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Schweiz

Die Landesbezeichnung Schweiz leitet sich von der Kantonsbezeichnung Schwyz ab. Die erstmalige Erwähnung Suittes (972) gilt nicht dem Land, sondern der Bevölkerung. Auch im Fall des Begriffs Schweiz spielen das Substantiv Schweizer und das Adjektiv schweizerisch eine wichtige Rolle: Wo die Schweizer wohnen und wo die Dinge schweizerisch sind, da ist die Schweiz. Für die Übertragung des Namens Schwyz auf die gesamte Eidgenossenschaft gibt es mehrere Erklärungen: Eine liegt in der herausragenden Stellung des Kantons Schwyz in der Gruppe der Waldstätte. Der Sieg im Morgartenkrieg 1315 machte die Schwyzer in Süddeutschland bekannt und förderte die Bezeichnung Switzer, Switenses oder Swicenses für Eidgenossen. Der Wortgebrauch kommt also nicht von den auf Unterscheidung bedachten alten Orten, sondern spiegelt die verallgemeinernde deutsche Aussenperspektive; deswegen kam es auch zur mittelhochdeutschen Transformation mit dem Diphthong von Schwiz zu Schweiz. In dieser Schreibweise gelangte der Begriff im 14. Jahrhundert vereinzelt in die Eidgenossenschaft zurück, wo er auch für den Kanton Schwyz verwendet wurde. Erst Johannes von Müller machte in seinem 1786-1808 erschienenen Werk zur mittelalterlichen Geschichte der Eidgenossenschaft aus den Schwyzern wieder «Schwyzer».

Die Schreibweisen im Deutschen und Französischen (Soisses, Suysses, Souyces) blieben bis ins 16. Jahrhundert hoch variabel, erst danach wurden sie fixiert. Im Italienischen existierten die Ausdrücke Sviceri oder Suyzeri, bei Niccolò Machiavelli die Variante Svizzeri (um 1515) für das ungebildete, aber kriegstüchtige Volk. Schon früh bestehen auch spanische und englische Belege.

Der Name Schweiz galt jeweils für den ganzen Bund und bezog sich immer auch auf die neu eingetretenen Bundesgenossen. So konnte Niklaus von Flüe aus Obwalden 1482 zum Bruoder Claus aus Switz werden. Vorerst blieb aber die lobliche oder gemeine Eidgenossenschaft als Selbstbezeichnung weit geläufiger, bis der Ausdruck Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert an Boden gewann. Davon zeugen Albrecht von Hallers «Versuch Schweizerischer Gedichte» (1732), Johann Kaspar Lavaters «Schweizerlieder» (1767) oder die deutsche Reiseliteratur. Gleichzeitig bestanden die konkurrierenden Begriffe Helvetia und helvetisch. 1760 kritisierte Johann Jakob Leu im 16. Band seines Werks «Allgemeines Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon» (20 Bände, 1747-1765), dass für das «ehemalige» helvetische Land und die «dermalige» Eidgenossenschaft der Allgemeinbegriff Schweiz verwendet wird, da letzterer «Missverstand» verursache und nur für eine der Republiken (Schwyz) reserviert sei.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg der Name Schweiz zur dominierenden Selbstbezeichnung auf. Zugleich erweiterte sich das Bedeutungsfeld: Anfänglich eher geografisch aufgefasst, meinte der Begriff mehr und mehr auch den Staat. Die Ausdrücke Helvetia, Confœderatio, Confédérés, Confoederatio helvetica, Liga, Bund, Treize Cantons und Corpus helveticum traten in den Hintergrund.

Die Entwicklungslinien der Begriffsgeschichte lassen sich an den Karten und Nationalgeschichten ablesen. Johannes Stumpf veröffentlichte 1554 aus seiner Chronik «Gemeiner loblichen Eydgnoschafft [...] beschreybung» (1548) einen Auszug unter dem Titel «Schwytzer Chronica». 1582 stand auf einer Karte Christoph Murers neben der lateinischen Überschrift «Helvetia cum Confederatis» zugleich auf Deutsch «Schwytzerland sampt den zugewanten». 1624 publizierte Pfarrer Johann Jakob Gasser ein «Schweitzerisch Heldenbuoch». Michael Stettler legte 1631 eine «Schweitzer-Chronic» vor. 1656 äusserte sich Anthoni Kornhoffer über «Euser ganz liebes Vatterland Schwitz». Mit Johannes von Müllers «Die Geschichten der Schweizer» (1780) setzte sich der Begriff mehr und mehr durch, was Heinrich Zschokkes Werktitel «Des Schweizerlands Geschichte für das Schweizervolk» (1822) unterstreicht. Doch auch in dieser Phase hält sich die Bezeichnung Eidgenossenschaft in Kombination mit dem grossgeschriebenen Adjektiv Schweizerisch (Schweizerische Eidgenossenschaft), unter anderem bei Johannes Dierauers Abriss «Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft» (5 Bände, 1887-1917). Die nach 1900 erarbeiteten nationalen Nachschlagewerke, das «Geographische Lexikon der Schweiz» (1902-10) und das «Historisch-Biographische Lexikon der Schweiz» (1921-34), sprechen dann nur noch von der Schweiz, wobei Schweiz in erster Linie den geografischen Raum bezeichnet, aber auch als Synonym für die politische Einheit verwendet wird.

