de fr it

Architektur

Im Gegensatz zum militärisch verwurzelten, wissenschaftlich-technischen Ingenieurwesen gilt die Architektur sowohl als zweckorientiertes Handwerk wie auch als Disziplin der bildenden Künste. Ihre Ausgestaltung unterliegt Determinanten wie der Wirtschaftsform, der geografischen und geologischen Umwelt, der Gesellschaftsstruktur, der Kulturtradition, subjektiven Aspekten (persönlichen Vorlieben des Erbauers bzw. Auftraggebers), ideologischen Konzeptionen sowie externen Einflüssen. Nach ihrem Zweck werden der Sakral- und der Profanbau (Wehr-, Wohn-, Verwaltungsbau) unterschieden.

Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert

Bauen als Herrschaftspflicht

Bischof Wichardus und der heilige Leodegar übergeben die Luzerner Hofkirche der Jungfrau. Miniatur im Rechnungsbuch des Propstes Heinrich Vogt, 1496 (Staatsarchiv Luzern, Stiftsarchiv im Hof, Cod. 104)
Bischof Wichardus und der heilige Leodegar übergeben die Luzerner Hofkirche der Jungfrau. Miniatur im Rechnungsbuch des Propstes Heinrich Vogt, 1496 (Staatsarchiv Luzern, Stiftsarchiv im Hof, Cod. 104)

Das Bauwesen gehörte seit altersher zu den noblen Aufgaben weltlicher und geistlicher Würdentrager. Bischof Prothasius von Lausanne (um 652) fand anlässlich der Überwachung des Holzschlags für seinen Kirchenbau im Wald bei Bière den Tod. Die Überlieferung dieses tragischen Ereignisses erinnert an Abt Sugers Suche nach geradegewachsenen Stämmen für die Dachkonstruktion der Klosterkirche von Saint-Denis gegen 1144. Einzigartiges Dokument klösterlicher Entwurfstätigkeit ist der um 820-830 von der Reichenau nach St. Gallen gebrachte Klosterplan (Frühmittelalterliche Kunst). Der am Bau der St. Galler Klosterkirche beteiligte Mönch Winihart wurde rühmend "Dädalus" genannt. Für die 1064 geweihte, von Eberhard von Nellenburg gestiftete Klosterkirche Allerheiligen in Schaffhausen war dessen Hofkaplan Liutbaldus als Planer und Bauleiter tätig. In der Folge sind keine Baumeisternamen mehr zu finden, weder für den zweiten Bau von Allerheiligen (1103), noch für die Ableger von Cluny in Rüeggisberg, Romainmôtier und Payerne, für das Zürcher Grossmünster und das Basler Münster. Erst mit den gotischen Kathedralen wie Canterbury werden Architektenpersönlichkeiten fassbar, und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts folgen die ersten bekannten Werkrisse.

Bauleute auf Wanderschaft

Für die grossen Bauprojekte von Klerus und Adel standen oft keine ortsansässigen Bauleute zur Verfügung, diese mussten vielmehr von weit her berufen werden. Am südlichen und nördlichen Alpenrand wählten die Einwohner mancher Dörfer und Talschaften zu ihrem Lebensunterhalt die Spezialisierung auf das Baugewerbe und die Wanderschaft durch Europa, so wie andere als Söldner, Melker, Zuckerbäcker oder Kaminfeger in die Fremde zogen. Familienzusammenhalt und Herkunft blieben wichtig: Um 1146 in Regensburg tätige Bauleute wurden wegen eines Lohnstreits an ihren Herrn, den Bischof von Como, verwiesen. Dadurch wird als Herkunftsregion dieser Bauleute, sogenannten Comasken, die Gegend der oberitalienischen Seen – also auch das Tessin – erkennbar (Maestranze). Bauleute aus dem Misox liessen sich für Jahrzehnte in Bayern oder Österreich nieder und wurden zuletzt dort sesshaft, ebenso Tessiner in Rom. Die Vorarlberger Bauleute des 18. Jahrhunderts wiederum folgten wie eine Kompanie ihrem voranreitenden Werkmeister zum Bauplatz von St. Urban und kehrten im Herbst zurück. Ein von oberitalienischen Bauleuten ausgeführtes Hauptwerk der Romanik in der Schweiz ist das Zürcher Grossmünster, eine Leistung im heimischen Bereich die Renaissancefassade (Renaissance) des Domes in Lugano. Die Funktion des Familiendenkens zeigt auf höchster Ebene der Werkstattclan Domenico Fontana, Carlo Maderno und Francesco Borromini samt ihrem Grab in San Giovanni dei Fiorentini zu Rom.

