. Daraufhin gab Pilet-Golaz nur wenige Tage später, am 7. November, seine Demission bekannt. Der im Dezember zu seinem Nachfolger gewählte Freisinnige Max Petitpierre übernahm die Verantwortung für die Schweizer Diplomatie in den letzten Kriegsmonaten und den Nachkriegsjahren. Diese Zeit war von schwierigen Verhandlungen mit den Alliierten geprägt (Washingtoner Abkommen).

Innenpolitik

In der Zeit des Zweiten Weltkriegs stand alles unter dem Primat der Aussen- und Sicherheitspolitik. Zentrale Aspekte der Innenpolitik waren dabei vor allem die Beschäftigungs- und Sozialpolitik mit gleitenden Übergängen zur Wirtschaftspolitik, zu der auch die Ernährungsfrage zählte.

Am 30. August 1939 wurde der Bundesrat mit zusätzlichen Vollmachten ausgestattet, die ihm Einschränkungen der verfassungsmässigen Ordnung erlaubten (Vollmachtenregime). Basierend auf diesem Notverordnungsrecht fasste der Bundesrat bis Kriegsende über 500 Beschlüsse meist wirtschaftspolitischer Natur. Diese Massnahme fiel mit der generellen Tendenz zusammen, die Regierungsautorität auf- und das Parlament abzuwerten. Die ausserordentlichen Vollmachten liessen die Exekutive aber nicht etwa erstarken, sondern führten eher zu deren Schwächung, da die Interessenverbände die Regierung über das geschwächte Parlament hinweg direkt unter Druck setzen konnten. Hingegen stärkten die Vollmachten des Bundesrats den Bund auf Kosten der Kantone.

Wahlplakat für die eidgenössischen Wahlen vom Oktober 1939, gestaltet von Alois Carigiet (Kantonsbibliothek Graubünden, Chur).
Wahlplakat für die eidgenössischen Wahlen vom Oktober 1939, gestaltet von Alois Carigiet (Kantonsbibliothek Graubünden, Chur). […]

Die Parteien waren entsprechend dem zeittypischen Antiparlamentarismus nicht sonderlich angesehen. Mit verschiedenen Reformvorschlägen wurde versucht, die Parlamentskompetenzen einzuschränken. Der im Juni 1940 gegründete Gotthardbund setzte sich für die innere Einheit der Schweiz und eine autoritäre Demokratie ein (Frontenbewegung). Im März 1941 wurde eine Initiative eingereicht, um die Zahl der Nationalratssitze auf ungefähr die Hälfte zu reduzieren; im Mai 1942 lehnten die Stimmbürger diese jedoch deutlich ab. Das Kräfteverhältnis der Parteien blieb in den Kriegsjahren einigermassen stabil. Die extremen Parteien auf dem linken und rechten Flügel waren bereits in den ersten Kriegsjahren verboten worden, so im November 1940 die Kommunistische Partei (KP) und die Nationale Bewegung Schweiz.

Die eidgenössischen Wahlen vom Herbst 1939 standen im Zeichen der nationalen Geschlossenheit, in acht Kantonen und einem Halbkanton wurden bloss stille Bestätigungswahlen durchgeführt. Mit 20% Parlamentsneulingen brachten diese Wahlen eine bescheidene Erneuerung. Der Bundesrat bestand bis 1943 aus vier Vertretern der FDP, zwei der Katholisch-Konservativen und einem Vertreter der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Eine sozialdemokratische Volksinitiative, die eine SP-Regierungsbeteiligung durch die Einführung der Volkswahl des Bundesrats herbeiführen wollte, wurde im Januar 1942 im Verhältnis 1:2 abgelehnt. Im Herbst 1943 trat mit einem Anteil von 37% wieder eine durchschnittliche Erneuerung ein. Wahlsieger waren die Sozialdemokraten. Das Ergebnis war die Folge der wachsenden Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik, an der die Linke noch nicht beteiligt und darum auch nicht belastet war. Im Dezember 1943 öffnete die bürgerlich dominierte Bundesversammlung das Konkordanzregime für die Linke und wählte mit Ernst Nobs erstmals einen Sozialdemokraten in die Landesregierung.

Gegen das vom Bundesrat vorgebrachte Bundesgesetz über die Einführung eines Obligatoriums für den militärischen Vorunterricht für 16-19-Jährige (das einzige während des Weltkriegs) wurde das Referendum ergriffen. In der Volksabstimmung wurde es im Dezember 1940 trotz der allgemeinen Bedrohungslage vor allem aus einem antizentralistischen Reflex heraus abgelehnt. Bei der Einführung der Einkommenssteuer hielten es Bundesrat und Parlament nicht für ratsam, die bereits auf den 2. Juni 1940 angekündigte Abstimmung in dieser schwierigen Zeit tatsächlich durchzuführen. Die Einkommenssteuer wurde schliesslich auf dem Vollmachtenweg eingeführt.

Karikatur von Carl Böckli, erschienen im Nebelspalter, 1940, Nr. 44 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica).
Karikatur von Carl Böckli, erschienen im Nebelspalter1940, Nr. 44 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica). […]

Die Presse unterstand der Nachzensur (Zensur). Diese stand aber mehr im Dienste der aussenpolitischen Rücksichtnahmen als der innenpolitischen Repression. Offiziell verlangte der Staat keine Gesinnungsneutralität, faktisch wurde aber eine gewisse Zurückhaltung in den Stellungnahmen zum internationalen Geschehen gefordert. Die Armee durfte aus Imagegründen nicht kritisiert, die Neutralität nicht diskutiert und auch die Landesregierung nicht in ihrem Ansehen geschmälert werden. Verstösse gegen Richtlinien und Einzelweisungen wurden geahndet. Die schwachen Sanktionen bewirkten aber wenig und die starken konnten aus demokratischen Skrupeln kaum eingesetzt werden; extreme Haltungen blieben aber immerhin eingeschränkt. Die Presse hatte die in ihrer überwältigenden Mehrheit achsenfeindlich eingestellte Bevölkerung auf ihrer Seite.

Die Demokratie lebte mitten in einem von Krieg und Totalitarismus geprägten Europa weiter, wenn auch in reduziertem Mass. In den ersten anderthalb Jahren der Aktivdienstzeit wurden keine Initiativen eingereicht, 1941 zwei und 1942-1943 fünf. Mit der Kriegswende belebten sich Innen- und Sozialpolitik. 1942 wurden Initiativen zum Schutz der Familie und zur Altersfürsorge lanciert, 1943 zwei Initiativen zum Schutz der Arbeit und eine gegen die Spekulation.

