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Grosses Moos

Das Grosse Moos, das zwischen den Jurarandseen, dem bernisch-freiburgischen Molasseplateau und dem Jensberg liegt, ist mit 62,5 km2 das grösste Flachmoor der Schweiz. Nach dem Rückzug des Rhonegletschers füllte die Aare das Gebiet allmählich mit Geschiebe; im Wechsel von Abtrocknung, Teilbewaldung und neuer Versumpfung auf Grund von Klimaänderungen bildeten sich die bis zu 4 m mächtigen Torflagen.

Prähistorische Besiedlung, Verkehrswege

Bei sich erwärmendem Klima wurden ab dem Mesolithikum Menschen sesshaft. Die frühen Siedlungen entstanden aber nicht im Grossen Moos, sondern am Neuenburgersee, Bielersee, Murtensee und an der Zihl, denn Seen und Flüsse boten in den bewaldeten Flächen schiffbare Wasserwege und an ihren Ufern erste Siedlungs- und Ackerböden. Die prähistorischen, teils kontinuierlich bewohnten Siedlungen im Inland lagen erhöht am Rand des Grossen Mooses (z.B. Gampelen, Brüttelen) oder innerhalb desselben auf Dünen ("Insel" Witzwil) und Moränen (Finsterhennen, Siselen). Die vielen Einzelfunde (Silices, Keramik) vom Mesolithikum bis zur Bronze- und Eisenzeit (Hallstatt, Latène) können auf feste Siedlungen oder Kurzstandorte (Treiten) weisen.

Das Moos selbst war siedlungsfeindlicher Durchgangsraum: Älteste Transitwege vom Mittelland über den Jura verliefen zwischen Neuenburger- und Bielersee durchs Grosse Moos und querten die Zihl (Brücken in La Tène, Zihlbrücke, Cornaux-Les Sauges). Steigende Seespiegel und Versumpfung in der Hallstattzeit zwangen zur teilweisen Umsiedlung von den Ufern in höhere Lagen. Zeuge der Hallstattkultur ist unter anderem die Nekropole in Ins mit Fürstengrabhügeln. Bedeutende Siedlungen der Latènezeit, unter anderem auf Jolimont und Jensberg, wurden in der Römerzeit ausgebaut (Petinesca). Gallorömische villae entstanden an sonnigen, für den Ackerbau geeigneten Lagen am Südhang des Jolimont (Tschugg, Mullen, Erlach), in einem breiten Siedlungsband von Ins, Müntschemier bis Treiten und längs des Molasseplateaus von Galmiz bis Kallnach. Die Ränder ums Grosse Moos waren somit besiedelt und landwirtschaftlich genutzt (u.a. Roggen-, Rebbau), das relativ trockene Moos mit Gebüsch oder Wald aber war weder bebaut noch besiedelt.

Die Römer verbesserten alte Transitrouten und legten neue von Aventicum durchs Grosse Moos (Broye-, Zihl-Brücken) in den Jura (Brückenköpfe bei Aegerten; Pierre Pertuis) bzw. nach Solothurn an. Reste der Römerstrasse haben sich vor allem in den Gemeinden Galmiz, Fräschels, Kerzers, Kallnach, Bargen, Walperswil und Hagneck erhalten.

Allmend der "Moosgemeinden"

In das von eingewanderten Burgundern bewohnte Gebiet drangen im 7. Jahrhundert von Osten her Alemannen ein und liessen sich an den gleichen Moränenhängen nieder, teils dort, wo sich die gallorömischen villae befunden hatten. Das Grosse Moos wurde französisch-deutscher Sprachraum, wobei sich die Sprachgrenze sukzessive gegen Westen verschob. Mit dem mittelalterlichen Siedlungs- und Flurausbau (11.-13. Jh.) wird erstmals eine Nutzung des Grossen Mooses, das nun Reichsgut war, erkennbar: Geistliche (u.a. St. Johannsen) und weltliche Grundherren (Fenis auf Hasenburg, Grafen von Neuenburg, Nidau, Aarberg) liessen als Leheninhaber Teile des Mooses durch ihre Leute auf den Gutshöfen heuen, mähen und beweiden. Ab dem 14. und 15. Jahrhundert wurden Dörfer Nutzniesser des Mooses; ab 1500 diente es generell als Allmend der anrainenden und entfernteren Dörfer und Landstädte.