Zum andern wurde die französische Kathedralgotik in das Gebiet der heutigen Schweiz "importiert" (Gotik). Allein schon der offene Vierungsturm von Lausanne ist ein normannischer Fremdling; Details weisen direkt auf die 1175 durch Wilhelm von Sens begonnene Kathedrale von Canterbury. Bauhütten wie diese waren die "Schulungszentren" der Gotik, und an Klöstern und Pfarrkirchen wie auch an Profanbauten finden sich ihre Ableger. Der Hochadel lieh seine Spezialisten europaweit aus: So finden wir den Architekten Jacques de Saint-Georges in den 1260er Jahren an den savoyischen Burgen Yverdon und Chillon, 1271-1275 als savoyischer Bauinspektor und ab 1278 als Burgenbauer im Dienste des englischen Königs in Wales (Burgen und Schlösser). Der savoyische Hofarchitekt Jean de Liège baute in den 1380er Jahren die Franziskanerkirche in Lausanne um, der Deutschordensbaumeister Johann von Ungarn plante und baute ab 1408 die Kartause in Basel, der Bildhauer und Baumeister Asmus Grasser aus München ab 1487 das St. Galler Kloster Mariaberg-Rorschach.

Schloss Vufflens von Südosten. Fotografie, um 1950 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Schloss Vufflens von Südosten. Fotografie, um 1950 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts, beginnend mit dem Aufbau des Basler Münsters durch Johann von Gmünd nach dem Erdbeben von 1356, setzt eine fast ausschliesslich von deutschen Meistern getragene "Gotisierung" der schweizerischen Kunstlandschaft ein. Mit den Turmpaaren am Basler Münster, am Zürcher Grossmünster und an der Luzerner Hofkirche schuf die Gotik ihre Wahrzeichen. Solche sind auch, nach den Vorbildern in Freiburg im Breisgau und Ulm, die Stadtkirchen mit axialem Frontturm in Freiburg und Bern, Letztere nach dem Plan Matthäus Ensingers ab 1420 erbaut. In der savoyischen Waadt errichteten aus dem savoyischen Piemont kommende Ziegelbrenner (carroniers-maçons) um 1420-1430, zuletzt unter Antoine Carbo von Vigevano, das Schloss Vufflens, und am ebenfalls savoyischen Schloss Chenaux in Estavayer-le-Lac das Vorwerk (châtelet, 1433-1441).

Hof des Stockalperpalasts in Brig (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Hof des Stockalperpalasts in Brig (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Die Spätgotik ist auch eine Blütezeit der Pfarrkirchen: Mehr als ein Dutzend entstand, aussschliesslich durch österreichische Meister, in Graubünden. Zahlreich sind aber auch die spätgotischen Kirchen- und städtischen Profanbauten (Bürgerhaus, Kornhäuser, Markthallen) in der übrigen Schweiz. Die ansehnlichsten Rathäuser, diejenigen in Bern und Basel, waren das Werk oberrheinischer Stadtbaumeister. Selten erscheint dagegen ein Schweizer in Süddeutschland, wie zum Beispiel der Luzerner Hans Maschwander, genannt Schweizer, 1448-1473 Holzwerkmeister in Nördlingen, Schöpfer wichtiger Dachstühle und Begutachter von solchen, zum Beispiel von St. Lorenz in Nürnberg. Gross war der Wirkungskreis von Genfer Architekten: François Cirgat errichtete 1461 die Fassade der Kathedrale von Moûtiers-en-Tarentaise, Georges du Jordil arbeitete 1470-1475 am Frontturm von St. Niklaus in Freiburg, François de Curtine erhöhte die Pfarrkirche von Payerne und schuf 1522-1532 das Schiff von Saint-Martin in Vevey. Andere Teile der Waadt und die Grafschaft Neuenburg waren mehr nach der Freigrafschaft Burgund ausgerichtet. Im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts begann die Wanderschaft von Walsern aus den südalpinen Tälern nach Norden, zuerst aus dem Lystal (Issime, Gressoney), dann aus dem Valsesia (Alagna, Riva, zusammen Prismell genannt). Ulrich Ruffiner aus der ab 1500 in der Westschweiz wirkenden Prismeller Baumeisterfamilie begann um 1505 im Wallis eine reiche Tätigkeit. Die Prismeller beherrschten gotische und Renaissanceformen in gleichem Masse und waren deshalb an zuvor niedergelegten Bauvorhaben willkommen, so am Berner und am Freiburger Münster, wo noch Wölbungen ausstanden. Führend war Daniel Heintz der Ältere, der ab 1559 in Basel und ab 1571 in Bern wirkte. Herausragend sind Jakob Zumstegs gotisches Rathaus 1539 in Sursee, Anton Isenmanns ab 1600 mit mailändischen Werkleuten errichtetes Rathaus in Luzern und in Brig das 1658-1678 von den Gebrüdern Bodmer erbaute Stockalperschloss.