Mit der Rationierung von Lebensmitteln wollte der Bundesrat eine von der Kaufkraft unabhängige minimale Lebensmittelversorgung garantieren. Im Januar 1940 wurde für Wehrmänner ein Rechtsanspruch auf Lohnausfallentschädigung eingeführt und mit einer gemischten Finanzierung sichergestellt: Arbeitgeber und Arbeitnehmer steuerten je zwei Lohnprozente bei und die öffentliche Hand (Bund zwei Drittel, Kantone ein Drittel) haftete für einen gleich hohen Betrag (Erwerbsersatzordnung).

Im Rahmen der Kriegswirtschaft wurde im September 1939 in wichtigen Bereichen eine Preisbindung eingeführt. So waren Grosshandels- und Einzelhandelspreise, Miet- und Pachtzinse sowie Elektrizitäts- und Gastarife bewilligungspflichtig. Wer sich der Preisanschriftspflicht nicht unterzog, riskierte die Schliessung seines Betriebs. Ein Anstieg der Konsumentenpreise konnte aber nicht verhindert werden: Der Index stieg 1938-1942 von 100 auf 146 Punkte, bis Kriegsende auf 152 Punkte. Die Lohnentwicklung blieb allerdings hinter der Preisentwicklung zurück, was zu einer Reallohneinbusse führte (Preis- und Lohnpolitik). Den Teuerungsausgleich wollte die Regierung aus volkswirtschaftlichen Gründen nur partiell gewähren, weil sie - bei gleichbleibender (knapper) Warenmenge - nicht mit Lohnerhöhungen die Inflation anheizen und so eine Schwächung der Kaufkraft der wirtschaftlich schwachen Schichten herbeiführen wollte.

Im Steuerwesen verfolgte der Bund eine ausgleichende Umverteilungspolitik: Eine Kriegsgewinnsteuer schöpfte bis zu 70% der Gewinne ab. Eine als Wehropfer bezeichnete zweimalige Vermögenssteuer brachte über 600 Mio. Franken ein. Schliesslich wurde auch eine Steuer auf Luxusgüter erhoben. Die 1941 unter dem Namen Wehrsteuer eingeführte Einkommenssteuer des Bundes belastete die einkommensstarken Steuerzahler besonders stark (Direkte Bundessteuer).

Das Problem der Arbeitslosigkeit war bei Kriegsbeginn weitgehend entschärft. Nach dem Höchststand von 93'000 im Jahr 1936, was 5% der aktiven Bevölkerung entsprach, waren im Sommer 1939 nur noch 28'000 Arbeitslose zu verzeichnen. Die Kriegsjahre brachten einen weiteren Abbau, ja sogar eine ungedeckte Nachfrage nach Arbeitskräften. Noch im Sommer 1940 galt jedoch die Hauptsorge der möglicherweise schnell wieder steigenden Arbeitslosigkeit. Die Verknappung der Arbeitskräfte verschärfte die zwischen Armee, Exportindustrie und Landwirtschaft geführten Diskussionen um die Frage, welche Arbeitskraft wem zustehe.

Wirtschaft

Schweizer Aussenhandel 1924-1960
Schweizer Aussenhandel 1924-1960 […]

Beide Kriegsparteien versuchten, die wirtschaftlichen Kapazitäten der neutralen Länder für ihre Zwecke zu nutzen. Umgekehrt war die exportorientierte, offene Volkswirtschaft der Schweiz auf den Import von Rohstoffen und Nahrungsmitteln und auf den Export ihrer Konsum- und Investitionsgüter angewiesen. Doch die beiden Blockaderinge (alliierte Blockade und deutsch-italienische Gegenblockade) behinderten den Aussenhandel stark: Nie war die Schweiz so wenig in die Weltwirtschaft integriert wie in jenen Jahren; die Anteile von Import und Export am Nettosozialprodukt standen 1945 auf dem historischen Tief von jeweils knapp 10%. Aber der sinkende Aussenhandel wurde durch die Binnenwirtschaft kompensiert; die Kapazitäten waren durch Kriegsausgaben und Autarkiebemühungen ausgelastet. Die Rahmenbedingungen der Wirtschaft im Krieg waren bereits in den 1930er Jahren angelegt. Der grösste Teil des Aussenhandels wurde über den gebundenen Zahlungsverkehr abgewickelt (Clearing), das Vollmachtenregime hatte seinen Vorläufer in der Politik der dringlichen Bundesbeschlüsse. Dem Bilateralismus in den Warenbeziehungen entsprach der "Verbandsstaat" im Innern: Die Wirtschaftsverbände, allen voran der Schweizerischer Handels- und Industrieverein (SHIV, oder Vorort), gaben ihre Zustimmung zu einer interventionistischen Aussenwirtschaftspolitik nur unter der Bedingung, dass sie bei der Umsetzung direkt einbezogen würden. Das zentrale Gremium in diesem System war die sogenannte Ständige Wirtschaftsdelegation.

Die Schweiz war in wirtschaftlicher Hinsicht besser für den Krieg gerüstet als 1914: Am 4. September 1939 wurde die von langer Hand vorbereitete kriegswirtschaftliche Organisation in Kraft gesetzt. Die Anbauschlacht im Rahmen der wirtschaftlichen Landesversorgung ermöglichte zwar bei weitem nicht die nationale Selbstversorgung, war aber für die Bevölkerung ein wichtiges Symbol für die Bemühungen um grösstmögliche Autarkie. Die Rationierung gewährleistete eine einigermassen gerechte Verteilung der vorhandenen Güter. Trotz der dadurch bedingten Entbehrungen im persönlichen Konsum war die Ernährungslage in der Schweiz im Vergleich zu den besetzten Ländern recht gut. Die Gesamtversorgung mit Nahrungsmitteln fiel zwischen 1934 und 1944 dennoch um 28%. So reduzierte sich in den Kriegsjahren die Fleischproduktion um 40%, die Milchproduktion um 21%.

Der bereits vor dem Krieg einsetzende Aufschwung ging in eine Art Kriegskonjunktur über, die allerdings im Rohstoffmangel ihre angebotsseitigen Grenzen fand: Das reale Nettosozialprodukt sank von 8,3 Mrd. Franken (1938) auf 7,2 Mrd. Franken (1942) und erreichte erst 1946 wieder den Vorkriegsstand. Auch der Index der Industrieproduktion fiel von 124 (Durchschnitt der Jahre 1937-1940) auf 94 (Durchschnitt der Jahre 1941-1944). Der Rückgang betraf alle Branchen der Export- wie der Binnenwirtschaft. Umgekehrt stieg die Zahl der Fabrikbetriebe (+23,8%) wie auch diejenige der Fabrikarbeiter (+32,7%) im Zeitraum 1937-1946 stark an.

Die Gewinne der Unternehmer verminderten sich während des Kriegs. Doch dank intakten, oft auch modernisierten Industrieanlagen sowie einem gestärkten Finanzplatz im Rücken standen sie 1945 bereit, um das kriegsversehrte Europa mit ihren Gütern zu beliefern. Die Löhne und Gehälter der Arbeiter und Angestellten fielen hingegen während des Kriegs unter den Vorkriegsstand, stiegen 1946-1947 aber stark an. Anders verhielt es sich in der Landwirtschaft, in der die Einkommen während des Zweiten Weltkriegs dank der Nahrungsmittelknappheit um 40% anstiegen.

