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Schweizer Filmwochenschau

Filmwochenschauen waren wöchentlich produzierte Zusammenstellungen von filmischen Berichten über Ereignisse verschiedenster Art, die im Vorprogramm zum Hauptfilm in Wanderkinos oder Kinos gezeigt wurden (Film). Eine privatwirtschaftlich getragene Filmwochenschau bestand in der Schweiz von 1923  bis 1936, die vom Staat finanzierte offizielle Schweizer Filmwochenschau von 1940 bis 1975.

Drei Signete der Schweizer Filmwochenschau (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern; Standbilder HLS).
Drei Signete der Schweizer Filmwochenschau (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern; Standbilder HLS). […]

Das Aufkommen der Filmwochenschauen

Vorgänger bzw. Bestandteile der Filmwochenschauen waren sogenannte Aktualitätenfilme, die in Frankreich in den 1890er Jahren auftauchten und bis in die Zwischenkriegszeit hinein aus unterschiedlichen Gründen gedreht wurden, in der Schweiz zum Beispiel von Willy Leuzinger. Erste Filmwochenschauen wurden in den Nachbarländern – viel früher als in der Schweiz – in dem Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg vorgeführt; ab den ersten Kriegsjahren dienten sie der staatlichen Propaganda und unterstanden der Zensur. Solche ausländischen Produktionen wurden zum Teil auch in der Schweiz gezeigt.

Die erste privatwirtschaftlich getragene Filmwochenschau in der Schweiz erschien ab September 1923, zuerst zweimal im Monat, dann wöchentlich. Ab September 1930 wurden die Ausgaben vertont. Die Wochenschau wurde anfänglich vom Lausanner Unternehmen Office cinématographique produziert, das Emile Taponnier, Jacques Béranger und Arthur-Adrien Porchet gegründet hatten, später durch die Cinégram in Genf. Schwerpunkte der Berichterstattung waren sportliche, kulturelle und gesellschaftliche Beiträge; die Wochenschau wurde zu 80% tonlos produziert. Sie ging aufgrund ausländischer Konkurrenz im März 1936 ein.

Die offizielle Schweizer Filmwochenschau (1940-1975)

Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 1000 vom 19. Januar 1962 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1000-1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern.
Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 1000 vom 19. Januar 1962 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1000-1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern. […]

Nachdem die Eidgenössische Studienkommission über das Filmwesen 1936 den wachsenden Einfluss ausländischer Wochenschauen auf das Schweizer Publikum konstatiert hatte, wurde 1938 die Schweizerische Filmkammer gegründet, die sich aus ca. 50 Behörden- und Branchenvertretern zusammensetzte. Am 30. August 1939 rief der Bundesrat dann per Vollmachtenbeschluss die offizielle Schweizer Filmwochenschau ins Leben. Diese beiden Gründungen ordneten sich in die Kulturpolitik von Bundesrat Philipp Etter ein, die von dem Gedanken der geistigen Landesverteidigung bestimmt war und auch andere Massnahmen beinhaltete, wie beispielsweise die Schaffung der Stiftung Pro Helvetia. Die eigene nationale Filmwochenschau sollte der erdrückenden Präsenz von nationalsozialistischen und faschistischen Nachrichten eine schweizerische Perspektive entgegenhalten. Produktionsfirma war die Genfer Cinégram, wobei der Bund sich an den Kosten beteiligte. Am 16. April 1940 wurde die Vorführung der Schweizer Filmwochenschau im Vorprogramm für alle Kinobetreiber für obligatorisch erklärt. Die erste Folge der Wochenschau, die der militärischen Zensur unterstellt war,  lief am 1. August 1940 in Bern. 1941 verhalf Etter der Filmwochenschau zu Spezialkrediten, um drei Beiträge zum 650-jährigen Jubiläum der Eidgenossenschaft zu produzieren. Um dem Eindruck einer direkten staatlichen Lenkung entgegenzutreten, konstituierte sich die Schweizerische Filmwochenschau 1942 als Stiftung, wobei der Stiftungsrat als Kontrollorgan des Chefredaktors fungierte. Jede Woche behandelte die Filmwochenschau in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch eine Vielzahl von inländischen Themen (Landwirtschaft, eidgenössische Solidarität, humanitäre Einsätze, Sport, Traditionen und Bräuche). Ab 1941 entstanden auch monothematische Ausgaben, die fallweise externe Firmen produzierten. Erst von 1945 an wurden Inhalte von ausländischen Produktionsfirmen aus Frankreich, Schweden, Grossbritannien, Belgien, den Niederlanden und den USA in bescheidenem Umfang dazugekauft. 

Am 31. Dezember 1945 lief das Obligatorium aus, worauf die meisten Kinos in der Westschweiz – gestützt durch den Westschweizer Kinobetreiberverband – die Wochenschau nicht mehr zeigten. Der Deutschschweizer Verband verpflichtete seine Mitglieder hingegen, die Filmwochenschau zu abonnieren. 1946 zirkulierten 3 französische, 2 italienische und 26 deutsche Kopien. Die Ausgaben hatten eine Gesamtlänge von 7 bis 8 Minuten und bestanden aus 5 bis 7 Sujets, die jeweils 20 bis 120 Sekunden dauerten.