Karikatur von Heinrich von Arx, um 1850 (Burgerbibliothek Bern).
Karikatur von Heinrich von Arx, um 1850 (Burgerbibliothek Bern). […]

Nach Erwerb der Herrschaften Aarberg 1375, Nidau 1388 bzw. 1393 und Erlach 1476 beanspruchte Bern den grössten Teil des Grossen Mooses für sich (Landesgrenze mit Neuenburg an der Zihl 1655; Verträge mit Freiburg 1575/1597, endgültig 1835). Bern und Freiburg machten ihre Oberhoheit gegenüber den Dörfern geltend; Nutzungsänderungen waren bewilligungspflichtig (z.B. Heuwiesen, Torfstiche). Deshalb ging es bei den vielen Weidezwisten wie zum Beispiel dem "Mooskrieg", den bernische und freiburgische Gemeinden 1785-1795 austrugen, um Nutzungs-, nicht um Besitzrechte am Moos.

Juragewässerkorrektionen und Urbarisierung

Geschiebeablagerungen der Aare bewirkten vom 17. Jahrhundert an Rückstauungen, steigende Seespiegel und Versumpfung im Moos; die Schiffskanäle (Aarberger Kanal zwischen Broye und Aare, Entreroches-Kanal zwischen Yverdon und Cossonay) entwässerten nicht. Abhilfe schuf die Erste Juragewässerkorrektion (1868-1891), die den Wasserstand um 2,5 m senkte (Gewässerkorrektionen). Die Urbarisierung des Grossen Mooses und die Regelung der Besitzrechte verlangte jahrzehntelange Meliorationsarbeit von Gemeinden, Privaten und den Domänen Witzwil und Bellechasse. Die erneute Versumpfung durch Absinken der nicht mehr gefluteten, sich natürlich zersetzenden Moorböden erzwang eine zweite Korrektion (1962-1973), die wiederum umfangreiche Massnahmen zur Strukturverbesserung und Güterzusammenlegung in den Gemeinden nach sich zog. Mit diesen Bemühungen war der Grundstein zum einzigartigen Erfolg der "Gemüsebauregion Grosses Moos" gelegt. Seither suchen die Gemüsebauern mit neuen Bearbeitungs- und Anbaumethoden die Torfsackung und Torfzehrung (Folge von Entwässerung und Nutzung) in Grenzen zu halten. Zudem arbeitet der vom Bundesamt für Umwelt mitfinanzierte Biotopverbund Grosses Moos seit 1996 an der ökologischen Aufwertung von Restbiotopen.

Im 19. Jahrhundert wurden die alten Überlandstrassen längs (Lyss-Murten) und durch das Grosse Moos (Aarberg-Siselen-Ins-Zihlbrücke) verbessert und durch neue ergänzt (Staatsstrasse Kerzers-Müntschemier, Seestrasse Galmiz-Sugiez-Ins). Die Eisenbahnlinien (Murten-Lyss 1876, Bern-Neuenburg 1901, Murten-Ins 1903, Biel-Täuffelen-Ins 1916-1917) trugen zur raschen wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung der Region bei. Der Bau des bei Siselen und Finsterhennen projektierten "Kontinentalflughafens Grosses Moos" (1945-1972) wurde dagegen wegen des drohenden Kulturlandverlusts – schliesslich lebt rund ein Viertel der Bevölkerung vom Ertrag des Gemüseanbaus – einmütig abgelehnt.

Quellen und Literatur

  • H. Grütter, «Einige Anmerkungen zur ur- und frühgesch. Besiedlung des Amtes Erlach», in Aus der Gesch. des Amtes Erlach, 1974, 45-58
  • H.-M. von Kaenel et al., «Das Seeland in röm. Zeit», in Jb. der Geogr. Ges. von Bern 53, 1977-79, 71-165
  • H. Schwab, Archéologie de la 2e correction des eaux du Jura, 1990
  • Deutschfreiburger Beitr. zur Heimatkunde 58, 1991
  • E.H. Nielsen, Gampelen-Jänet 3, 1991
  • R. Marti et al., Ein frühma. Gräberfeld bei Erlach BE, 1992
  • SPM 1, 60-65
  • A. Hafner, Die frühe Bronzezeit in der Westschweiz, 1995
  • R.W. Scholz et al., Perspektive Grosses Moos, 1995
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Grosses Moos", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 17.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010298/2010-09-17/, konsultiert am 08.08.2022.