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LeonhardRagaz

Leonhard Ragaz im Gespräch mit seiner Ehefrau Clara Ragaz. Fotografie, entstanden während ihrer Teilnahme am Friedenskongress im dänischen Nyborg, Juli 1923. Der Originalabzug wurde links beschnitten (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich, Dokumentation Leonhard Ragaz, F 5160-Fb-050).
Leonhard Ragaz im Gespräch mit seiner Ehefrau Clara Ragaz. Fotografie, entstanden während ihrer Teilnahme am Friedenskongress im dänischen Nyborg, Juli 1923. Der Originalabzug wurde links beschnitten (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich, Dokumentation Leonhard Ragaz, F 5160-Fb-050).

28.7.1868 Tamins, 6.12.1945 Zürich, reformiert, von Tamins. Sohn des Bartholome, Bauern, und der Luzia geborene Färber. 1901 Clara Nadig (->). Nach dem Besuch der Schulen in Tamins und Chur studierte Leonhard Ragaz Theologie in Basel, Jena und Berlin. 1890-1893 war er Pfarrer am Heinzenberg, 1895-1902 in Chur und 1902-1908 am Basler Münster, dazwischen 1893-1895 Lehrer an der Kantonsschule Chur. Schon in Chur entwickelte der theologisch liberale Pfarrer ein Sensorium für soziale Anliegen. Unter dem Einfluss von Christoph Blumhardt wurde für ihn die Botschaft vom Reich Gottes für diese Welt zur theologischen und politischen Herausforderung. 1906 war Ragaz an der Entstehung der religiös-sozialen Bewegung sowie an der Gründung der Zeitschrift «Neue Wege» beteiligt, die er von 1921 bis zu seinem Tod als Hauptredaktor betreute. Ab 1908 wirkte er als Professor für systematische und praktische Theologie an der Universität Zürich. Die entscheidenden Schritte der Annäherung an die Arbeiterbewegung tat er, indem er sich 1903 in Basel mit den streikenden Bauarbeitern solidarisierte und 1912 in Zürich den Generalstreik unterstützte. In der internationalen Bewegung des religiösen Sozialismus wurde er zur zentralen Figur. Gegen marxistische und staatszentrierte Ansätze vertrat Ragaz einen föderalistischen, genossenschaftlichen und pazifistischen Sozialismus. 1921 trat er von seiner Professur zurück und widmete sich der Bildungsarbeit im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl und in der religiös-sozialen Bewegung. Als Präsident der Schweizerischen Zentralstelle für Friedensarbeit war er in der Zwischenkriegszeit einer der Exponenten der antimilitaristischen Friedensbewegung in der Schweiz. Als die Sozialdemokratische Partei 1935 die militärische Landesverteidigung befürwortete, trat Ragaz aus der Partei aus (Beitritt 1913). Schon früh suchte er den Dialog mit dem Judentum und lehnte den Antisemitismus sowie den Nationalsozialismus ebenso scharf ab wie anpasserische Tendenzen in der Schweiz, gegen die er die Stimme der prophetischen Kritik erhob. 1941-1944 liess Ragaz die «Neuen Wege» illegal erscheinen, weil er nicht bereit war, sich der verordneten Vorzensur zu unterziehen. Mit seiner Reich-Gottes-Theologie, die stets verbunden war mit politischem Engagement, nahm er die Ansätze der Befreiungstheologie vorweg.

Quellen und Literatur

  • Dein Reich komme, 1909
  • Die neue Schweiz, 1917
  • Mein Weg, 2 Bde., 1951-52
  • Die Bibel - eine Deutung, 7 Bde., 1947-50
  • Leonhard Ragaz in seinen Briefen, 3 Bde., 1966-92
  • Eingriffe ins Zeitgeschehen, 1995
  • StAZH, Nachlass
  • M. Mattmüller, Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus, 2 Bde., 1957-68
  • M. Böhm, Gottes Reich und Gesellschaftsveränderung, 1988
  • GKZ 3, 244
  • W. Spieler et al., Für die Freiheit des Wortes, 2009, 27 f.
Weblinks
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Kurzinformationen
Lebensdaten ∗︎ 28.7.1868 ✝︎ 6.12.1945

Zitiervorschlag

Ruedi Brassel-Moser: "Ragaz, Leonhard", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.03.2021. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009059/2021-03-02/, konsultiert am 12.08.2022.