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Ignaz Paul VitalTroxler

Porträt Ignaz Paul Vital Troxlers von Fr. Buser. Stich von J. Siebert, als Lithografie mit einem Text Troxlers von Bernhard Eglin in Luzern und Heinrich Füssli & Cie. in Zürich herausgegeben, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
Porträt Ignaz Paul Vital Troxlers von Fr. Buser. Stich von J. Siebert, als Lithografie mit einem Text Troxlers von Bernhard Eglin in Luzern und Heinrich Füssli & Cie. in Zürich herausgegeben, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). […]

17.8.1780 Beromünster, 6.3.1866 Aarau, katholisch, von Beromünster. Sohn des Leopold, Schneiders und Tuchhändlers, und der Katharina Brandstetter. 1809 Wilhelmine Polborn, aus Potsdam. Ignaz Paul Vital Troxlers Bildungsgang führte von der Stiftsschule Beromünster über das Gymnasium Solothurn ans Lyzeum Luzern, wo Anhänger von Ignaz Heinrich von Wessenberg wirkten. Aufgrund der Helvetischen Revolution musste er seine Ausbildung 1798 unterbrechen. Die politischen Ereignisse weckten früh Troxlers Freiheitssinn. Aus diesem Grund trat er für kurze Zeit in den Dienst der Helvetischen Republik, zuletzt als Privatsekretär von Regierungsstatthalter Vinzenz Rüttimann. 1800 wandte er sich von der Politik ab und begab sich nach Jena, wo er an der Universität Medizin und Philosophie studierte. Hier schloss er sich besonders Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling an und nahm vom klassisch-romantischen Geist in Weimar und Jena starke Impulse auf. 1803 promovierte er beim Augenarzt Karl Himly und folgte diesem nach Göttingen. Danach bildete er sich medizinisch in Wien bei Johann Malfatti weiter. Troxler propagierte Schellings Naturphilosophie – Identität von Natur und Geist, Herrschaft des Geistes in der Natur – unter den Wiener Medizinern.

1805 kehrte er nach Beromünster zurück und führte erfolgreich eine Arztpraxis. Infolge publizistischer Kritik am rückständigen Luzerner Medizinalwesen musste Troxler 1806 für einige Jahre nach Wien ausweichen, wo er auch heiratete. Ab 1809 betrieb er sowohl medizinische als auch philosophische Studien. 1812 publizierte er den ersten anthropologischen Entwurf, die Schrift "Blicke in das Wesen des Menschen". Zwei Jahre später, am Ende der Mediation, verfocht er das Selbstbestimmungsrecht des Volks gegen die Restaurationsordnung und unternahm in Wien persönlich eine Demarche bei dem vom Wiener Kongress für die schweizerischen Angelegenheiten eingesetzten Ausschuss. Hier schloss Troxler auch eine dauernde Freundschaft mit Karl August Varnhagen von Ense. 1816 erschienen in der von ihm gegründeten Zeitschrift "Schweizerisches Museum" wegleitende staatstheoretische Abhandlungen über das Wesen der Volksvertretung, die Pressefreiheit und die Grundbegriffe des Repräsentationssystems. 1819 brachte ihn eine Reformströmung in Luzern auf den Lehrstuhl für Philosophie und Geschichte am Lyzeum. Damit begann Troxlers politisch-pädagogische Aktivität in Heranbildung zukünftiger liberaler Eliten. Aber bereits 1821 stürzte ihn die patrizisch-klerikale Reaktion. Troxler zog von Luzern nach Aarau. In seiner Präsidialansprache vor der Helvetischen Gesellschaft in Schinznach rief er 1822 zur geistigen Erneuerung der Eidgenossenschaft auf.

Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerika's als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform, mit einem Vorwort und Erläuterungen von Dr. Troxler, veröffentlicht in Schaffhausen, 1847 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerika's als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform, mit einem Vorwort und Erläuterungen von Dr. Troxler, veröffentlicht in Schaffhausen, 1847 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Danach verlief sein Leben – mit bisweilen heftigen Pendelschlägen – zwischen ärztlicher Praxis, philosophischer Forschung und Lehre sowie politischer Aktivität. In Aarau arbeitete er mit Heinrich Zschokke im sogenannten Lehrverein zusammen, einer privaten Bildungsinstitution mit starker demokratisch-liberaler Ausstrahlung. In Basel, wo er 1830 auf den Lehrstuhl für Philosophie berufen wurde und zum Rektor aufstieg, verfocht er die aus der Helvetik übernommene Idee einer nationalen Gesamthochschule. Seine offenkundigen Sympathien für die nach der Julirevolution aufwallende demokratische Bewegung auf der Basler Landschaft machten ihn der Stadt verdächtig; 1831 floh er aus Basel und verlor das Lehramt. Als einer der Wortführer des schweizerischen Radikalismus vertrat Troxler seine Postulate nun von Aarau aus, 1832-1834 auch als Mitglied des Grossen Rats. Er setzte sich vor allem für die Bundesrevision zur Schaffung eines Bundesstaats ein (nicht von oben durch Entwurf einer Tagsatzungskommission, sondern von unten durch einen vom Volk gewählten Verfassungsrat). 1834 wurde er auf den philosophischen Lehrstuhl an die neu gegründete Universität Bern berufen. Bereits bahnte sich die geistige Isolierung des eigenwilligen katholischen Radikalliberalen an, da er die staatskirchlichen, antireligiösen Tendenzen des landläufigen Radikalismus und die aufkommende materialistische Geistesströmung ablehnte.

Bei der Bundeserneuerung von 1848 wurde Troxler als Verfechter der Bundesstaatsidee mit Zweikammersystem – durch seine in die Kommissionsberatung gelangte Schrift über das nordamerikanische Verfassungsmodell – zum ideellen Geburtshelfer des schweizerischen Bundesstaats. Nach dem Rücktritt vom Lehramt 1853 war er bis zu seinem Tod bemüht, das lebenslang gesammelte wissenschaftliche Material in einer philosophischen Anthropologie, genannt Anthroposophie, zu verarbeiten. Dieses Werk blieb jedoch ein Fragment. Als sprachmächtiger Kämpfer und tiefgründiger Denker stand Ignaz Paul Vital Troxler oft unverstanden zwischen den Fronten.

Quellen und Literatur

  • Naturlehre des menschl. Erkennens oder Metaphysik, hg. von H.R. Schweizer, 1985
  • Blicke in das Wesen des Menschen, hg. von M. Steinrück, 1989
  • Polit. Schr. in Auswahl, hg. von A. Rohr, 2 Bde., 1989 (mit Bibl.)
  • Philosoph. Rechtslehre der Natur und des Gesetzes, hg. von L. Gschwend, 2006
  • UBB, Nachlass
  • ZHBL, Slg. Marta Troxler
  • E. Spiess, Bibl. Troxler 1780-1866, 39 Bde., 1964-66
  • E. Spiess, Ignaz Paul Vital Troxler, 1967
  • P. Heusser, Der Schweizer Arzt und Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler, 1983
  • D. Furrer, Ignaz Paul Vital Troxler, 2010
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF

Zitiervorschlag

Adolf Rohr: "Troxler, Ignaz Paul Vital", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.11.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009053/2015-11-18/, konsultiert am 28.09.2022.