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Naturrecht

Im weitesten Sinn kann das Naturrecht als die Gesamtheit der menschlichen Verhaltensnormen in einer Gesellschaft definiert werden, die je nach philosophischer Richtung auf die Natur des Menschen als Lebewesen (Ulpian), als Vernunftwesen (Gaius, Thomas von Aquin, Hugo Grotius) oder auf seine Eigenheit des Seins (Thomas Hobbes, Baruch Spinoza) zurückgehen. Aufgrund ihrer verschiedenen philosophischen und methodologischen Fundamente wird zwischen klassischem Naturrecht (antik, christlich oder scholastisch) und neuzeitlichem Naturrecht (Jusnaturalismus) unterschieden. Ersteres ist eng mit einer finalistischen (aristotelische Entelechie), geordneten (stoizistischer Kosmos) oder providenziell-transzendenten (Schöpfung und göttlicher Plan der christlichen und scholastischen Tradition) Weltanschauung verbunden und postuliert die Übereinstimmung der Ordnung der Natur mit der menschlichen Vernunft. Dies erlaubt es, von der Ordnung des Seins auf die Normen des Sollens zu schliessen. Das neuzeitliche Naturrecht geht von einem funktional-immanenten Ansatz des Universums aus: Dabei wird das Universum zu einem Komplex von Phänomenen reduziert, welche Gegenstand von Experimenten und Beobachtungen sind, und von Zusammenhängen, die in Form mathematischer Gleichungen und Gesetze dargestellt werden. Damit ist die Basis gelegt für die Beweisführung und die systematische Herleitung der Rechte und Pflichten des Individuums sowohl im Naturzustand (status naturalis) als auch im Zustand der Gesellschaft (status civilis). Daraus resultierte eine Reihe rationalistischer und individualistischer Lehren, die am Ursprung der amerikanischen und der französischen Erklärung der Menschenrechte des 18. Jahrhunderts standen und auf die die Auffassung der Grundrechte des 20. Jahrhunderts zurückgeht (Menschenrechte).

Geschichte

Le droit de la nature et des gens von Samuel von Pufendorf, 1712 in Amsterdam von Jean Barbeyrac aus dem Lateinischen ins Französische übersetzt, mit einem Porträt des Autors (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).
Le droit de la nature et des gens von Samuel von Pufendorf, 1712 in Amsterdam von Jean Barbeyrac aus dem Lateinischen ins Französische übersetzt, mit einem Porträt des Autors (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).

Sowohl in den katholischen Kollegien und Priesterseminarien der Schweiz als auch an den reformierten Akademien war die klassische Naturrechtslehre in der traditionellen mittelalterlichen Moraltheologie und der Moralphilosophie der frühen Neuzeit von Bedeutung, was etwa am Stellenwert von Aristoteles in der protestantischen Scholastik an der Akademie Genf deutlich wird. Eine zentrale Rolle spielte die Schweiz dann in der abendländischen Geistesgeschichte bei der Verbreitung des modernen Naturrechts, da Schweizer Wissenschafter in Lehre und Rechtskommentaren als eigentliche Vermittler zwischen der deutschen Kultur (Samuel von Pufendorf, Christian Thomasius, Christian Wolff) und der französischen (Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Diderot, d'Alembert, die «Encyclopédie») auftraten: Jean Barbeyrac mit seinen Vorlesungen an der Akademie Lausanne 1711-1717 und seinen französischen Übersetzungen von Pufendorf und Hugo Grotius, Jean-Jacques Burlamaqui mit seinen Vorlesungen an der Akademie Genf 1723-1739 und seinen populärwissenschaftlichen Abhandlungen sowie der Neuenburger Emer de Vattel mit seinem Werk.

Titelseite der Originalausgabe der Principes du droit naturel, ein Werk des Genfer Ratsherrn Jean-Jacques Burlamaqui aus dem Jahr 1747 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).
Titelseite der Originalausgabe der Principes du droit naturel, ein Werk des Genfer Ratsherrn Jean-Jacques Burlamaqui aus dem Jahr 1747 (Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne).

Diese école romande strahlte in der Waadt mit den Juristen und Professoren der Akademie Lausanne, Charles Guillaume Loys de Bochat, Béat-Philippe Vicat, Jean Georges Pillichody und Jacques Abram Daniel Clavel de Brenles, und dem Verleger Fortunato Bartolomeo de Felice in Yverdon weiter aus. Später wurde der Einfluss der Schule an der Akademie Lausanne 1772-1801 durch Christian Dapples und an der Akademie Genf durch die Dynastie der Cramer gefestigt (1723-1738 Jean, 1757-1789 Jean-Manassé, 1789-1793 Jean-Antoine). Zu dieser Tradition des Naturrechts gehörten unter anderem auch die «Elementi del diritto naturale» des konvertierten italienischen Jesuiten Don Bernal de Quiros, 1752-1758 Professor für Geschichte und Kirchenrecht, die populärwissenschaftlichen Werke von Samuel Porta, die Vorlesungen von Vicat in Lausanne 1741-1770 sowie die Abhandlungen von Louis Bourguet in Neuenburg, jene des Rechtsgelehrten Pierre Mussard und jene des späteren Staatsanwalts Jean Robert Tronchin in Genf.

