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Niklaus vonFlüe

Bruder Klaus

Handkolorierter Holzschnitt aus dem anonymen Pilgertraktat, um 1487 bei Peter Wagner in Nürnberg gedruckt (Bayerische Staatsbibliothek, München, 4 Inc.s.a. 524, Fol. 2v).
Handkolorierter Holzschnitt aus dem anonymen Pilgertraktat, um 1487 bei Peter Wagner in Nürnberg gedruckt (Bayerische Staatsbibliothek, München, 4 Inc.s.a. 524, Fol. 2v). […]

1417, 21.3.1487 Ranft (Gemeinde Sachseln), aus Unterwalden. Dorothea Wyss (->). In den ersten fünfzig Jahren seines Lebens war Niklaus von Flüe, der später als Bruder Klaus bekannt wurde, vor allem Bauer und Vater von fünf Söhnen und fünf Töchtern. Vor 1467 wird er dreimal urkundlich erwähnt. 1462 erscheint er als Vertreter Obwaldens in einem Urteilsspruch, den die Kastvogteiorte im Streit zwischen dem Kloster Engelberg und den Pfarrgenossen von Stans fällten. Aus dem Dokument lässt sich indirekt auf eine Mitgliedschaft in Rat und Gericht von Obwalden schliessen. Zu den führenden Männern des Landes gehörte er jedoch nicht. Politische Bedeutung erlangte er erst, nachdem er der inneren Stimme, die er als Ruf Gottes begriff, endgültig gefolgt war.

Am 16. Oktober 1467 nahm Niklaus von Flüe Abschied von seiner Familie und begab sich auf eine Pilgerreise. Sie führte ihn bis Liestal, wo er sich – die ganze Stadt schien ihm in feuriges Rot getaucht – zur Umkehr entschloss. Er kehrte jedoch nicht zu seiner Familie zurück, sondern übernachtete in einem Kuhstall in der Nähe seines Hauses. Am nächsten Morgen zog er sich in den Wald im Melchtal zurück, in dem er nach einigen Tagen von Jägern entdeckt wurde. Aufgrund einer Vision baute er sich in der Ranftschlucht in der Nähe seines Hofes eine Hütte, in der er fortan leben wollte. Die Kunde, dass Klaus ohne Nahrung lebe, verbreitete sich rasch, zog Neugierige an und alarmierte weltliche und kirchliche Behörden. In Obwalden wurden durch Ratsbeschluss Wächter angestellt, welche den Eremiten während eines Monats sorgfältig beobachteten, doch fand man nichts, "was religiöse Heuchelei aus eitler Prahlerei verriet" (gemäss Heinrich Wölfli). Von kirchlicher Seite wurde 1469 bei der Einweihung der Kapelle im Ranft im Auftrag des Konstanzer Bischofs die Abstinenz von Bruder Klaus geprüft und weder Betrug noch Dämonie festgestellt.

Ein Pilger auf dem Jakobsweg besucht Bruder Klaus im Ranft. Holzschnitt aus der Chronik der Eidgenossenschaft von Johannes Stumpf, 1548 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Ein Pilger auf dem Jakobsweg besucht Bruder Klaus im Ranft. Holzschnitt aus der Chronik der Eidgenossenschaft von Johannes Stumpf, 1548 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).

Trotz der Zäsur, die das Jahr 1467 darstellt, gibt es Verbindungen zwischen den Lebensabschnitten vor und nach der Hinwendung zum Eremitentum. In Visionen und mystischen Meditationen bereitete sich Niklaus von Flüe darauf vor. Zu den Besonderheiten von Bruder Klaus, welcher der Bewegung der spätmittelalterlichen Gottesfreunde zuzuordnen ist, zählt seine Verbundenheit mit der oberrheinischen Mystik; seine Äusserungen weisen insbesondere Berührungspunkte zum Sprach- und Gedankengut von Heinrich Seuse auf. Auch als Mystiker blieb Niklaus von Flüe jedoch durchaus an weltlichen Dingen interessiert. Der Rat des "lebendigen Heiligen" wurde nicht nur von einfachen Leuten gesucht, wie ein Bericht offenbart, den der Gesandte des Herzogs von Mailand, Bernardino Imperiali, im Juni 1483 über seinen Besuch im Ranft erstattete. Er fand den Einsiedler "informato del tutto" vor, also bestens unterrichtet über die Angelegenheit, derentwegen er in die Innerschweiz geschickt worden war. Der vermittelnde Einfluss, den Bruder Klaus, ohne persönlich anwesend zu sein, beim Abschluss des Stanser Verkommnisses 1481 ausübte, gilt als erwiesen. Am Ende seines Lebens nannte Niklaus von Flüe gegenüber dem vier Jahre älteren Erni Anderhalden "dry gros gnaden", für die er Gott zu danken habe: die erste, dass die Trennung von der Familie mit deren Einverständnis einhergegangen sei, die zweite, dass er nie die Anfechtung verspürt habe, zur Familie zurückzukehren und schliesslich, dass er ohne leibliche Speise und Trank leben konnte.

