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Mystik

Es gibt weder eine einheitliche Definition von Mystik, noch herrscht Übereinstimmung hinsichtlich dessen, was in Abgrenzung zu Philosophie, Theologie oder Spiritualität als Mystik zu bezeichnen wäre. Sprachlich abgeleitet vom griechisch-lateinischen Adjektiv mysticus (verborgen, geheimnisvoll), das im christlichen Mittelalter im Zusammenhang mit der Sakramentenlehre und Ekklesiologie (der «mystische Leib» des Herrn), der Bibelexegese (der «mystische Schriftsinn») und der «mystischen Theologie» des Dionysius Areopagita (um 500) verwendet wurde, umfasst der neuzeitliche Begriff der Mystik im weiteren Sinn auch Einheitslehren anderer Religionen und Kulturkreise. Bezogen auf den christlichen Bereich kann zur Mystik gezählt werden, was auf die Aufhebung der Differenz zwischen Gott und Mensch zielt, wobei das subjektive Moment der persönlichen Gotteserfahrung jeweils unterschiedlich gewichtet wird (Christentum).

Mittelalterliche Mystik

Grundlegend für die Ausbildung einer mystischen Lehre sind die neuplatonisch-christlichen Schriften des Dionysius Areopagita. Sie wurden um 860 durch Johannes Scotus Eriugena ins Lateinische übertragen und kommentiert, entfalteten ihre Wirkung aber erst im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts. Sowohl die Augustinerchorherren Hugo und Richard von St. Viktor (Paris) wie die Schultheologie der Franziskaner und Dominikaner standen unter dem Einfluss des dionysischen Denkens. Er ist besonders ausgeprägt bei der von Albertus Magnus ausgehenden deutschen Dominikanerschule mit ihren Hauptvertretern Ulrich von Strassburg, Dietrich von Freiberg, Meister Eckhart, Heinrich Seuse und Johannes Tauler. Neben der neuplatonischen Lehre vom Ausgang und Rückfluss der menschlichen Natur in ihren göttlichen Ursprung behauptete sich im Spätmittelalter auch die Mystik der Zisterzienser und Viktoriner.

Die für die Brautmystik konstitutiven Hohenliedpredigten Bernhards von Clairvaux waren schon im 12. Jahrhundert in das Benediktinerkloster Engelberg gelangt. Bernhard hatte die Begegnung zwischen Braut und Bräutigam im moralisch-tropologischen Sinn als ein innerliches Geschehen zwischen Gott und menschlicher Seele gedeutet. Durch das Mitleiden mit dem Gekreuzigten wird die Seele teilhaftig der Liebe Gottes und zur Liebeseinigung mit dem göttlichen Bräutigam geleitet. All diese verschiedenen Traditionsströme flossen im 14. Jahrhundert zusammen und wurden umgesetzt in die volkssprachliche Predigt und eine mystische Erbauungsliteratur, die es sich auch zur Aufgabe machte, gegen die pantheistische Vergottungslehre der Häresie des Freien Geistes Position zu beziehen. Sie richtete sich an Ordensfrauen und an Beginen und Begarden, in ländlichen Gebieten an Waldschwestern und Waldbrüder, ab dem Ausgang des 14. Jahrhunderts auch an Angehörige der städtischen Oberschicht. Als Vermittler und Übersetzer mystischer Literatur sind in erster Linie die Dominikaner und die von ihnen betreuten Frauenklöster zu nennen. Die Nonnenseelsorge regte die Literaturproduktion in den ältesten Dominikanerinnenklöstern St. Katharinental, Töss und Oetenbach an. Die Offenbarungen der Oetenbacher Schwester Elsbeth von Oye aus den 1330er Jahren sind Ausdruck einer extremen Passionsfrömmigkeit, die der selbst erfahrenen Leidensaskese die neuplatonische Möglichkeit eines «wieder Einfliessens in die göttliche Natur» zuerkennt.

Die Offenbarung der Elsbeth von Oye. Volkssprachliches Autograf aus den 1330er Jahren (Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 159, S. 48-49).
Die Offenbarung der Elsbeth von Oye. Volkssprachliches Autograf aus den 1330er Jahren (Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 159, S. 48-49). […]

In Töss entstand, vielleicht unter Mithilfe der Zürcherin Elsbeth Stagel, die älteste Handschrift von Heinrich Seuses «Büchlein der Ewigen Weisheit». Der ehemalige Stadtschreiber von Luzern, Johannes Friker, schenkte sie 1378 den Benediktinerinnen von St. Andreas in Engelberg, für die er noch andere Erbauungsbücher schrieb. Friker war auch beteiligt an der ältesten Handschrift des sogenannten Engelberger Predigers, die mystisches Gedankengut enthält.