Verschiedene Rationierungskarten sowie eine Kontrollkarte des Kriegswirtschaftsamts der Stadt Lausanne (Privatsammlung).
Verschiedene Rationierungskarten sowie eine Kontrollkarte des Kriegswirtschaftsamts der Stadt Lausanne (Privatsammlung).
Schweizer Aussenhandel nach Machtblöcken 1939-1945
Schweizer Aussenhandel nach Machtblöcken 1939-1945 […]
Schweizer Warenaustausch mit dem Deutschen Reich 1938-1945
Schweizer Warenaustausch mit dem Deutschen Reich 1938-1945 […]

In den Aussenhandelsbeziehungen kam es bei Kriegsbeginn zu einem Paradigmenwechsel: Die Ausfuhr wurde in den Dienst der Einfuhr gestellt. Man wählte die Exportländer im Hinblick auf deren Möglichkeit, die Schweiz mit Rohstoffen und Waren zu beliefern. Es entwickelte sich eine Verhandlungsdiplomatie mit meist parallelen Verhandlungen zu den beiden Kriegsparteien: Jede Vereinbarung mit der einen Seite musste von der anderen Seite akzeptiert werden, sonst drohte die Reduzierung oder gar Sperrung der Schweizer Zufuhren. Mit Deutschland schloss der Bundesrat am 9. August 1940 und am 18. Juli 1941 zwei Abkommen, die dem Reich unter anderem einen Clearingkredit von 850 Mio. Franken garantierten. Mit Italien einigte sich die Schweiz 1940-1942 in insgesamt drei Abkommen auf einen Kredit von 215 Mio. Franken. Mit den Alliierten wurde am 25. April 1940 das bei seinem Inkrafttreten bereits überholte War Trade Agreement vereinbart. Die Alliierten zeigten bis zur Kriegswende vom Winter 1942-1943 Verständnis für die Lage der Schweiz. Doch danach verschärfte sich der Druck: Im Januar 1943 warnten sie vor Raubgutkäufen, von Frühling bis Herbst 1943 unterbanden sie die Nahrungsmittelzufuhr in die Schweiz, ab August 1943 erstellten sie schwarze Listen von Firmen, die Geschäftsbeziehungen mit den Achsenmächten unterhielten.

Ein ab Jahresbeginn 1943 bestehender vertragsloser Zustand mit Deutschland wurde am 1. Oktober mit einem neuen Zusatzabkommen beendet, in dem die deutsche Delegation erstmals nicht mehr alle Forderungen durchsetzen konnte und eine Reduktion der Schweizer Warenlieferungen akzeptieren musste. Danach wurden die Abkommen immer kurzfristiger und für Deutschland ungünstiger, doch war dem Bundesrat aus prinzipiellen neutralitätspolitischen Überlegungen daran gelegen, mit dem nationalsozialistischen Regime bis zu dessen Untergang geordnete Beziehungen zu pflegen. Auch wollte er es sich mit einem zukünftigen Deutschland nicht verderben. Am 1. Oktober 1944 verbot die Schweiz jeglichen Kriegsmaterialexport, in weiteren Abkommen vom 19. Dezember 1944 und vom 16. Februar 1945 (Mission Currie-Foot) kam sie den alliierten Forderungen weiter entgegen. Der alliierte Druck hielt aber auch nach dem Krieg an, erst mit dem Washingtoner Abkommen von 1946 konnte sich die Schweiz davon befreien.

Gegen Ende des Kriegs wurde die Kriegswirtschaft sukzessive durch vorbereitende Massnahmen für den Wiederaufbau Europas und die Nachkriegsordnung ersetzt. Bereits am 22. März 1945 hatte die Schweiz ein Finanzabkommen mit Frankreich vereinbart: Mit solchen Hilfeleistungen am Wiederaufbau Europas konnte der Bundesrat einerseits das Image der Schweiz bei den Alliierten aufbessern, andererseits verhinderte er die befürchtete Nachkriegsdepression durch eine aktive Kreditpolitik zugunsten der Exportindustrie. Zudem war dies ein probates Mittel, sich in der Nachkriegszeit Märkte zu sichern. Weitere solche Abkommen mit Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Grossbritannien und der Tschechoslowakei mit einer Gesamtsumme von 650 Mio. Franken folgten bis Mitte 1946.

Torfabbau im Berner Seeland. Fotografie von Hermann Schmidli, Juli 1942 (Ringier Bildarchiv, RBA1-10-329) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
Torfabbau im Berner Seeland. Fotografie von Hermann Schmidli, Juli 1942 (Ringier Bildarchiv, RBA1-10-329) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. […]

Schweizer Warenexporte wie Waffen, Maschinen, Werkzeuge, Uhren, aber auch Elektrizitätslieferungen waren für die deutsche Kriegswirtschaft wichtig, aber nicht kriegsentscheidend. Zwar gingen 1940-1944 84% der Schweizer Waffen- und Munitionsexporte an die Achsenstaaten, doch der Anteil dieser Lieferungen an der deutschen Gesamtproduktion betrug nur etwa 1%. Ähnlich tief lagen die Werte bei Fabrikaten der Maschinenindustrie. Nur bei wenigen Erzeugnissen der Uhrenindustrie - insbesondere Zünderbestandteilen - kann man von einer fast vollständigen deutschen Abhängigkeit von Schweizer Produkten ausgehen.

Mehr als an der industriellen Produktion war Deutschland am Schweizer Finanzplatz interessiert. Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 war der Schweizer Franken eine der wenigen frei konvertiblen Währungen. Die deutsche Kriegswirtschaft beschaffte sich in der Schweiz Devisen mit dem Verkauf von Währungsgold der deutschen Reichsbank, das in den besiegten Ländern konfisziert worden war (Raubgold) und das sie für 1212 Mio. Franken an die Schweizerische Nationalbank bzw. 267 Mio. Franken an die Schweizer Grossbanken verkaufte. Weitere Einkommensquellen waren die sogenannt freie Devisenspitze im Clearingverkehr (183 Mio. Franken) und der Verkauf von geraubten Wertschriften (mindestens 11 Mio. Franken). Die Devisen setzte Deutschland in anderen neutralen Ländern wie Schweden, Spanien, Portugal und der Türkei für den Kauf kriegsnotwendiger Rohstoffe (z.B. Erdöl, Wolfram, Zinn, Kautschuk), Fertigwaren und Dienstleistungen ein. Die Finanzdienstleistungen, aber auch der Transitverkehr zwischen Deutschland und Italien über die Gotthard- bzw. die Lötschberg-Simplon-Linie veranlassten im Januar 1944 das deutschen Rüstungsministerium, von einem Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz abzusehen.

