de fr it

Helene vonMülinen

Bildnis Helene von Mülinen. Fotografie, 1897 (Burgerbibliothek Bern, Mss.Mül.644a).
Bildnis Helene von Mülinen. Fotografie, 1897 (Burgerbibliothek Bern, Mss.Mül.644a).

27.11.1850 Bern, 11.3.1924 Bern, reformiert, von Bern. Tochter des Egbert Friedrich von Mülinen, Historikers, und der Sophie geborene von Mutach. Schwester des Wolfgang Friedrich von Mülinen, Historikers. Ledig. Helene von Mülinen wuchs in einer standesbewussten Patrizierfamilie auf, wo ihr eine strenge Erziehung zuteil wurde. Nach einem Sprachaufenthalt in der Westschweiz kehrte sie ins Elternhaus zurück, widmete sich autodidaktischen Studien und besuchte theologische Vorlesungen an der Universität Bern. Sie wurde von ihrer Familie daran gehindert, einen akademischen Abschluss zu erwerben, blieb aber in engem Kontakt mit den Theologieprofessoren Adolf Schlatter und Fritz Barth und war Mitglied der Christlich-Sozialen Gesellschaft. Ihr späteres öffentliches Wirken war von ihrer intensiven und kritischen Auseinandersetzung mit der Theologie geprägt. Sie forderte, dass den Leistungen der Frauen in der Kirche mehr Achtung zukomme.

Helene von Mülinen, um 1910. Fotografie aufgenommen wahrscheinlich auf der Terrasse ihres Wohnsitzes Wegmühle in Bolligen (Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen, Fotosammlung Nr. 7076).
Helene von Mülinen, um 1910. Fotografie aufgenommen wahrscheinlich auf der Terrasse ihres Wohnsitzes Wegmühle in Bolligen (Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen, Fotosammlung Nr. 7076).

Die durch Konvention erzwungene Untätigkeit stürzte von Mülinen vorerst aber in eine tiefe Krise, die sie erst nach einer schweren Erkrankung überwand. Die Beziehung zu Emma Pieczynska, die sie um 1890 kennengelernt hatte, führte sie zur Frauenbewegung. Sie schloss sich dem Frauenkomitee Bern an, das als Expertinnengremium für rechtliche Fragen mit Eingaben zum Zivilgesetzbuch hervortrat. 1899 wurde sie in den Administrativrat der Fédération abolitionniste internationale berufen, wo sie sich bis an ihr Lebensende mit Strafgesetzgebung und Jugendschutz befasste (Abolitionismus). Mit Pieczynska gründete von Mülinen 1897 in Bern die Symphonische Gesellschaft, später Frauenkonferenzen zum eidgenössischen Kreuz genannt. Ursprünglich als Bildungszirkel für Frauen konzipiert, wandten sich die Frauenkonferenzen rasch politischen Fragen zu und gehörten dem progressiven Flügel der Frauenbewegung an. Als deren Präsidentin beteiligte sich von Mülinen 1899 an der Gründung des Bundes Schweizerischer Frauenvereine (BSF), der als politisch und konfessionell neutraler Dachverband die Interessen der Frauen bei den Behörden vertreten sollte. In unermüdlicher Integrationsarbeit gelang es von Mülinen, einen Teil der Arbeiterinnenbewegung sowie lokale Sektionen der Sittlichkeitsverbände und des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins zum Beitritt in den BSF zu bewegen. Die grossen traditionellen Frauenverbände blieben dem BSF jedoch fern, da sie sich nicht hinter dessen emanzipatorisches Programm stellen wollten. Helene von Mülinen amtierte 1900-1904 als erste Präsidentin des BSF und gehörte bis 1920 dem Vorstand sowie diversen Kommissionen an. Sie setzte sich anfänglich vor allem für bessere Bildungschancen (Mädchenerziehung) und das Recht auf Berufstätigkeit (Frauenerwerbsarbeit) für alle Frauen ein. Ab 1908 forderte sie auch die Einführung des Frauenstimmrechts und erreichte, dass sich der Bund Schweizerischer Frauenvereine 1919 erstmals öffentlich zur Stimmrechtsforderung bekannte.

Titelseiten von Broschüren und Sonderdrucken mit Texten von Helene von Mülinen, 1897-1913 (Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen, AGoF 515 : 10:5-02).
Titelseiten von Broschüren und Sonderdrucken mit Texten von Helene von Mülinen, 1897-1913 (Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen, AGoF 515 : 10:5-02). […]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Helene von Mülinen zu den profiliertesten Vertreterinnen der Frauenbewegung. Ihr Engagement galt der freien Persönlichkeitsentwicklung der Frauen. Sie war überzeugt, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechtscharakters soziale und weltanschauliche Differenzen überwinden und mit einer Politik der Versöhnung die gesellschaftlichen Probleme der Zeit beheben könnten.

Quellen und Literatur

  • Pieczynska, Emma: «Hélène de Mülinen dans ses œuvres», in: Jahrbuch der Schweizerfrauen, 1924, S. 7-61 (mit Werkverzeichnis).
  • Mesmer, Beatrix: Ausgeklammert – Eingeklammert. Frauen und Frauenorganisationen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, 1988.
  • Brodbeck, Doris: Hunger nach Gerechtigkeit. Helene von Mülinen (1850-1924). Eine Wegbereiterin der Frauenemanzipation, 2000.
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF
Kurzinformationen
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 27.11.1850 ✝︎ 11.3.1924

Zitiervorschlag

Ludi, Regula: "Mülinen, Helene von", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.02.2021. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009044/2021-02-23/, konsultiert am 22.06.2021.