Mit Prismellern in Kontakt waren auch die vor allem nach Deutschland wandernden italienischen Bündner aus dem Misox. Nach Plänen des Malerarchitekten Joseph Heintz baute Gilg Vältin in Neuburg an der Donau zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Rathaus und die Hofkirche. Die Werke der führenden Misoxer Enrico Zuccalli, Giovanni Antonio Viscardi, Gabriele de Gabrieli und Gaspare Giovanni Zuccalli wurden integrierender Bestandteil des bayrisch-österreichischen Hochbarocks (Barock).

Eine Vermittlerrolle spielten auch die deutschen Jesuiten und Barockbaumeister Jakob Kurrer, Christoph Vogler und Heinrich Mayer zwischen 1633 und 1680 mit der Hof-, der Jesuiten- und der Ursulinenkirche in Luzern sowie mit der Jesuitenkirche in Solothurn. Von ihnen lernten die um 1650 zünftisch organisierten Vorarlberger Wandermeister, die in der Folge ein Jahrhundert lang das deutschschweizerische Bauwesen beherrschten. Hauptmeister wie Franz Beer von Blaichten, Caspar Moosbrugger und Peter Thumb verfeinerten ihr Wandpfeilerschema in St. Urban und erfanden eigenwillige Kombinationen von Längs- und Zentralbau für die Stifts- und Wallfahrtskirchen Einsiedeln und St. Gallen.

Hinrichtung von Johannes Fatio 1691 vor dem Basler Rathaus. Radierung 1792 von Daniel Burckhardt, nach einer älteren Vorlage (Staatsarchiv Basel-Stadt, BILD 13, 267).
Hinrichtung von Johannes Fatio 1691 vor dem Basler Rathaus. Radierung 1792 von Daniel Burckhardt, nach einer älteren Vorlage (Staatsarchiv Basel-Stadt, BILD 13, 267). […]

Neben und nach den Vorarlbergern wirkten einzelne Meister und Familien im selben Umkreis, in Zusammenarbeit und Konkurrenz. So der mehr höfisch orientierte Baumeister des Deutschen Ordens, Johann Caspar Bagnato, dessen Projekt für St. Gallen 1750 der Schweiz eine bewegte Rokokokirche gebracht hätte (Rokoko). Pfarrkirchen als Pfeilerhallen und Festsäle bauten ab der Mitte des 18. Jahrhunderts bis tief ins 19. Jahrhundert in gegenseitiger Beeinflussung die aus dem Tirol zugezogene Familie Singer, die mit Beer nach St. Urban gelangten Bregenzer Purtschert sowie ihre klassizistischen Nachfolger (Klassizismus). Andererseits gab es punktuelle Sonderleistungen vereinzelter fremder Meister, verursacht durch eigenwillige Bauherren: in Luzern 1556 der italienische Renaissancepalazzo des Schultheissen Lux Ritter, in Freiburg 1581 das französische Palais des Gardekommandanten Hans Ratze, in Genf an der Kathedrale 1752-1756 der Säulenportikus des grossen piemontesischen Architekten Benedetto Alfieri und die 1578 fertiggestellte Rathausrampe der Gebrüder Nicolas und Jean Bogueret, in Neuenburg 1784-1786 das Rathaus, ein Hauptwerk des französischen Klassizisten Pierre Adrien Pâris. In Solothurn entstand ab 1762 die äusserst repräsentative Stiftskirche St. Ursen nach Plänen von Gaetano Matteo Pisoni aus Ascona, der 1751 die Kathedrale Saint-Aubin in Namur entworfen hatte.

