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Fruchtbarkeit

Bis 1870 kannte die Schweiz wie die meisten Staaten Europas die sogenannte natürliche Fruchtbarkeit, deren Folge eine stete, doch nicht übermässige Zunahme der Bevölkerung war (Natalität). Ehen wurden spät geschlossen (Nuptialität) und häufig durch den Tod eines Ehepartners frühzeitig beendet (Mortalität). Dadurch blieb die Kinderzahl einer Familie auf 4 bis 5 beschränkt. Nach den für das 18. Jahrhundert in 20 Pfarreien des Landes berechneten Fruchtbarkeitsraten hatte eine Frau, die mit 25 Jahren heiratete und deren Ehe mindestens bis zu ihrem 50. Lebensjahr dauerte, zwischen 5 und 8 Kinder, im Mittel 6,4.

Fruchtbarkeit hängt ab von den physiologischen Faktoren der Fortpflanzung und den Umständen, die diese Faktoren beeinflussen, namentlich der Stilldauer, der Kindersterblichkeit und dem Konjunkturverlauf. In Zeiten grosser Bevölkerungskrisen nimmt die Fruchtbarkeit zu; das war zum Beispiel während der Genfer Pestseuche 1636-1640 der Fall. Dieser Umstand lässt auf ein ungenutztes Fruchtbarkeitspotenzial schliessen. Es scheint demnach gewagt zu behaupten, die Menschen früherer Zeiten hätten ihre Geburtenzahl nicht kontrolliert (Geburtenregelung).

Die genannten Faktoren erklären die Unterschiede zwischen den beobachteten Fruchtbarkeitsraten. Offensichtlich spielt zudem auch die Konfessionszugehörigkeit eine Rolle. Die eheliche Fruchtbarkeit ist bei den Katholiken grösser, wird aber ausgeglichen durch spätere Eheschliessung und grössere Kindersterblichkeit. Im 18. Jahrhundert hatten Ehepaare im katholischen Näfels durchschnittlich 7,9, in den umliegenden reformierten Dörfern 6,3 bis 6,6 Kinder. Ein Gefälle wird auch sichtbar im Vergleich von Landschaft und Stadt, wo Ammenstillung und Kindersterblichkeit die Zeitspanne zwischen den Schwangerschaften verkürzten.

Indikatoren der Fruchtbarkeit 1860-2000
Indikatoren der Fruchtbarkeit 1860-2000 […]

In den reformierten Gebieten, in denen die Fruchtbarkeit tiefer lag, wurden ausserdem auch empfängnisverhütende Methoden zuerst angewandt. In gewissen Regionen geschah dies schon sehr früh; dieser Umstand stellt die gängigen Erklärungen des Absinkens der Fruchbarkeitsrate in Frage. So erscheint in Zürich wie in Genf die Geburtenkontrolle schon Ende des 17. Jahrhunderts. In manchen ländlichen Gebieten ist sie Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts bezeugt, so im Waadtländer und Neuenburger Jura, im Freiburger Wistenlach, in der Genfer Landschaft und in einigen Glarner Gemeinden.

An der Wende zum 20. Jahrhundert wurde der Rückgang der Fruchtbarkeit unumkehrbar und, trotz vereinzelter Aufschwünge, allgemein. Gesamtschweizerisch gerechnet, sank die eheliche Fruchtbarkeitsrate (Anzahl lebendgeborener legitimer Kinder auf 1000 verheiratete Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren) von 252 in den Jahren 1876-1880 auf 219 1901-1905, 172 1911-1915, 123 1929-1932. Mit dem Fruchtbarkeitsindex (Ig), berechnet durch Vergleich der ehelichen Geburtenzahl einer bestimmten Bevölkerung mit der Geburtenzahl, die sie mit einer natürlichen Fruchtbarkeit hätte (als Referenz dafür dient die Geburtenzahl der Hutterer, einer Gemeinschaft nordamerikanischer Wiedertäufer), lässt sich der chronologische Ablauf des Rückgangs deutlich machen. Um 1860 bewegten sich die Indexwerte je nach Kanton zwischen 0,6 und 0,9; Genf mit 0,47 bildete eine Ausnahme. 1900 waren die Unterschiede grösser: ausgewiesen sind für Genf 0,3, für Glarus 0,45, für Freiburg und Uri noch über 0,8. 1930 war der Tiefpunkt erreicht, doch die Abstände bestanden weiter.

Die Nuptialität trägt wesentlich zur allgemeinen Schwäche der Fruchtbarkeit in der Schweiz bei, die nach Frankreich die zweitniedrigste der westlichen Länder ist. Die Kinderzahl, die in den 1870er Jahren noch 4 pro Frau betrug, nahm bis 1900 langsam ab und erreichte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs 3. Seit 1932 ermöglicht es der Konjunkturindex der Fruchtbarkeit (mittlere Anzahl Kinder pro Frau), deren Schwankungen zu verfolgen: den sogenannten Baby-Boom ab Kriegsbeginn, die Trendwende 1965 und den Tiefstand von 1,5 Kindern pro Frau (Ausländerinnen inbegriffen) seit etwa zwanzig Jahren. Mit diesem Stand ist die Erneuerung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet.

Quellen und Literatur

  • F. van de Walle, One Hundred Years of Decline: the History of Swiss Fertility from 1860 to 1960, 1977
  • P. Festy, La fécondité des pays occidentaux de 1870 à 1970, 1979
  • O. Blanc et al., Les Suisses vont-ils disparaître?, 1985
  • P. Wanner, P. Fei, Fruchtbarkeit in den Schweizer Gem., 1970-2000, 2004
Weblinks

Zitiervorschlag

Alfred Perrenoud: "Fruchtbarkeit", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 29.10.2009, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011011/2009-10-29/, konsultiert am 15.08.2022.