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Christianisierung

Das Christentum verbreitete sich im Gebiet der heutigen Schweiz über die Strukturen des Römischen Reiches. Dieses wurde im 4. Jahrhundert im Zuge einer Verwaltungsreform in vier Präfekturen, diese in sogenannte Diözesen und diese wiederum in Provinzen aufgeteilt. Das Gebiet der Schweiz gehörte im Wesentlichen sechs Provinzen an. Alte Siedlungen wie Genf, Sitten, Chur oder Basel entwickelten sich zu selbstständigen Civitates, die für den Aufbau von Kirchen und Bischofssitzen (Bistümer) in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts von Bedeutung waren. Weil Romanisierung und Urbanisierung des Landes im Westen und Süden (Mittelland, Genferseebogen, Tessin) ausgeprägter waren als im Osten, verlief die Verbreitung des Christentums nicht linear und erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte.

313 erklärte der römische Kaiser Konstantin das Christentum zur gleichberechtigten Religion, worauf sich die christlichen Gemeinschaften im ganzen Reich entwickeln konnten. Für die Zeit vorher gibt es keine unmittelbaren Zeugnisse, welche die Anwesenheit von Christen in der Schweiz belegen würden. Den tradierten Legenden zufolge kam es hier jedoch zu einem frühen Aufschwung des Christentums. Eine wahrscheinlich aus dem 8. Jahrhundert stammende Legende besagt, dass der englische König Luzius zur Zeit des Apostels Paulus im Gebiet der Schweiz Heiden getauft haben soll. Die Legende vom heiligen Beatus, der als erster Apostel Christi in der Region Thun dargestellt wird, geht auf das 13. Jahrhundert zurück und wurde im 16. Jahrhundert niedergeschrieben. Den Bericht vom Massaker an der Thebäischen Legion bei Acaunum (Saint-Maurice) während der grossen Christenverfolgungen 303-305 hielt Bischof Eucherius von Lyon im 5. Jahrhundert fest. Zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert wurden weitere Märtyrer mit dieser Legende verknüpft: Ursus und Victor in Solothurn, Felix und Regula und später Exuperantius in Zürich sowie Verena in Zurzach. Die Legenden über diese Märtyrer können zwar mit der Entdeckung römischer Gräber in Zusammenhang gebracht werden, gelten aber nicht als zuverlässige historische Zeugnisse für die Anfänge des Christentums in der Schweiz. Sie belegen jedoch die ab dem 4. Jahrhundert bestehenden Bestrebungen zur Schaffung einer christlichen Identität, zu der eine eigene Vergangenheit und Kultstätten gehören.

Das Chi-Rho als christliches Heilszeichen auf einem Zahnstocher des silbernen Tafelgeschirrs von Kaiseraugst aus der Mitte des 4. Jahrhunderts (Augusta Raurica; Fotografie Ursi Schild).
Das Chi-Rho als christliches Heilszeichen auf einem Zahnstocher des silbernen Tafelgeschirrs von Kaiseraugst aus der Mitte des 4. Jahrhunderts (Augusta Raurica; Fotografie Ursi Schild).

Für die Schweiz liegen bezüglich der Verbreitung des Christentums zu Beginn des 4. Jahrhunderts nur wenige materielle Zeugnisse vor; deren Datierung bleibt problematisch. Möglicherweise wurden einige Gegenstände bei ihrer Entdeckung zu weit zurück datiert. Die beiden in Avenches gefundenen Glasbecher mit christlichen Inschriften wurden der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts zugeschrieben. Von ihrer Ausgestaltung her erinnern sie jedoch eher an den Stil, der in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts vorherrschend war. Die ersten christlichen Zeugnisse in der Schweiz müssen archäologisch gründlich überarbeitet werden.

Mehrere Funde belegen jedoch die Präsenz von Christen ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Ein Monogramm Christi wurde auf einem der Geräte des Silberschatzes von Kaiseraugst gefunden, der während der Kämpfe zwischen den Heeren von Magnentius und Constantius II. in der Mitte des 4. Jahrhunderts vergraben worden war. Ein Silberteller mit Christogramm, den Valentinian I. (364-375) einem höheren römischen Beamten vermacht hatte, wurde im Flussbett der Arve gefunden. Zwei Siegelringe mit demselben Motiv wurden in Gräbern aus dem späten 4. Jahrhundert in Arcegno (Gemeinde Losone) und Bellinzona entdeckt. Das Christusmonogramm figuriert auch auf einer Inschrift des Gouverneurs des Wallis von 377. Hierbei handelt es sich um den ältesten datierten Fund.