Fragen wir uns angesichts der manchmal fast flächendeckenden Tätigkeit ausländischer Wandertrupps und vereinzelter Berühmtheiten, wie weit daneben einheimische Meister ihren Platz hatten, so zeigen sich sehr unterschiedliche Verhältnisse: Bern besass im 18. Jahrhundert eine stolze Reihe von Architekten – Erasmus Ritter, Niklaus Schildknecht, Niklaus Sprüngli und Albrecht Stürler –, setzte ihnen aber gleichwohl für Staatsbauten berühmte Franzosen wie Joseph Abeille und Jacques Denis Antoine vor die Nase. In Basel wurden die eigenen Kräfte wie Johann Jacob Fechter, Samuel Werenfels und Daniel Büchel geschätzt. In Zürich, wo man – wie Ratsherr Johann Heinrich Holzhalb beim Rathaus 1694 – mit behördlichen Architekturliebhabern baute, ragte das von David Morf 1752-1757 erbaute Zunfthaus "zur Meise" heraus. In Freiburg wirkte einzigartig, aber nicht als "Stilverspätung", im 17. Jahrhundert der Bildhauer und Barockgotiker Jean-François Reyff. Genf war mit eigenen und französischen Architekten auf der Höhe Frankreichs.

Die akademische Schulung zum Architekten

Die Zeitenwende um 1800 brachte die Niederlassung ehemaliger Wandermeister und die Reaktivierung alteingesessener Baumeisterfamilien, aber auch die Profilierung aristokratischer, zum Teil dilettantischer Architekten. Der Architektenstand wurde intellektualisiert: Erasmus Ritter und Niklaus Sprüngli absolvierten um 1750 Jacques François Blondels Ecole des Arts in Paris. Der Zürcher Maurerssohn David Vogel wurde in Rom auf Empfehlung Johann Caspar Füsslis durch Johann Joachim Winckelmann in die Kunstwerke allgemein eingeführt, übernahm 1798 das Baudepartement der Helvetischen Regierung und entwarf 1799 in Luzern den Umbau des Mariahilf-Klosters zum Eidgenössischen Nationalpalast. Anspruchsvolle suchten fortan anstelle der gewohnten ausgedehnten Wanderschaften die Ausbildung bei berühmten Architekten wie Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe, Pierre François Léonard Fontaine in Paris, Friedrich Schinkel in Berlin, Leo von Klenze und Friedrich Ritter von Gärtner in München. So widerspiegelt Gustav Albert Wegmanns (alte) Zürcher Kantonsschule schon 1837 Schinkels Berliner Bauakademie von 1832-1835. Vertreter der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind der Klassizist Melchior Berri und der Neugotiker Johann Georg Müller.

Der grundlegende Umbruch erfolgte um die Mitte des 19. Jahrhunderts: 1855 wurde das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich (Eidgenössische Technische Hochschulen) mit einer Architektur- und einer Ingenieurabteilung eröffnet. Der Bautätigkeit, die sich in einem gewaltigen Aufbruch befand, stellten sich zum Teil völlig neue Aufgaben wie der Bau von Bahnhöfen, Fremdenhotels (Hotelbau), Fabriken (Fabrikbauten), Schulhäusern, Spitälern, Verwaltungsgebäuden, Banken, Museen, Theatern, Casinos und Bädern. Ein Glücksfall für die Schweiz, vergleichbar mit den Berufungen der ausländischen Gotik- und Barockarchitekten, war die Tätigkeit Gottfried Sempers in Zürich als Lehrer am Polytechnikum (1855-1871), das er erbaute. Als sein Meisterwerk gilt das Stadthaus Winterthur. Semper war sich als Historiker, Theoretiker und Praktiker von höchstem Rang der Problematik seiner Schöpfungen voll bewusst und verglich sie richtig mit der Situation der römischen Kunst (Historismus (Kunst)). In Lausanne verfügte die Ecole spéciale 1859-1869 über eine Abteilung für Architektur.

