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Deismus

Titelseite des 1738 in Amsterdam anonym veröffentlichten Werks von Marie Huber (Bibliothèque de Genève).
Titelseite des 1738 in Amsterdam anonym veröffentlichten Werks von Marie Huber (Bibliothèque de Genève).

Der Begriff Deismus findet sich bereits 1563 bei Pierre Viret, doch die Bewegung der Deisten erlebte ihren Aufschwung erst im 17. und 18. Jahrhundert. Der Deismus war zunächst vor allem in England lebendig, wo Herbert von Cherbury, Matthew Tindal, John Toland und Anthony Collins die geistigen Grundlagen schufen. Deren Werke verursachten einen Skandal. Obwohl es innerhalb der Bewegung sehr unterschiedliche Ausrichtungen gab, war der Deismus von einer heftigen Polemik gegen die biblische Offenbarung und gegen die Amtskirche gekennzeichnet. Er ging von einer Naturreligion aus, zu der der Mensch allein durch den Gebrauch seiner Vernunft finden kann. Zwar beriefen sich die Anhänger des Deismus auf John Locke und dessen vernünftiges und tolerantes Christentum, entfernten sich aber durch die Radikalität ihrer Äusserungen von ihrem Vorbild. Die Apologeten des Christentums stellten die Deisten den Atheisten (Atheismus) gleich, obwohl diese keineswegs die Existenz Gottes verneinten. Sie prangerten jedoch ohne Nachsicht die angeblichen Widersprüche, ja die Immoralität der Heiligen Schrift an. Diese erachteten sie bestenfalls als widersprüchlich und schlimmstenfalls als eine von der Kirche geschickt ausgenützte Täuschung. Damit verlor die Bibel ihren sakralen Charakter. Dennoch, trotz Radikalität und polemischer Schärfe, trugen die deistischen Reflexionen über das Alte und das Neue Testmament zur Entwicklung der wissenschaftlichen Bibelkritik bei, vor allem was die Aufklärung der jüdischen und christlichen Ursprünge, die Geschichte des Bibelkanons und die Deutung der Prophezeiungen betrifft.

In der Schweiz kam es erst im 18. Jahrhundert zu Debatten über den Deismus, obwohl bereits im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts gewisse Theologen dessen Gefahr angeprangert hatten. Es waren vor allem die Apologeten des Christentums, an ihrer Spitze Albrecht von Haller, die an dieser Diskussion teilnahmen. Sie wandten sich gegen eine Bewegung, die sich in Europa zunehmend verbreitete, nicht zuletzt dank des grossen Einflusses von Voltaire. In der zeitgenössischen Literatur der Schweiz finden sich hingegen kaum Spuren des Deismus; zu erwähnen wäre allenfalls Jakob Heinrich Meister. Bezeichnenderweise hat sich Jean Salchli, damals Vikar der Lausanner Akademie, in seinem 1756 veröffentlichten apologetischen Werk «Lettres sur le déisme» fast ausschliesslich gegen die englischen Deisten gewendet, wobei er davon ausging, dass diese Denkart eine Religion «à la mode» geworden sei. Am fassbarsten sind deistische Einflüsse im Werk von Marie Huber und Jean-Jacques Rousseau, die beide den grössten Teil ihres Lebens im Ausland verbrachten. Die Genferin Marie Huber veröffentlichte 1738 anonym in Amsterdam die «Lettres sur la religion essentielle à l'homme», die sofort als deistisch galten. Huber verwarf die christliche Theologie, die orthodoxe wie auch die aufgeklärte, und vertrat eine Naturreligion, die sich auf einige Grundwahrheiten beschränkte und weitgehend von der Moral bestimmt wurde. Damit ging Huber weiter als die meisten der genferischen und schweizerischen Protestanten, die für ein vernünftiges Christentum einstanden (Protestantische Orthodoxie, Aufklärung). Rousseau vertrat vor allem im ersten Teil des Werks «Profession de foi d'un vicaire savoyard» einige Standpunkte, die deistischen sehr nahe kamen, und die er mit einem mechanistischen Weltbild in Verbindung brachte. Seine religiösen Überzeugungen entziehen sich jedoch einer genauen Festlegung, zumal er sein deistisches Credo mit Vorstellungen verband, die dem Deismus fremd sind, zum Beispiel jene von der Güte und Vorsehung Gottes.

Quellen und Literatur

  • P. Wernle, Der schweiz. Protestantismus im 18. Jh., 3 Bde., 1923-25
  • H. Vuilleumier, Histoire de l'Eglise réformée du Pays de Vaud sous le régime bernois 4, 1938
  • A. Pintor Ramos, El deismo religioso de Rousseau, 1982
  • M.-C. Pitassi, «Etre femme et théologienne au XVIIIe siècle», in De l'humanisme aux Lumières: Bayle et le protestantisme, 1996, 395-409
Weblinks

Zitiervorschlag

Maria-Cristina Pitassi: "Deismus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 22.08.2005, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011423/2005-08-22/, konsultiert am 29.11.2022.