Der Rückzug ins Réduit und die Reduktion der mobilisierten Verbände hatten zur Folge, dass Soldaten vom Dienst freigestellt wurden und in die zivilen Betriebe zurückkehren konnten, die zum Teil für die deutsche und italienische Kriegswirtschaft produzierten. Die Strategie gegenüber Deutschland, mittels wirtschaftlicher Zusammenarbeit die politische Anpassung zu vermeiden, war innenpolitisch breit abgestützt. Auch die Gewerkschaften und die ab 1943 in den Bundesrat eingebundene SP unterstützten mit dem Anliegen der Vollbeschäftigung eine Aussenwirtschaftspolitik, die drei Funktionen erfüllte: erstens eine Versorgung der Bevölkerung und der Industrie mit notwendigen Importen, zweitens Wohlfahrt durch Vollbeschäftigung und damit die Erhaltung des sozialen Friedens und drittens Sicherheit, da man sich erhoffte, dass Deutschland aus wirtschaftlichen Interessen die territoriale Integrität und die politische Unabhängigkeit der Schweiz achten würde.

Soziales

Frauen nehmen sich der Wäsche von Soldaten an. Fotografie von Georges Tièche, März 1941 (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, E5792#1988/204#211*, Bild 07582).
Frauen nehmen sich der Wäsche von Soldaten an. Fotografie von Georges Tièche, März 1941 (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, E5792#1988/204#211*, Bild 07582). […]

In Erinnerung an die sozialen Spannungen im Ersten Weltkrieg und den Landesstreik von 1918 trafen Regierung und Oberbefehlshaber der Armee Massnahmen zur Verhinderung einer Krise. Zu nennen sind die Lohnausfallentschädigung, die zuweilen vom Schwarzmarkt unterlaufene Rationierung, die teilweise Preiskontrolle und Truppenentlassungen bei verminderter Gefahr. Dennoch herrschte während des gesamten Kriegs zwischen Konsumenten mit geringem Einkommen und Bauern eine gewisse Feindseligkeit, die von den jeweiligen Presseorganen und Gewerkschaften geschürt wurde. 1941-1942 äusserte sich gelegentlich Unmut gegen Kriegsgewinnler und Reiche. Die 1939 bereits stark gesunkene Arbeitslosigkeit wich allmählich einem Arbeitskräftemangel, doch Bevölkerung und Behörden zweifelten an der Dauerhaftigkeit der Vollbeschäftigung. Frauen wurden insbesondere in der Landwirtschaft eingesetzt, während sich ihre Stellung in den anderen Sektoren durch den Krieg kaum veränderte. 1941 erreichte die Zahl der erwerbstätigen Frauen einen noch nie verzeichneten Tiefstand (Frauenerwerbsarbeit). Mehr als zwei Drittel der Frauen waren ledig; von den Verheirateten waren weniger als 10% erwerbstätig. Das andere grosse Thema der Sozialpolitik war die Alters- und Hinterlassenenversicherung, die zweifellos wegen des Kriegs im Mai 1944 von der Regierung befürwortet und im Juli 1947 vom Volk angenommen wurde.

Die Behörden mussten sich auch um die Moral der Truppen und der Bevölkerung kümmern. Die Zivilbevölkerung zu ermutigen, war alles andere als einfach, zumal zahlreiche demoralisierende Faktoren zusammenkamen: die Niederlage Frankreichs, die Ungewissheit über den künftigen politischen Kurs (Anpassung oder Widerstand), das mehrtägige Schweigen der Regierung im Juni 1940, die Gefahr einer fünften Kolonne, die Ambivalenz der Réduit-Taktik, das Gefühl, innerhalb der eigenen Grenzen eingeschlossen zu sein, die ausländische, insbesondere deutsche Propaganda (beispielsweise durch die Wochenschau), die lange Dauer des Konflikts und die schwierigen Lebensbedingungen. Diesen Faktoren entgegenzuwirken, war Aufgabe der Sektion Heer und Haus, die dabei häufig von der Presse unterstützt wurde.

Trotz aller Einschränkungen war die Schweiz im Vergleich zu den Krieg führenden Staaten privilegiert. Der Gesundheitszustand der Schweizer war relativ gut, was unter anderem der zucker- und fettarmen Ernährung zu verdanken war. Die Sterberate schwankte zwischen 10,9‰ (1942) und 12‰ (1940 und 1944). Die Einwohnerzahl wuchs von 1939 (geschätzte durchschnittliche Bevölkerung 4'205'600) bis 1945 (4'412'000) um über 200'000 Personen. Gemäss der Volkszählung 1941, die wegen der besonderen Ereignisse ein Jahr später als geplant stattfand, betrug die Gesamtbevölkerung 4'265'703 Einwohner. Der Ausländeranteil war mit 5,2% auf dem tiefsten Stand seit 1850 angelangt. Die Heiratsrate stieg 1939-1941 von 7,5‰ auf über 8‰. Die Geburtenrate, die 1937 noch 14,9‰ betragen hatte, lag 1942 bereits über 18‰ und erreichte 1945 den Höchststand von 20,1‰. Die Zahl der Auslandschweizer sank 1939-1945 von rund 290'000 auf rund 248'000 Personen. Dies hing einerseits damit zusammen, dass 1939, 1940 und 1945 viele von ihnen in die Schweiz zurückkehrten, wobei die Schweizer Kolonie in Deutschland auf die Hälfte schrumpfte. Für Schweizerinnen war die Heimkehr schwieriger, weil sie durch die Heirat mit einem Ausländer damals automatisch das Bürgerrecht verloren. Andererseits kam die Auswanderung zum Stillstand.

Flüchtlinge

Vor Kriegsausbruch waren zivile Flüchtlinge durch das Völkerrecht weit weniger gut geschützt als Militärpersonen, die unter dem Schutz der Haager Konventionen standen. Insgesamt internierte die Schweiz 103'000 Soldaten und Offiziere, darunter rund 29'000 Franzosen und 12'000 Polen im Juni 1940 und über 20'000 Italiener im Herbst 1943.

Der Aufnahme von Zivilpersonen stand eine Gesetzgebung entgegen, die sich seit dem Ersten Weltkrieg deutlich verschärft hatte (Ausländer). An der im Juli 1938 abgehaltenen Konferenz von Evian erklärte sich die Schweiz zum Transitland, wobei sogenannte Emigranten in der Erwartung einer raschen Ausreise vorübergehend geduldet wurden. Ab Kriegsbeginn galt für alle Ausländer die Visumspflicht. Davon befreit waren lediglich politische Flüchtlinge, wobei den Juden dieser Status nicht zuerkannt wurde (Asyl). Aufgrund schweizerisch-deutscher Verhandlungen kennzeichneten die Deutschen die Pässe der deutschen Juden ab Oktober 1938 mit dem sogenannten Judenstempel.