Die Crew der Schweizer Filmwochenschau bei der Arbeit. Standbild aus der Ausgabe Nr. 221 vom 5. Januar 1945 (Sammlung Cinémathèque suisse).
Die Crew der Schweizer Filmwochenschau bei der Arbeit. Standbild aus der Ausgabe Nr. 221 vom 5. Januar 1945 (Sammlung Cinémathèque suisse). […]

Ab den 1950er Jahren hatte die Schweizer Filmwochenschau folglich vor allem in der französischen Schweiz einen schweren Stand. Nur wenige Kinos zeigten sie noch, so im Jahr 1950 nur 18 der insgesamt ca. 150 Filmtheater. Da sehr wenige Kopien hergestellt wurden, konnte jeweils nur in den grössten Kinos die aktuelle Ausgabe der Wochenschau vorgeführt werden, während kleinere Kinos sich mit älteren Versionen begnügen mussten. Infolge der Beschränkung auf Aktualitäten verlor die Schweizer Filmwochenschau mit dem Aufkommen des Fernsehens – die erste Tagesschau wurde am 29. August 1953 ausgestrahlt – im ganzen Land weiter an Bedeutung. 1958 produzierte sie erstmals eine Farbreportage, obwohl sie finanziell und personell stets schwach dotiert war (1963 arbeiteten z.B. 13 Personen für die Produktion).

Besonders im Vorfeld der Revision des Filmgesetzes ab ca. Mitte der 1960er Jahre häufte sich die Kritik von Kinobetreibenden und der Presse an Form und Inhalten der Filmwochenschau. Nach der Gesetzesrevision 1969 wurde die Wochenschau finanziell noch abhängiger vom Bund. Der Stiftungsrat forderte eine Neuausrichtung. Hermann Wetter konzipierte ab 1970 die Wochenschau neu als monothematisches Wochenmagazin, zu dessen Produktion sein Nachfolger Max Dora und der Redaktor Peter Gerdes ab 1973 auch externe Mitarbeiter beizogen. Sie beauftragten junge Filmschaffende mit der Produktion von magazinartigen Schwerpunktnummern. Die mit Direktton gedrehten Reportagen setzten vermehrt auf Atmosphärisches und waren oft sozialkritisch sowie mitunter auch satirisch ausgerichtet. Diese Reformbestrebungen, die auch der gesellschaftlichen Öffnung ab der 2. Hälfte der 1960er Jahre Rechnung trugen, kamen aber zu spät: Im Januar 1974 strich das Parlament die Hälfte des Bundesbeitrags an die Filmwochenschau, der seit 1969 pro Jahr 720'000 Franken betragen hatte. Die letzte Ausgabe erschien am 27. März 1975. 

Die Filmwochenschau als historische Quelle

Der vollständig überlieferte Filmkorpus der offiziellen Filmwochenschau umfasst 9000 Beiträge in 1650 Ausgaben mit einer Gesamtdauer von mehr als 200 Stunden. Von der privaten Vorgängerin sind 325 Ausgaben, etwa 15% des Gesamtbestandes, erhalten.

Plakate der Schweizer Filmwochenschau für den Kinoaushang (Sammlung Cinémathèque suisse).
Plakate der Schweizer Filmwochenschau für den Kinoaushang (Sammlung Cinémathèque suisse). […]

Gemäss dem ersten Chefredaktor, Alexis Paul Ladame (1940-1944), präsentierte die Schweizer Filmwochenschau das Gute, Schöne und Positive; während des 2. Weltkriegs habe die Zensur in jede zweite Ausgabe eingegriffen. Zu sehen waren etwa Berichte über die Arbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes oder die Internierung von geflohenen Soldaten, aber keine Bilder von der Abweisung jüdischer Flüchtlinge an den Landesgrenzen. Auch Ladames Nachfolger Hans Laemmel (1944-1961), Charles Cantieni (1961-1966) und Wolf Achterberg (1966-1969) zeigten vornehmlich eine "Sonntagsschweiz" ohne Konflikte und Probleme. Staatlich kontrolliert und subventioniert, widerspiegelte die Schweizer Wochenschau weitgehend die offizielle Politik. Sie war bis Ende der 1960er Jahre vom Sonderfalldenken und von der geistigen Landesverteidigung geprägt, in der Nachkriegszeit dann auch zum Teil mit einer antikommunistischen Stossrichtung (Antikommunismus).

