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Almanache

Kalenderblatt für das Jahr 1552, Monate Januar bis März. Holzschnitt gedruckt bei Eustachius Froschauer, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).
Kalenderblatt für das Jahr 1552, Monate Januar bis März. Holzschnitt gedruckt bei Eustachius Froschauer, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum).

Das Wort Almanache stammt wahrscheinlich aus dem Syrischen ("das nächste Jahr") und kam über arabische Quellen im Hochmittelalter in die europäischen Sprachen. Charakteristisch ist die Verbindung von kirchlichem Festkalender (Kirchenjahr) mit astronomischen Angaben und astrologischen Voraussagen und Ratschlägen (Astrologie). Neben handschriftlichen Almanachen finden wir bereits im 15. Jahrhundert in der Schweiz erste gedruckte Kalender, so einen deutschen Einblattdruck auf das Jahr 1482 in Zürich und 1497 in Genf den "Compost et Calendrier des Bergiers". Seit dem 16. Jahrhundert dominieren die Jahreskalender, die "ewigen Kalender" – oft grossformatige Einblattdrucke – treten in den Hintergrund.

Hausierer mit Flugblättern. Aquarell über Feder von F. L. Steiger, 1783 (Burgerbibliothek Bern).
Hausierer mit Flugblättern. Aquarell über Feder von F. L. Steiger, 1783 (Burgerbibliothek Bern). […]

Almanache gehörten zu den wichtigsten populären Lesestoffen. Oft von Hausierern vertrieben, erreichten solche Almanache alle Gegenden des Landes und alle sozialen Schichten. Neben den üblichen Angaben zum Kalender, den Fest- und Feiertagen, den Angaben zu Ort und Zeit der lokalen und regionalen Märkte, enthalten sie astrologische Hinweise für die bäuerliche Arbeit und zum Gesundheitswesen (Aderlass). Erbauliche und unterhaltende Beiträge, sowie Berichte von spektakulären Ereignissen (Schlachten, Todesfälle, Verbrechen) und einfache Holzschnitte ergänzen den kalendarischen Teil.

Zu den bekanntesten Almanachen gehört der seit 1677 in Deutsch, seit 1707 auch in Französisch erscheinende Hinkende Bote ("Messager boiteux"). Er prägte bis in die jüngste Zeit das Erscheinungsbild des populären Kalenders. Ein erster Tessiner Almanach "La scuola di Minerva" erschien 1746 in Lugano, der älteste bekannte rätoromanische Kalender "Nova Pratica" 1771 in Disentis. Neben diesen sogenannten Bauernkalendern finden wir seit dem 16. Jahrhundert auch Schreibkalender als Beispiele früher Agenden. Wichtig wurden – als Vorläufer der späteren Staatskalender – die "Regimentskalender", die seit dem 17. Jahrhundert die politischen, militärischen und geistlichen Ämterlisten aufführten.

Im 19. Jahrhundert erlebten die Almanache einen ungeheuren Aufschwung. Verbesserte Druck- und Reproduktionstechniken erlaubten es, eine sehr breite Leserschaft zu günstigem Preis mit Informationen aus aller Welt und Unterhaltung zu versorgen. Die Pressefreiheit förderte die Entfaltung von konfessionell und politisch engagierten Almanachen; sie wurden zu wichtigen Medien der politischen Meinungsbildung. Hervorragendes Beispiel eines politisch engagierten Almanachs ist der "Schweizer Bilder-Kalender" (Disteli-Kalender) von Martin Disteli, der zwischen 1834 und 1847 in Auflagen von bis zu 20'000 Exemplaren erschien. Neben den Nachfolgern der alten "Bauernkalender" (der "Hinkende Bote" erscheint bis heute), setzten sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in verstärktem Masse Almanache durch, die gezielt eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ansprechen, so Altersgruppen, Interessen- und Berufsverbände. Von Bedeutung sind heute Almanache vor allem noch als verbindende Publikationen im regionalen und lokalen Rahmen.

Als Almanache im engeren Sinne wurden seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert kleinformatige Jahrbücher bezeichnet, die nach dem Vorbild des französischen "Almanach des muses" (ab 1765) und den verschiedenen deutsche Musenalmanachen und sogenannten Taschenbüchern (ab 1770) vor allem Gedichte, kleine Prosastücke belehrenden, literarischen erbauenden und unterhaltenden Inhalts, Illustrationen und manchmal auch Musikstücke vereinigten. Der kalendarische Teil trat in diesen Almanachen immer mehr in den Hintergrund. Als erster Almanach dieses Typus in der Schweiz gilt die vom Zürcher Johannes Bürkli 1780, 1781 und 1783 herausgegebene "Schweizerische Blumenlese". Ebenfalls von 1780 an erschien Salomon Gessners "Helvetischer Calender", der bis 1798 das literarische Leben der Deutschschweiz mitprägte. Die Tradition des Musenalmanachs nahmen 1811 die Alpenrosen auf. In der französischsprachigen Schweiz wurden die "Etrennes helvétiennes et patriotiques" richtungweisend, die Philippe-Sirice Bridel ab 1783 in Lausanne herausgab.

Etrennes helvétiennes et patriotiques, pour l'an de Grâce 1789, Nr. VII, Lausanne 1788 (Musée historique de Lausanne).
Etrennes helvétiennes et patriotiques, pour l'an de Grâce 1789, Nr. VII, Lausanne 1788 (Musée historique de Lausanne). […]

Diese Almanache, die zwischen 1770 und 1830 ihre grösste Verbreitung fanden, verdankten ihren Erfolg einem neuen Leseverhalten, das vermehrt nach kleinformatigen Büchern und auch im Literarischen kleinen Formen den Vorzug gab. Almanache sind Zeugen neuer Orte und Zeiten des Lesens und neuer Gruppen von Leserinnen und Lesern. Sie waren oft die Zielscheibe einer moralisierenden Kritik, die die "Leseseuche", von der man annahm, dass sie besonders auch unter den Frauen grassierte, und den damit verbundenen Müssiggang geisselten. Nach 1830, in einer sich ändernden gesellschaftlichen Konstellation und in einem neuen verlegerischen und buchhändlerischen Umfeld, verloren die literarischen Almanache an Bedeutung. Eine gezielte Ausrichtung auf Spezialinteressen oder klar umrissene Käuferkreise löste die auf alle Seiten offenen Almanache der Aufklärung und der Romantik ab.

Quellen und Literatur

  • H. Köhring, Bibl. der Almanache, Kal. und Tb., 1929
  • R. Ceschi, «Almanacchi ottocenteschi ticinesi», in L'Almanacco 1, 1982, 105-112
  • M. Schweizer, L'almanach catholique de la Suisse française et quelques autres almanachs édités à Fribourg au XIXe siècle, 1982
  • Y.-G. Mix, Kalender? Ey, wie viel Kalender!, Ausstellungskat. Wolfenbüttel, 1986
  • K. Eder, T. Gantner, Bilder aus Volkskal., 1987, (mit Bibl.)
  • L. Desponds, Messager boiteux, 1996
  • Y.-G. Mix, Almanach- und Taschenbuchkultur des 18. und 19. Jh., 1996
Weblinks

Zitiervorschlag

François de Capitani: "Almanache", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.06.2001. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011207/2001-06-05/, konsultiert am 23.05.2022.