Karikatur von Fritz Gilsi, erschienen im Nebelspalter, 1944, Nr. 7 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica).
Karikatur von Fritz Gilsi, erschienen im Nebelspalter, 1944, Nr. 7 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica). […]

Im Sommer 1942, als wegen der Razzien in Frankreich immer mehr Juden in die Schweiz einzureisen versuchten, schloss die Schweiz ihre Grenzen, obwohl Bern über die Judenverfolgungen in Osteuropa informiert war. Bundesrat Eduard von Steiger rechtfertigte diese Massnahme, indem er die Schweiz mit einem bereits stark besetzten Rettungsboot verglich. In einem Kreisschreiben vom 13. August verlangte der Chef der Polizeiabteilung, Heinrich Rothmund, die Rückweisung illegal eingereister Juden, womit er zahlreiche Proteste auslöste. Daraufhin forderte Rothmund bereits am 31. August den Leiter der Genfer Polizei vertraulich auf, "abzuwarten und möglichst wenige zurückzuweisen". Deshalb wurden im September und Oktober 1942 trotz restriktiver offizieller Weisungen die meisten Einreisen jüdischer Flüchtlinge verzeichnet, hauptsächlich in Genf. Mit der Besetzung der freien Zone Frankreichs im November sowie der Einführung neuer, noch drakonischerer Polizeiweisungen am 29. Dezember sank die Zahl der Aufgenommenen beträchtlich. Erst im Juli 1944, nach der Landung der Alliierten und den Nachrichten über die Massaker an den ungarischen Juden, hob die Polizeiabteilung ihre Weisungen vom Dezember 1942 wieder auf und anerkannte die Juden als politische Flüchtlinge. Etwas über 21'000 von ihnen fanden während des Kriegs Zuflucht in der Schweiz; rechnet man die Juden dazu, die sich vor 1939 als sogenannte Emigranten in der Schweiz aufhielten, waren es rund 28'000. Insgesamt wurden ab September 1939 51'000 Zivilpersonen aufgenommen. Über die Zahl der abgewiesenen Zivilpersonen gehen die Meinungen auseinander. Carl Ludwig schätzte diese 1957 auf 10'000, wogegen Guido Koller 1996 von einer doppelt so hohen Zahl ausging. Die laufenden Forschungen über die Bewegungen an der Grenze zu Frankreich und Italien werden wahrscheinlich genauere Schätzungen ermöglichen. Wie viele Zivilpersonen sich abschrecken liessen und die Einreise gar nicht erst versuchten, wird im Dunkeln bleiben.

Rothmund war nicht der einzige Verantwortliche der schweizerischen Asylpolitik, der von Bundesrat und Parlament Unterstützung erhielt, obwohl die deutschen Behörden keinerlei Druck ausübten, um die Schweiz zur Schliessung ihrer Grenzen zu bewegen. Auch die Armee und ihr Oberbefehlshaber trugen zur Verschärfung der restriktiven Massnahmen bei, ebenso die kantonalen Behörden, die zuweilen von Bern ein härteres Vorgehen verlangten. Diese Politik wurde durch private Initiativen ausgeglichen (etwa durch Paul Grüninger) und von den Kirchen und humanitären Kreisen kritisiert. Nicht zu vergessen ist auch die Rolle des IKRK (Rotes Kreuz), das neben seinem Engagement im Ausland (Gefangenenbesuche und Beförderung von Gefangenenpost) die vorübergehende Aufnahme französischer und belgischer Kinder in der Schweiz organisierte.

Kultur

In den Aktivdienstjahren war weniger von Kultur als von Geistiger Landesverteidigung die Rede. Der Gedanke, dass "Geist" bzw. Kultur von nationaler Bedeutung sei, verdichtete sich im Laufe der 1930er Jahre zu einer Bewegung, und während der Kriegsjahre war er zum Teil mit Begeisterung gelebte Praxis. Das nationale Kollektiv identifizierte sich mit individuellen oder Gruppenleistungen und gab sich damit einen Rang im internationalen Wettbewerb. Schweizerische Kultur, wie sie in der Botschaft von Bundesrat Philipp Etter von 1938 definiert worden war, bedeutete einen aktiven Widerstand gegen die Bedrohung von aussen, welche die Schweiz vor allem in Form ausländischer Propaganda zu erfassen drohte.

Bei den meisten Kulturschaffenden, den jungen Max Frisch eingeschlossen, dominierte die Meinung, man müsse das schweizerische Schaffen fördern, wobei sich das Schweizerische nicht auf die Staatsbürgerschaft beschränkte, sondern vor allem Inhaltliches meinte. Darunter wurde eine freiheitlich gesinnte und demokratische Auffassung verstanden, die sich gegen den faschistischen und nationalsozialistischen Totalitarismus, aber auch gegen den Kommunismus zur Wehr setzte. Für die Konservativen sollte die Pflege der vaterländischen Kultur ein Bollwerk bilden gegen die geistige Zersetzung durch kritische Intellektuelle, unmoralische Künstler, unreligiöse Materialisten, kurz: gegen die Moderne, die man als "Nihilismus" und "Kulturbolschewismus" abtat. Die Zugehörigkeit zur deutschen, französischen und italienischen Kultur wurde nie verneint. Francesco Chiesa beispielsweise betonte 1941 diese Kulturverbundenheit, indem er Italien als Lebensquell (perpetua nutrice) und die Italiener als Blutsbrüder (sono il nostro sangue) bezeichnete.

Halbwegs von aussen aufgezwungen, halbwegs aus eigenem Antrieb konzentrierte sich das kulturelle Leben stark auf den schweizerischen Raum mit seinen Gegebenheiten. Die eigene Geschichte (v.a. die alten Eidgenossen) und Geografie mit den Alpen im Zentrum wurden Sinnstifter. Die Archäologie erhielt einen starken Auftrieb. Das Bedürfnis nach Vergangenheit griff hinter die Anfänge der schriftlichen Überlieferung zurück und führte zu einer intensiven Beschäftigung mit der Urgeschichte. 1937 erklärte der Archäologe Rudolf Laur, es gäbe vor der historischen Urschweiz von 1291 eine andere, eine prähistorische Urschweiz, in der die Wurzeln der schweizerischen Kultur zu wachsen begonnen hätten.

Das kulturelle Schaffen während des Zweiten Weltkriegs besass auch eine moderne Seite. Dazu gehörte etwa die 1941 gegründete, von Arnold Kübler redigierte und von Emil Schulthess gestaltete Zeitschrift "Du". Die Fotografen Hans Staub, Paul Senn, Jakob Tuggener und Werner Bischof veröffentlichten darin viel beachtete Reportagen. Die moderne Seite verkörperte auch die aufkommende Begeisterung für Jazz, der aus konservativer Sicht als dekadente "Neger"-Musik abgetan wurde. Jazzfreunde konnten aber für sich in Anspruch nehmen, mit der Pflege dieser im Dritten Reich unterdrückten Musik ebenfalls einen Beitrag zur Geistigen Landesverteidigung zu leisten. In der französischen Schweiz war Jazz besonders beliebt, weil er in der eingeschlossenen Schweiz ein Gefühl von grosser Welt vermittelte und ein Gegengewicht zur deutschschweizerischen Volksmusik bildete.

