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Saint-MauriceKloster

515 in Acaunum gegründetes Kloster (monasterium sanctorum Acaunensium), ab Mitte des 7. Jahrhunderts exemte Abtei, ab ca. 830 Chorherrenstift, 1128 Gemeinschaft von Augustiner Chorherren, seit 1993 Gebietsabtei. Anfang des 11. Jahrhunderts übernahm der Ort den Namen der Abtei.

Gegen 380-390 exhumierte Theodul, erster Bischof des Wallis, bei Vérolliez die Gebeine der Soldaten der Thebäischen Legion und überführte sie an den Fuss des die Ortschaft Acaunum überragenden Felsen. In der burgundischen Zeit wurde der Ort zum beliebten Wallfahrtsziel. Wahrscheinlich entstand schon im 4. Jahrhundert eine erste Gemeinschaft mit Pilgerherberge.

Zwischen Mai und Juni 515 gründete Sigismund, der spätere Burgunderkönig, die Abtei. Die Weihe fand am 22. September in Gegenwart des heiligen Avitus von Vienne statt. Die Wahl des vom Arianismus übergetretenen Hymnemodus zum ersten Abt deutet wohl darauf hin, dass das römisch-katholische Bekenntnis noch arianischen Burgundern näher gebracht werden sollte. Mit der laus perennis führte Sigismund einen liturgischen Brauch der Ostkirche ein, den andauernden Wechselgesang mehrerer Mönchschöre zum Lobe des Herrn, der bis ins 8. Jahrhundert praktiziert wurde. Nach 534 unterstützten auch die Merowingerkönige das Kloster. Andere geistliche Institutionen in Frankreich übernahmen die Regel von Saint-Maurice. Unter Karl Martell leitete Herzog Norbert, vermutlich ein Laie, die Abtei, was als Zeichen des Niedergangs zu deuten ist.

Der heilige Mauritius zu Pferd auf einer der Kopfseiten des Reliquienschreins genannt "Kinder des heiligen Sigismund" (Schatz der Abtei Saint-Maurice; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Der heilige Mauritius zu Pferd auf einer der Kopfseiten des Reliquienschreins genannt "Kinder des heiligen Sigismund" (Schatz der Abtei Saint-Maurice; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Gegen 830 reformierte Ludwig der Fromme das Kloster. In der Folge entwickelte sich die Mönchsgemeinschaft zum säkularen Chorherrenstift. Spätestens ab 857 wurde die Abtei durch Laienäbte geleitet, ab 867 von den Welfen, die 888 Könige Hochburgunds wurden. Rudolf I. und Rudolf II. wählten die Abtei, in der sie sich als Könige häufig aufgehalten hatten, als ihre letzte Ruhestätte. Im Jahr 1000 trat König Rudolf III. die Abtwürde seinem Halbbruder Burkhard, Bischof von Lyon, ab. Obwohl diese Zeit in der Forschung lange als Periode des Niedergangs galt, erlebte die Abtei um die Wende des 10. zum 11. Jahrhundert eine Zeit der Blüte. 1128 ersetzte Amadeus III. von Savoyen, der Kastvogt der Abtei, im Rahmen einer umfassenden Reform des Klosters die weltlichen Kanoniker durch Augustiner Chorherren, deren Regel zu gemeinschaftlichem Leben in Armut verpflichtete. Die Leitung oblag zuerst einem Prior, ab 1147 einem Abt.

Bis 1476 bedachten die Savoyer, denen mehrere Äbte von Saint-Maurice als Berater dienten, den Konvent grosszügig mit Vergabungen. Danach gelangte Saint-Maurice unter die Herrschaft der Walliser Zenden, die auch in die Abtwahl eingriffen. 1571 stellte der Abt die Abtei unter den Schutz des Bischofs von Sitten und des Walliser Landrats. 1798 untersagte ihr die Regierung der Helvetischen Republik die Aufnahme von Novizen. 1810-1813 – damals zählte Saint-Maurice zum französischen Departement Simplon – war die Abtei mit dem Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard zusammengelegt, wobei Letzteres eine gewisse Vorrangstellung genoss. 1840 erhielt der Abt den Titel des Bischofs von Bethlehem, den er bis 1987 führte. Seit 1959 gehört Saint-Maurice zur Konföderation der Augustiner Chorherren. Direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt, ist es heute eine Gebietsabtei. Ihr 1933 festgelegtes Gebiet wurde 1993 beschränkt; es umfasst die Klosterhaupt- und -nebengebäude sowie die Pfarrei Saint-Sigismond in Saint-Maurice sowie die Pfarreien Vernayaz, Salvan und Finhaut. Der Abt ist Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz.

Die Verehrung der thebäischen Märtyrer setzte rasch nach der Entdeckung der Gebeine ein. Nach 515 ist der Kult vielerorts zwischen dem Massif central und der Maas nachweisbar. Im 10. und 11. Jahrhundert breitete er sich bis nach Nordosteuropa aus (z.B. ab 937 in Magdeburg). Die Beliebtheit der Märtyrer brachte dem Kloster Saint-Maurice reiche Schenkungen ein; der Klosterschatz besteht aus merowingischen und karolingischen Stücken, zu denen im 12. Jahrhundert der Mauritius- und der Sigismund-Schrein sowie das Candidusreliquiar, ein Werk eines lokalen Goldschmiedeateliers, hinzukamen. Bis Anfang des 13. Jahrhunderts lagen die Überreste von Mauritius und dessen Gefährten in der Krypta des Chors. 1225 überführte sie Abt Nantelmus in einen Schrein neben dem Altar, was der Heiligenverehrung neuen Auftrieb verlieh.