Nachdem durch das ganze 19. Jahrhundert die Baustile der Vergangenheit repetiert worden waren, liess sie Karl Coelestin Moser, Nachkomme aargauischer Baumeister und ab 1915 auch Professor an der ETH Zürich, in seinem Œuvre nochmals Revue passieren, doch frei abgewandelt und mit modernem Atem durchdrungen. Zuletzt, 1927, schuf er mit St. Antonius in Basel die erste moderne Betonkirche in der Schweiz.

Das 20. Jahrhundert

Der Völkerbundpalast ist heute europäischer Sitz der UNO. Fotografie, 1995 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Der Völkerbundpalast ist heute europäischer Sitz der UNO. Fotografie, 1995 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Die ETH Zürich wurde im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Ausbildungsstätte für Architektur in der Schweiz, doch besuchten angehende Architekten noch immer bevorzugt auch die Hochschulen in Deutschland (München, Stuttgart, Berlin) und Frankreich (Paris, Ecole des Beaux-Arts). 1942 erhielt die Westschweiz eine eigene Architekturabteilung an der EPUL (seit 1969 ETH Lausanne) und eine Architekturschule (seit 1994 Universitätsinstitut) in Genf. 1996 wurde in Mendrisio die Fakultät für Architektur als erste Fakultät der Universität der Italienischen Schweiz eröffnet. Daneben bilden seit 1874 kantonale Höhere Technische Lehranstalten bzw. Ingenieurschulen (Technikum) gelernte Berufsleute zu Bautechnikern aus. Die Berufsinteressen vertreten namentlich der 1837 in Aarau gegründete Schweizerische Ingenieur- und Architekten-Verein (SIA), der 1908 in Bern gegründete Bund Schweizer Architekten (BSA) und der 1935 in Gümligen gegründete Verband freierwerbender Schweizer Architekten. Der Schweizerische Technische Verband (STV) ist dagegen für die Entwicklung der Architektur im engeren Sinne von untergeordneter Bedeutung. Immer auch schlossen sich einzelne Architekten der 1865 gegründeten Gesellschaft schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten an, wohingegen die Architektinnen zuerst in der Gruppe Kunstgewerbe der 1902 gegründeten Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen Aufnahme fanden, bevor sich ihnen die traditionellen Berufsverbände öffneten. Auf eine erste schweizerische Architekturzeitschrift, "Ehrenberg's Zeitschrift über das gesammte Bauwesen" (1835-1842), folgten als Publikationsorgane der Verbände "Die Eisenbahn" (1874-1882), abgelöst von der "Schweizerischen Bauzeitung" (ab 1883), die 1979 mit dem "Bulletin technique de la Suisse romande" (ab 1900) zum "Schweizer Ingenieur und Architekt" fusionierte, die "Rivista tecnica della Svizzera italiana" (1910-1967), "Das Werk" (seit 1914, vorher ab 1909 "Die Schweizerische Baukunst") und die "archithese" (seit 1972, 1977-1979 "Werk-archithese").

