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Oberaargau

Region in der Nordostecke des Kantons Bern. Geografisch dehnt sich der Oberaargau im tieferen und höheren Mittelland zwischen Napf und Jura aus. Er reicht von Burgdorf nordwärts über die Aare hinweg mit dem Bipperamt bis auf die südliche Jurakette und erstreckt sich von den Bächen Rot und Murg im Osten bis zur Emme im Westen. Politisch umfasst er die Amtsbezirke Aarwangen und Wangen als Kerngebiet sowie teilweise die Amtsbezirke Burgdorf und Fraubrunnen.

Der bernische Oberaargau: Landvogteien bis 1798
Der bernische Oberaargau: Landvogteien bis 1798 […]

Der Begriff Oberaargau erscheint in Urkunden des Hochmittelalters ab 861 anfangs als «Oberer Aargau» (861 in superiori pago Aragauginse, 891 in superiore Argowe usw.) und erst im 11. Jahrhundert als «Oberaargau» (1040 in comitatu Oberargeuue) zur Bezeichnung des oberen Teils des alten Aargaus, nämlich von Murgenthal aareaufwärts bis zum Thunersee. Teils war Oberaargau bloss Landschaftsname (in pago...), teils Bezeichnung für den Amtsbezirk eines Grafen (infra comitatum...). Im Spätmittelalter wurde der Begriff Oberaargau durch andere ersetzt: Dieselbe Region war zur Zeit der spätmittelalterlichen Grafschaftsverfassung (13.-15. Jh.) als Landgericht Murgeten Teil der Landgrafschaft Burgund. Unter Berns Landesverwaltung bildete der Oberaargau weder politisch noch rechtlich eine Einheit. Noch im 15. Jahrhundert gab es Bestrebungen, den bernischen Verwaltungsbezirke «Vogtei (Grafschaft) Wangen» in Nachfolge der alten Landgrafschaft auf deren nördliche Hälfte, also ungefähr auf den heutigen Oberaargau, auszudehnen, doch teilte sich das Gebiet schliesslich auf die bernischen Landvogteien Wangen und Aarwangen auf. Diesen wurde aus organisatorischen Gründen die Landvogtei Bipp beigefügt. Zusammenfassend wurde die ganze Region «die drei Ämter» genannt. Sie kannten im 17. und 18. Jahrhundert zwar gemeinsame Gewerberechte bzw. Handwerksordnungen und eine gemeinsame Landschreiberei in Wangen an der Aare, aber kein einheitliches Landrecht.

Erst im 17. Jahrhundert erschien der Begriff Oberaargau wieder in der Amtssprache, nämlich zur Bezeichnung eines militärischen Rekrutierungskreises im Umfang der Landvogteien Wangen, Aarwangen, Bipp und Aarburg, gelegentlich auch mit Teilen der Ämter Burgdorf, Landshut und Fraubrunnen. Nach 1815 – anlässlich der Eingliederung des Juras in den Kanton Bern – begann der Oberaargau als Landesteil Gestalt anzunehmen. Als Nationalratswahlkreis, der die Amtsbezirke Wangen, Aarwangen, Burgdorf und ab 1851 auch Fraubrunnen umfasste, hatte er von 1848 bis zur Einführung des Proporzwahlsystems 1919 auch eine politische Bedeutung. In der kantonalbernischen Verwaltung entstanden vor und nach 1900 erste Verwaltungsbezirke mit der Bezeichnung Kreis Oberaargau (Militär-, Forst-, Schatzungskreis usw.); diese Kreise umfassten in der Regel die Amtsbezirke Wangen und Aarwangen. Mit der bernischen Justizreform entstand Anfang 1997 die Verwaltungs- und Gerichtseinteilung Region Emmental-Oberaargau, zu deren drei Gerichts-und Grundbuchkreisen die oberaargauischen Kreise 4 (Amtsbezirke Wangen, Aarwangen) und 5 (Amtsbezirke Burgdorf, Fraubrunnen) gehören.

Obschon der Oberaargau rückblickend weder geografisch noch historisch eine fest umrissene Einheit war, ist der Begriff geläufig. Er wird vor allem von der Bevölkerung rund um das Regionalzentrum Langenthal als wirtschaftliche (Oberaargauer Industrie) und kulturelle Einheit verstanden, so unter anderem im Kulturbetrieb («Jahrbuch des Oberaargaus») wie auch im Vereins- (z.B. Schützenvereine) und Sozialwesen (Oberaargauisches Pflegeheim). Ausserhalb des Kantons Bern wird der Oberaargau oft fälschlich dem Kanton Aargau zugezählt.

Quellen und Literatur

  • SSRQ BE II/10
  • B. Stettler, Stud. zur Gesch. des obern Aareraums im Früh- und HochMA, 1964
  • K.H. Flatt, Die Errichtung der bern. Landeshoheit über den Oberaargau, 1969
  • A.-M. Dubler, «Begriff und Umfang des Oberaargaus im Wandel der Zeit», in Jb. des Oberaargaus, 2001
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Oberaargau", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 29.04.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010295/2010-04-29/, konsultiert am 17.08.2022.