Das Radio trug viel zur Festigung des nationalen Bewusstseins bei. 1931 war aus den verschiedenen Radiogenossenschaften die Schweizerische Rundspruchgesellschaft entstanden. Die drei Landessender Sottens, Beromünster und Monte Ceneri bürgten für eidgenössische Qualität und stifteten schweizerische Identität. Sie stellten sich in den Dienst der Landesverteidigung und produzierten Sendungen über die Höhepunkte der Schweizergeschichte, über die 650-Jahrfeier der Eidgenossenschaft 1941 oder die Sendung "Für unsere Soldaten". 1940 setzte die international stark beachtete wöchentliche Radiosendung "Weltchronik" von Jean Rudolf von Salis ein, 1941 die ihr nachempfundene von René Payot im Landessender Sottens.

Ein Team der Schweizer Filmwochenschau verbrüdert sich während Dreharbeiten in Eclépens mit Soldaten im Aktivdienst, April 1943 (Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten).
Ein Team der Schweizer Filmwochenschau verbrüdert sich während Dreharbeiten in Eclépens mit Soldaten im Aktivdienst, April 1943 (Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten). […]

Der Schweizer Film erlebte in den Kriegsjahren eine Blütezeit. Er profitierte von staatlichen Schutzmassnahmen, mit denen die Einfuhr von Filmen aus den Achsenmächten eingeschränkt wurde, war aber der Zensur unterworfen. Filme wie "Füsilier Wipf" (1938, Regie: Leopold Lindtberg) und "Gilberte de Courgenay" (1941, Regie: Franz Schnyder) dienten der Stärkung des Wehrwillens. Auch die Schweizergeschichte gab Stoffe für Filme her, zum Beispiel mit der Verfilmung von Gottfried Kellers Novelle "Die missbrauchten Liebesbriefe" oder mit "Landammann Stauffacher" (1940 und 1941, Regie: Lindtberg). Lazar Wechslers Praesens Filmgesellschaft produzierte auch Filme zum Gegenwartsgeschehen: 1943 über das französische Flüchtlingskind "Marie-Louise", 1944 mit "Die letzte Chance" über einen Fluchtversuch in die Schweiz. 1939 wurde die Schweizer Filmwochenschau gegründet, die sowohl im Dienst der Geistigen Landesverteidigung stand als auch Bilder vom Kriegsgeschehen in aller Welt bot.

Die Schweiz erlebte durch zahlreiche Rückwanderer und Exilierte eine Intensivierung ihres kulturellen Lebens. Manuskripte, die in Friedenszeiten von ausländischen Verlagen publiziert wurden, wurden in der Schweiz verlegt, etwa bei Emil Oprecht. Da im Dritten Reich für Veröffentlichungen von Hermann Hesse kein Papier bewilligt wurde, erschienen seine Bücher von 1942 an in Zürich. Ein Refugium für französische Schriftsteller war die nach Frankreichs Niederlage in der Schweiz gegründete Zeitschrift Traits wie auch die Cahiers du Rhône.

"Unser Urlaub in der Schweiz, Andenken für amerikanische Soldaten an ihren Aufenthalt in der Schweiz 1945/46". Titelbild der 1945 beim Verlag Zur Limmat in Zürich gedruckten Schrift (Privatsammlung; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
"Unser Urlaub in der Schweiz, Andenken für amerikanische Soldaten an ihren Aufenthalt in der Schweiz 1945/46". Titelbild der 1945 beim Verlag Zur Limmat in Zürich gedruckten Schrift (Privatsammlung; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Im Zug der Geistigen Landesverteidigung erlebten auch das Cabaret und das Theater einen Aufschwung. Das Cabaret Cornichon in Zürich bot leichte Unterhaltung und eine Konzentration auf Schweizer Themen. In Lausanne war Gilles mit seinem antinationalsozialistischen Cabaret Au Coup de Soleil präsent. Während mehrerer Jahre gab es keine deutschsprachigen Bühnen ausserhalb der Schweiz, die nicht der nationalsozialistischen Repression ausgesetzt waren. Theaterstücke, etwa von Bertolt Brecht, und musikalische Werke, zum Beispiel von Paul Hindemith, Béla Bartók, Arnold Schönberg, Alban Berg oder Felix Mendelssohn-Bartholdy, wurden damals in der Schweiz entweder zum ersten Mal oder weiterhin aufgeführt. In der Schweiz konnten verfolgte Kultur und verfemter Geist laut oder leise, militant oder genügsam weiterleben. Indes war die Beziehung der Schweizer Kulturschaffenden mit den ausländischen Exilanten oft von Spannungen geprägt. So erhob der schweizerische Schriftstellerverband die Forderung nach Stücken von Schweizer Autoren und einem spezifisch schweizerischen Theater. Das Zürcher Schauspielhaus erlebte unter der Intendanz von Oskar Wälterlin wohl die bedeutendsten Jahre seiner Geschichte, dies dank hervorragender Schauspieler (u.a. Therese Giehse, Wolfgang Langhoff), die vorübergehend im schweizerischen Exil lebten. John Steinbecks Stück "Der Mond ging unter", das vom norwegischen Widerstand gegen die deutsche Okkupation handelt, erlebte 1943 in Basel seine deutschsprachige Erstaufführung und beherrschte längere Zeit die Spielpläne schweizerischer Bühnen.

Historiografie und Debatte ab 1945

Die Historiografie zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg und, untrennbar damit verbunden, der Vorkriegsjahre ab 1933 ist sehr reich und durchlief verschiedene Phasen. Die Dichte erklärt sich aus der besonderen Aufmerksamkeit, die diesen ausserordentlichen Zeiten entgegengebracht wurde. Grosse Schubwirkung auf die Geschichtsschreibung und die sie begleitenden historischen Debatten ging jeweils von im Ausland bekannt gewordenen Dokumenten zur schweizerischen Zeitgeschichte aus. Derartige Impulse standen am Anfang des Flüchtlingsberichts von Carl Ludwig (1957), des Neutralitätsberichts von Edgar Bonjour (1970) und des sogenannten Bergier-Berichts (2001).

Anstösse zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs kamen darüber hinaus nicht von den Hochschulen, sondern vor allem von Schriftstellern und Publizisten wie Alfred A. Häsler ("Das Boot ist voll" 1967), Max Frisch ("Dienstbüchlein" 1974, "Schweiz ohne Armee?" 1989), Niklaus Meienberg ("Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S." 1974, erweiterte Neuausgabe 1977), Stefan Keller ("Grüningers Fall" 1993) sowie Gian Trepp ("Bankgeschäfte mit dem Feind" 1993). Erst anschliessend befasste sich die Geschichtswissenschaft mit den Themen und trug zur Relativierung, Situierung und Fundierung der Kontroversen bei.