Sakrale Bauten aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts sind in Genf (unter der Kathedrale Saint-Pierre) und in Martigny bezeugt. Diese belegen eine ähnliche architektonische Entwicklung: Eine Kirche oder ein schlichter Apsidensaal war ursprünglich in eine römische Befestigung, das sogenanne Castrum, integriert. An der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert wurde der sakrale Raum vergrössert und vom profanen Bereich getrennt. Die ersten Beispiele von Kirchen, die wie in Zurzach in einem Castrum angelegt sind, werden dieser Epoche zugeschrieben. In den meisten dieser Baukomplexe wurden Baptisterien nachgewiesen, was die zentrale Bedeutung der Taufe für die Urkirche belegt. Die bischöfliche Tradition geht ebenfalls auf die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zurück. Iustinianus wird 346 als Bischof der Rauraker am Kölner Konzil erwähnt, er könnte mit dem Bistum Augst in Verbindung gestanden haben. Die Liste der Bischöfe von Octodurus (Martigny) beginnt 381 mit Theodor, Genfer Bischöfe sind ab 400 bekannt. Der Bischofssitz Chur ist ab Mitte des 5. Jahrhunderts belegt. Hingegen ist vor 517 kein Name für das Bistum der Civitas der Helvetier bekannt. Seine Lokalisierung ist weiterhin umstritten. Möglicherweise wurde es im Lauf der Zeit nach Lausanne verschoben.

Kopfreliquiar des heiligen Candidus. Getriebenes und ziseliertes Silber, um 1150 (Schatz der Abtei Saint-Maurice; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Kopfreliquiar des heiligen Candidus. Getriebenes und ziseliertes Silber, um 1150 (Schatz der Abtei Saint-Maurice; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Der Märtyrerkult verdeutlicht den Aufschwung einer populären christlichen Frömmigkeit. Gläubige konnten auf ihren Wunsch hin in Kapellen bestattet werden, die zum Andenken an die verehrten Märtyrer errichtet worden waren. Die Kirche Saint-Gervais in Genf und die grosse Friedhofskirche Sous-le-Scex in Sitten erfüllten diesen Zweck. Bekanntestes Zeugnis des Märtyrerkults ist die kleine Basilika in Acaunum (Saint-Maurice), die auf Anregung des Bischofs von Octodorus im späten 4. Jahrhundert zur Beisetzung der Reliquien der Soldaten der Thebäischen Legion errichtet wurde. Die noch heute um die Historizität des Märtyrertods der Thebäer geführte Debatte ist zweitrangig angesichts der Bedeutung, die die Basilika schon früh als Pilgerort erlangte.

In Graubünden verlief die Christianisierung im 5. Jahrhundert intensiv. Zahlreiche Sakralbauten wurden errichtet und die christlichen Gräberfelder vergrössert (wie jenes in Bonaduz, das 720 Gräber zählte). Die grosse Taufkapelle in Riva San Vitale (um 500) im Tessin spricht ebenfalls für die wachsende Anzahl der Gläubigen. Unter dem Einfluss der Klöster im französischen Jura, allen voran jenem von Condate (Saint-Claude), entstanden auch in der Schweiz einige Klostergemeinschaften. Die Ansiedlung der Burgunder in der Mitte des 5. Jahrhunderts förderte diese Bewegung. Die Burgunderkönige, die zwar Christen waren, jedoch dem häretischen Arianismus anhingen, traten auf Druck ihrer Gattinnen und des Klerus zum katholischen Bekenntnis über. Mit Hilfe der Kirche festigten sie ihre Macht gegenüber den herrschenden katholischen Schichten in ihrem Reich. 515 bestimmte der Burgunderprinz Sigismund Acaunum zum religiösen Zentrum. Weitere Klöster wie Romainmôtier sind seit Anfang des 6. Jahrhunderts belegt. Als die Franken 534 über die Burgunder siegten, war das Christentum im Gebiet der heutigen Westschweiz schon fest verankert.

In der Ostschweiz erfolgte die Christianisierung später. Einige christliche Gemeinschaften, die sich zweifelsfrei zur Zeit des spätrömischen Reichs gebildet hatten, konnten beispielsweise im ehemaligen Castrum Arbon überdauern. Das Bistum Konstanz, das zu Beginn des 7. Jahrhunderts gegründet wurde, war jenes der Alemannen. Diese waren mehrheitlich heidnisch, als sie sich an beiden Rheinufern niederliessen. Die Iren Kolumban und Gallus, die aus Luxeuil (Vogesen) vertrieben und in den Osten des fränkischen Reiches (Austrasien) geflohen waren, wollten in Tuggen ein Kloster gründen. Ihr Ansinnen stiess jedoch bei der Bevölkerung, die Wodan verehrte, auf Widerstand. Hingegen christianisierten sie 610-612 erfolgreich die Einwohner von Bregenz. Die ersten Sakralbauten auf alemannischem Gebiet waren das im 7. Jahrhundert gegründete Kloster Säckingen und die von Gallus gegründete Einsiedelei an der Steinach (um 612), die beide bei der Christianisierung von Alemannien eine wesentliche Rolle spielten. Zudem wurden im 7. Jahrhundert mehrere Kirchen errichtet. Die grosse Klostergründungswelle im 8. Jahrhundert fand in einem bereits christianisierten Land statt.

Quellen und Literatur

  • I. Marcionetti, Cristianesimo nel Ticino, 2 Bde., 1990-95
  • Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994, 15-34
  • C. Jäggi, «Vom röm. Pantheon zur christl. Kirche», in Die Schweiz zwischen Antike und MA, 1996, 61-126
  • SPM 5, 330 f.
Weblinks

Zitiervorschlag

Anne Bielman: "Christianisierung", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 29.08.2005, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011507/2005-08-29/, konsultiert am 26.06.2022.