Erste Nachrichten über das Leben des Bruder Klaus wurden im "Pilgertraktat" (Erstdruck um 1487) festgehalten, einer in Augsburg verfassten, illustrierten Erbauungsschrift. 1488 wurde im Sachsler Kirchenbuch über Bruder Klaus berichtet. Heinrich von Gundelfingen und Heinrich Wölfli verfassten 1488 bzw. 1501 erste Biografien. Seit der Quellenedition von Robert Durrer kann die historische Gestalt des Bruder Klaus von späteren Legenden und Mythen deutlich abgehoben werden. In Sachseln setzte die Verehrung des "Gottesgelehrten" schon in den ersten Jahren nach seinem Tod ein. Sein Bild erschien 1492 auf dem spätgotischen Flügelaltar in der Pfarrkirche Sachseln, seit 1510 befinden sich eine Relieffigur im Beinhaus auf dem Friedhof und seit 1513 eine Plastik am Sakramentshäuschen in der Pfarrkirche. Namhafte Künstler liessen sich von der Gestalt des Eremiten inspirieren. Von zentraler Bedeutung für die Spiritualität von Bruder Klaus war das Gebet. Das "gewonlich bet" wurde aufgrund der Ausstrahlung des Obwaldners handschriftlich bis nach Norddeutschland verbreitet. Sein Wortlaut wurde unter anderem vom lutherischen Pfarrer Johann Heermann, von Paul Gerhardt und von Clemens Brentano literarisch aufgenommen. Vom Beginn des 16. Jahrhunderts an tauchte die Figur des Bruder Klaus in gereimten Schriften und in Prosatexten von katholischen und protestantischen Autoren auf. Eine weitere Besonderheit der Bruder-Klaus-Rezeption ist die Symbolik des Betrachtungsbildes, welches der Einsiedler in seiner Zelle hatte. Dargestellt ist ein sechsspeichiges Rad mit dem gekrönten Haupt in der Nabe. Das Bild, das im Grossraum Oberrhein entstanden ist, gilt als beachtenswertes Beispiel symbolischer Malerei mit tiefem theologischen Gehalt. Auf Interesse stiessen auch die Berichte über die Visionen von Bruder Klaus (Stein, Öl, Brunnen, Turm, Lilie), die tiefenpsychologisch untersucht wurden.

Nach dem Tod des Einsiedlers besuchten viele Pilger die Bruder-Klausen-Stätten in Sachseln und auf dem Flüeli. Vor 1550 gelobten die Sachsler einen jährlichen Bittgang in den Ranft. Kurz davor und danach hatten Nidwalden und Obwalden regelmässige Landeswallfahrten zu Bruder Klaus beschlossen. Seit 1787 werden in Sachseln Bruder-Klausen-Jubiläen gefeiert. Mehrmals (1518, 1600, 1625, 1654, 1679, 1732) wurde das Grab des Eremiten feierlich geöffnet. Die kirchliche Erlaubnis, ihn auf den Altären zu verehren, wurde erst nach langen Bemühungen erteilt. Nach mehreren Anläufen zwischen 1587 und 1647 erteilte der Papst 1649 die Erlaubnis zur liturgischen Verehrung (sogenannte beatificatio aequipollens oder "gleichwertige Seligsprechung") und 1669 erfolgte die offizielle Seligsprechung. Nach 1865 wurden die Anstrengungen für die Heiligsprechung wieder aufgenommen, und Papst Pius XII. vollzog sie schliesslich am 15. Mai 1947. Damit erfuhr der Bruder-Klausen-Kult einen neuen Aufschwung. Besonders seit dem Zweiten Weltkrieg pilgern jedes Jahr Tausende aus der Schweiz und aus Deutschland zu Bruder Klaus. Nachdem Niklaus von Flüe für die Schweizer besonders in den beiden Weltkriegen zum (überkonfessionellen) Schutz- und Friedenspatron geworden war, erlangte er diesen Ruf seit seiner Heiligsprechung weit über die Grenzen der Schweiz hinaus. Gefördert wurden die Wallfahrten auch durch die Gründung des Bruder-Klausen-Bundes 1927 und die Errichtung des Bruder-Klausen-Museums in Sachseln 1976. Der bekannteste der überlieferten politischen Ratschläge des Einsiedlers, "Machet den zun nit zu wit", wurde vom Chronisten Hans Salat (1537) überliefert. Noch 1986 und 1992, in den politischen Auseinandersetzungen um den Beitritt zu den Vereinten Nationen und zum Europäischen Wirtschaftsraum, wurde der Ausspruch als Mahnung zur Vorsicht im Hinblick auf die politische Öffnung der Schweiz verwendet.

Quellen und Literatur

  • Bruder Klaus: die ältesten Qu. über den seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben und seinen Einfluss, hg. von R. Durrer, 2 Bde., 1917-21
  • R. Amschwand, Bruder Klaus, Ergänzungsbd. zum Quellenwerk von Robert Durrer, 1987
  • H. Stirnimann, Der Gottesgelehrte Niklaus von Flüe, 1981 (22001)
  • H. Stirnimann, «Niklaus von Flüe, Identifikation und Inspiration», in UKdm 35, 1984
  • VL 6
  • R. Gröbli, Die Sehnsucht nach dem "einig Wesen", 1990
  • P. Baud, Nicolas de Flue (1417-1487), un silence qui fonde la Suisse, 1993
  • E. Walder, Das Stanser Verkommnis, 1994
  • A. Keel, Bruder Klaus und Dorothea, 1995
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Zitiervorschlag

Ernst Walder; Heinrich Stirnimann; Niklaus von Flüe: "Flüe, Niklaus von", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 28.09.2017. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010224/2017-09-28/, konsultiert am 01.10.2022.