Erste Aufarbeitung 1945-1975

Eine erste Welle der historiografischen Bewältigung setzte unmittelbar nach Kriegsende ein. Sie bestand in einer mehrheitlich amtlichen Berichterstattung über die in den Kriegsjahren ergriffenen Massnahmen in der militärischen Landesverteidigung, der Pressepolitik, der Repression von undemokratischen Kräften sowie in der Kriegswirtschaft. Noch 1951 wurde die Veröffentlichung des intern erarbeiteten Berichts zur Flüchtlingspolitik abgelehnt. Erst nach Bekanntwerden von Dokumenten aus der deutschen Aktenedition 1954 wurde bei Ludwig ein weiterer Bericht in Auftrag gegeben und 1957 als sogenannter Ludwig-Bericht veröffentlicht. Alle Berichte der ersten Phase waren in erster Linie an das eigene Publikum gerichtet (Parlament, Parteien, Bürger). Da die Siegermächte 1945 die schweizerische Haltung gegenüber den Achsenmächten kritisch beurteilten, bestand für eine Weile auch ein mehr gegen aussen gerichtetes Interesse, die Politik der Schweiz verständlich zu machen. Ein solcher Bericht wurde indes nicht realisiert.

Eine um 1960 einsetzende zweite Welle wurde erneut durch das Editionsprojekt der deutschen Beuteakten ausgelöst. Mit dem Bekanntwerden der Militärabsprachen mit Frankreich von 1940 (die sogenannten Akten von La Charité-sur-Loire) glaubte man die Neutralitätspolitik der Schweiz kompromittiert. Dem Bundesrat gelang es nicht, die Publikation dieser Akten zu verhindern, aber er konnte sie bis 1961 verzögern. Er beauftragte den Historiker Edgar Bonjour mit der Abfassung eines Berichts zur schweizerischen Neutralitätspolitik. Dieser Vorgang löste bereits vor der Publikation des Berichts im Jahre 1970 eine öffentliche Debatte aus.

Im Vordergrund des Interesses stand nach wie vor die Haltung der Landesregierung während des Zweiten Weltkriegs; die privaten Akteure und die Privatwirtschaft wurden kaum beachtet. Immerhin beschlossen die eidgenössischen Räte 1962 nach Jahren erfolgloser Demarchen, den Banken mit dem Meldebeschluss die Aufarbeitung der sogenannten nachrichtenlosen Konten aufzuerlegen.

Kritische Töne 1975-1995

Die dritte Welle ist wesentlich weniger deutlich konturiert. Die Ausstrahlung einer amerikanischen Holocaust-Fernsehserie im deutschen Sprachraum ab 1979 wirkte als Katalysator. Vertreter der Aktivdienstgeneration und auch Historiker wie Peter Dürrenmatt ("Schweizer Geschichte" 1976) unterstrichen die Bedeutung der Armee für die Bewahrung der Unabhängigkeit der Schweiz, während gesellschaftskritische Publizisten wie Werner Rings ("Raubgold aus Deutschland" 1985) und Markus Heiniger ("Dreizehn Gründe warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde" 1989) die wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen der Schweiz mit den Achsenmächten ins Blickfeld rückten und die Bedeutung der Armee relativierten. Die Diskussion intensivierte sich 1989, als im gleichen Jahr die Armeeabschaffungsinitiative zur Abstimmung kam und die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jahrestag der Mobilmachung (Diamantfeiern) begangen wurden.

Die neu aufgeworfenen Fragen konzentrierten sich auf die Verstrickungen der schweizerischen Unternehmen mit der deutschen Wirtschaft in der Zeit des Nationalsozialismus, so etwa den 1989 dokumentierten Fall der Übernahme der Zigarren-Firma Geska der jüdischen Gebrüder Strauss in Cannstatt und Schönaich (Südbaden) 1935 durch die Firma Villiger. Ins Blickfeld rückten auch die Individualansprüche der Opfer im Liegenschaftsbereich sowie im Bereich der mobilen Wertsachen aller Art (von den Wertschriften, über Briefmarkensammlungen bis zu Versicherungspolicen). In diesem Zusammenhang wurde auch das Verhalten des schweizerischen Staates neu beleuchtet: Hatte er seine Aufsichtspflicht wahrgenommen und hatten die Gerichte die Opfer geschützt? Daneben beschäftigte die Frage, inwiefern die schweizerische Gesellschaft der Zwischenkriegs- und Kriegszeit von einem verstärkten Antisemitismus geprägt war. Dass sich die Abhaltepolitik der Behörden aber speziell gegen die Juden richtete, wurde erst im Laufe der 1990er Jahre thematisiert.

Die Schweiz im Visier - die Diskussion seit 1995

Eine vierte Welle der Auseinandersetzung mit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg setzte in den 1990er Jahren ein, als das Verhalten der Schweizer Banken und der Schweizer Unternehmen ins Blickfeld geriet. Aufgrund starken Drucks von jüdischen Organisationen insbesondere aus den USA, angeführt von Senator Alfonse D'Amato und Edgar Bronfman als Vertreter der World Jewish Restitution Organization, legten drei Schweizer Grossbanken, die Schweizer Nationalbank und andere Firmen im Februar 1997 einen Spezialfonds für Holocaust-Opfer an, der schliesslich 300 Mio. Franken umfasste und bis zu seiner Auflösung Ende 2002 Hilfeleistungen für 300'000 Personen in 60 Ländern ermöglichte. 1996 kamen die internationalen jüdischen Organisationen und die Schweizerische Bankiervereinigung überein, ein Independent Committee of Eminent Persons zu schaffen (sogenannte Volcker-Kommission), das zum Ziel hatte, Vermögen von Naziopfern auf Schweizer Banken zu überprüfen. Im 1999 veröffentlichten Schlussbericht wurde festgestellt, dass die Schweizer Banken die Gelder der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nicht systematisch pflichtwidrig verwaltet hatten. Hingegen verhielten sie sich in der Nachkriegszeit oft unsensibel und unkooperativ gegenüber den Nachkommen der Opfer, die auf der Suche nach nachrichtenlosen Vermögen waren.

1998 schlossen die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse einen sogenannten Bankenvergleich mit den Anwälten der Sammelkläger und den jüdischen Organisationen. Sie verpflichteten sich, 1,8 Mrd. Franken zu bezahlen, die sich wie folgt aufteilten: 150 Mio. waren für die humanitäre Hilfe, 500 Mio. für an der Schweizer Grenze abgewiesene Flüchtlinge und 1,15 Mrd. für die Ansprüche auf nachrichtenlose Vermögen vorgesehen. Die Verteilung des Geldes bereitete jedoch Schwierigkeiten, da sich mit dem grossen zeitlichen Abstand viele Opfer nurmehr mühsam eruieren liessen.