Communiqués und Kommentare zur Schweizer Filmwochenschau Nr. 923 vom 17. Juni 1960 (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, J2.143#1975/35#21#25*).
Communiqués und Kommentare zur Schweizer Filmwochenschau Nr. 923 vom 17. Juni 1960 (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, J2.143#1975/35#21#25*). […]

Etwa 30 Sujets wurden wöchentlich erwogen und davon je nach geografischen und personellen Möglichkeiten 5 oder 6 realisiert. Im Einsatz waren 35mm-Stummfilmkameras, erst nach der Neukonzeption auch leichtere, geräuschgedämpfte 16mm-Kameras. Der Synchronton stellte eine technische Herausforderung dar. Die Geräte waren schwer und teuer. Deswegen wurden die meisten Aufnahmen bis Ende der 1960er Jahre nachträglich vertont. Synchrontonaufnahmen waren meist offiziellen Ansprachen von Mitgliedern des Bundesrats oder sonstigen Persönlichkeiten vorbehalten. Die Kommentare in den drei Sprachen, Musik und Geräusche wurden bei der Cinégram hinzugefügt, wo die Filmwochenschau entwickelt, geschnitten und kopiert wurde. Auf Inszenierung und Dramaturgie wurde Wert gelegt. Der langjährig angestellte Kameramann Franz Vlasak (1949-1975) erklärte 1956, dass 60 bis 70% aller Aufnahmen nachgestellt seien. Ereignisse trügen sich oft in Abwesenheit der Kamera zu und entsprächen auch häufig nicht einer für die filmische Adaption geeigneten Form. Diese Umstände sind bei der Verwendung dieses einzigartigen audiovisuellen Kulturerbes als Quelle in Betracht zu ziehen.

Letzte Ausgabe der Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 1651 vom 27. März 1975 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1651-1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern.
Letzte Ausgabe der Schweizer Filmwochenschau, Ausgabe Nr. 1651 vom 27. März 1975 (Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#1651-1*) © Cinémathèque suisse, Lausanne und Schweizerisches Bundesarchiv, Bern. […]

Quellen und Literatur

  • Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, Stiftung Schweizer Filmwochenschau, Bestand J 2 143. Online: Swiss Archives, konsultiert am 15.5.2019.
  • Cinémathèque suisse, Archiv der Schweizer Filmwochenschau; Fonds Cinégram; Fonds Laboratoire Cinégramm Genève, CSL 015 Fonds Charles-Georges Duvanel, CH CS CSL 003 .
  • Gasser, Bernard: "Ciné-Journal suisse", in: Travelling, 53-54, 1978-1979.
  • Cunéo, Anne:"Ciné-Journal suisse au Féminin", in: Travelling, 58, 1980.
  • Gerdes, Peter: "Ciné-Journal and Neutrality, 1940-1945", in: Historical Journal of Film, Radio and Television, Bd. 5, 1985, S. 19-35.
  • Mazzola, Roberta: La prima annata del Cinegiornale svizzero, Dissertation, Universität Bologna, 1989.
  • Knubel, Laurent: Images et représentation de la Suisse dans les actualités cinématographiques suisses de l'immédiat après-guerre (1945-1950), Lizentiatsarbeit,  Universität Freiburg, 1997.
  • Ladame, Paul Alexis: Une Caméra contre Hitler. Souvenirs du rédacteur en Chef du „Ciné Journal Suisse“ (1939-1945), 1997.
  • Rime, Christophe: Ciné-Journal Suisse, canal d'informations ou outil de propagande gouvernementale? Analyse systématique des numéros cinématographiques du "Ciné-Journal Suisse", d'août à décembre 1940, Lizentiatsarbeit, Universität Genf, 2001.
  • Schärer, Thomas: "Flüchtlinge und Internierte in der Schweizer Filmwochenschau 1940-1945“, in: Hediger, Vinzenz; Sahli, Jan et al.: Home Stories. Neue Studien zu Film und Kino in der Schweiz, 2001, S. 171-184.
  • Fränkel, Rebekka: Bilder der “sonntäglichen Schweiz”. Die Schweizer Filmwochenschau in der Ära des kalten Krieges, Lizentiatsarbeit, Universität Zürich, 2003.
  • Länzlinger, Stefan; Schärer, Thomas: "Stellen wir diese Waffe in unseren Dienst". Film und Arbeiterbewegung  in der Schweiz, 2009, S. 63-67 (mit DVD).
  • Imesch, Kornelia; Lüscher, Mario; Lutz, Nadia: "Audiovisuelle Medien und Intermedialität einst. Konstruktionen kultureller Identität in der „Schweizer Filmwochenschau“, in: Elia-Borer, Nadja; Sieber, Samuel; Tholen, Georg Christoph (Hg.): Blickregime und Dispositive audiovisueller Medien, 2011, S. 223-252.
  • Imesch, Kornelia; Schade, Sigrid; Sieber, Samuel (Hg): Constructions of Cultural Identities in Newsreel Cinema and Television after 1945, 2016.
  • Rüegg, Severin: "Die Schweizer Filmwochenschau zwischen Aufbruch und Ende", in: Hebeisen, Erika; Hürlimann, Gisela; Schmid, Regula (Hg.): Reformen jenseits der Revolte. Zürich in den langen Sechzigern, 2018,  S. 129-138.
Kurzinformationen
Kontext Aktualitätenfilme
Datierung 30.8.1939 - 27.3.1975