Das moderne Naturrecht, das in der Waadt unter bernischer Herrschaft intensiv gepflegt wurde, war auch an der Berner Hohen Schule gut vertreten, 1680-1686 durch Johann Caspar Seelmatter und 1718-1722 durch Johann Rudolf von Waldkirch, der 1722-1757 in Basel berühmt wurde. Die bernische Tradition des Naturrechts wurde 1723-1725 durch Nicolaus Bernoulli und 1726-1748 durch Gottlieb Jenner fortgesetzt. Von 1706 an war das moderne Naturrecht an der Universität Basel Teil des juristischen Studiums. Es wurde auch am Carolinum in Zürich während des ganzen 18. Jahrhunderts gelehrt, wo ab 1694 der Theologe und Hellenist Johann Heinrich Schweizer die Werke von Grotius kommentierte und ab 1714 Johann Jakob Ulrich, Professor für Ethik, eine Vorlesung über Natur- und Völkerrecht hielt. 1731 löste ihn der grosse Theologe Johann Jakob Zimmermann ab, der formell einen Lehrstuhl für Naturrecht erhielt, und der Theologe Johann Rudolf Ulrich wurde 1763 zum Professor für Naturrecht ernannt. Ausserhalb des Carolinums räumte Johann Jacob Leu dem Naturrecht in den vier Bänden seines «Eydgenössischen Stadt- Und Land-Rechts» (1727-1746) einen wichtigen Platz ein. Zwar standen Natur- und Völkerrecht auch auf dem Programm der 1763 eingeweihten Freiburger Rechtsschule, ausser der Vorlesungen von Tobias Barras 1775-1798 fanden aber keine Lehrveranstaltungen dazu statt. Nach der Wiedereinrichtung des Lehrstuhls für Jurisprudenz 1812 wurde das Naturrecht dort 1812-1824 von Jean-François Ducros wieder unterrichtet. Ein kontinuierliches Lehrangebot in privatem und öffentlichem Natur- und Völkerrecht auf der Grundlage von Burlamaqui gab es jedoch erst 1825-1853 durch Jean-François-Marcellin Bussard. Unter dem Einfluss des Neothomismus erneuerte sich das Lehrangebot an der Freiburger Rechtsschule, die 1882 zur Fakultät erhoben und 1889 in die katholische Universität Freiburg integriert wurde.

Die herausragendsten Vertreter der Westschweizer Naturrechtsschule trugen nicht nur zur Verbreitung der deutschen Naturrechtslehre in Frankreich und in der angelsächsischen Welt bei. Sie leisteten in der Schweiz einen Beitrag zur politischen Diskussion der Hauptthesen des Naturzustands und des Gesellschaftsvertrags. Sie taten dies in einem konservativen, die bestehende Ordnung rechtfertigenden Sinn, wie etwa Barbeyrac 1731 in der Affäre Jacques-Barthélemy Micheli du Crest oder Mussard und Burlamaqui 1734-1735 in der Steuerfrage in Genf. Ihre Ideen wurden im Ancien Régime zwar kaum praktisch umgesetzt, sie beeinflussten aber das politische Denken Rousseaus und dessen systematische Erarbeitung einer Doktrin der Volkssouveränität auf der Grundlage einer naturrechtlichen Interpretation der Genfer Verfassungsgeschichte.

Renaissance in neuerer Zeit

Als die Thesen der historischen Rechtsschule und des Rechtspositivismus einen Aufschwung erfuhren und deren wichtigste Vertreter einen prägenden Einfluss auf die schweizerische Rechtslehre und die juristische Literatur des 19. Jahrhunderts ausübten, geriet das Naturrecht stark in den Hintergrund. Erst im 20. Jahrhundert erfuhr es in der Schweiz einerseits durch den Neothomismus, andererseits durch das Interesse an der Natur- und Völkerrechtsschule eine doppelte Renaissance. Das Werk des Wallisers Viktor Cathrein und die Lehrveranstaltungen des Freiburgers Jean-Baptiste Jaccoud 1891-1924 führten an der Universität Freiburg mit Arthur Fridolin Utz und Jean Darbellay zu einer bedeutenden Neubelebung des klassischen Naturrechts der aristotelisch-thomistischen Tradition. Zudem folgte an verschiedenen Rechtsfakultäten eine eingehende Erforschung der Quellen, der Entwicklungsstufen und des Werks der wichtigsten Vertreter des modernen Naturrechts, in Neuenburg mit Edouard Béguelin, in Lausanne mit Philippe Meylan, in Genf mit Bernard Gagnebin, Alfred Dufour, Peter Haggenmacher und Bénédict Winiger sowie in Zürich mit Johannes J. Manz und Simone Zurbuchen.

Quellen und Literatur

  • H. Rommen, Die ewige Wiederkehr des Naturrechts, 1936
  • H. Thieme, Das Naturrecht und die europ. Privatrechtsgesch., 1947
  • E. Wolf, Das Problem der Naturrechtslehre, 1955
  • M. Villey, «Abrégé du droit naturel classique», in Archives de philosophie du droit 6, 1961, 25-72
  • HRG 3, 933-940
  • F. Elsener, Die Schweizer Rechtsschulen vom 16. bis zum 19. Jh., 1975
  • J.-F. Poudret et al., L'Enseignement du droit à l'Académie de Lausanne aux XVIII et XIXe siècle, 1987
  • A. Dufour, Droits de l'homme, droit naturel et histoire, 1991
  • A. Dufour, «L'ambivalence politique de la figure du contrat social chez Pufendorf et chez les fondateurs de l'Ecole romande du droit naturel au XVIIIe siècle», in Gesellschaftl. Freiheit und vertragl. Bindung in Rechtsgesch. und Philosophie, hg. von J.-F. Kervégan, H. Mohnhaupt, 1999, 35-74
  • A. Dufour, L'histoire du droit entre philosophie et histoire des idées, 2003
Weblinks

Zitiervorschlag

Alfred Dufour: "Naturrecht", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 22.09.2011, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008934/2011-09-22/, konsultiert am 25.06.2022.