Die erste Kirche am Standort der späteren Abtei wurde Ende des 4. Jahrhunderts an Stelle eines Mausoleums errichtet, das zu einer spätantiken Nekropole gehörte. Diese eng am Felsen gebaute Kirche entstand wahrscheinlich schon in Zusammenhang mit der Hebung der Gebeine durch Bischof Theodul. Ein zweiter Bau wurde nach 515 an die Bedürfnisse des eben gegründeten Klosters angepasst, indem man den Chor erweiterte. Im 7. Jahrhundert wurde ein neues, grösseres Gotteshaus erstellt. Im 8. und 9. Jahrhundert kamen zwei neue Chöre hinzu, von denen der östliche im 10. Jahrhundert aufgegeben und durch einen Frontturm ersetzt wurde. 1148 weihte Papst Eugen III. die neue Kirche des 1128 reformierten Klosters. Wegen häufiger Felsstürze wurde die Kirche 1627 an den heutigen Standort verlegt, wobei das neue Schiff von Norden nach Süden verläuft. 1693 verwüstete ein Brand zahlreiche Gebäude der Abtei, die Anfang des 18. Jahrhunderts wieder aufgebaut wurden. 1942 zerstörte ein Felssturz Kirchturm und Vorhalle. Nach Renovation und Ausbau wurde die Kirche 1948 zur Basilica minor erhoben und 1949 geweiht.

Vom Ende des 9. bis zum 14. Jahrhundert besass die Abtei das Kanzleirecht, das ihr ermöglichte, jegliche Urkunden durch ihr Siegel zu beglaubigen. Von Anfang an war sie reich ausgestattet. Ihr Besitz lag damals in den Diözesen Lyon, Vienne, Grenoble, Genf, Besançon, Lausanne, Sitten und Aosta. Unter den hochburgundischen Königen verfügte sie über Güter im Chablais, zwischen Broye und Saane, am Genfersee und um Salins in der Freigrafschaft Burgund. Einzelne weitere Domänen befanden sich bei Pavia und entlang der Route nach England. Nach 1128 versuchte die Abtei, früher veräusserten Besitz wieder zu erlangen (1138 Salvan, 1143 die Propstei Bagnes). In entfernteren Domänen in Frankreich, in der Tarentaise und im Chablais (Aigle, vor 1234 bis 1528) entstanden Priorate. Einige Häuser, welche die Regel von Saint-Maurice übernahmen, hielten die Beziehungen mit der Mutterabtei aufrecht, zum Beispiel Senlis bei Paris (Gründung 1262 durch König Ludwig IX.) und Ripaille (Gründung 1410).

Im Lauf der Reformation büsste Saint-Maurice 1528 die geistlichen Herrschaftsrechte im Gouvernement Aigle ein, behielt aber seine weltlichen Rechte, die es von nun an als Lehen von Bern empfing. Infolge der Verdichtung der staatlichen Strukturen in der frühen Neuzeit verlor das Kloster weitere Rechte in Bagnes, Vouvry, Lully, Oron und Saint-Aubin (heute Gemeinde Saint-Aubin-Sauges). Die Helvetische Republik hob die Herrschaftsrechte von Saint-Maurice endgültig auf. Nach dem Sonderbundskrieg musste die Abtei mehrere Güter verkaufen, um die den besiegten Orten auferlegte Kriegsentschädigung zu begleichen.

Im 20. Jahrhundert verdankte die Abtei ihre Bekanntheit ihrem Kollegium. Schon ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts beanspruchte der Abt das Recht, die Schulmeister der Region zu ernennen. Im 16. Jahrhundert forderte die Regierung des Wallis die Eröffnung einer Stadtschule, für die auch die Abtei aufkommen musste; sie wurde in den Revolutionswirren wieder aufgegeben. Im November 1806 wurde ein neues Institut unter Oberaufsicht der Abtei eröffnet. Die Schulgebäude wurden 1893, 1914-1915 und 1962 erstellt. Nach 1945 gab die Abtei die Führung externer Institute wie der Grande Ecole in Bagnes, des Collège Saint-Charles-Schule von Pruntrut, der Industrieschule in Siders und der Schule in Pollegio auf und konzentrierte sich wieder auf die Schule in Saint-Maurice. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden das Kollegium mit rund 1000 Schülerinnen und Schülern – Mädchen sind seit 1969 zugelassen – sowie das Internat noch von der Gemeinschaft verwaltet. Diese bestand aus ca. 50 Brüdern, darunter einige Konversen, die unter der Leitung eines Abts und eines Klosterpriors leben. Die Chorherren waren auch missionarisch tätig, so 1854-1856 in Algerien und 1934-1974 in Indien. Sie betreuen weiterhin einige Pfarreien im Wallis und im Waadtländer Chablais. Die Abtei geniesst heute noch ein grosses Renommee, zu dem auch die Online-Digitalisierung ihres Archivs beiträgt, die dank einer im Jahr 2000 gegründeten Stiftung möglich wurde.

Quellen und Literatur

  • HS IV/1, 279-494
  • A. Antonini, «Les origines du monastère de S. d'Agaune», in Mauritius und die Thebäische Legion, hg. von O. Wermelinger et al., 2005, 331-342
  • J. Roduit, G. Stucky, Die Basilika der Abtei Saint-Maurice, 2005
  • L'abbaye de Saint-Maurice d'Agaune, 515-2015, hg. von B. Andenmatten et al., 2 Bde., 2015
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Germain Hausmann: "Saint-Maurice (Kloster)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 30.07.2015, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011411/2015-07-30/, konsultiert am 17.05.2022.