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Regierungsstatthalter

Das Amt des Regierungsstatthalters wurde in der Helvetischen Republik (1798-1803) geschaffen. In jedem Kanton war der vom Direktorium ernannte helvetische Regierungsstatthalter oberster Magistrat und Statthalter der Zentralgewalt, daher die deutsche Bezeichnung (teilweise auch Kantonsstatthalter; französisch préfet, italienisch prefetto). Der Regierungsstatthalter ernannte die Distriktsstatthalter (sous-préfets) an der Spitze der Distrikte sowie die Präsidenten der Verwaltungskammer und des Kantonsgerichts. Er trug die Verantwortung für die Sicherheit und konnte kantonale Truppen ausheben. Bei Abwesenheit wurde er vom Distriktsstatthalter des Hauptorts vertreten, der daher Unterstatthalter (lieutenant du préfet) hiess.

Ein Statthalter der helvetischen Regierung, von Gottlieb Wagner aus Konolfingen, um 1803 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Ein Statthalter der helvetischen Regierung, von Gottlieb Wagner aus Konolfingen, um 1803 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Das System lehnte sich an das französische Modell an, wobei der Vertreter der Zentralgewalt in Frankreich 1798 noch commissaire central hiess. Die préfets entstanden mit der Constitution de l'an VIII im Dezember 1799 und mit dem Loi de pluviôse de l'an VIII im Februar 1800. Genf, das Wallis und das Fürstbistum Basel hatten ebenfalls Regierungsstatthalter, als sie französische Departemente bildeten. Der préfet der Helvetischen Republik erhielt seine Bezeichnung vom lateinischen Begriff praefectus. Er wurde vor 1798 manchmal für die bernischen Landvögte verwendet, die die Amtspräfektur oder préfecture innehatten. Der Begriff des Statthalters hingegen wurde im Ancien Régime sehr oft verwendet, meistens für den zweithöchsten Vertreter einer kantonalen Obrigkeit.

Das Amt des helvetischen Regierungsstatthalters verschwand mit der Mediationsakte. Auf Bezirksebene blieb die Funktion aber in verschiedenen Kantonen bestehen, wobei der Name geändert wurde, um mit dem ungeliebten Regime zu brechen. Bern hatte bis 1831 Oberamtmänner (Vögte), die Waadt bis 1832 lieutenants du Petit Conseil und das Tessin die commissari di governo. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab es dieses Amt noch in neun Kantonen: In der Waadt, im Unterwallis und in den französischsprachigen Teilen des Kantons Freiburg hiessen die Amtsinhaber préfets, in Bern und Zürich Regierungsstatthalter, in Luzern Amtsstatthalter, in Solothurn und Deutschfreiburg Oberamtmann, in Basel-Landschaft Bezirksstatthalter, im Aargau Bezirksammann und im Oberwallis Präfekt. Diese Beamten verkörpern einerseits den Staat in den Bezirken und vertreten andererseits de facto die Bewohner des Bezirks. Sie üben oder übten oft gerichtliche Funktionen aus. In Bern war der Regierungsstatthalter in den kleinen Amtskreisen bis 1998 Präsident des Bezirksgerichts, im Kanton Waadt war er noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts für Verwaltungsangelegenheiten zuständig, zum Beispiel Ordnungsbussen.

Ursprünglich wurden die Regierungsstatthalter von der Regierung ernannt, inzwischen ausser im Kanton Waadt aber vom Volk gewählt, zum Beispiel in Bern seit 1893 und in Freiburg seit 1977. In der Waadt verloren die Freisinnigen nach dem Zweiten Weltkrieg das Monopol auf das Amt. Auch Regierungsstatthalterinnen übten das Amt aus, zum Beispiel 1996 in der Waadt, 1997 in Bern und 2001 im Wallis. Einige Kantone schafften die Funktion im 20. Jahrhundert ab, vermutlich aus Spargründen. Die commissari di governo verschwanden im Tessin 1922, in Neuenburg gab der Regierungsstatthalter der Montagnes neuchâteloises 1990 als letzter sein Amt auf und in St. Gallen gibt es den Bezirksammann seit 2000 nicht mehr.

Quellen und Literatur

  • D. Altenburger, Der Oberamtmann im Kt. Solothurn, 1988
  • A. Fankhauser, «Die Regierungsstatthalter der Helvet. Republik 1798-1803», in SQ 20, 1994, 219-282
  • M. Meylan, Les préfets vaudois, acteurs de leur époque, 1994
  • D. Flückiger et al., «Repräsentanten der Obrigkeit – volksnahe Vermittler», in BZGH 68, 2006, 1-62
Weblinks
Kurzinformationen
Kontext Bezirksstatthalter, Oberamtmann, Präfekt

Zitiervorschlag

Lucienne Hubler: "Regierungsstatthalter", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.11.2014, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010357/2014-11-10/, konsultiert am 12.08.2022.