Pressekonferenz in Bern anlässlich der Präsentation des Zwischenberichts der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, kurz Bergier-Kommission genannt, 26. September 1999. Fotografie von Karl-Heinz Hug (Ringier Bildarchiv, RC04406224) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
Pressekonferenz in Bern anlässlich der Präsentation des Zwischenberichts der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, kurz Bergier-Kommission genannt, 26. September 1999. Fotografie von Karl-Heinz Hug (Ringier Bildarchiv, RC04406224) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. […]

Im Dezember 1996 legte das Parlament die Grundlage für die Schaffung der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (UEK) unter der Leitung von Jean-François Bergier. Die Kommission hatte zur Aufgabe, die Wirtschafts- und Finanzbeziehungen der Schweiz mit dem Ausland, die Frage der nachrichtenlosen Vermögen und die Flüchtlingspolitik zu untersuchen. Die UEK veröffentlichte ihre Forschungsresultate in 25 Studien (2001-2002) und einem Schlussbericht (2002).

Die Veröffentlichungen der UEK stiessen bei einem Teil der Öffentlichkeit und bei bürgerlichen Politikern in teilweise heftig geführten Diskussionen auf Kritik. Der 1997 entstandene Arbeitskreis Gelebte Geschichte versuchte die Ergebnisse der UEK zu relativieren und als Gegengewicht die positiven Punkte der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg hervorzuheben. Indes fand die mit dem Schlussbericht der UEK dargestellte Sichtweise bei der Mehrzahl der Historiker und in weiten Kreisen der Öffentlichkeit wohlwollende Aufnahme. Problematische Bereiche des schweizerischen Verhaltens im Zweiten Weltkrieg wie die Flüchtlingspolitik und die wirtschaftlichen Verflechtungen mit den Achsenmächten wurden akzeptiert. Die Frage, inwieweit Akteure (Unternehmer, Behördenvertreter) Sachzwängen unterlagen, wurde differenziert beantwortet: Grundsätzlich war wohl keine andere Politik möglich, in konkreten Situationen wären aber durchaus Spielräume vorhanden gewesen.

Quellen und Literatur

  • H. Guisan, Ber. an die Bundesversammlung über den Aktivdienst 1939-1945, 1946
  • Die schweiz. Kriegswirtschaft 1939/1948, 1950
  • DDS 13-15
Allgemeines
  • SZG 47, 1997, Nr. 4, 449-808, (Sonderh. "Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg")
  • Der Zweite Weltkrieg und die Schweiz, hg. von K. Angst, 1997
  • G. Kreis, Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, 1999
  • Veröff. UEK, 25 Bde., 2001-02
  • Veröff. UEK, Schlussber., 2002
  • P. Boschetti, Les Suisses et les nazis: le rapport Bergier pour tous, 2004
  • Des deux côtés de la frontière: le Jura bernois, les régions françaises et alsaciennes avoisinantes (1939-1950), hg. von H. de Weck, 2006
Militärische Lage
  • K. Urner, "Die Schweiz muss noch geschluckt werden!" Hitlers Aktionspläne gegen die Schweiz, 21990, (21998)
  • E. Bucher, Zwischen Bundesrat und General, 1991
  • P. Kamber, Schüsse auf die Befreier, 1993
  • Generalstab 7
  • Armee, Staat und Geschlecht, hg. von C. Dejung et al., 2002
  • C. Rossé, Le Service de renseignements suisse face à la menace allemande, 1939-1945, 2006
Aussenpolitik
  • Bonjour, Neutralität 4-6
  • D. Bourgeois, Le Troisième Reich et la Suisse, 1933-1941, 1974
  • M. Perrenoud, «Banques et diplomatie suisses à la fin de la Deuxième Guerre mondiale», in SQ 13-14, 1987-88, 7-128
  • D. Bourgeois, Das Geschäft mit Hitlerdeutschland, 2000, (franz. 1998)
  • N. Wylie, Britain, Switzerland, and the Second World War, 2003
Innenpolitik
  • P. Maurer, Anbauschlacht, 1985
  • 39-45: les femmes et la Mob, hg. von M.A. Barbey, 1989
  • M. Pavillon, "Les immobilisées", 1989
  • A. Lasserre, Schweiz: die dunklen Jahre, 1992, (franz. 1989)
Wirtschaft
  • M. Durrer, Die schweiz.-amerikan. Finanzbeziehungen im Zweiten Weltkrieg, 1984
  • J. Tanner, Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft, 1986
  • O. Inglin, Der stille Krieg, 1991
  • H.U. Jost, Politik und Wirtschaft im Krieg, 1998
  • H. Wegmüller, Brot oder Waffen, 1998
  • M. Cerutti, «Le blocage des avoirs suisses aux Etats-Unis en 1941 et ses conséquences», in La Suisse et les grandes puissances: 1914-1945, 1999, 185-235
  • P. Marguerat, L'économie suisse entre l'Axe et les Alliés, 1939-1945, 2006
Flüchtlinge
  • C. Ludwig, Die Flüchtlingspolitik der Schweiz von 1933 bis zur Gegenwart, 1957, ("Ludwig-Ber.")
  • R. Broggini, Terra d'asilo, 1993
  • «La Suisse et les réfugiés», in SQ 22, 1996
  • La Suisse pendant la Seconde Guerre mondiale, 1998
  • Les réfugiés civils et la frontière genevoise durant la Deuxième Guerre mondiale, hg. von C. Santschi, 2000
  • R. Fivaz-Silbermann, Le refoulement de réfugiés civils juifs à la frontière franco-genevoise durant la Seconde Guerre mondiale, 2000
  • S. Erlanger, "Nur ein Durchgangsland", 2006
Kultur
  • W. Mittenzwei, Exil in der Schweiz, 1978
  • C. Linsmayer, «Die Krise der Demokratie als Krise ihrer Literatur», in Der Frühling der Gegenwart 3, 1983, 436-493
  • P. Codiroli, Tra fascio e balestra, 1992
  • Francillon, Littérature 3, 30-36, 57-65
  • H. Amstutz et al., Schweizertheater, 2000
  • U. Amrein, "Los von Berlin", 2004
Historiografie
  • M. Kunz, Aufbruchstimmung und Sonderfall-Rhetorik, 1998
  • Gedächtnis, Geld und Gesetz, hg. von J. Tanner, S. Weigel, 2002
  • G. Kreis, Vorgeschichten zur Gegenwart 1, 2003, 332-370
  • T. Maissen, Verweigerte Erinnerung, 2005
Weblinks

Zitiervorschlag

Senn, Hans; Cerutti, Mauro; Kreis, Georg; Meier, Martin; Hubler, Lucienne; Schwab, Andreas: "Weltkrieg, Zweiter", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.01.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008927/2015-01-11/, konsultiert am 15.05.2021.