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Satirische Blätter

Vorläufer der Satirezeitschriften waren die Flugblätter der Reformation und der Gegenreformation. Mittels der Parodie, der Fabel und vor allem der Karikatur belustigten sich satirische Blätter über ihre jeweiligen Gegner. Nicht alle Pamphlete waren illustriert, doch förderte das Bild ihre Verbreitung und ihre Wirkung auf Analphabeten. Sehr bald schon beschäftigte sich die Zensur mit den immer zahlreicheren satirischen Publikationen, die den schwachen Zusammenhalt der Eidgenossenschaft zu gefährden drohten. Regionale und internationale Konflikte veranlassten die eidgenössischen Orte und die Tagsatzung ab Ende des 16. Jahrhunderts zu einem härteren Vorgehen gegen die satirischen Blätter, die für die Drucker eine wichtige Einnahmequelle waren. Sie schöpften ihre Inhalte aus dem aktuellen Geschehen, mit dem sie sich fortlaufend wandelten, und fanden Absatz auf dem ausländischen Markt.

Die Französische Revolution bescherte der Satire als Instrument religiöser und politischer Polemik erneut ein goldenes Zeitalter. So verbreitete der «Moralisch-politische Kurier» 1798-1799, ein vierseitiges mit Radierungen illustriertes Heft von Balthasar Anton Dunker, den beissenden Kommentar eines Konservativen zum schweizerischen und europäischen Zeitgeschehen. Der in der satirischen Tradition des 16. Jahrhunderts stehende Kurier begründete mit zahlreichen weiteren Publikationen wie dem Genfer «Bon-homme» (1793) oder dem in Solothurn publizierten «Helvetische Hudibras» (1797-1798) die Spott- und Streitpresse des 19. Jahrhunderts.

Die «Bibliographie der Schweizerischen Landeskunde» (1896) von Josef Leopold Brandstetter führt für das 19. Jahrhundert 108 satirische Blätter auf, was 3% aller erfassten Werke entspricht. Viele davon tauchten nach der Wiederherstellung der Pressefreiheit in der Regeneration erstmals auf. Nach deren Bestätigung in den Bundesverfassungen von 1848 und 1874 stand einer satirischen Begleitung der Zentralisierungsdebatte und des Kulturkampfs durch zahlreiche Neugründungen nichts mehr entgegen. Die ersten illustrierten Satirezeitschriften waren der «Nouveau Charivari politique vaudois» (1839) in Lausanne und der «Gukkasten» (1840) in Bern. Einige zunächst im Umdruckverfahren hergestellte satirische Blätter verzichteten beim Druck ihrer Illustrationen auf die Lithografie und verwendeten stattdessen die Hochdrucktechnik, insbesondere den Holzschnitt. Sie orientierten sich anfänglich an den französischen Zeitschriften wie dem «Charivari», später an den deutschen «Fliegenden Blättern» oder dem «Simplicissimus». In der Regel richteten sie sich an eine städtische Leserschaft, ihr Verbreitungsgebiet war lokal bis kantonal, die Auflagen niedrig und die Titel häufig wechselnd. Wegen des hohen Kostendrucks und der grossen Konkurrenz existierten sie meist nicht lange. Oft wurden sie im Wahlkampf eingesetzt, so etwa die Tessiner Publikation «Il Buon Umore» (1859-1862). Langlebige satirische Blätter wie «Der Postheiri» (1845-1875), der «Carillon de Saint-Gervais» (1854-1899), «Guguss» (1894-1936) und vor allem «Der Nebelspalter» (seit 1875) blieben die Ausnahme. Die Herausgeber – Jean-Pierre Luquiens in Lausanne, Friedrich Jenny in Bern, Philippe Corsat in Genf oder Jean Nötzli in Zürich – vertraten eine fortschrittliche, republikanische oder radikale Grundhaltung. Seltener waren konservative satirische Blätter wie die Zürcher «Wochen-Zeitung» (1844-1846) oder das vierzehntäglich in Genf erscheinende, frontistische und antisemitische Blatt «Le Pilori» (1923-1940). Ausnahmslos verstanden sie sich aber als Oppositionsblätter, die das Ziel hatten, die Polemik anzuheizen, von der sie lebten. Der Gründer des «Pilori», Georges Oltramare, ging am 19. Juli 1924 gar soweit, einen «Anti-Pilori» mit dem provokativen Untertitel «Organe des intérêts juifs» zu veröffentlichen. Selten überlebten satirische Blätter, die sich der unsachlichen Kritik am Zeitgeschehen verschrieben hatten, die historischen Umstände und die Akteure, die sie hervorgebracht hatten. Mit der Vereinnahmung des Humors und der Karikatur durch die Informations- und Unterhaltungspresse sowie die Buchproduzenten verschwanden, abgesehen von Fasnachtszeitungen und Gelegenheitsprodukten, die satirischen Blätter in der Schweiz fast vollständig.

Quellen und Literatur

  • B. Lescaze, «Les tours et la flèche. La cathédrale Saint-Pierre dans l'affiche et le dessin politiques aux XIXe et XXsiècles», in La République à Saint-Pierre, 1981, 31-123
  • 111 Jahre Nebelspalter, 1985
  • P. Kaenel, «Pour une histoire de la caricature en Suisse», in UKdm 42, 1991, 403-442
  • Le livre à Lausanne, hg. von S. Corsini, 1993, 191-200
  • A. Stephani, «La satira politica nel Ticino dell'Ottocento», in Arte e storia 5, 2004, Nr. 19, 6-13
Weblinks

Zitiervorschlag

Philippe Kaenel: "Satirische Blätter", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24.03.2011, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010472/2011-03-24/, konsultiert am 02.10.2022.