Titelseiten der Zeitschrift Das Werk, Januar 1927 und März 1930 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Titelseiten der Zeitschrift Das Werk, Januar 1927 und März 1930 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Im Spannungsfeld internationaler Einflüsse und nationaler Selbstbestimmung entwickelte die Architektur in der Schweiz sowohl avantgardistische Modernität wie auch regionale Eigenart. Die Erneuerung der bürgerlichen Wohnkultur (Wohnhäuser) erhielt vor dem Ersten Weltkrieg baukünstlerische Anregungen von der englischen Kunstgewerbereform- und der deutschen Werkbundbewegung (Jugendstil, Schweizerischer Werkbund, SWB). Als Lehrer an der ETH vermittelten Karl Coelestin Moser (1915-1928) und Hans Bernoulli (1913-1938) internationales Gedankengut. Bauten der staatlichen und der wirtschaftlichen Repräsentation standen im Einflussbereich der Stuttgarter Schule, des französischen Neoklassizismus oder der oberitalienischen Novecento-Bewegung. Die Schweizerischen Landesausstellungen in Zürich (1883), Genf (1896) und Bern (1914) machten nationales Selbstverständnis in technischen Leistungsschauen und malerischem "Dörfli" (Chalet) architektonisch anschaulich. Der Wettbewerb für den Genfer Völkerbundspalast war 1926-1927 Anlass einer ersten heftigen Auseinandersetzung zwischen den Traditionalisten und den Modernen (Le Corbusier, Hannes Meyer). Mit den professionell eingesetzten Mitteln der Publizistik, des Wettbewerbs, der Ausstellung und des Musterhauses suchten die Architekten des Neuen Bauens in den städtischen Zentren die Aufmerksamkeit breiter Bevölkerungskreise für ihr umfassendes Reformwerk zu gewinnen (Sigfried Giedion, Peter Meyer). Manche Vertreter der Avantgarde erlebten die politischen und kulturellen Verhältnisse in der Schweiz als einengend und suchten Herausforderungen im Ausland (Le Corbusier, Hans Schmidt, Hannes Meyer). Unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs erhielten traditionelle Bauweisen sowie nationalistische und regionalistische Architekturauffassungen ideologische Legitimation (Heimatstil). Im Rahmen nationaler und kantonaler Notstandsprogramme förderte die öffentliche Hand Bauaufgaben von allgemeiner sozialer Bedeutung (Arbeitersiedlungen, gemeinnütziger Wohnungsbau) und legte den Grundstein zur Landesplanung (Armin Meili), in der Nachkriegszeit erweitert zur Regional- und Ortsplanung (Raumplanung). In den 1950er Jahren zeigte die Architektur in der Schweiz ein Bild kontinuierlicher, undogmatischer Modernität und wirkte etwa im Schulhaus- (Alfred Roth) und im Kirchenbau (Hermann Baur, Fritz Metzger, Otto H. Senn) europaweit beispielhaft, während in den Jahren der Hochkonjunktur mit ihrer überbordenden Bautätigkeit (Zersiedelung) baukünstlerische Ansprüche – mit wenigen Ausnahmen (Atelier 5) – hinter die technischen und ökonomischen Anforderungen zurücktraten. Die Belange der Architektur im Sinne der Autonomie der Disziplin bekräftigte seit den mittleren 1960er Jahren in Theorie und Praxis eine Gruppe von Tessiner Architekten (Tita Carloni, Luigi Snozzi, Bruno Reichlin und Fabio Reinhart, Mario Botta), die einen vielbeachteten Beitrag zu einer rationalen Theorie des Territoriums und dessen materieller Geschichte leistete.

Plakat von Peter Hajnoczky, 1977 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat von Peter Hajnoczky, 1977 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Seit den 1980er Jahren sind wieder vermehrt formale Fragen der Architektur in den Vordergrund der Diskussion gerückt: Architektur als Referenzsystem im Sinne der Semiotik, wobei Geschichte (etwa die Geschichte der modernen Architektur bei Roger Diener), kollektive und individuelle Erinnerungsbilder (Miroslav Ŝik, Herzog und de Meuron, Peter Zumthor) oder eine als besonders schweizerisch rezipierte "Einfachheit" der architektonischen Gestalt (in der Tradition von Max Bill) als Leitfiguren wirken. Der internationalen Ausstrahlung der jüngeren Schweizer Architektur entspricht im Zeichen auch kulturell geöffneter Märkte der vielfach spektakuläre Auftritt auswärtiger Meisterarchitekten in der Schweiz (Frank Owen Gehry, Jean Nouvel, Richard Meier).

Quellen und Literatur

Allgemeines
  • Kdm
  • INSA
Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert
  • J. Gantner, A. Reinle, Kunstgesch. der Schweiz, 4 Bde., 1936-62 (21968-)
  • AH 3-4
  • M. Grandjean, «Maçons et architectes "lombards" et piémontais en Suisse romande du XIVe siècle à la Réforme», in Florilegium, 1995, 78-89
20. Jahrhundert
  • J. Gubler, Nationalisme et internationalisme dans l'architecture moderne de la Suisse, 1975 (21988)
  • AH 11
  • Architektenlex.
  • Matière d'art, Ausstellungskat. Paris, 2001
Weblinks

Zitiervorschlag

Reinle, Adolf; Huber, Dorothee: "Architektur", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.04.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010997/2014-04-10/, konsultiert am 06.12.2021.