Beziehungen Engelbergs zu elsässischen «Gottesfreunden» im Umkreis des Strassburger Johanniterklosters Zum Grünen Wörth bestanden unter Prior Johannes von Bolsenheim (um 1391). In Basel wurde der älteste erhaltene lateinische Text der Offenbarungen Mechthilds von Magdeburg ins Hochalemannische übertragen, offenbar gleichzeitig mit den «siben strassen zu Gott» des Strassburger Franziskaners Rudolf von Biberach (nach 1326). Beide Handschriften gelangten auf Vermittlung des Basler Chorherrn Heinrich von Rumersheim um 1404 als Vermächtnis der Basler Begine Margaretha zum Goldenen Ring an die vier Häuser der Waldschwestern in Einsiedeln (Stiftsbibliothek Einsiedeln, Codex 277 und 278). Der Basler Franziskanerlektor Otto von Passau beendete 1386 sein Werk «Die 24 Alten oder der goldene Thron der minnenden Seele». An der Überlieferung dieser Literatur hatten die verschiedenen Observanzbewegungen des 15. Jahrhunderts massgeblichen Anteil. In St. Gallen ist der Einfluss der Devotio moderna und der Benediktinerreform spürbar. Dort legte das reformierte Dominikanerinnenkloster St. Katharinen eine umfangreiche Bibliothek mit mystischen Texten an. Sie überliefert auch die Schwesternbücher von Oetenbach, Töss und St. Katharinental, die nur in Redaktionen aus dem 15. Jahrhundert, etwa denen von Johannes Meyer, bekannt sind. Das Innerschweizer Eremitentum (Eremiten) wurde durch Niklaus von Flüe neu belebt. Seine Rolle als Friedensstifter der Eidgenossenschaft gründete auf seinem Ansehen als gnadenvoller Mystiker.

Mystik der Neuzeit

Die katholischen Orte waren früh um eine Förderung des Kultes von Bruder Klaus bemüht. Der 1580 in Freiburg weilende Jesuit Petrus Canisius veranlasste den Druck der Niklaus von Flüe zugeschriebenen «92 Betrachtungen», in denen auch eine Kurzfassung des «Grossen Gebets der Eidgenossen» enthalten war, also jener Gemeinschaftsandacht des Landes Schwyz, die aus der Fürbitte der Benediktinerinnen von St. Andreas in Engelberg hervorgegangen war. In der Westschweiz stellte Franz von Sales seine «Abhandlung über die Gottesliebe» in den Dienst des Glaubenskampfes. Schweizer Frauenklöster, die die Reformation überlebt hatten, pflegten die Tradition der mittelalterlichen Mystik weiter.

In den reformierten Gebieten der Schweiz übernahm seit Ende des 17. Jahrhunderts der Pietismus mystisches Gedankengut, während sich die herrschende Staatskirche ablehnend verhielt. Unter dem Einfluss radikalpietistischer Kreise in Deutschland, England und den Niederlanden wurden neben Erbauungsbüchern der protestantischen Mystik wie derjenigen von Jakob Böhme und Johann Arndt auch die Predigten Johannes Taulers und andere spätmittelalterliche Werke zur Mystik rezipiert. Das Thema der geistigen Vermählung zwischen Christus und der Seele fand Eingang in die Predigten des 1699 suspendierten Berner Theologen Christoph Lutz. In den 1715-1719 gehaltenen Inspirationsreden Ursula Meyers aus Thun («Ein himmlischer Abendschein», 1781) verbanden sich chiliastische Vorstellungen von der Wiederkunft Christi mit dem Gedanken der liebenden Vereinigung von Geschöpf und Schöpfer.

Im 19. Jahrhundert setzte mit Carl Johann Greith, dem späteren Bischof von St. Gallen, die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Mystik ein. Im 20. Jahrhundert führte Walter Muschg den religionswissenschaftlichen Ansatz («Religion als Urerfahrung») in die Diskussion ein, während der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar und die von ihm geistlich betreute Basler Ärztin Adrienne von Speyr erneut den kirchlichen Sendungsauftrag der Mystik betonten. Um die Texterschliessung mittelalterlicher Mystik haben sich die Schweizer Germanisten Kurt Ruh und Alois Maria Haas besonders verdient gemacht. Wichtige Impulse zu einer Neubeurteilung der Mystik vermittelt auch die philosophische Beschäftigung mit der deutschen Dominikanerschule.

Quellen und Literatur

  • C. Greith, Die dt. Mystik im Prediger-Orden, 1861
  • W. Muschg, Die Mystik in der Schweiz 1200-1500, 1935
  • VL 2, 532-535; 3, 282-284, 845-852; 6, 260-270; 7, 230-234; 8, 312-321
  • K. Ruh, Gesch. der abendländ. Mystik, 4 Bde., 1990-99
  • TRE 23, 533-597
  • Gesch. des Pietismus 2, hg. von M. Brecht, K. Deppermann, 1995
  • HS IV/5
  • Dt. Mystik im abendländ. Zusammenhang, hg. von W. Haug, W. Schneider-Lastin, 2000
  • I. Noth, Ekstat. Pietismus, 2005
Weblinks

Zitiervorschlag

Martina Wehrli-Johns: "Mystik", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011416/2010-09-02/, konsultiert am 02.12.2022.