Stammbaum der Eidgenossenschaft. Flugblatt, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
Stammbaum der Eidgenossenschaft. Flugblatt, um 1850 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). […]

Anfänglich war das Schweizerische in der Aussensicht negativ als rebellisch, gottlos und unzivilisiert konnotiert. Wilhelm Oechsli bemerkte dazu 1917, dass der Name Schweiz schon im 14. Jahrhundert in den Ohren des ausländischen Adels einen schlechten Ruf hatte. Dieser wurde im Schwabenkrieg 1499 zusätzlich mit Verachtung und Hass aufgeladen, was jedoch im eidgenössischen Lager die Bereitschaft zur stolzen Selbstbezeichnung «Hie Schwytz!» förderte. In Frankreich galten die Schweizer noch im 18. Jahrhundert als rückständig, ungebildet und unzivilisiert, auch wenn der Begriff infolge einer Aufwertung wegen der Solddienste nicht mehr so negativ konnotiert war, wie dies noch im 16. Jahrhundert der Fall gewesen war, und die Charakterisierung Suisses zu einem Ehrennamen wurde. Die im 16. Jahrhundert anzusiedelnde Parole point d'argent, point de Suisse, die durch Jean Racines Stück «Les plaideurs» (1668) bekannt wurde, hebt den Geldhunger der Schweizer, aber auch deren Vertragstreue und das Kostenbewusstsein der Franzosen hervor. Im Ausland, etwa in Frankreich, stand der Begriff Schweizer auch für Hoteltürsteher (17.-18. Jahrhundert) oder Kirchenwächter (ab Ende 18. Jahrhundert), in Deutschland oft für Melker.

In dem Mass, wie der Bundesstaat nach 1848 erstarkte (Nation), fügten Vereine, Organisationen und Institutionen ihrem Namen das Adjektiv schweizerisch bei. Dies steigerte wiederum das Bewusstsein für das Schweizerische, wovon die offiziellen Bezeichnungen des 1897 eröffneten Schweizerischen Landesmuseums und der ab 1902 schrittweise aus der Verstaatlichung von Privatbahnen hervorgegangenen Schweizerischen Bundesbahnen zeugen. Entsprechend dieser Logik wurde das fusionierte Luftfahrtunternehmen 1931 Swissair getauft. Die vor 1914 international aufkommende Werbung für Güter führte auch in der Schweiz zu Anstrengungen, den Konsum einheimischer Produkte zu fördern, zum Beispiel mit Hilfe der 1917 gegründeten Basler Mustermesse und der 1920 geschaffenen Lausanner Comptoir suisse oder der Schaffung des schweizerischen Ursprungszeichens 1931. Mit der Globalisierung bekam die nationale Markierung durch die Hervorhebung der sogenannten Swissness im Auslandmarketing eine zusätzliche Bedeutung.

In seiner Studie zur Geschichte des Begriffs Schweiz aus dem Jahr 1917 entschuldigte sich Oechsli noch dafür, dass er in Kriegszeiten mit derart antiquarischen Untersuchungen an die Leserschaft gelange. Er rechtfertigte sich mit dem Hinweis, dass er über die Ursprünge gewisser Bezeichnungen keine Antwort gewusst habe. Oechslis Beitrag steht für eine vaterländische Wissenschaftspublizistik, die wie die «Schweizer Kriegsgeschichte» (12 Hefte, 1915-1933) hauptsächlich der alteidgenössischen Zeit galt. Sie beschäftigte sich in erster Linie mit dem frühen Gebrauch (14.-16. Jahrhundert) des Worts Schweiz und schenkte der Semantik nur bedingt Beachtung. Die neuere Forschung hingegen, wie sie unter anderem Ulrich Im Hof initiierte, interessierte sich weniger für den einmal etablierten Begriff, sondern richtete ihre Aufmerksamkeit auf die inhaltlichen Fragen des Selbstverständnisses, des Bewusstseins und der Identität.

Quellen und Literatur

  • W. Oechsli, «Die Benennungen der Alten Eidgenossenschaft und ihrer Glieder, Tl. 2», in JSG 42, 1917, 87-258, v.a. 177-233
  • Idiotikon, 9, 2263-2273
  • U. Im Hof, Mythos Schweiz, 1991
  • M. König, «Von der wahren Nationalität der Waren», in Weiss auf Rot, hg. von E. Pellin, E. Ryter, 2004, 129-140
  • T. Maissen, Die Geburt der Republic, 2006
  • G.P. Marchal, Schweizer Gebrauchsgesch., 2006, 393-412
  • V. Weibel, Schwyzer Namenbuch, 4, 2012, 402-408
Weblinks

Zitiervorschlag

Georg Kreis: "Schweiz", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.06.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009825/2015-06-19/, konsultiert am 26.09.2022.